Apps
Wie nutzt China das Internet?
Welches sind die populärsten Apps in Chinas Consumer-Internet und wie lassen sie sich mit der Internet-Nutzung weltweit vergleichen? Das Shanghaier Team der Stieler-Technologie- und Marketing-Beratung hat acht Apps analysiert.
Bild 1: Welche Apps wurden 2016 wie oft in einer Internet-Minute genutzt (blau = weltweit, rot = in China)?
© STM Stieler Technologie- & Marketing-BeratungEtwa 20 % der Weltbevölkerung leben in der Volksrepublik China. Bild 1 zeigt, dass die Nutzung des Internets in China höher ist als im Weltdurchschnitt. Laut der Weltbank und der UN verfügten im vergangenen Jahr über 721 Mio. der etwa 1,3 Mrd. Chinesen über einen Internet-Zugang. Zwischen 70 und 90 % davon sind ‚mobile first‘-User: Sie haben beim Einstieg in die Internetwelt das Zeitalter des Desktop-Computers übersprungen und kennen den Internet-Zugang in erster Linie durch Smartphones oder Tablets.
Auch wenn die Internet-Nutzung in China vergleichsweise hoch ist, bei der weltweiten Popularität der im Internet angewandten Apps haben andere Länder die Nase vorne: Überwiegend westliche beziehungsweise amerikanische Unternehmen sind hier führend. Ein Beispiel ist Amazon: Das Online-Versandhaus begann mit seiner globalen Expansion bereits 1998 mit dem Schritt nach Deutschland. Heute erzielt es 37 % seines Umsatzes außerhalb der USA. Zum Vergleich: Bei dem chinesischen Pendant – der Handelsplattform Alibaba – sind es nur 4 %. Ein anderes Beispiel: Google war von Anfang an ein globales Phänomen. Der Suchmaschinendienst hat langjährige Erfahrung mit interkulturellen Teams und der Koordination von Entwicklungszentren auf verschiedenen Kontinenten. Andere Unternehmen wie etwa Facebook haben sich daran orientiert. Chinas Internetkonzerne versuchen allerdings mittlerweile verstärkt, in jungen Märkten wie Südostasien, Indien und Afrika Terrain zu erobern.
Chinesische versus westliche Apps
Betrachtet man die populärsten Anwendungen im mobilen Internet, kristallisieren sich folgende Unterschiede zwischen dem chinesischen Internet und ihren – nicht immer klar vergleichbaren – westlichen Pendants heraus:
- Youtube versus Youku: Die chinesische Videoplattform Youku hat weniger betrachtete Clips als das westliche Pendant Youtube. Ein Grund: Die den chinesischen Clips vorgeschaltete Werbung dauert häufig 40 Sekunden oder länger.
- Facebook versus Renren: Facebook schlägt seine ursprüngliche chinesische Kopie Renren klar, weil chinesische Internet-Benutzer mittlerweile lieber auf WeChat posten.
- Google versus Baidu: Google hat mehr Suchanfragen, da seine Suchmaschine im internationalen Kontext deutlich bessere Resultate liefert als die von seinem chinesischen Wettbewerber Baidu. Diesen sollte man allerdings noch nicht abschreiben: Das Unternehmen besitzt die derzeit zuverlässigste Spracherkennungs-Software und wurde von der Zeitschrift ‚MIT Technology Review‘ 2016 zum ‚zweitinnovativsten Unternehmen der Welt nach Amazon‘ ausgezeichnet.
- Spotify versus KuGou: Der größte chinesische Rivale des westlichen Musikstreaming-Dienstes Spotify ist KuGou. Dieser ist vergleichsweise klein, da der Musikstreaming-Markt in China besonders fragmentiert ist.
- Instagram versus WeChat / Weibo: Während Instagram als Online-Dienst zum Teilen von Fotos und Videos im westlichen Teil der Erde etabliert ist, lassen die chinesischen App-Pendants WeChat und Weibo in China wenig Raum für vertikale Apps.
Bild 2: Der chinesische E-Commerce-Markt als Musterbeispiel: Die chinesischen Apps Alibaba, Didi Chuxing und WeChat haben im weltweiten Vergleich die Nase vorn.
© STM Stieler Technologie- & Marketing-Beratung- Twitter versus Weibo: Bei dem westlichen Kurznachrichtendienst Twitter setzen die User mehr Tweets ab als jene bei dem chinesischen Pendant Weibo. Ein Grund: Die Begrenzung auf 140 Zeichen bei Twitter animiert zu einer höheren Nutzungsfrequenz. Zum Vergleich: Weibo bietet seinen Nutzern seit Anfang 2016 bis zu 2000 Zeichen an.
- Amazon versus Alibaba: Im Detail betrachtet, betreiben Amazon und Alibaba andere Geschäftsmodelle: Während Amazon den Großteil seiner Umsätze über die auf seiner Plattform verkauften Produkte und durch seine Webservices erzielt, kommen die meisten Erlöse von Alibaba durch Anzeigen und Add-On-Dienstleistungen für die Verkäufer auf der Plattform.
Neben diesen Apps gibt es jedoch auch mobile Anwendungen aus China, die im weltweiten Vergleich führend sind: Im Falle von WeChat oder dem Fahrvermittlungsdienst Didi Chuxing ist China dem Rest der Welt überlegen. Auch wenn viele der diesen Apps zugrundeliegenden Technologien ursprünglich nicht aus China kommen, entwickelt sich das Land für Mobile Commerce und Sharing Economy zum Leitmarkt. Dafür sorgen die schiere Größe des Marktes (Alibaba alleine kaufte im Jahr 2015 mehr Server als ganz Brasilien – siehe Bild 2) und die Dichte in den chinesischen Megastädten: In China gibt es 160 Städte mit jeweils mehr als 1 Mio. Einwohnern, in 15 davon leben sogar mehr als 10 Mio. Einwohner.
Die beiden Apps im Detail
Die Fahrvermittlungs-App Didi Chuxing besitzt unter den chinesischen Fahrvermittlern momentan einen Marktanteil von knapp 90 %. Nach eigenen Angaben vermittelte das Unternehmen im Oktober 2016 über das Land verteilt 20 Mio. Fahrten pro Tag. Das westliche App-Pendant Uber kam im Juli 2016 weltweit lediglich auf 2 Mio. Fahrten pro Tag.
Die chinesische App WeChat wird fälschlicherweise häufig mit dem westlichen Instant-Messaging-Dienst Whats-App verglichen, kann jedoch viel mehr (siehe Bild 3). Für viele Menschen in China ist ein urbanes Leben ohne WeChat kaum vorstellbar – ein Effekt, der sich aller Voraussicht nach noch verstärken wird. Schon heute organisieren viele Chinesen über WeChat Taxifahrten, buchen Flüge, Zugtickets und Hotelzimmer, vereinbaren Behördentermine und ordern Dienstleistungen wie Putzdienste oder Massagen, Essen oder Blumen. Auch stellt WeChat im Reich der Mitte den bequemsten Weg zur Verwaltung eigener Finanzen dar. Einkäufe online und offline lassen sich damit bequem und bislang sicher bezahlen. Alleine während des chinesischen Neujahrsfestes 2016 wurden in China knapp doppelt so viele Transaktionen über die WeChat-Plattform abgewickelt wie mit dem Online-Bezahldienst Paypal in gesamten Vorjahr weltweit.
Bild 3: Fälschlicherweise gleichgesetzt mit WhatsApp ist WeChat in China viel mehr als eine Messaging-App. Das Bild zeigt einen Screenshot des WeChat-Dashboards.
© STM Stieler Technologie- & Marketing-BeratungZu den beiden Apps im Detail:
Die Fahrvermittlungs-App Didi Chuxing besitzt unter den chinesischen Fahrtenvermittlern momentan einen Marktanteil von knapp 90 %. Nach eigenen Angaben vermittelte das Unternehmen im Oktober 2016 über das Land verteilt 20 Millionen Fahrten pro Tag. Das westliche App-Pendant Uber kam im Juli 2016 weltweit lediglich auf zwei Millionen Fahrten pro Tag.
Die cinesische App WeChat wird fälschlicherweise häufig mit dem westlichen Instat-Messaging-Dienst WhatsApp verglichen, kann jedoch viel mehr (siehe Bild 3). Für viele Menschen in China ist ein urbanes Leben ohne WeChat kaum vorstellbar – ein Effekt, der sich aller Voraussicht nach noch verstärken wird. Schon heute organisieren viele Chinesen über WeChat Taxifahrten, buchen Flüge, Zugtickets und Hotelzimmer, vereinbaren Behördentermine und ordern Dienstleistungen wie Putzdienste oder Massagen, Essen oder Blumen. Auch stellt WeChat im Reich der Mitte den bequemsten Weg zur Verwaltung eigener Finanzen dar. Einkäufe online und offline lassen sich damit bequem und bislang sicher bezahlen. Alleine während des chinesischen Neujahrsfestes 2016 wurden knapp doppelt so viele Transaktionen über die WeChat-Plattform abgewickelt wie mit dem westlichen Online-Bezahldienst Paypal in gesamten Vorjahr.
Micro-Apps als jüngster Coup
Mit der Einführung sogenannter Micro-Apps erweitern die chinesischen App-Anbieter den Funktionsumfang ihrer Apps und machen sie unabhängig vom jeweiligen Betriebssystem. Dies ist ein Schritt, bei dem Apple jeden kleineren Anbieter aus dem AppStore verbannen würde. Aufgrund der dominierenden Stellung von WeChat haben die Amerikaner in diesem Fall keine andere Wahl.
Diese Konzentration erfolgt nicht zwangsläufig zum Vorteil des Kunden: Ende Januar 2017 etwa sah sich die Shanghaier Stadtregierung dazu gezwungen, Preisobergrenzen einzuführen, weil sich zu viele Taxikunden über exorbitante Preise beschwert hatten. WeChat wird wohl auch einen zentralen Platz in dem virtuellen Punktesystem einnehmen, mit dem die chinesische Regierung in der Zukunft die Regime- und Regeltreue seiner Staatsbürger überwachen und bewerten möchte. Auch wird der Kommunikationsfluss bei Bedarf stark zensiert. Ein Beispiel: Nach dem Tod des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo am 13. Juli 2017 wurden Nachrichten, die seinen Namen enthielten, automatisch gelöscht. Ähnliches geschah sogar mit Bildern des Dissidenten oder Links etwa zu Twitter oder der New York Times.
Internationale Übernahmen absehbar
Die starke Kapitalbasis chinesischer Investoren und ihr Hunger nach ausländischer Technologie führte im vergangenen Jahr zu einigen spektakulären Übernahmen westlicher Internet-Unternehmen. Prominente Beispiele hierfür waren etwa die Akquisition von Skyscanner durch die führende chinesische Online-Reisebuchungsplattform Ctrip (1,7 Mrd. US-Dollar) oder die Übernahme von AppLovin, der nach Google und Facebook drittgrößten Plattform für mobile Advertising, durch den chinesischen Investor Orient Honda Capital (1,4 Mrd. US-Dollar). Trotz strengerer Kapitalverkehrskontrollen setzt sich dieser Trend im laufenden Jahr fort.
Der potenzielle Gewinn – der größte Binnenmarkt der Welt mit einer wachsenden urbanen Mittelschicht und einer laxen, in einigen Bereichen noch gar nicht existierenden Gesetzgebung – lässt Investoren höchste Risiken eingehen. Jüngste Beispiele sind die Restrukturierungen beim Internet- und Technologie-Unternehmen ‚Leshi Internet Information & Technology‘ und die Aussagen von leitenden Mitarbeitern führender chinesischer Internet-Unternehmen. Dies beweist, dass viele chinesische Unternehmen in diesem Bereich lernen müssen, ihre Kosten besser unter Kontrolle zu halten, wollen sie dauerhaft bestehen.
Künstliche Intelligenz im Fokus
Nichtsdestotrotz sind beim Trendthema ‚Künstliche Intelligenz‘ in Zukunft mehr Impulse seitens chinesischer Internet-Unternehmen zu erwarten. Das legen allein schon die Budgets für diesen Bereich von Baidu, Alibaba und Tencent sowie die Anwerbung ausländischer Spitzenkräfte durch diese Unternehmen nahe. Hinzu kommt, dass chinesische Unternehmer explizit von der Regierung dazu angehalten sind, Anwendungen für Künstliche Intelligenz auch im industriellen Bereich zu entwickeln – Bereiche, aus denen sich die großen Spieler im Silicon Valley bisher herausgehalten haben. Die in Bild 1 dargestellten Aktivitäten werden im kommenden Jahr daher noch zunehmen.
















