Industrie-PCs
Scheitert Industrie 4.0 an der Vielfalt?
Seit acht Jahren ist Industrie 4.0 'das' Thema der Industrie-Automation. Doch reale Ergebnisse sind bis dato sehr dürftig. Warum lässt sich eine gute Idee derart schwer etablieren? Ein Erklärungsversuch.
Es geht sehr zäh voran, bei der Umsetzung der Industrie-4.0-Idee. Seit nunmehr acht Jahren wird Industrie 4.0 durch die Gassen getrieben. Jeder Player, der etwas auf sich hält, hat Ideen, Konzepte und Produkte für oder rund um den Hype präsentiert: Cloud-Lösungen, Server, Node- und Edge-Devices bis hin zu Industrie-4.0-Sensoren.
Befeuert durch die große Anzahl an ‚Connected‘ Devices, die der Markt hervorbringen soll, und die riesigen Datenmengen, die es zu verarbeiten gilt, hat es vielen Anbietern die Dollar-Zeichen regelrecht in die Augen getrieben. – Keiner wollte zu spät mit entsprechenden Produkten am Markt sein.
Und so verschwand jeder Anbieter quasi mit einer ersten Idee in seiner Entwicklungsabteilung und hat die aus seiner Sicht beste Lösung hervorgebracht. Oder es wurde auf der Grundlage der eigenen Kundenbasis und der vermeintlichen Marktmacht ein eigenes Süppchen gekocht, um den angestammten Teil des Geschäftes abzusichern. Gemäß dem Motto: von der Hardware über das Kommunikationsprotokoll bis zur Cloud – meine Lösung ist die beste!
Ergebnis ist: Bei dem vielfältigen Angebot auf allen Ebenen, das die Industrie-4.0-Welle nun hervorgerufen hat, ergibt sich für den Kunden vor allem eines: das Problem, sich für etwas zu entscheiden!
Das Large-Numbers-Problem
Generell ist eine Large-Numbers-Situation für den Kunden positiv. Ein breites Angebot mit vielen Wettbewerbern versetzt ihn in die Lage, durch Verhandeln den Preis zu drücken. Dieses Vorgehen findet allerdings im Markt der Industrie-4.0-Produkte nicht oder nur sehr eingeschränkt statt. Warum ist das so? Der Kunde steht zwar tatsächlich vielen Offerten gegenüber, jedoch sind diese nicht 1:1 austauschbar. So liegt in diesem Fall ein atypisches Large-Numbers-Problem vor. Der Kunde hat ob des breiten, jedoch nicht direkt austauschbaren Angebots das Problem, sich innerhalb dieser Angebotspalette für eine Offerte zu entscheiden.
Woher rührt das Problem? Die Angebote auf den verschiedenen Implementierungsebenen sind wegen fehlender Standards nicht direkt komplementär, sprich stehen wegen der mangelnden Austauschbarkeit nicht in direkter Konkurrenz. Denn die Anbieterseite versucht aktuell noch, sich durch größtmögliche Differenzierung dauerhaft den theoretisch maximalen Marktanteil zu sichern. Das Problem liegt dabei im Wesentlichen in der Kommunikationstechnik zwischen den einzelnen Implementierungsebenen: Ist der Weg vom Sensor zum Edge-Device mit den etablierten seriellen Schnittstellen beziehungsweise mit USB noch gut definiert und standardisiert, so sieht das in den darüber angesiedelten Ebenen schon anders aus.
Wie kommen die Daten von der Edge zum Node? Und weiter: Wie kommen die Daten zum Server und dann in die Cloud? Oder geht es mit den Daten direkt in die Cloud? Und wenn ja, in welche? Die Kombination dieser Fragen gepaart mit dem jeweiligen breiten Angebot mündet in einer komplexen Entscheidungsmatrix.
Hinzu kommt: Auf fast allen Ebenen einer Industrie-4.0-Implementierung betritt der Kunde Neuland. Gerade dem als konservativ geltenden Maschinenbau fehlt vielfach der Mut zur ‚First Position‘. Die mit der komplexen Industrie-4.0-Implementierung verbundenen Risiken erscheinen den Akteuren oft als allzu groß gegenüber den möglichen positiven Effekten. Und ein geordneter Teileinstieg scheidet mangels Zukunftssicherheit – aufgrund fehlender Standardisierung – aus. Selbst verschiedene geförderte Leuchtturm-Projekte wie das ‚Exzellenzcluster Integrative Produktionstechnik für Hochlohnländer‘ oder ‚Autonomik‘, haben ob deren geringer Bekanntheit und dem Zuschnitt auf Großprojekte noch nicht für eine Lockerung dieser Angst-Bremse gesorgt.
Standard = Offenheit
Offenheit – ja, sie wurde und wird in der Automatisierungsindustrie immer wieder signalisiert. In der Vergangenheit war sie aber bei näherer, kritischer Betrachtung nicht existent. Es mangelte bis dato schlichtweg an wirklicher Offenheit in Form von Standards!
Dabei beweist doch die Branche der Industrie-PCs – mit Standards wie VME, CompactPCI, ETX oder Smarc –, dass der direkte Weg über einen Standard der einfachere und schnellere ist. Auch wenn dieser Weg oft nicht einfach ist. Bei ETX etwa stand am Anfang die Suche nach Partnern, war ETX doch von der damaligen Jumptech herstellergetrieben und hatte lange Zeit den Touch von ‚proprietär‘ anhaften, wurde aber letztlich von immer mehr Marktbegleitern adoptiert und schließlich am Markt als ‚Quasi-Standard‘ akzeptiert.
Und vielleicht muss die Automatisierungsbranche erst noch lernen: Ein wirklicher Standard kann nicht durch blanke Größe geschaffen werden. Hier tun sich selbst Firmen wie Siemens oder eine Deutsche Telekom schwer. Es wäre jedoch auch traurig, wenn Standards immer per Anbieter-Macht entstünden, würden so doch die besten Lösungen ob der mangelnden Größe des Innovators gar kein oder kaum Gehör am Markt finden und klanglos wieder von der Bildfläche verschwinden.
Auf Kundenseite ist also Offenheit in Form von Standards gefragt. Das Verlangen nach mindestens einer ‚Second-Source‘ ist in der aktuellen Konstellation über alle Ebenen von Industrie 4.0 hinweg bis dato kaum zu realisieren. Und den steinigen Weg, sich die Second Source selbst im Baukasten zusammenzustellen, tun sich ob der Komplexität die Wenigsten an. Es ist nicht mit dem Austausch eines standardisierten Smarc-Moduls auf dem für die Applikation entwickelten Carriers getan. Bei Industrie 4.0 greifen einfach sehr viele Zahnräder ineinander, was ein solches Vorhaben so komplex macht.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die einfache und schnelle Einbindung der Daten in eine Cloud. Nur, auf welche Cloud setzen? Und inwieweit sind die Cloud-Angebote vergleichbar, was die Anbindung und das Handling betrifft? Auf den ersten Blick bietet es sich an, auf die Angebote der Platzhirsche Microsoft (Azure) und Amazon (AWS – Amazon Web Services) zurückzugreifen. Hier sind aber Fragen wie „Gehören meine Daten dann auch mir?“ und generelle Sicherheitsbedenken die Bremser. Hinzu kommt, dass bei diesen IoT-Implementierungen nicht nur die Produktionsdisziplinen entscheiden, sondern auch die Unternehmens-IT mit ins Boot geholt werden muss.
Licht am Ende des Standard-Tunnels
Nachdem inzwischen acht Jahre der Träume vom großen Geschäft ins Land gegangen sind, kehrt auf Anbieterseite langsam die Erkenntnis ein, dass geredet beziehungsweise sich zusammengeschlossen werden muss. Dies führt, sowohl auf Anbieter- als auch auf Nachfragerseite zu einer wachsenden Akzeptanz schon bestehender Standards. Gleichzeitig ist dies auch Triebfeder für das Generieren neuer Standards, die bestehende ergänzen oder Lücken im Industrie-4.0-Gebilde schließen.
OPC UA etwa – seit 2006 am Markt – hat sich lange schwergetan. In den letzten drei Jahren hat der OPC-UA-Zug allerdings richtig an Fahrt aufgenommen und in Kombination mit Time Sensitive Networks (TSN) zeichnet sich einer der bestimmenden Standards der Industrie-4.0-Welt ab. Und somit erlebte die Automatisierungsbranche auf der SPS IPC Drives im vergangenen Jahr quasi eine Standardisierungs-Sensation: Alle namhaften Automatisierer – die Größen Mitsubishi, Siemens und Rockwell Automation eingeschlossen – haben sich unisono für einen Standard basierend auf TSN und OPC UA stark gemacht.
Auf Seite der Embedded-Hardware-Hersteller, die sich in der SGeT zusammengeschlossen haben, wurde das Problem der Kommunikation auch erkannt und mit dem ‚Universal IoT Connector‘ (UIC) ein Hardware-unabhängiger Software-Standard definiert. Der UIC ist ein reiner Softwarestandard, mit dem jede Embedded-Hardware – mittels MQTT oder XRCE – Daten zwischen Embedded-Geräten und einer in der Cloud gehosteten Infrastruktur austauschen kann. Die Standard-Hardware-API basiert auf der eAPI-Spezifikation, die häufig für Computer-On-Modules aber auch anderer Embedded-Hardware verwendet wird.
Diese Lösung basiert auf zwei Säulen: einem ‚UIC Embedded Device Module‘ zur Hardware-Identifizierung, Sicherheit und Gerätezuordnung sowie einem UIC-Konnektor für die Kommunikationsverarbeitung mit verschiedenen Cloud-Systemen. Konkret existieren aktuell zwei Cloud-Anbindungen, einmal zum Deutschen Anbieter M2MGO und zu den schon erwähnten Amazon Web Services.
UIC ist also das Bindeglied zwischen Embedded-Geräten sowie den Sensoren/Aktoren und den weltweit über 500 Cloud-Diensten. UIC definiert die Schlüsselkomponenten auf der eingebetteten Hardware, die erforderlich sind, um einen allgemeinen Satz von API-Aufrufen und Sicherheitsstandards für eine End-to-end-Lösung bereitzustellen.
Von der Industrie-Computer-Welt nicht recht wahrgenommen hat auch die Linux Community einiges bewegt: Die EdgeX Foundry beispielsweise ist ein herstellerneutrales Open-Source-Projekt, das von „The Linux Foundation“ gehostet wird und ein gemeinsames offenes Framework für ‚IoT Edge Computing‘ erstellt. Kern des Projektes ist ein Interoperabilitäts-Framework. Dieses wird auf einer vollständigen hardware- und betriebssystem-unabhängigen Referenzsoftwareplattform gehostet. Ziel ist, ein Ökosystem aus Plug-and-Play-Komponenten zu ermöglichen, das den Markt vereinheitlicht und die Bereitstellung von IoT-Lösungen beschleunigt. EdgeX ist für interessierte Kreise eine wichtige Voraussetzung für die freie Zusammenarbeit bei offenen und interoperablen IoT-Lösungen, die unter Verwendung bestehender Konnektivitäts-Standards in Kombination mit eigenen proprietären Innovationen erstellt wurden. Um am EdgeX Foundry mitarbeiten zu können, tun sich in Form von Mitgliedsbeiträgen zwar deutlich höhere Hürden auf als bei einer SGeT. Auf der anderen Seite wird ein kostengünstiger und schneller Einstieg in Form eines DevKits auf Basis des Raspberry PI 3 Model B+, geboten. Ein weiteres Konsortium hat sich mit dem ‚Edge Computing Consortium Europe‘ (ECCE) Ende 2018 gegründet. Die Liste der aktuellen Mitglieder liest sich wie das ‚Who is Who‘ der Lösungsanbieter aus verschiedensten Branchen. Aktuell sind dabei: Analog Devices, ARM, Bombardier, B&R, das Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme (FOKUS), German Edge Cloud (GEC), das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), Harting, Huawei, Innovo Cloud, Intel, IBM, Kuka, National Instruments, Renesas, Schneider Electric, Software AG, Spirent, TTTech und weitere. Wie schnell es in dieser illustren Runde zu greifbaren praktischen Lösungen kommt, bleibt abzuwarten, da die Interessenslagen recht unterschiedlich sein dürften. Bislang hat das Konsortium noch nichts Substanzielles vermeldet.
Bleibt vielleicht noch festzuhalten: Stellt man die UIC-Architektur und die EdgeX-Foundry-Architektur gegenüber, so liegen beide bei einer ersten Betrachtung sehr nahe beieinander. Es gibt jedoch Unterschiede, die wohl daher rühren, dass der UIC aus der Feder von Hardware-Spezialisten stammt und hinter der EdgeX Foundry Linux-Entwickler stehen. Vielleicht kann ja das ECCE als drittes Gremium etwas von beiden Seiten aufgreifen und auf dieser Basis einen ‚Goldenen Schuss‘ landen. Wie schon einführend erwähnt: Miteinander reden hilft!
Autor: Peter Ahne ist Produkt Marketing Manager EMEA bei Portwell Deutschland.
Den Standards entgegen!
Die Hersteller der Embedded-Szene sehen sich mit ihren IndustriePC-Designs für den Markt der Industrie 4.0 gerüstet. Beispielsweise stellte die Portwell-Tochter Mitwell jüngst die kompakte Box-PC-Serie Kuber vor. Sie eignet sich – dank des auf erweiterte EMC- und EMS-Anforderungen ausgerichteten Designs – für Anwendungen in anspruchsvollen Edge-Device-Umgebungen. Softwareseitig garantieren Windows 10 IoT Enterprise und Yocto Linux als Betriebssysteme, eAPI in Kombination mit dem UIC (Universal IoT Connector) der SGeT und die Microsoft-Azure-Unterstützung eine hohe Kompatibiliät im industriellen Einsatz. Für die lokale Datenerfassung kommen industrielle Schnittstellen wie Gb-Industrial-Ethernet und USB 3.0. und WIFI zum Einsatz. Dank der Azur-Zertifizierung ist auch eine schnelle Anbindung an die Microsoft-Cloud mit ihren Services gewährleistet.













