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Artikel und Hintergründe zum Thema

Rechner-Plattform

Andreas Müller | Lukas Dehling,

Open Source in der Industrie

In der Entwickler-Community steht der Open-Source-Gedanke hoch im Kurs. Hat dieser Ansatz auch im konservativen Automatisierungsumfeld eine Chance zu punkten? Kunbus wagt den Schritt mit einem Open-Source-Rechner auf Raspberry-Pi-Basis.

© Kunbus

Auf der ‚Deutsch-Französischen Digitalkonferenz‘ im Dezember 2016 haben hochrangige Politiker beschlossen, Open Source in der Industrie voranzutreiben. Die Konferenz im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hatte zum Ziel, die Zusammenarbeit beider Länder im Bereich der Digitalisierung weiter aus­zubauen. Sogar in der Abschlusser­klärung wird Open Source als entscheidender Innovationstreiber hervorgehoben, was zeigt, wie aktuell dieses Thema ist.

In der Industrie schotten sich Firmen gegenüber ihrer Konkurrenz mittels Patenten ab und investieren viel Geld in Rechtsabteilungen, um diese durchzusetzen. Aber die Unternehmen ziehen auch harte Grenzen zu ihren Kunden. Wer kann heute noch ein Auto oder die Waschmaschine selbst reparieren oder ein Mobiltelefon öffnen? Oft bekommt man nicht einmal mehr vernünftige Bedienungs- beziehungsweise Reparaturunterlagen und Schaltpläne – und ohne Spezialwerkzeuge steht man häufig auf verlorenem Posten.

Ein klarer Gegenentwurf zu solchen Szenarien ist der Open-Source-Gedanke. Doch gerade Marktführer in renditestarken Industrien haben kein Interesse an diesem Gegenentwurf. Sie wollen ihre Margen und Märkte schützen und sind oftmals auch strukturell kaum in der Lage, sich auf diese neue Welt einzustellen. Doch wie lange können sich diese Firmen das noch leisten? Spätestens wenn die ersten Open-Source-Produkte in ihrem Marktsegment auftauchen, steigt der Kostendruck und sie werden dazu gezwungen, zu reagieren.

Im privaten Bereich sind Open-Source-Produkte schon geläufig. Das hat mehrere Gründe: Zum einen sind die meisten Produkte kostenfrei oder zumindest deutlich preiswerter als andere. Zum anderen haben Anwender die Möglichkeit, sich selbst einzubringen und Änderungen und Anpassungen durchzuführen. Der Anwender wird gleichzeitig zum Entwickler.

Die neue Generation von Ingenieuren und Entwicklern gehen mit diesem ­Thema lockerer um und tragen dazu bei, dass der Open-Source-Gedanke auch in der Industrie ankommt, weil für sie die großen Freiheitsgrade wich­tiger sind als die Nachteile eines verschlossenen Systems. Fast unbemerkt hat die Verwendung von Open-Source-Software ein ungeheures Ausmaß an­genommen. Trotzdem ist sie aktuell ­immer noch stark lediglich im privaten oder universitären Umfeld zu ver­orten.

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Vor- und Nachteile

Es gibt unzählige Beispiele die beweisen, dass Open-Source-Software – wie zum Beispiel Linux, Firefox und ­OpenOffice – selbst komplexe Herausforderungen meistern kann. Ein weiterer Vorteil ist die Mitarbeit von vielen In­novationsträgern an einem Produkt. So steht hinter Open-Source-Produkten im Regelfall auch eine starke Community. Die Innovationskraft dieser Communities ist ein unschätzbarer Wert für Unter­nehmen, um zukünftige Entwicklungen nicht zu verpassen – und das, ohne Gehälter bezahlen zu müssen. In der Regel sind diese Communities schnell und effektiv. Allerdings sollten sich die Firmen aktiv in die Community einbringen und deren Know-how nutzen, um den Überblick und auch die Kontrolle zu behalten.

Zusammengefasst bedeutet Open Source für die Unternehmen:

  • Rückfluss eigener Entwicklung in die Community;
  • Bewertung von Verbesserungsvorschlägen von und durch User;
  • Kritikfähigkeit;
  • Akzeptanz der nicht hierarchischen Strukturen eine Community;
  • bedingungslose Offenheit (auch bei Fehlern).

Communities sind auch als Netzwerk wertvoll. Sie schaffen weltweite Verknüpfungen über politische und kulturelle Grenzen hinweg und sind mittlerweile darüber hinaus ein Recruiting-Tool für qualifizierte Mitarbeiter.

Neben all diesen positiven Seiten darf aber nicht verschwiegen werden, dass die Verwendung von Open-Source-Lösungen im industriellen und kommerziellen Bereich durchaus auch Nachteile mit sich bringt:

  • teilweise schwer durchschaubare ­Lizenzmodelle;
  • nicht kontrollierbare Communities/User;
  • Differenzen in der Ausrichtung der Weiterentwicklung;
  • offene Rechtsfragen beziehungsweise ausstehende Rechtsentscheide;
  • Fragmentierung der Software in unterschiedliche Richtungen (Derivate);
  • patentrechtliche Fragen der eigenen Produkte bei Verwendung von Open-Source-Produkten.

Betrachtet man heute den Einsatz von Open Source in der Industrie, sind es meistens Entwicklertools oder Produkte für die eigene IT-Welt, die wirklich ­offen sind. Das liegt daran, dass diese Teilbereiche noch nicht das eigene ­Produkt betreffen. Hier spielt die Angst vor Kontrollverlust eine große Rolle.

Was passiert zum Beispiel mit dem Open-Source-Produkt in zehn Jahren (Mindestlieferfähigkeit)? Aber sind in allen Bereichen der Industrie die oftmals geforderten zehn Jahre noch zeitgemäß? Die hohe Innovationsrate und die schnelle technische Entwicklung machen so lange Mindestlieferfähigkeiten oftmals obsolet. Oder will man in zehn Jahren zum Beispiel noch die gleichen Prozessoren ausliefern wie heute? Macht es nicht mehr Sinn, ein kompatibles Nachfolgemodel einzusetzen und die Performance zu erhöhen?

Industrie 4.0 und Open Source

Das Basismodul RevPi Core kann durch unterschiedlichste Erweiterungsmodule wie I/O-Module oder Feldbus-Gateways ergänzt werden.

© Kunbus

Im Zuge der vierten industriellen Revolution eröffnen sich für Open-Source-Lösungen neue Möglichkeiten. Verschiedene Industrien und Steuerungsebenen verschmelzen datentechnisch, Aktoren und Sensoren sprechen miteinander und alles wird nach und nach verbunden und ausgewertet – und genau hier greift der Open-Source-Gedanke besonders effektiv. Denn Open-Source-Produkte haben gegenüber proprietären Lösungen den Vorteil von offenen Standards und offenen Schnittstellen. Es gilt: Alles muss mit allem interoperabel sein. Ein offener Quellcode lässt sich leicht an eigene Anforderungen anpassen und man gerät nicht in eine teure Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller. Zudem eröffnet technische Offenheit neuartige Denk- und Vermarktungsansätze für Daten (Big Data, Cloud), Produkte und Dienste – zum Beispiel Pay-per-Use-Abrechnung.

Doch wie sieht ein Open-Source-Produkt aus, das den Anforderungen der Industrie genügt? Die Antwort liefert der Revolution Pi von Kunbus, der sich den industriellen Herausforderungen stellt. Der Revolution Pi ist ein Open-Source-IPC auf Basis des Raspberry Pi. Aus­gestattet ist der ‚Revolution Pi Core‘ mit dem ‚Raspberry Pi Compute Modul‘. Das ‚Compute Module‘ enthält den Prozessor sowie einen 4-GByte-Flash-Speicher. Über den Sockel wird das Modul mit 5 V, 3,3 V und 1,8 V Spannung versorgt. Außerdem laufen alle IO-Anschlusssignale über den Sockel.

Als Betriebssystem erhält der Revolution Pi standardmäßig Raspbian (eine Debian-Variante) in der Version Wheezy mit RT-Patch des Kernels 4.1.13. Als Kommunikationsanschlüsse besitzt er 2 × USB 2.0 A (je 500 mA belastbar), 1 × Micro-USB, HDMI und einen Ethernet-RJ45-10/100-Mbit/s-Anschluss.

Dem Revolution Pi wurde Industrietauglichkeit verpasst: Kunbus hat in das Hutschienengehäuse des Revolution Pi robuste 24-V-Industrie-Hardware verbaut, die die Norm EN61131-2 erfüllt. Im Zusammenspiel mit den analogen und digitalen I/O-Erweiterungsmodulen lässt sich der Revolution Pi zu einer vollwertigen, industrietauglichen Kleinsteuerung ausbauen, wie folgende Eigenschaften verdeutlichen:

  • Stromversorgung: minimal 10,7 V, maximal 28,8 V, maximal 10 Watt;
  • Zulässige Umgebungstemperatur: –40 bis +55 °C;
  • ESD-Schutz: 4 kV / 8 kV gemäß EN 61131-2 und IEC 61000-6-2;
  • Surge-/Burst-Prüfungen: gemäß EN 61131-2 und IEC 61000-6-2 eingekoppelt auf Versorgungsspannung, Ethernet und I/O-Leitungen;
  • EMI-Prüfungen: gemäß EN 61131-2 und IEC 61000-6-2.

Neben den analogen und digitale I/Os besteht die Möglichkeit, Gateways anzuschließen, die den Revolution Pi mit nahezu allen Industriebussen verbindet (beispielsweise Ethernet IP, Profinet, Profibus, Feldbusse, Modbus, seriell oder DMX). Die Pi-Bridge ist dabei der Daten-Highway, der die einzelnen Module der Revolution-Pi-Plattform miteinander verbindet. Damit lässt sich der Revolution-Pi-IPC je nach Anforderung mit passenden I/O-Modulen oder Gateways erweitern. Über einen Systemsteckverbinder werden jeweils zwei benachbarte Module auf der Oberseite des Gehäuses miteinander verbunden.

Die implementierte Industrietauglichkeit von Revolution Pi in Verbindung mit Open Source eröffnet dem Anwender ungeahnte Möglichkeiten, wie es sie so in der Steuerungswelt ­bisher nicht gab. So ermöglichen die Revolution-Pi-Rechner beispielsweise die Kombination von bewährter Steuerungstechnik mit aktuellen IoT- und Industrie-4.0-Technologien wie etwa die Cloud-Kommunikation über Ethernet oder WLAN. Zudem erfüllt der ­Revolution Pi durch den integrierten Cryptochip alle notwendigen Sicherheitsanforderungen für eine offene Systemkommunikation.

In Video-Tutorials gibt Kunbus Hilfe bei verschiedenen Fragestellungen.

© www.kunbus.de

Zentrales Element des Revolution Pi ist der Open-Source-Gedanke – und das in mehreren Bereichen:

Hardware – Kunbus legt alle Schaltpläne offen, auch für die interne Bus-Pi-Bridge. Es stehen Makersets zur Verfügung, um eigene Applikationen ­anbinden zu können. So stellt man sicher, dass jeder Anwender eigene Hardware anbinden kann.

Software – Der Revolution Pi besitzt standardmäßig als Betriebssystem Rasp­bian/Debian Wheezy mit RTPatch (Linux). Er lässt sich mit C+ oder Phyton programmieren; alles, was auf einem Raspberry Pi läuft, läuft auch auf dem Revolution Pi. Demnach stehen tausende, teilweise kostenlose Open-Source-Applikationen zur Verfügung. Das Automationsunternehmen Kunbus selbst legt die Quellcodes seiner Software und Treiber offen.

Community – Auf der Kunbus-Homepage hat das Unternehmen eine Community integriert, in der die Entwickler der Firma zeitnah Fragen beantworten und mit den Anwendern diskutieren. Hier können sich Anwender zudem aktiv über neue Ideen austauschen und Bug-Fixing betreiben. Eine teure Support-Hotline entfällt dadurch und alles wird mit jedem geteilt.

Kooperationen – Aktuell laufen Gespräche mit über 60 Firmen, die ihre Software auf dem Revolution Pi inte­grieren wollen. Dabei sind viele Open-Source-Softwareprodukte, aber auch renommierte Industrie-Soft-SPS-Hersteller. Ziel ist es, offen für jeden zu sein, der den Revolution Pi einsetzen möchte. Der Revolution Pi ist somit ­‚offener Träger‘ der Vielfalt an Appli­kationen.

Das Unternehmen Kunbus beteiligt sich zudem mit ­seinen Produkten an Hackthons und ­arbeitet mit Universitäten zusammen, um deren Innovationskraft für die ­Weiterentwicklung zu nutzen. Obendrein wird Entwicklern von Applikationen und Programmen die Möglichkeit gegeben, diese über die Plattform zu ­vermarkten.

Autor:
Andreas Müller ist Marketing und Sales Director bei Kunbus.

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