Anlagenmodernisierung
IPC ersetzt SPS
Selbst nach Jahrzehnten gehören viele Maschinen nicht zwangsläufig zum alten Eisen – vorausgesetzt ihre Steuerungstechnik geht mit der Zeit. Der im Bereich Papierverarbeitung tätige Anlagenbauer Bielomatik setzt in puncto Retrofit auf PC-basierte Lösungen und ist damit nicht nur technologisch up to date, sondern konnte so auch den Bogen zu einer besonders kostengünstigen Modernisierung spannen.
Seit über 60 Jahren baut Bielomatik Anlagen für unterschiedlichste Industriezweige. Die Domäne ist allerdings die Papier verarbeitende Industrie, für die das in Neuffen bei Stuttgart ansässigen Unternehmen anspruchsvolle Lösungen wie zum Beispiel Querschneider entwickelt, baut und vor allem auch modernisiert. Schon heute werden bei Bielomatik etwa 30 % des Umsatzes bei Papierverarbeitungsmaschinen mit Retrofits erwirtschaftet – Tendenz steigend. Dies verwundert nicht, wenn man sich vor Augen hält, dass diese Anlagen unter Umständen jahrzehntelang im Einsatz sind.
Während die Mechanik meist nicht das Problem darstellt, kann es jedoch bei der Steuerungstechnik nach einer Laufzeit von 15 bis 20 Jahren schwierig mit der Ersatzteilbeschaffung werden. Ein Retrofit – sprich die Erneuerung der Steuerung verbunden mit einem Umstieg auf eine modernere Technologie – ist dann unumgänglich beziehungsweise eine Alternative zum Austausch der kompletten Anlage. Denn während komplette Querschneider Millionenbeträge kosten, liegen die Aufwendungen für einen Austausch der Steuerungs- und Regelungstechnik bei einem Bruchteil davon.
Echtzeitregelung ein Muss
Bei Querschneidern, mit denen Rollenpapier in Bogen geschnitten wird, handelt es sich um Hochgeschwindigkeitsanwendungen, die eine entsprechend leistungsfähige Steuerungstechnik erfordern.
© SiemensDa bei Umbauprojekten die Flexibilität oft das Maß der Dinge darstellt, beziehungsweise viele unterschiedliche Ansteuerungsoptionen gefordert sind, setzt Roland Schilling, Leiter Entwicklung und Konstruktion Elektrotechnik im Bereich Papierverarbeitung bei Bielomatik, auf die Möglichkeiten der PC-basierten Steuerungstechnik. Die Vielzahl an Schnittstellen und Bussystemen zu den Antrieben, wie etwa Profinet, Profibus und CAN sowie direkte analoge Signale sind hierbei der eine Schwerpunkt, die Echtzeit-Regelung der Prozesse der andere. Die von Bielomatik entwickelten Papierverarbeitungsmaschinen bestehen aus einem Querschneider und optional einer zugehörigen Ablage. Die Lösungen basieren auf zwei gegenläufigen Wellen mit leicht schräg verlaufenden Messern. Diese Wellen werden direkt über Gleichstrom-, Asynchron- oder auch Synchronmotoren angetrieben. Bis zu Breiten von 2,40 m und Papierdurchlaufgeschwindigkeiten von 400 bis 500 m/min erstreckt sich die zu beherrschende Technik. Geschnitten wird meist beschichtetes oder gestrichenes Papier von der Rolle, das über Längsschneider und die beschriebenen Querschneider zu handelsüblichen Bogen wie zum Beispiel DIN A4 gebracht wird. Dieses erfolgt in mehreren Lagen, den so genannten Clips, die ein maximales Papiergesamtgewicht von bis zu 1000 g/m² haben können. Anschließend werden diese Bögen in der Ablage gestapelt und verpackt.
Die Antriebstechnik ist häufig sehr unterschiedlich, was dazu führt, dass Antriebe und Frequenzumrichter in jedweder Konstellation vorkommen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Signale über analoge oder digitale Schnittstellen laufen. „Hier erweist sich die modulare Erweiterbarkeit des von uns eingesetzten Microbox PC von Siemens als ideal“, betont Roland Schilling. Ein Vorteil des Microbox PC sei, dass alle genannten Bussysteme optional bereits eingebaut bezogen werden können. Damit steht die PCI-104-Schnittstelle des Microbox PC für bis zu drei Erweiterungsbaugruppen zur Verfügung.
Roland Schilling, Leiter Entwicklung und Konstruktion Elektrotechnik, hat bei Retrofit-Projekten nicht nur technische Leistungsparameter im Blick: „Im Gegensatz zu neuen Anlagen sind Umbauprojekte besonders zeitkritisch.“
© SiemensNeben den Standard-Bussystemen wie Profinet, Profibus und CAN lässt sich der Industrie-PC mit entsprechenden Ein-/Ausgabebaugruppen individuell an die vorhandene Signal- beziehungsweise auch Bustechnik anpassen. Die Regelung des Querschneiders muss alle diese Hardware-Konstellationen abdecken, weshalb sich Bielomatik für das Echtzeit-Betriebssystem RMOS3 entschieden hat. Das Betriebssystem eignet sich für den Einsatz auf Multicore-Systemen und damit fällt der Umstieg von einer alten Hardware-Lösung mit Steckkarten auf die neue PC-basierte Lösung nicht schwer: Durch die hohe Abwärtskompatibilität des Betriebssystems RMOS3 können Großteile des Programms ohne Änderungen übernommen werden. „Dieses Betriebssystem ist eine wichtige Säule, um die Migration von alten Regelungssystemen auf die moderne IPC-Plattform überhaupt durchführen zu können“, weiß Roland Schilling.
Bei Ansteuerung der Motoren über den CAN-Bus beträgt der Regelungstakt 800 µs. In Verbindung mit Profinet und hochdynamischer Antriebstechnik, wie zum Beispiel den Sinamics-Antrieben von Siemens, kann der Regelungstakt auf bis zu 250 µs reduziert werden. „Damit kommen wir dann wirklich in kaum mehr zu überbietende Grenzbereiche der Antriebstechnik“, kommentiert Roland Schilling und ergänzt: „Nur durch die schnelle Verarbeitung von Sollwerten lässt sich die in den Querschneidern notwendige äquidistante Funktionalität erzeugen und damit die hohe Schnittpräzision von 0,2 bis 0,3 mm bei der hohen Bearbeitungsgeschwindigkeit am fertigen Schnittbogen erreichen.“
Betriebssystem mit schneller Grafik
Trotz seiner Kompaktheit ist der von Bielomatik eingesetzte Microbox PC vielfältig erweiterbar und eignet sich ideal für hochkomplexe Echtzeit-Anwendungen.
© BielomatikDas gesamte HMI wird über die ebenfalls echtzeitfähige grafische Bedienoberfläche RMOS3-GraphX realisiert. Der Bediener muss lediglich in der Maschinen-Bedienmaske die gewünschte Bogengröße auswählen. Das System errechnet die dazu passenden Parameter dann selbst und steuert den Antrieb an. In der Praxis bedeutet das, dass im symmetrischen Multiprozessorsystem – wie es der Microbox PC mit seinem Intel-Core2-Duo-Prozessor mit 1,6 GHz bietet – auf einem Kern die extrem schnelle Regelung der Querschneider-Wellen läuft, während parallel auf dem zweiten Kern die Schnittgüte des Papiers beobachtet werden kann. „Das ist ein enormer Vorteil, da wir die Qualität unserer Arbeit auf diese Weise visualisieren und dokumentieren können“, erklärt Roland Schilling.
Während früher analoge Soll- und Istwerte nur über angeschlossene Oszilloskope zu beobachten waren, kann die Darstellung der digitalen Daten im Hochgeschwindigkeitsbereich bereits über die Grafikoberfläche von RMOS3 realisiert werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Soll-Ist-Vergleich auf den mechanischen Verschleiß innerhalb der Querschneider schließen lässt. Anwender sind also in der Lage, rechtzeitig Instandhaltungs- oder Neubeschaffungsmaßnahmen einleiten zu können. Das steigert die Verfügbarkeit und somit auch den Effizienzgrad in der gesamten Herstellung.
Der Bediener muss nur über die grafische Bedienoberfläche seine gewünschte Bogengröße eingeben und die Software ermittelt automatisch die notwendigen Parameter.
© SiemensWie wichtig das ist, lässt sich daran erkennen, dass Papiermaschinen rund um die Uhr betrieben werden. Stillstandzeiten sind kaum eingeplant, in der Regel sehr kurz und kosten viel Geld. Sowohl Engineering als auch Umrüstung und Inbetriebnahme müssen deshalb möglichst rasch erfolgen. Oder, um es mit den Worten von Roland Schilling auszudrücken: „Der Druck, dass es auf Anhieb funktioniert, ist in diesem Marktsegment riesig.“ In diesem Zusammenhang ist Verfügbarkeit ein wichtiges Thema – Bielomatik garantiert für seine Anlagen diesbezüglich 98 %. Das lässt sich nur erreichen, wenn die eingesetzten Komponenten entsprechend robust und zuverlässig sind. So ist der Microbox PC besonders schockresistent (Stoßfestigkeit 150 m/s2, 11 ms) und verzichtet zudem auf Lüfter und Festplatten.
Für die Ablage der Papierbogen kommt ebenfalls eine Lösung auf IPC-Basis zum Einsatz, diesmal mit der Software-SPS WinAC RTX. Ausschlaggebend hierfür war, dass „viele unserer Kunden Steuerungslösungen auf der Basis einer Simatic S7 wollen“, berichtet Roland Schilling. Die Software-SPS lässt sich mit Step 7 programmieren und das Erscheinungsbild der Bedienoberfläche ist identisch mit dem einer S7.
Über WinAC ODK (Open Development Kit) integriert Bielomatik eigene, in Visual C geschriebene Programme in die Steuerungssoftware. Damit werden bei den Querschneidern zum Beispiel bestimmte Bogenausschleusungen in Echtzeit vorgenommen. Auch ist es so möglich, die Überlappung der einzelnen Clips zu regeln. Früher musste hierzu eine eigene schnelle Hardware eingesetzt werden, die durch die Software-Lösung nun eingespart wird. „Damit sparen wir unglaublich viel Platz im Schaltschrank“, so Schilling. Die Kommunikation zwischen den beiden Industrie-PCs erfolgt über Profibus, optional wäre auch Profinet möglich.














