Panel/Industrie-PCs

Stefan Kuppinger,

HMI-Systeme: Siemens setzt nicht auf Atom-Prozessoren

Bei Panel- und Industrie-PCs liegen Intels Atom-Prozessoren im Trend. Trotzdem setzt die Firma Siemens bei ihrer jüngsten Panel-PC-Generation nicht auf den Mainstream-Prozessor – aus gutem Grund.

© Siemens

Bereits in der frühen Realisierungsphase des Industrie-PC Simatic HMI IPC477C stellte sich die Frage nach der künftigen Prozessortechnologie: Sind die im Consumer-Bereich so beliebten Atom-Prozessoren von Intel die richtige Plattform für den Nachfolger des Panel- PC 477B? Schließlich ist die extrem niedrige Verlustleistung von Prozessor und Chipsatz auch für den Einsatz im industriellen Umfeld eine sehr interessante Eigenschaft: Sie ermöglicht, den Industrie-PC selbst bei hohen Umgebungstemperaturen und unter schwierigen Einbauverhältnissen einfach zu entwärmen.

Blieb zu klären, ob der aktuelle Atom- Prozessor hinsichtlich Performance ein „würdiger" Prozessor-Nachfolger für den Panel PC 477B sein könnte. Dessen Rechenleistung ist heute und in den nächsten Jahren skalierbar, angefangen beim preiswerten Intel Celeron-M-Prozessor mit 1 GHz Taktfrequenz bis zum Pentium- M-Prozessor mit 1,4 GHz. Alle CPU-Typen zeigen, dass sie in den Zielapplikationen die heutigen und zukünftigen Anforderungen erfüllen.

Performance-Vergleich einer Atom-CPU mit Intel Core-2-Duo-Prozessoren wie sie beim HMI IPC477C zum Einsatz kommen: Die Leistungsreserven heutiger Atom-Prozessoren reichen für typische Applikations-Szenarien im Maschinen- und Anlagenbau nicht aus.

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Bei neuen Maschinenkonzepten fordern Anwender im Sinne des Investitionsschutzes jedoch mehr Performance- Reserven. Benchmarks zeigen, dass dieses Ziel mit den heute verfügbaren Atom-Prozessoren nicht ausreichend gesichert ist. Daher kommt bei den Panel-PCs der C-Generation die Core-2-Duo-Technologie zum Einsatz. Diese hat in der Ultra-Low-Voltage-Variante (ULV) gegenüber der aktuellen Baureihe eine vergleichbare Verlustleistung, aber eine Performance-Steigerung um bis zu 80 % gegenüber dem vorherigen Gerät. Und mit den drei Prozessorvarianten der Core-2-Duo-Familie sind die Geräte noch breiter skalierbar:

Für preissensitive Anwendungen gibt es einen Prozessor, der bereits mehr Rechenleistung als das bisherige Pentium-M-Modell bereitstellt. Und am oberen Ende der Skala sorgt der Core-2-Duo-Prozessor mit 1,2 GHz für Rechenleistung, die bisher nur den wesentlich teureren und nur mit Lüfter betreibbaren Panel-PCs vorbehalten war. Das Merkmal der Embedded-Automation- Familie - der lüfterlose Einsatz bei Umgebungstemperaturen bis +50 °C - bleibt damit auch beim HMI IPC477C erhalten. Alle eingesetzten Prozessoren stehen auf der „Intel Embedded Roadmap". Damit ist sichergestellt, dass Maschinenbauer die Gerätereihe wiederum über eine lange Zeit technisch unverändert, das heißt Image-kompatibel, beziehen können.

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Mehr und sicherer Speicher

Viele Anwender setzen beim Vorgängermodell (Panel PC 477B) zwei Compact- Flash-Karten (CF-Karten) ein. Auf der intern verbauten CF-Karte befindet sich meist das Betriebssystem und die Applikations- Software, beispielsweise die Soft-SPS „Simatic WinAC RTX" oder die HMI-Software „Simatic WinCC flexible". Die zweite CF-Karte wird häufig zur Archivierung der Prozess- und Visualisierungsdaten genutzt. Von außen zugänglich, unterstützt sie den schnellen Wechsel bei einer Umrüstung auf neue Maschinenaufträge oder bei einem Daten-Backup.

Simatic-Compact-Flash-Karten stehen mit Kapazitäten von bis zu 8 GByte zur Verfügung. Trotzdem gibt es Applikationen, die noch mehr Speicherplatz erfordern. Viele Anwender lehnen jedoch den Einsatz von Festplatten direkt an der Maschine ab und nutzen stattdessen flashbasierte Massenspeicher. Der Grund: Ohne zusätzliche Schwingungsdämpfung können bei konventionellen Festplatten sehr leicht Schreib-/Lesefehler auftreten. Im schlimmsten Fall führen die Erschütterungen zu einem vorzeitigen Ausfall der Festplatte und damit zum Datenverlust. In Verbindung mit speziellen Funktionen ist die Massenspeicher-Technologie Solid-State-Disk (SSD) eine passende Alternative, da sie keine empfindlichen Schreib-/Leseköpfe hat sowie einbauund schnittstellenkompatibel zu 2,5- Zoll-Festplatten ist.

Ein Manko haben Solid-State-Disks: Der eingesetzte Flash-Speicher verträgt technologiebedingt keine unendliche Anzahl von Schreibzyklen. Deshalb haben die beim HMI IPC477C verwendeten SSDs einen sogenannten „Wear Levelling Controller", der für eine gleichmäßige Verteilung der Schreibzugriffe über das gesamte Speichervolumen sorgt.

Dies verlängert die MTBF (Meantime before failure) deutlich. Mit SSD ist es möglich, bis zu 32 GByte Daten mit der Robustheit einer industrietauglichen CF-Karte zu speichern. Für zusätzliche Betriebssicherheit sorgen die vom Hersteller mit dem Betriebssystem Windows XP embedded bereitgestellten Funktionen wie der „Enhanced Write Filter" (EWF). Die Software verhindert zuverlässig jeden Schreibversuch auf den Massenspeicher - entweder komplett oder nur auf einzelne Partitionen. Viren können sich dann immer noch im Hauptspeicher installieren, sind aber nach dem nächsten Systemstart sicher entfernt.

Flexibilität auf breiter Front

Im IPC-Umfeld sind die Schnittstellen für die Integration in das Automatisierungskonzept entscheidend. Die IPCFamilie unterstützt daher neben einer seriellen Schnittstelle (RS232) vier USB-Ports. Als „High Current"-Variante (500 mA) ausgeführt, können darüber auch optische Laufwerke ohne zusätzliche Stromversorgung betrieben werden. Neben zwei Standard-Ethernet- Schnittstellen gibt es Varianten mit integriertem Profibus/MPI- und mit Profinet- I/O-Interface.

Über die DVI-ISchnittstelle können die Rechner analoge (VGA) und digitale Monitore (DVI-D) als zweite Bedieneinheit ansteuern. Der zweite Bedienplatz, beispielsweise ein einbaukompatibler Flat-Panel-Monitor, darf bis zu 30 m entfernt vom Rechner stehen und zeigt entweder den gleichen Bildschirm-Inhalt (Clone Desktop Mode) oder ein anderes Bild (Extended Mode) an.

Bei den Displays stehen Varianten mit 12, 15 und 19 Zoll Diagonale und Handschuh- bedienbarem Touchdisplay zur Verfügung. Die 12- und 15-Zoll-Geräte sind auch mit 36 Funktionstasten, den PC-üblichen Steuertasten sowie numerischen/ alphanumerischen Tastenfeldern verfügbar. Bei diesen Varianten ist das Display durch eine gehärtete und entspiegelte Mineralglasscheibe geschützt, der selbst Funkenflug, zum Beispiel im Umfeld von Schweißanlagen, nichts anhaben kann. Generell sind die Panel-PC-Fronten gegen eine Vielzahl an industriell genutzten Produktions- und Reinigungsflüssigkeiten resistent.

Raus aus dem Schaltschrank

Immer häufiger wollen Anwender den Panel-PC direkt am „Ort des Geschehens" installieren. Der Grund: die kompakte Bauweise der Maschinen und deren Schaltschränke. Da bleibt kein Platz für den Panel-PC. In der Vergangenheit wurden die Panel-PCs in voluminöse Steuergehäuse eingebaut. Diese Lösung hatte oft nicht nur optische Mängel, sondern auch die Entwärmung des Panel-PC im geschlossenen Gehäuse führte entweder zur Reduzierung der zulässigen Umgebungstemperatur oder erforderte aufwendige Kühlungskonzepte.

Trotz Rundumschutz in IP65 sind die „protected“ Geräte der HMI-IPC477C-Familie für den lüfterlosen Betrieb bis +45 °C ausgelegt.

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Gerade bei großen Maschinen besteht zudem die Anforderung, den Panel-PC über ein flexibles Tragarmsystem an den jeweiligen Bedienort mitzuführen. Direkt vor Ort installiert, sind die Industrie-PCs allerdings starken mechanischen Belastungen wie Schwingung und Schock ausgesetzt. Weitere „Stressfaktoren" sind Staub, Schmutz und Nässe.

Diesen Anforderungen begegnet das Unternehmen mit den Pro-Varianten - das Kürzel steht für „protected": Wie schon bei den reinen Bedienpanels (s. Computer & AUTOMATION 2008, H. 9, S. 60ff.) ist bei diesen Gerätetypen die mit den Einbaugeräten identische Elektronik in ein kompaktes IP65-geschütztes Aluminiumgehäuse integriert. Diese Varianten - verfügbar mit 15- und 19-Zoll- Touchdisplay - sind wie alle anderen Gerätetypen konfigurierbar. Den Rundumschutz erreichen die Simatic-Pro-Geräte mit einer stabilen, einteiligen Rückwandhaube.

Die Haube lässt sich auch am montierten Gerät leicht abnehmen, so dass sämtliche Schnittstellen und Steckplätze für Service-Arbeiten schnell zugänglich sind. Um den lüfterlosen Dauerbetrieb selbst bei +45 °C Umgebungstemperatur sicherzustellen, werden alle Bauteile mit hoher Verlustleistung über spezielle „Dome" mit dem Aluminium-Chassis kontaktiert und entwärmt.

Bei den Pro-Varianten werden alle Komponenten mit größerer Verlustleistung über „Dome“ im Aluminium- Chassis entwärmt.

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Bei der 19-Zoll-Variante erhöhen zusätzliche Lüftungskanäle die Konvektion, ohne jedoch die Schutzart IP65 zu beeinträchtigen. Die Protected-Geräte sind so konzipiert, dass sie ohne Umbau sowohl an einem Tragarm als auch auf einem Standfuß montiert werden können. Eine einheitliche Montagekupplung lässt sich dazu mit verschiedenen Adapterplatten kombinieren, die wiederum zu den Tragarmsystemen der Firmen Bernstein, Rittal, Rose und Rolec kompatibel sind. Selten kommt eine Maschinenbedienung ohne festverdrahtete Elemente wie Not-Halt, Leuchtmelder oder Schlüsselschalter aus. Für die Integration solcher Bedienelemente stehen Erweiterungseinheiten (Extension Units) zur Verfügung, die seitlich am Pro-Gerät montiert werden. Eine direkt unter dem IPC montierbare IP65-Tastatur komplettiert das Bedienkonzept. In Vorbereitung sind außerdem Push-Button-Module, die in die Erweiterungseinheit montiert und über Profinet mit dem Steuerungsrechner verbunden werden.

Damit stehen bis zu 32 dreifarbige „Direkt-Tasten" zur Verfügung. Für eine schnelle und reibungslose Inbetriebnahme sorgen einschaltfertige Lösungen, bei denen das Betriebssystem konfiguriert und die Simatic-Runtime- Software bereits installiert sind, beispielsweise die echtzeitfähige Soft- SPS WinAC RTX zusammen mit der HMI-Software WinCC flexible oder der Scada-Lösung WinCC. Ebenso lassen sich die Systeme mit der fehlersicheren Soft-SPS ausrüsten (s. Computer & AUTOMATION 2009, H. 5, S. 38ff.). Der Industrie-PC erledigt dann Standard- und fehlersichere Steuerungsaufgaben wie bei einer konventionellen Simatic S7-CPU.

Autoren: Sandra Schrickel ist Produktmanagerin Simatic HMI IPC bei der Firma Siemens in Nürnberg.

Thomas Steinhorst ist Leiter Produktmanagement Simatic HMI IPC bei Siemens in Nürnberg.

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