Industrie-PC (News)

Günter Herkommer,

Die Embedded-Security

Einschränkungen in der Leistungsfähigkeit von Embedded-Systemen setzen der Anwendbarkeit von klassischen Sicherheitskonzepten aus der IT-Welt enge Grenzen. Mit der richtigen Sicherheitsarchitektur sind die gesteigerten Anforderungen allerdings durchaus lösbar.

Von Dr. Thilo Sauter, Albert Treytl

Technologien der „Office-Welt“, wie Ethernet, TCP/IP und Web-Services, sind aus vielen Bereichen der Mess- und Automatisierungstechnik nicht mehr wegzudenken. Die Basis hierfür bilden zunehmend Embedded-Systeme. Obwohl diese oft an die typische PC-Architektur angelehnt sind, unterscheiden sie sich vom Büro- und „Corporate-Network“- Bereich in wesentlichen Rahmenbedingungen, die für die Entwicklung von Sicherheitskonzepten bedeutsam sind: Die Lebensdauer von Installationen ist zumeist länger als in der IT-Welt, die Verfügbarkeitsanforderungen sind höher, die Zahl von Netzwerk-Knoten ist größer und Energie- sowie Hardware-Ressourcen sind limitiert. Erschwerend kommt hinzu, dass mögliche Angriffe von System zu System individuell sehr verschieden sind.

Unabhängig davon lassen sich aus den Erfahrungen der letzten Jahre einige wichtige Trends für die Bedrohungs-Szenarien ablesen:

  • Angriffe werden automatisiert: Ungefähr ab dem Jahr 2001 – zu diesem Zeitpunkt traten erstmals massiv Internet- Würmer auf – hat sich die Anzahl der externen Angriffe drastisch erhöht.
  • Angriffe werden „standardisiert“ und mit generischen Tools durchgeführt. Ein typisches Beispiel dafür ist der Angriff auf das Abwassersystem von Maroochy Shire (Australien, 2005), bei dem der Angreifer ein allgemein verfügbares Tool nutzte, um eine nicht systemspezifische Schwäche des WEP-Algorithmus (WEP – Wireless Encryption Protocol) anzugreifen.
  • Angriffe beschränken sich nicht auf einen Kanal; insbesondere kommen Angriffe auch über als sicher angesehene Wege wie VPN-Verbindungen, Service- Laptops oder das Intranet der Firma.
  • Denial-of-Service-Attacken: DoS-Attacken stören beziehungsweise bringen den angegriffenen Dienst durch eine Überlastung des angegriffenen Embedded- Systems zum Stillstand. Dies kann entweder direkt erfolgen oder auch ein indirekter Seiteneffekt sein, wenn beispielsweise öffentliche Kommunikationsleitungen verwendet werden.
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Angesichts dieser Ausgangslage lassen sich allgemein sechs grundlegende Sicherheitsziele definieren, wobei für Embedded- Systeme im industriellen Bereich insbesondere die ersten drei den Schwerpunkt bilden:

  1. Unveränderbarkeit (Integrity), die garantiert, dass nur jeweils dazu Berechtigte die Daten verändern können.
  2. Verfügbarkeit (Availability), die garantiert, dass die entsprechenden Daten vorhanden sind, wenn sie benötigt werden.
  3. Authentizität (Authentication), die die Richtigkeit der Datenquelle beziehungsweise Datensenke gewährleistet.
  4. Vertraulichkeit (Confidentiality), die gewährleistet, dass nur Berechtigte Zugang zu den Daten haben.
  5. Berechtigung (Authorisation), die die (Zugriffs-)Rechte festlegt.
  6. Unleugbarkeit (Non-Repudiation), die beweist, dass Daten von einer bestimmten Quelle stammen.

Berechtigungen in vernetzten Systemen werden in der Praxis meist nicht fein differenziert, sondern pro System vergeben (Access Control List fehlt/ keine internen Zugriffsbeschränkungen/ alles wird erlaubt, wenn der Zugang erfolgt ist), was im Rahmen von meist kleinen Systemen mit klar umrissener Funktion sinnvoll sein kann.

Detailliertere Zugriffskontrollen kommen oft erst bei komplexeren Geräten wie Bedienstationen zur Anwendung. Bei kleinen Systemen dienen sie – wenn überhaupt implementiert – oft einem anderen Zweck als der Sicherheit, zum Beispiel einer differenzierten Nutzerführung für Wartung und Betrieb. Unleugbarkeit wird für Embedded-Systeme meist nicht im strengen gesetzlichen Sinn gesehen, sondern eher als Mittel zur eindeutigen Nachvollziehbarkeit herangezogen – etwa bei Fernwartungszugriffen.

Zwei unterschiedliche Strategien

Um die für Embedded-Systeme relevanten Sicherheitsziele zu erreichen, bieten sich zwei unterschiedliche Strategien an – „Hard-Perimeter“ und „Defense in Depth“:

Beim Ansatz des Hard-Perimeters wird versucht, das zu schützende System und Netzwerk mittels einer einzigen Schutzmaßnahme, zum Beispiel einer Firewall beim zentralen Zugang, abzuschirmen. Trotz ihrer Einfachheit ist diese Lösung problematisch, da es zum einen keine Schutzmechanismen innerhalb des Systems gibt und zum anderen der Hard- Perimeter ein zentraler einstufiger Fehlerpunkt ist. Überwindet ein Angreifer den Hard-Perimeter, besteht keinerlei Schutz mehr!

Alternativ dazu setzt der Defense-in-Depth-Ansatz auf ein mehrschichtiges Sicherheitsmodell, welches das Netzwerk und die Embedded-Systeme in mehrere Zonen einteilt. Ein potenzieller Angreifer hat somit mehrere Sicherheitsmaßnahmen zu überwinden. In der Praxis muss das Modell nicht – wie im Bild (oben) dargestellt – strikt „zwiebelförmig“ aufgebaut sein, sondern es sind auch innerhalb der Zonen lokale Sicherheitsringe integrierbar. So lässt sich im Intranet zum Beispiel ein Verbund von Simulationsrechnern durch eine zusätzliche Schicht schützen, um innerhalb dieses Bereiches durch reduzierte Sicherheitsmaßnahmen die Systemleistung zu erhöhen. Insbesondere auf der Feldebene müssen solche „Hard-Perimeter- Blasen“ eingesetzt werden, um kleine Embedded-Systeme wie einfachste Sensor- und Aktuatorgruppen zu schützen, die über keine Sicherheitsmaßnahmen verfügen beziehungsweise in denen aufgrund von Echtzeit-Anforderungen keine Sicherheitsmaßnahmen durchführbar sind.

Angriffspunkte auf Industrieautomationssysteme und die darin eingesetzten Embedded-Systeme, aufgeschlüsselt nach Infiltrationskanälen: Gefahr geht längst nicht nur durch das Internet aus!

Einer der gängigsten Ansätze zur Sicherung der Kommunikation ist das Tunneln, bei dem der Aufbau eines gesicherten Ende-zu-Ende-Kanals in einem an sich unsicheren Netzwerk stattfindet. Die zu sichernden Daten werden dabei am Eingang verschlüsselt und erst am Ausgang wieder dechiffriert. Diese aus dem Internet bekannte Verfahrensweise (zum Beispiel SSL/TLS-Tunnel, um das http-Protokoll abzusichern, oder Virtual Private Networks – VPN), ist auch auf die Automatisierung anwendbar. Der in der Automatisierungstechnik weit verbreitete Einsatz von HTTP, HTML und Web-Browsern zur Prozessvisualisierung und Gerätekonfiguration ist damit sehr einfach abzusichern. Bietet das Embedded- System selbst nicht genug Ressourcen, um einen sicheren Tunnel aufzubauen, so lassen sich die ressourcenintensiven Sicherheitsfunktionen relativ kostengünstig durch zusätzliche, extern vorgeschaltete Sicherheitsmodule realisieren. Gerade für (Fern-)Wartungszugänge ist das Tunneln sinnvoll, etwa um Probleme wie die irrtümliche Konfiguration der falschen Maschine zu verhindern.

Firewalls sind ein weiteres Instrument zur Kontrolle des Datenverkehrs zwischen Netzwerksegmenten. Wichtig ist hier, zwischen simplen addressorientierten und content-basierten Filtern zu unterscheiden. Während erstere eine einfache Möglichkeit bieten, Pakete auf der Netzwerkschicht zu verwerfen, können zweitere auch den Inhalt der Pakete kontrollieren. Auf diese Weise sind zum Beispiel DoS-Attacken verhinderbar, indem unerlaubten Datenströmen der Zugang zu einer Ressource verweigert wird. Eine andere Möglichkeit besteht darin, den Inhalt von Web- Services zu analysieren, um den Zugriff feiner abzustufen.

Optimal im Sinne einer Defense-in-Depth wäre es natürlich, die Kommunikation direkt zwischen den Netzwerkknoten zu sichern. Die gängigen Feldbus- Systeme – de facto ebenfalls Netzwerke für Embedded-Systeme – bieten jedoch meist keine oder nur sehr schwache Security- Mechanismen. Oft sind diese nur als Schutz vor unabsichtlichen Bedienfehlern gedacht und stellen keinen wirklichen Schutz vor gezielten Attacken dar. Auch mit Blick auf die moderneren Industrial- Ethernet-Lösungen sieht die Situation nicht anders aus.

Über diese beschriebenen Maßnahmen hinaus kann sich Defense in Depth noch weiter erstrecken: Im Rahmen des EU-Projekts „Pabadis’Promise“ wurde von der Forschungsstelle für integrierte Sensorsysteme der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ein Sicherheitskonzept für Software-Agenten auf RFID-Basis entwickelt. Zusätzlich zur erwähnten Unterteilung des Netzwerkes in einzelne Zonen wird dabei der Raum in lokale Domänen unterteilt, um DoS-Attacken aufgrund von Störungen der Funkübertragung auszuschließen. Zur logischen Komponente der Netzwerkstruktur kommt hier noch eine örtliche Komponente, die sich aus der Verteilung der mobilen RFIDs ergibt. In Zusammenarbeit mit einem sogenannten „Broker“, den Agenten ohnehin benötigen, um die im Netzwerk verteilten gesuchten Ressourcen (Maschinen, Datenbanken, andere Agenten) zu finden, werden hierbei Informationen über Störungen und die Verfügbarkeit von Ressourcen übermittelt. Dies verhindert, dass Software- Agenten in Bereiche mit kompromittierter Kommunikation gelangen. Der Overhead durch die Sicherheitsinformation ist aufgrund der gemeinsamen Nutzung des Brokers gering – die Security-Information beschränkt sich auf wenige Bytes.

Kryptographische Algorithmen kaum anwendbar?

Drei-Zonen-Basissicherheitsmodell für Embedded-Systeme in der Automatisierung: Mittels eines solchen Ansatzes lässt sich das System auch bei unterschiedlichen Sicherheitsanforderungen optimal schützen. Die gelben Knoten haben besondere Anforderungen wie zum Beispiel Realtime oder sind sehr ressourcenarm (Sensorknoten) und werden deshalb durch den vorgelagerten weißen Knoten geschützt.

Bei der Erstellung eines passenden Security- Konzeptes ist stets davon auszugehen, dass ein Angreifer die beste ihm zur Verfügung stehende Ausrüstung verwendet. Deshalb kann und darf sich die Stärke von Sicherheitsfunktionen auch in ressourcenbeschränkten Embedded- Systemen nicht von jenen der klassischen IT unterscheiden. 8 bis 16 zusätzliche Bytes für eine kryptographische Prüfsumme, wie sie bei den im IT-Umfeld verwendeten Algorithmen üblich sind, bedeuten bei ähnlich großen Datenmengen im Automatisierungsumfeld allerdings einen sehr hohen Overhead für ein Embedded- System – insbesondere wenn es um Echtzeit- Anwendungen geht. Bei asymmetrischen Verfahren sind die Overheads leicht um einen Faktor 10 bis 100 höher, weshalb diese Algorithmen trotz der weiten Verbreitung in der IT-Welt in ressourcen- beschränkten Embedded-Systemen für Echtzeit-Zwecke fast nicht einsetzbar sind. Um zumindest die Berechnung zu beschleunigen und effizient zu gestalten, geht der Trend hier in Richtung Hardware-Unterstützung, da die meist komplexen kryptographischen Operationen auf diese Weise effizienter gelöst werden können. Zusätzlich lässt sich damit ein sicherer Speicher für die Schlüssel implementieren, von denen letztlich die Sicherheit des Gesamtsystems abhängt.

Ein kritischer Faktor für Embedded-Systeme ist der Austausch von zu oft verwendeten und deshalb unsicheren Schlüsseln, da dieser nicht wie im Bürobereich manuell sondern aufgrund der großen Anzahl und räumlichen Verteilung von Knoten, die meist keine Benutzereingabemöglichkeiten haben, automatisiert erfolgen muss. Der Grund: Typische Embedded-Systeme haben meist kein Display, keine Tastatur oder die Möglichkeit, einen 256 Bit langen Schlüssel einzugeben. Ist das Gerät in der Decke montiert oder tief in einer Maschine verschraubt, so lässt es sich dort manuell nicht sinnvoll arbeiten. Ebenso ist ein Netzwerk mit 1000 Knoten und einem Administrator schwer zu warten.

Abhilfe kann und muss hier folglich im organisatorischen Bereich geschaffen werden. Beispielsweise wurde für vernetzte Stromzähler im EU-Projekt REMPLI (Real-time Energy Management via Powerlines and Internet) eine vierstufige Schlüsselhierarchie geschaffen, die es trotz der Beschränkung auf symmetrische Verfahren (zur Reduktion des Kommunikations- Overheads) ermöglicht, einen sicheren Fern-Austausch der Schlüssel auf der Ebene von Benutzergruppen durchzuführen. Für die an der ÖAW entwickelten Software- Agenten auf Basis von RFIDs wurden mit einer dynamischen Schlüssel- Hierarchie in ähnlicher Weise Probleme bei der Erstellung und Koordination von Agenten gelöst.

Vierstufige Schlüsselhierarchie: Durch Schlüssel einer höheren Ebene ist es möglich, abgelaufene oder gefährdete Schlüssel sicher über einen Fernzugriff auszutauschen. Zusätzlich sind die Schlüssellängen je nach Stufe in Bezug auf Ressourcenverbrauch und Sicherheit optimiert. Die Gültigkeitsdauer nimmt nach unten hin ab.

Die Grenzen der Sicherheit

Perfekte Sicherheit gibt es nicht. Auch wenn man die Verwendung von beweisbar sicheren Algorithmen annimmt, stellt sich immer die Frage der Systemgrenze. Betrachtet man beispielsweise einen Energiezähler, so besteht die einfachste Attacke darin, die Einspeisung mit dem Ausgang kurzzuschließen, um ohne Bezahlung Energie zu konsumieren. Mit anderen Worten: Sicherheit für Embedded- Systeme darf nicht, wie das Beispiel zeigt, mit reiner Netzwerksicherheit gleichgesetzt werden, sondern geht darüber hinaus. Im Falle des Stromzählers hilft eine einfache Überwachung des Verbrauchs im Tages- und Monatsmittel, um einen möglichen Betrugsversuch zu detektieren. Je nach Bedrohungsprofil lässt sich die Stromzufuhr unterbrechen beziehungsweise übergeordnete Analyse- und Gegenmaßnahmen treffen.

Sensorsystem und Seitenattacke über das Netzwerkmanagement und einen gemeinsam zugänglichen Speicher: grün der gesicherte geplante Datentransfer; rot die Attacke über das Netzwerkmanagement.

Aber auch für die Sicherheitsmaßnahmen selbst stellen sich ähnliche Fragen. Bild 4 zeigt ein Embedded-System, über das ein Sensorwert aufgezeichnet und dann durch einen Message Authentication Code (MAC) gesichert wird. Gemäß diesem Informationsfluss verlassen nur gesicherte Daten diesen Knoten. Die Sicherheitslücke im System besteht darin, dass das Netzwerkmanagement auf den gesamten Speicher und damit auch auf den Schlüssel und den Messwert zugreifen kann. Die Lösung dieses Problems ist sehr applikations- und systemspezifisch: Hochsicherheitsanwendungen werden ähnlich einer Smart Card, in der das I/OModul eine strenge Zugriffskontrolle und Authentifizierung durchführt, auf einen auch gegen physikalischen Zugriff geschützten Speicher (tamper resistent memory) zurückgreifen; andere Anwendungen werden damit auskommen, das Netzwerkmanagement einfach zu deaktivieren.

Speziell für den Einsatz drahtloser Netzwerke ist Location-based Security eine weitere, system-orientierte Möglichkeit der fortgeschrittenen Zugriffskontrolle. Zentrale Komponenten in einem System sind dabei Access Points, die ohne spezielle Anforderungen an die mobilen Geräte deren Position bestimmen können und so einen virtuellen Zaun aufbauen, der den Zugriff auf bestimmte Ressourcen erlaubt oder verhindert.

Autoren

Dr. Thilo Sauter ist Leiter der Forschungsstelle für Integrierte Sensorsysteme an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

 

Albert Treytl leitet die Gruppe Security und Integrierbare Netzwerke an der Forschungsstelle für Integrierte Sensorsysteme der ÖAW.

 

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