Der Kontron-Umzug

Meinrad Happacher,

Die Auswirkungen auf die Industrial Automation

Bis Ende des Jahres wird Kontron die Standorte Kaufbeuren, Eching, Roding und Ulm nach Augsburg verlagern und die betroffene Belegschaft in einem Technologie-Campus in Augsburg zusammenführen. Was der Umzug für den Geschäftszweig Industrial Automation bedeutet, erläutern Marcel van Helten und Norbert Hauser im Interview.

"Wir müssen nicht der billigste Anbieter sein – das können die Taiwanesen besser – wir müssen aber in einem preislichen Verhältnis die höhere Wertigkeit garantieren können", so Marcel van Helten, Leiter der Business Unit Industrial.

"Wir müssen nicht der billigste Anbieter sein – das können die Taiwanesen besser – wir müssen aber in einem preislichen Verhältnis die höhere Wertigkeit garantieren können", so Marcel van Helten, Leiter der Business Unit Industrial.

© Kontron

Herr van Helten, 400 Mitarbeiter sind von dem Umzug nach Augsburg betroffen. Wie viele davon werden den Standortwechsel mitmachen?
van Helten: Eines vorweg: Es geht uns nicht darum, Arbeitsplätze abzubauen, sondern wir müssen durch die Zusammenführung unserer Mitarbeiter aus Eching und Kaufbeuren eine, ich sage mal kritische Technologiemasse generieren, mit der wir mehr bewegen können als bislang. Leider wird es manchem Mitarbeiter aus persönlichen Gründen nicht möglich sein mitzugehen, was wir sehr bedauern.

Technologiemasse zum Zweck einer höheren Innovationsausbeute ist das eine, Standardisierung das andere…
van Helten: Ohne Zweifel, was wir mit der Einführung einer einheitlichen ERP-Landschaft über die unterschiedlichen Standorte hinweg inzwischen schon begonnen haben, macht vor unseren Produkten nicht halt. Der enorme Verdrängungsdruck im Markt zwingt uns zu kreativer Standardisierung, um eine höhere Skalierbarkeit zu ermöglichen. Unsere Vision, mit der wir uns differenzieren wollen, lautet deshalb: Wir bieten dem Kunden ein maßgeschneidertes Produkt von der Stange! – Was heißt das? Wir müssen dem Kunden individuell auf ihn zugeschnittene Lösungen anbieten können. Individuelle Lösungen, die intern aber auf Standardplattformen in Hardware und Software basieren. Ein Beispiel: Es kann nicht mehr sein, dass wir an verschiedenen Standorten über 10 bis 15 CPU-Designs desselben Prozessors verfügen, die alle mit einer anderen Stromversorgung ausgestattet sind. Das Thema interne Standardisierung und Modularisierung steht deshalb ganz oben auf unserer To-do-Liste.

Kontron basiert seit der Neustrukturierung Anfang 2013 auf vier Business Units – kurz BU – die auf verschiedene Marktsegmente ausgerichtet sind: die BU MAR – Militäry, Aerospace und Railway, die BU Communication, die BU Multimarket – verschiedene Segmente wie Infotainment, In-vehicle und die BU Industrial mit der Ausrichtung auf die Industrielle Automatisierung, die Energiewirtschaft und die Medizin. Welchen Anteil am Gesamtgeschäft hat ihre Industrie-Unit?
van Helten: Unsere Business Units tragen alle zum Erfolg der Kontron bei; einzelne Umsatzdaten der Business Units veröffentlichen wir noch nicht.

Anzeige

"Neue Prozessor-Ansätze, aber auch eine neue Genera­tion von Entwicklern bei den Kunden führen derzeit zu ganz neuen Ansätzen – wenn wir hier mit unserem alten Denken rangehen, kommen wir bei dieser Klientel nicht mehr an!", so Norbert Hauser, Leiter der Business Line Industrial Automa­tion.

© Kontron

Wie sehen Sie sich mit Ihrem Portfolio aufgestellt?
Hauser: Unser Industrieautomations-Geschäft basiert auf vier Säulen: den Boards&Modulen, den IPCs und Panels, den Plattformen für die Steuerungstechnik und den Cloud-Server beziehungsweise den Connectivity-Solutions, um IoT (Internet-of-Things)-ready-Lösungen anbieten zu können. Was die Boards&Module betrifft, behaupte ich: das Geschäft läuft! Bei den Computer-on-Modules etwa sind wir global mit Abstand die Nummer 1. Wichtig ist, dass wir am Ball bleiben und weiterhin standardisierte Produkte und gute individuelle Entwicklungs-Dienstleistungen wie Design und Fertigung von kundenspezifischen Trägerboards und BIOS Anpassungen anbieten. Hierzu sind wir auf dreierlei Art und Weise aktiv.
Erstens: Wir halten einen engen Kontakt zu unseren Chip-Herstellern. Zugegeben: Unsere ausgezeichnete Marktposition hilft uns dabei. Wir sind beispielsweise das einzige europäische Premier Member in der Intel Intelligent Systems Alliance. Zweitens: Wir treiben die Innovation, was wichtige Standards betrifft – COM Express oder der von uns eingebrachte Standard SMARC sind nur zwei Beispiele. Und drittens arbeiten wir intensiv in Gremien wie PICMG, SGET, der BITKOM und des VDMA mit. Die BITKOM-Arbeitskreise Cyber Physical Systems und Industrie 4.0 sind hier etwa zu nennen.

Das IPC- und Panel-Geschäft ist für uns schon schwieriger. Um hier ein sauberes Differenzierungs-Merkmal zu generieren, arbeiten wir mit Nachdruck an dem Thema 'Wartungsfrei'. Das beginnt bei dem Verzicht auf rotierende Komponenten wie Lüfter oder Festplatte, geht über eine wartungsfreie Stromversorgung des BIOS über GoldCaps anstelle Batterien bis hin zu einem Fernzugriff auf das System. Wir bieten heute zum Beispiel schon ein Embedded-API inklusive passender Remote-Management-Funktionen an, um den Systemstatus des Gerätes aus der Ferne überprüfen und unter Kontrolle halten zu können. Unsere aktuellen Geräte – etwa die IPCs KBox-A-101 und KBox-C-101 – gewährleisten eine MTBF von 40.000 bis 70.000 Stunden je nach Konfiguration; das entspricht einer Lebensdauer von acht Jahren bei einem Einsatz rund um die Uhr!

Ist das IPC-Geschäft bei Ihnen nicht gleichbedeutend mit dem Controller-Geschäft?
Hauser: Das Geschäft mit der Steuerungstechnik baut auf dem IPC-Geschäft auf, ja, ist allerdings etwas diffiziler. Realtime-Performance spielt hier eine große Rolle, eine kompaktere Baugröße, und vor allem das Thema Software. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir wollen kein Steuerungshersteller sein. Sprich wir installieren für unsere Kunden keine Software auf den Rechnersystemen, aber wir validieren sie. So können wir unserem Kunden attestieren, dass die Software, die er für seine geplante Steuerung einsetzen will, auch tatsächlich darauf läuft. Dieser Service beginnt beim Umgang mit dem BIOS und endet bei der Validierung von Echtzeit-Systemen auf Multicore-Plattformen. So qualifizieren wir etwa Codesys von 3S und Hypervisor von Real-Time Systems.

Für unsere vierte Säule, die Cloud-Server und Connectivity-Solutions, haben wir gute Server- und Rack-Lösungen sowie M2M-Plattformen mit Protokollstacks im Programm. Hier wird zukünftig entscheidend sein, hervorragende Security- und Remote-Lösungen anbieten zu können. Hier hilft uns sehr, dass wir über unsere Communication Unit bei den aktuellen IT-Themen up to date sind. – Industrie 4.0 ist ja auch unter anderem eine Verschmelzung von IT und Steuerungswelt.

van Helten: Und dieser Aspekt bringt uns wieder zu unserer Eingangsfrage zurück: Warum die Know-how- und Technologie-Bündelung in Augsburg? Für alle vier Units wollen wir hier die deutschen Know-how-Träger unter einem Dach haben – nur so bekommen wir das breitgefächerte Wissen von der Chip- und Board-Expertise bis hin zum Cloud-Know-how schlagkräftig in moderne Produkte umgesetzt. Reale menschliche Nähe und Kommunikation auf dem Flur spielt hierbei trotz aller technischer Hilfsmittel heute immer noch eine entscheidende Rolle – davon sind wir überzeugt!

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

NürnbergMesse

Der Wissenshub der Embedded-Community

Vom 11. bis 13. März trifft sich die Embedded-System-Branche. In sieben Messehallen informieren die Aussteller in Nürnberg über Hardware, Software, Services und Tools. Zwei begleitende Konferenzen, Expert Panels und Ausstellerforen vermitteln...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Messevideo

Die embedded world 2019 in Bild und Ton

Die zweithöchste Besucherzahl in der Geschichte der embedded world, mehr Aussteller, mehr Ausstellungsfläche, die neue Start-up Area, zahlreiche Expertendiskussionen in den Foren, der 10. Student Day und rund 2000 Teilnehmer der zwei...

mehr...

embedded world 2019

Erneut Rekorde geknackt

Die 17. Ausgabe der embedded world erzielte bei den Ausstellern sowie in der Fläche neue Rekorde. Mit rund 31.000 kamen etwas weniger Besucher als 2018 – jedoch ist dies das zweitbeste Besucher-Ergebnis seit Bestehen. Das Hype-Thema KI war auf der...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren