Alphabet lockt deutsche Ingenieure

Ute Häußler,

Google steigt in Industrie-Robotik ein

Die Google-Mutter Alphabet hat ein neues Unternehmen an den Start gebracht: Intrinsic soll die industrielle Robotik vereinfachen und in mehr Firmen nutzbar machen. Die X-Ausgründung sitzt in Kalifornien und München, zahlreiche namhafte deutsche Robotik-Experten sind an Bord.

Screenshot einer Beispielapplikation auf der Website des Start-ups.

© Intrinsic

Nach dem Verkauf von Boston Dynamics an Softbank sah es lange so aus, als wäre die Robotik-Sparte bei Alphabet beerdigt. Doch weit gefehlt, seit fünfeinhalb Jahren wird bei Googles Tech-Schmiede X - Moonshot Company an der jetzigen Robotik-Technologie für die Fertigungsindustrie gearbeitet. Das Ergebnis: Mit Intrinsic wurde jetzt ein neues, unabhängiges Robotik-Unternehmen aus dem kreativen Tech-Pool ausgegründet. Die neue CEO ist Wendy Tan-White, als Intrinsic-CTO hat der deutsche Robotik-Experte und frühere KIT-Professor Torsten Kröger angeheuert; er hat unter anderem für Volkswagen, Kuka, Manz Automation, Redwood Robotics und Google gearbeitet. Ziel sei es laut Tan-White »das kreative und wirtschaftliche Potenzial der Industrierobotik für Millionen weiterer Unternehmen, Unternehmer und Entwickler erschließen.« 

 

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Wendy Tan-White arbeitet seit mehreren Jahren bei X, der experimentellen Tech-Schmiede des Google-Konzerns Alphabet.

© twitter

Robotik für Elektronik, Automobil und Gesundheit

Tan-White beklagt »das manuelle und individuelle Verfahren, mit dem Robotern seit Jahrzehnten nahezu unverändert beigebracht wird, wie sie etwas zu tun haben«. Sie sieht dadurch Unternehmen bei der Nutzung der Potenziale von Robotik stark eingeschränkt. »Und viele geschickte und heikle Aufgaben, wie das Einstecken von Steckern oder das Verlegen von Kabeln, sind für Roboter nach wie vor nicht machbar, weil ihnen die Sensoren oder die Software fehlen, die sie benötigen, um ihre physische Umgebung zu verstehen,« führt Tan-White fort. Intrinsic möchte diesen Gap schließen und Industrieroboter für mehr Firmen, die Herstellung neuer Produkte und innovative Dienstleistungen nutzbar machen.

 

Das Logo der Robotik-Ausgründung.

© intrinsic

»Wir verlassen die Rapid-Prototyping-Umgebung der Moonshot Factory, um uns auf die Entwicklung unseres Produkts und die Validierung unserer Technologie zu konzentrieren. Derzeit suchen wir nach Partnern in der Automobil-, Elektronik- und Gesundheitsbranche, die bereits Industrierobotik einsetzen und gemeinsam lernen wollen.« Tan-White und ihr Team schreiben in mehreren LinkedIn-Artikel, Statements und Blog-Beiträgen sehr ausführlich über die gewohnt ambitionierten Pläne aus Mountain-View. Intrinsic fokussiert sich demnach auf die Entwicklung von Software-Tools, mit denen Roboter schneller und günstiger und mit weniger Fachwissen einsetzbar sind. Tan-White vergleicht den Prozess mit dem langwierigen und schwierigen Bau einer Website in den 1990iger Jahren und den Drag-&-Drop-Baukästen von heute.

Deutsche Experten entwickeln die Technologie

Robotik-Experten aus Deutschland

Neben CTO Torsten Kröger sind der deutsche Engelberger-Preisträger Martin Hägele, Robotik-Innovator Rainer Bischoff und »die Koryphäe des Reinforcement Learning«, Stefan Schaal bereits bei Intrinsic angestellt. Die junge Firma sucht auf allen Kanälen Robotik-Fachkräfte, entweder für die Google Zentrale in Mountain View, Kalifornien oder den Entwicklungsstandort München. Jürgen Sturm ist als neuer Robotics Lead im bayerischen Intrinsic-Team. Der Tech-Experte schreibt in einem LinkedIn-Artikel, dass er mit seinem Team an einer Lösung arbeite, die die Programmierung von Robotern erheblich vereinfachen soll. Er will mit der Alphabet-Tochter  »ein einfaches und intuitives Produkt entwicklen, das es jedem Benutzer leicht macht, Aufgaben auszuführen, ohne sein Potenzial, verrückte Ideen zu entwickeln, einzuschränken.« Sturm wirbt ganz offensiv und mit großen amerikanisch angehauchten Statements um neue Mitarbeiter: »Bei Intrinsic haben wir die aufregende Möglichkeit, bahnbrechende Technologien zu echten Menschen zu bringen und ein spannendes Geschäftspotenzial in der Robotik.«

Ein Roboter im Intrinsic-Labor nutzt maschinelles Lernen und Kraftsteuerung, um drei verschiedene Arten von Stromsteckern anzuschließen.

© intrinsic

Mit dieser Technologie will Intrinsic die Industrierobotik erobern

Wie die CEO Wendy Tan-White in der Vorstellung der neuen Robotik-Firma schreibt, hat das Team in den letzten Jahren bei X daran geforscht, wie Industrieroboter zunächst ihre Umgebung  erkennen und kontinuierlich dazu lernen, sich selbst daraufhin optimieren und damit noch besser Aufgaben erledigen. Die Robotik soll damit »in einem breiteren Spektrum von Umgebungen und Anwendungen funktionieren.«  In Zusammenarbeit mit mehreren Alphabet-Teams und mit Partnern in echten Produktionsumgebungen habe das heutige Intrinsic-Team Software getestet, die Techniken wie automatisierte Wahrnehmung, Deep Learning, Reinforcement Learning, Bewegungsplanung, Simulation und Kraftsteuerung nutzt.

Partner in einem der ersten Intrinsic-Projekte ist die ETH Zürich mit Gramazio Kohler Research. Industrieroboter sollen hier Holzbauteile für ein ökologisches Bauprojekt zusammensetzen. In einem anderen Test-Projekt wurde statt in hunderten Programmierstunden ein Roboter innerhalb von 120 Minuten darauf trainiert, ein USB-Kabel korrekt anzuschließen. Einfache Aufgaben wie diese sind heute für Firmen noch nicht kosteneffizient automatisierbar. Auf dieser Basis will Tan-White mit ihrem Intrinsic-Team die Industrierobotik revolutionieren: »Dies zeigt das Potenzial der Intrinsic-Software, den Zeit-, Kosten- und Komplexitätsaufwand für den Einsatz von Industrierobotern radikal zu reduzieren - und damit langfristig bei einer viel höheren Anzahl von Problemen zu helfen und die Vielfalt von Produkten zu erhöhen, die damit kostengünstig und nachhaltig produziert werden können.«

Der Beitrag erschien zuerst auf elektroniknet.de

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