Zwölf Standorte betroffen

Andrea Gillhuber,

Stellenstreichung bei Schaeffler

4.400 weitere Stellen streicht Schaeffler bis zum Jahr 2022 in Europa. Betroffen sind zwölf Standorte in Deutschland. Der Abbau ist Teil mehrerer Strukturmaßnahmenpakete.

© Schaeffler

Seit einigen Jahren befindet sich Schaeffler im Umbau. Ziel der Transformation: die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit nachhaltig zu verbessern. Im Frühjahr 2019 startet der Konzern daher drei Strukturprogramme: RACE (Automotive OEM), GRIP (Automotive Aftermarket) und FIT (Industrie). In seinen Halbjahreszahlen verkündete Schaeffler erste Erfolge durch die Maßnahmen. So hätten sich die in diesem Kontext initiierten Struktur- und Effizienzmaßnahmen positiv auf die Umsatzkosten ausgewirkt. Zudem wurden im 1. Halbjahr 2020 Maßnahmen ein- und fortgeführt, mit denen die finanziellen Effekte, die durch die Coronavirus-Pandemie ausgelöst sind, abgemildert werden. Dazu gehören temporäre Maßnahmen wie die Einführung und Ausweitung von Kurzarbeit, der Abbau von Urlaubstagen und Zeitkonten, Einstellungsstopps und Schließtage in den Werken. Bereits im ersten Quartal wurde das Programm von 1.300 auf 1.900 abzubauende Stellen ausgeweitet.

Weitere 4.400 Stellen gestrichen

Nun kündigte Schaeffler bis Ende 2022 einen Nettoabbau von rund 4.400 Stellen an zwölf Standorten in Deutschland und zwei weiteren in Europa an. Der Konzern erhofft sich dadurch Einsparpotenzial in Höhe von 250 bis 300 Millionen Euro pro Jahr, das 2023 zu 90 % realisiert sein soll. Dem gegenüber stehen Transformationsaufwendungen in Höhe von rund 700 Millionen Euro.

Schaeffler begründet den weiteren Stellenabbau damit, dass die momentane wirtschaftliche Lage neben temporären Maßnahmen zusätzliche strukturelle Maßnahmen zwingend erforderlich machten. Zwei Stoßrichtungen sind vorgesehen: den Abbau von strukturellen Überkapazitäten und die Konsolidierung von Standorten in Europa mit dem Schwerpunkt Deutschland sowie die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und den Ausbau von lokalen Kompetenzen an ausgewählten deutschen Standorten.

Der weltweit tätige Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler hatte bereits im Jahr 2018 angesichts der sich abzeichnenden technologischen und regulatorischen Veränderungen sowie geänderter Kundenanforderungen begonnen, seinen europäischen Werkeverbund anzupassen, die Organisation zu straffen und stärker auf die Bedürfnisse der Sparten auszurichten. Vor diesem Hintergrund wurde im November 2018 die Präsenz in Großbritannien um drei Standorte reduziert. Zudem wurde im Frühjahr 2019 in der Sparte Automotive OEM das Effizienzprogramm RACE etabliert, dem im Verlauf desselben Jahres die Spartenprogramme GRIP (Automotive Aftermarket) und FIT (Industrie) folgten. Im Rahmen von RACE wurden seitdem unter anderem die drei Automotive-Standorte Hamm, Unna und Kaltennordheim verkauft. Ferner wurde im September 2019 noch vor Ausbruch der Coronakrise ein zusätzliches Freiwilligenprogramm aufgelegt, das sich aktuell in der Umsetzung befindet.

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Die Maßnahmen im Überblick

Trotz einer Belebung der Nachfrage in allen drei Sparten und vier Regionen in den letzten Monaten bleibt laut Schaeffler die Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie und die daraus resultierende Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage hoch. Zudem deuten die Markt- und Umsatzerwartungen für den Zeithorizont bis 2025 auf eine langsame Erholung hin, was strukturelle Unterauslastungen der Produktionswerke zur Folge hat. Insbesondere der Automobilsektor, der sich bereits zuvor in einem Strukturwandel hin zur E-Mobilität befand, wird durch die Coronakrise hart getroffen. Die für das Jahr 2020 erwartete globale Produktion von Fahrzeugen liegt mit -20 % signifikant unter Vorjahr. Ein Erreichen des Vorkrisenniveaus wird frühestens 2024 erwartet. Aber auch die globale Industrieproduktion wird im Jahr 2020 mit schätzungsweise -8 bis -12 % deutlich rückläufig sein.

Betroffene Standorte im Überblick

Der Abbau von 4.400 Stellen betrifft alle drei Sparten, teilte das Unternehmen mit.

Vom Kapazitätsabbau und der Konsolidierung sind neben den Großstandorten Herzogenaurach, Bühl, Schweinfurt, Höchstadt und Homburg vor allem Standorte mit einem technologisch auslaufenden Produktportfolio oder kleinteiligen Werksstrukturen betroffen. Zu letzteren zählen die Produktionsstandorte Wuppertal, Luckenwalde und Eltmann, der Schaeffler-Engineering-Standort in Clausthal-Zellerfeld sowie die Aftermarket-Betriebsstätten Hamburg und Köln.

Eine Schließung des Standorts Wuppertal schließt Schaeffler nicht mehr aus, allerdings möchte das Unternehmen versuchen, im Zuge einer Teilverlagerung der Produktion so viele Arbeitsplätze wie möglich in Deutschland zu erhalten.

Für den Standort Luckenwalde ist eine Teilverlagerung von Aktivitäten geplant. Gleichzeitig wird aktiv nach alternativen Nutzungs- und Verkaufsmöglichkeiten gesucht.

Die Produktion am Standort Eltmann wird nach Schweinfurt verlagert. Der überwiegende Anteil der Arbeitsplätze soll damit in geographischer Nähe erhalten bleiben. Eltmann produziert im Wesentlichen für den Standort Schweinfurt.

Der Standort Clausthal-Zellerfeld wird geschlossen, sofern sich kurzfristig keine Verkaufsmöglichkeit ergibt.

Den Beschäftigten der Aftermarket-Betriebsstätten Hamburg und Köln wird angeboten, soweit möglich, künftig aus dem Home-Office heraus zu arbeiten.

Schaeffler möchte zudem die Verwaltungsbereiche der Zentralfunktionen und der Sparten reduzieren. Die betrifft vor allem die Standorte Herzogenaurach, Schweinfurt, Bühl sowie Homburg.

Technologie- und Produktionsstandorte werden ausgebaut

Einzelne Technologie- und Produktionsstandorte mit bestimmten Kompetenzen sollen zudem ausgebaut werden. Zu diesen Standorten zählen Herzogenaurach, Höchstadt, Bühl und Schweinfurt. Der Sitz der Sparte Automotive Aftermarket in Langen soll zudem durch Personaltransfers ausgebaut werden.

Am Hauptsitz Herzogenaurach soll unter anderem neben dem Aufbau eines Zentrallabors zukünftig das Kompetenzzentrum für Wasserstofftechnologie angesiedelt werden.

Höchstadt wird ein reiner Automobil-Standort. Hier soll ein Kompetenzzentrum für den Werkzeugbau entstehen, das die vorhandenen Kapazitäten aus Herzogenaurach übernimmt. Im Gegenzug werden die Aktivitäten der Sparte Industrie von Höchstadt nach Schweinfurt verlagert.

Den Standort in Bühl, Sitz der Sparte Automotive OEM, möchte Schaeffler als Kompetenzzentrum für E-Mobilität und die Serienfertigung von Elektromotoren ausgebauen. In diesem Zusammenhang werden zusätzlich 500 Stellen in Bühl entstehen, die in der ursprünglichen Planung zunächst für den Standort Szombathely in Ungarn vorgesehen waren. Der Aufbau des Werkes in Ungarn ist davon nicht betroffen.

Schweinfurt, Sitz der Sparte Industrie, soll durch die Bündelung der Wertschöpfung für die klassischen Lagerprodukte im mittleren- und großen Durchmesserbereich gestärkt werden. Weiter gestärkt wird auch die Hauptentwicklungsaktivität für Zukunftsfelder der Sparte Industrie, zum Beispiel der Bereich Robotik. Zudem wird ein Innovationszentrum für gruppenweite Industrie-4.0-Themen errichtet. Zusätzlich ist der Ausbau des Bereichs Aerospace-Spezialprodukte vorgesehen.

Das AKO-Logistik-Zentrum in Halle steht kurz vor der Inbetriebnahme. In Halle werden bei einem externen Dienstleister rund 600 Arbeitsplätze mit Tarifbindung geschaffen.

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