Nachgehakt bei Rainer Glatz

Meinrad Happacher,

Industrie 4.0: Der Kurs der Verbände

Die Bundesregierung hat das Thema Industrie 4.0 als ein wichtiges Zukunftsprojekt deklariert und eine Förderung von 200 Mio. Euro in Aussicht gestellt. Um das Thema weiterzutreiben, haben die Verbände BITKOM, VDMA und ZVEI nun verkündet, eine gemeinsame Geschäftsstelle für Industrie 4.0 einzurichten. Rainer Glatz, zukünftiger Leiter der Geschäftsstelle, erläutert die Motive und Hintergründe zu dieser neuen Einrichtung.

Rainer Glatz, Geschäftsführer FV Elektrische Automation und FV Software beim VDMA: "Es wäre fatal, sich jetzt in einem Kompetenzstreit zu verzetteln!"

© VDMA

Herr Glatz, die Verbände BITKOM, VDMA und ZVEI wollen eine gemeinsame Geschäftsstelle Industrie 4.0 einrichten. Woher rührt jetzt die Idee einer Geschäftsstelle für dieses Thema?

Im Rahmen der Forschungsunion haben Experten aus Industrie und Wirtschaft unter Leitung von acatech den Auftrag übernommen, Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 zu erarbeiten. Die im Oktober veröffentlichte Vorabversion umreißt den Forschungsbedarf und die Handlungsfelder für Industrie 4.0. Um auch nach Fertigstellung des Endberichts die Weiterführung des Zukunftsprojektes sicherzustellen, wurde seitens der Industrie eine stärkere Führungsrolle von Verbänden als Vermittler und Multiplikatoren angeregt. Hieraus ist das Konzept einer Plattform Industrie 4.0 mit einer von Verbänden finanzierten Geschäftsstelle entstanden.

Welche Strukturen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten bekommt die Geschäftsstelle?

Die geplante Plattform Industrie 4.0 besteht aus einem industriellen Lenkungskreis, einer verbandsübergreifenden Geschäftsstelle sowie mehreren Arbeitsgruppen, die spezifische Themenfelder zu Industrie 4.0 bearbeiten, wie etwa Standardisierung, rechtliche Rahmenbedingungen, Security oder was die Aus- und Weiterbildung betrifft. Die Geschäftsstelle, die mit hauptamtlichen Verbandsvertretern besetzt wird, soll in Abstimmung mit dem Lenkungskreis die relevanten Aktivitäten koordinieren, den breitenwirksamen Wissenstransfer sicherstellen und als zentrale Anlaufstelle für das Thema Industrie 4.0 fungieren.

Wie sieht Ihr zeitlicher Plan für die Etablierung der Geschäftsstelle aus?

Nachdem die Präsidien aller drei Verbände der Einrichtung einer Geschäftsstelle zugestimmt haben, sind wir momentan dabei, den Rahmen für die verbandsübergreifende Zusammenarbeit abzustecken und diesen dann mit dem einzurichtenden Lenkungskreis weiter mit Inhalt und Leben zu füllen. Die Zeit bis zur Hannover Messe, auf der die endgültigen Umsetzungsempfehlungen an die Bundesregierung übergeben werden, ist quasi die Anlaufphase für die Geschäftsstelle, die danach die Zuständigkeit für die industrielle Umsetzung und Weiterentwicklung von Industrie 4.0 übernimmt.

Werden noch weitere Verbände hinzustoßen?

Die aktive Beteiligung an der Geschäftsstelle, die mit der Einbringung von finanziellen und personellen Ressourcen verbunden ist, ist momentan auf die drei beteiligten Verbände begrenzt. Über die geplanten Arbeitsgruppen ist die Mitwirkung andere Verbände aber nicht nur möglich, sondern explizit erwünscht. Die momentan angedachten Strukturen sind nicht in Stein gemeißelt und können bedarfsorientiert an veränderte Interessenlagen oder Handlungsnotwendigkeiten angepasst werden. Der Erfolg der Plattform Industrie 4.0 wird sicherlich stark davon abhängen, dass die relevanten Stakeholder und Akteure im Umfeld von Industrie 4.0 aktiv eingebunden werden.

Drei Verbände – eine Geschäftsstelle: In der Vergangenheit rivalisierten die Verbände um bestimmte Themen. Woher die Motivation und die Überzeugung, dass eine Zusammenarbeit auf diesem Feld gelingen kann?

Bei Industrie 4.0 handelt es sich um ein interdisziplinäres und verbandsübergreifendes Zukunftsfeld, in dem technologisch und organisatorisch bisher bestehende Grenzen überwunden werden müssen. Vor diesem Hintergrund wäre es fatal, wenn sich die Verbände in einem Themen- und Kompetenzstreit verzetteln würden. Letzendlich wird es darum gehen, mit Industrie 4.0 die Wettbewerbsposition nicht nur einzelner Unternehmen oder Branchen, sondern der gesamten deutschen Industrie zu stärken. Deutschland ist stark in der Entwicklung und Anwendung von Produktions-, Automatisierungs- und eingebetteter Informationstechnik und hat damit ideale Voraussetzungen, eine weltweite Führungsrolle bei Industrie 4.0 einzunehmen. Diese Perspektive ist sicherlich das stärkste Motiv für die verbandsübergreifende Zusammenarbeit.

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