Industrial AI at SPS | VDMA
„Wir setzen uns mit dem Thema KI bereits seit 2015 intensiv auseinander“
Am Anfang der Auseinandersetzung des VDMA mit dem Thema Künstliche Intelligenz stand eine Zukunftsstudie mit Blick auf das Jahr 2030. Wie der VDMA das Potenzial von KI für die Industrie heute sieht, erläutert Guido Reimann, Koordinator des VDMA-Kompetenznetzwerkes KI sowie stellvertretender Geschäftsführer des VDMA Fachverbandes Software und Digitalisierung.
Welche Rolle spielt Industrial AI aktuell in der Automatisierung und digitalen Transformation von Maschinen und Anlagen?
In unserer Branche spielt KI eine immer größer werdende Rolle. Dabei standen in den letzten circa zwei Jahren meist generative KI-Lösungen im Fokus. Doch jetzt entwickeln sich auch allgemeine KI-Lösungen, die zum Beispiel auf Machine Learning-Ansätzen beruhen, immer weiter und holen auf.
In einer VDMA-Erhebung aus dem Frühjahr 2025, an der sich rund 200 Unternehmen aus unterschiedlichen Maschinenbaubranchen beteiligten, messen über 80 Prozent der Teilnehmenden der Technologie eine mittlere bis hohe Bedeutung zu und lediglich drei Prozent sehen keine Relevanz für das eigene Unternehmen. Diese Einschätzung spiegelt sich auch im aktuellen Einsatz und in der geplanten Einführung von KI-Lösungen in diesem Jahr wider. Mehr als 60 Prozent der Befragten nutzen bereits KI oder wollen diese noch bis Jahresende einführen.
Wo sehen Sie die größten Potenziale?
Das Potenzial ist tatsächlich oft sehr unterschiedlich, je nachdem, in welchem Produktsegment das jeweilige Unternehmen aktiv ist und wie sich Kundengruppen und Märkte darstellen. Zusätzlich ist auch die Akzeptanz der KI-Anwendung sowohl intern als auch bei den Kunden ein entscheidender Faktor.
Beim Einsatz von KI unterscheiden wir die Bereiche ‚KI in den Produkten‘ und ‚KI in den Prozessen‘. Im Produktumfeld sehen die Unternehmen hohe bis mittlere Relevanz bei der eigenen Softwareentwicklung – 80 Prozent – sowie bei der Umsetzung von Predictive Maintenance – 78 Prozent – und Condition Monitoring – 69 Prozent. Darüber hinaus spielen bei den Produkten auch die datenbasierte Betriebsoptimierung der Maschine, Bedienerassistenz-Systeme oder auch die Steuerung und Regelung von Maschinen und Anlagen eine Rolle.
Beim Blick auf die Relevanz in den Unternehmensprozessen stechen besonders vier Bereiche mit hoher bis mittlerer Bedeutung hervor: Softwareentwicklung, Marketing/Kommunikation, Kundendienst/Inbetriebnahme und Vertrieb. Dabei zeigt sich besonders im Vertrieb, dass es doch etwas länger braucht, bis KI-Lösungen auch tatsächlich zum Einsatz kommen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: KI birgt ein enormes Potenzial für die Industrie und kann, wenn es fokussiert zum Einsatz gelangt, einen deutlichen Effizienzschub für das gesamte Unternehmen bedeuten. Wichtig ist es daher, das Thema aufzugreifen und eigene Anwendungsfälle zu erproben.
Welche Herausforderungen hemmen die Verbreitung von KI in Unternehmen?
Die größten Herausforderungen sind bei den befragten Unternehmen zumeist unklarer Nutzen und offene rechtliche Fragen; es fehlen Personalressourcen, qualifiziertes Datenmaterial und die nötige Expertise. Aber auch fehlendes Vertrauen in die KI oder mangelnde Unterstützung des Managements in Bezug auf strategische Entscheidungen können eine zielgerichtete Nutzung von KI-Lösungen verzögern. Wichtig ist es daher, die Mitarbeitenden im Unternehmen in Entscheidungen einzubinden, Weiterbildung zu ermöglichen sowie seitens der Unternehmensführung die potenziellen Vorteile des KI-Einsatzes hervorzuheben und Raum zum Ausprobieren und systematischen Experimentieren zu geben. Gerade die beiden letzten Faktoren sind wesentlich, um Erfahrungen zu sammeln und den Umgang mit der Technologie zu erproben.
Wie unterstützt der VDMA seine Mitglieder konkret beim Einstieg in ‚Industrial AI‘?
Im VDMA setzen wir uns mit dem Thema Künstliche Intelligenz bereits seit 2015 intensiv auseinander. Am Anfang standen eine Zukunftsstudie mit Blick auf das Jahr 2030 und ein daraus resultierender ‚Quick-Guide‘. Wir wollten die Industrie schon frühzeitig für dieses Thema sensibilisieren. Mittlerweile gibt es zahlreiche Veröffentlichungen und Praxisbeispiele aus dem Maschinenbau wie auch von Automatisierungs - und Softwareunternehmen, die in der Branche aktiv sind. Das VDMA-Netzwerk arbeitet beständig daran, neue Erkenntnisse und Aspekte im gesamten Themenbereich aufzugreifen und in Form von Praxistagen, Web-Seminaren, Podcasts und Publikationen zur Verfügung zu stellen. Über 200 Teilnehmende sind bei unseren Online-Terminen keine Seltenheit; daran ist zu sehen, wie groß das Interesse und die Nachfrage ist. Wer mehr wissen möchte, kann sich informieren unter: www.vdma.org/kuenstliche-intelligenz.
Welche politischen Rahmenbedingungen sind notwendig, um KI im Maschinenbau voranzubringen?
Es lässt sich mit wenigen Worten sagen: Klare, einfache, einheitliche Regeln, Technologieoffenheit und vor allem Verlässlichkeit in Bezug auf die Regulierung im europäischen Binnenmarkt. Das würde den richtigen innovationsfreundlichen Rahmen für den Maschinen- und Anlagenbau und alle Beteiligten im Wertschöpfungsnetzwerk schaffen.
Leider haben die neuen Digitalgesetze wie Data Act, AI Act, Cyber Resilience Act – und es gäbe noch weitere zu nennen – für die Industrie in kürzester Zeit eine enorm komplexe Regulierungslandschaft geschaffen. Diese erzeugt aktuell große rechtliche Unsicherheiten bei den Unternehmen und lässt die eine oder andere Produktinnovation bereits im Keim ersticken.
Wie bewerten Sie den Einfluss des EU AI Acts auf die Industrie?
Der AI Act bildet den neuen gesetzlichen Rahmen für ein Technologiefeld, welches sich mittlerweile in sehr kurzen Zyklen verändert und neue Lösungen hervorbringt. Von daher ist der Einfluss noch nicht vollumfänglich abzusehen. Was sich aber heute schon abzeichnet: die Notwendigkeit der Risiko-Klassifizierung von KI-Lösungen, viele offene Fragen in Bezug auf die Umsetzung sowie Unklarheiten beim Zusammenwirken mit anderen Digital- und Produktverordnungen, die ebenfalls auf den AI Act oder KI-basierte Lösungen Bezug nehmen.
Hinzu kommen in einigen KI-Anwendungsbereichen auch noch fehlende Normen und Standards. In aktuellen Umfragen zeigt sich, dass sich rund die Hälfte der befragten Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau mit dem AI Act schon beschäftigt hat und bei rund 30 Prozent eine Relevanzvermutung für bestimmte Einsatzfälle in Verbindung mit den eigenen Produkten oder in Unternehmensprozessen besteht.
Wie positioniert sich der VDMA gegenüber regulatorischen Anforderungen im Bereich KI und Datenökosysteme?
Regulatorik ist notwendig, um einheitliche Regeln in einem Wirtschaftsraum wie der EU herbeizuführen und eine gewisse Rechts- und Planungssicherheit zu schaffen. Aber es muss mit Augenmaß geschehen und für die Unternehmen praktikabel sein. Sonst wird das Ganze zur Innovationsbremse.
Die allgemeinen bürokratischen Anforderungen und Berichtspflichten sind für die Unternehmen der Branche heute immens. Die Kosten dafür können unter Umständen sogar die durchschnittliche Bruttorendite eines Unternehmens übersteigen, wie kürzlich eine Studie der Impuls-Stiftung des VDMA aufgezeigt hat. Daher begrüßen wir als VDMA die aktuellen Bestrebungen der EU-Kommission, die bestehenden und in der Umsetzung befindlichen Rechtsakte in sogenannten Omnibus-Verfahren mit Blick auf Vereinfachung und Reduktion von Auflagen zu überprüfen. Denn um den Wirtschaftsstandort Europa wettbewerbsfähig zu halten, muss ein innovationsfreundliches Umfeld erhalten und der europäische Digital-Regulierungsrahmen industrietauglich gestaltet werden. Dies betrifft vor allem AI Act, Data Act und Cyber Resilience Act. Als VDMA befinden wir uns dazu im intensiven und konstruktiven Dialog mit der Politik.
Welche Förderprogramme oder Initiativen sollten Unternehmen stärker nutzen?
Grundsätzlich gilt es beim Thema KI, sich als Unternehmen ein Partnernetzwerk aufzubauen. Je breiter aufgestellt, desto besser. Dabei spielen Hochschulen und Forschungseinrichtungen genauso eine wichtige Rolle wie Startups und bereits kooperierende IT-Partner, Lieferanten und Kunden. Aber auch öffentliche Initiativen und Verbände wie zum Beispiel der VDMA sind für den Wissens- und Erfahrungsaustausch sowie zur Erweiterung des Netzwerkes hilfreich. Je nach Größe des Unternehmens sollten auch Förderprogramme in Betracht gezogen werden. Bereits seit mehreren Jahren gibt es beispielsweise die öffentlich geförderten ‚Mittelstand Digital Zentren‘, verteilt über das gesamte Bundesgebiet. Diese unterstützen KMU seit einiger Zeit auch mit KI-Trainern, um erste Erfahrungen mit der Technologie zu sammeln und Projekte umzusetzen. Zahlreiche Forschungseinrichtungen sowie bundes- und landesweite Forschungs- und Förderprogramme mit Digitalfokus bieten weitere Möglichkeiten, sich frühzeitig mit KI-Grundlagen und gemeinsam mit Partnern damit auseinanderzusetzen. In der Gemeinschaft entwickelt sich die notwendige Innovationskraft.
| SPS 2025 |
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Die ‚sps – smart production solutions‘ findet wieder auf ihrem traditionellen Termin Ende November statt: Vom 25. bis 27. November 2025 dreht sich in Nürnberg wieder alles um die aktuellen Trends der Automatisierungstechnik. Ein besonderer Fokus liegt in diesem Jahr auf 'Industrial AI'. Welche Strategien Aussteller in Bezug auf Künstliche Intelligenz verfolgen und welche Produkte und Lösungen sie auf der SPS zeigen werden, erfahren Sie in unserem Online-Spezial „Industrial AI at SPS“. Klicken Sie rein! |











