Ds Projekt Virtual Automation Networks

Günter Herkommer,

Das Engineering-Konzept

Die Verschmelzung von lokalen Netzen und Weitverkehrsnetzen zwischen geografisch verteilten Automatisierungsfunktionen über heterogene Netzwerke und die Nutzung von dedizierten Standard-IT-Technologien stellt neue Herausforderungen an das Engineering. Welches Konzept das Projekt „Virtual Automation Networks“ diesbezüglich verfolgt, beschreibt der vierte und letzte Teil der VAN-Serie.

Von Dr. Harry Hengster, Martin Hoffmann, Mathias Mühhause, Matthias Riedl

Das Paradigma des virtuellen Automatisierungsnetzwerkes, das dem VAN-Projekt zugrunde liegt, integriert sowohl öffentliche, private als auch industrielle Kommunikationstechnologien zu einem einzigen skalierbaren System mit einer im Idealfall garantierten Dienstgüte (Quality of Service – QoS). Das dahinter stehende Konzept ermöglicht eine sichere, zuverlässige und echtzeitfähige Ende-zu-Ende-Kommunikation für räumlich verteilte Automatisierungsfunktionen, ähnlich den in der Bürowelt bekannten virtuellen privaten Netzwerken (Virtual Private Networks – VPN). Die Anwendung neuer Kommunikationstechnologien in derart verteilten Steuerungssystemen zwingt das klassische Engineering zu alternativen Ansätzen, um weiterhin effizient zu sein. Daher gilt es, den Engineering-Lebenszyklus den zusätzlichen Anforderungen in Form von erweiterten methodischen Ansätzen und Anwendungen anzupassen.

Zum Planen, Umsetzen und Betreiben von Automatisierungsnetzwerken gibt es eine Vielzahl von Engineering-Werkzeugen. Ausgangspunkt für die Entwicklung des benötigten Engineerings im Rahmen des VAN-Projektes ist daher zunächst die Klassifizierung hinsichtlich ...

  • Funktionalität (Parametrierung, Programmierung).
  • Lebenszyklusphase (Modellierung, Planung, Konfiguration, Inbetriebnahme, Betrieb und Wartung).
  • Gerätetyp (SPS, Remote-IO, Drives, Transmitter, HMI und Netzwerkkomponenten).

Diese Klassifizierung hilft, eine strukturierte Übersicht über die existierenden Engineering-Werkzeuge zu bekommen. Ein typisches VAN-System, das aus einer oder mehreren VAN-Domänen besteht, kann sowohl aus Industrie- als auch aus Büronetzwerken bestehen. Wie im ersten Teil der Serie beschrieben,  dient eine VAN-Domäne dazu, lokale industrielle Automatisierungsprojekte zu einem komplexen verteilten Projekt zu verschmelzen, um eine Gesamtaufgabe zu erfüllen.

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Die Phasen des Engineerings

Die Verbindungen zwischen den Netzwerksegmenten sind sowohl über industrielle, als auch über öffentliche kabelgebundene oder kabellose Kommunikationsnetzwerke realisierbar. Dies bedeutet für das Engineering, dass die Anwendungen und die Kommunikationskonfiguration für jedes individuelle Netzwerksegment (industriell, Büro, privat und öffentlich) „engineered“ werden müssen. Weitere Aufgabe des VAN-Engineerings ist es, sämtliche Verknüpfungen zu einer Gesamtanwendung mit all ihren Anforderungen zu realisieren.

Ein modernes Engineering für vernetzte Systeme ist charakterisiert durch eine Phaseneinteilung bestehend aus Modellierung, Planung, Konfiguration, Inbetriebnahme, Instandhaltung und Produktion. Die ersten beiden Phasen definieren die funktionalen Aspekte sowie die Anforderungen des geplanten Anwendungsfalls und die dafür benötigten Technologien. Die übrigen Phasen dienen der Implementierung und dem Erstellen des Systems. Beide Aspekte (Funktionsentwurf und Implementierung) müssen miteinander verknüpft werden, um eine lauffähige und den Anforderungen gerecht werdende Automatisierungsfunktion zu bekommen. Zusätzlich muss das Engineering Anwenderforderungen berücksichtigen, die im gesamten, geografisch verteilten VAN-System zu gewährleisten sind.

Um die Durchgängigkeit des Informationsflusses durch alle Phasen zu erreichen, wurde innerhalb des VAN-Projektes ein Informationsmodell definiert. Dieses beschreibt die Struktur für alle Informationen, die für den vollständigen Systementwurf inklusive der Definition der QoS-Parameter für die Kommunikationsbeziehungen innerhalb eines VAN-Systems nötig sind. Die für das Engineering eines konkreten VAN-Systems relevanten Daten werden in einem Instanzmodell verwaltet, das heißt in einer Instanz des Informationsmodells für das konkrete VAN-System. Die Verwendung dieser Information obliegt den Engineering-Werkzeugen, die innerhalb des VANForschungsprojektes in zwei Arten eingeteilt wurden:

  • VAN-Engineering-Client für ein Automatisierungssystem (VAN-ECS), der das gesamte Automatisierungssystem abbildet.
  • VAN-Engineering-Client für ein Automatisierungsgerät (VAN-ECD), der für die Konfiguration und Inbetriebnahme einzelner VAN-Geräte verwendet wird.

Die Modellierung

Der erste Schritt eines Engineering-Prozesses besteht darin, alle anwenderspezifischen Anforderungen zu erfassen. Ein formales Modell mit all diesen Anforderungen ist eine solide Grundlage für die Spezifikation während der Planungsphase. Das VAN-Engineering verwendet UML zur formalisierten Beschreibung des VAN-Informationsmodells, das Grundlage für die Arbeit der Werkzeuge ist und drei Sichten zur Verfügung stellt:

  • die topologische Sicht auf die Konfiguration von VAN-Geräten oder Geräte-Gruppen. Dies können sowohl Infrastrukturkomponenten wie ein VAN-Access-Point sein, als auch automatisierungsspezifische Komponenten wie das VAN-Automation-Device.
  • die funktionale Sicht auf die formale Repräsentation der Ergebnisse aus der Modellierungs- und Planungsphase. s die Netzwerksicht auf den Zusammenhang zwischen den VAN-Domänen und spezifischen VAN-Geräten.

Topologische und funktionale Sicht sind in heutigen Werkzeugen übliche Repräsentationsformen. Die Netzwerksicht ist zusätzlich notwendig, weil Übergänge zwischen verschiedenen Kommunikationssystemtypen – zum Beispiel zwischen Feldbus und öffentlichem Netzwerk – verwaltet werden müssen. Die funktionale Sicht eines VAN-Systems teilt das System in einzelne Funktionskomponenten auf (ähnlich Funktionsbausteinen) und beschreibt deren Interaktionen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Datenaustausch und der Datenübertragung zwischen den Funktionskomponenten. Dies ermöglicht eine Trennung des funktionalen Entwurfs von der gerätetechnischen Umsetzung.

Die Planung

Die Planungsphase nutzt die in der Modellierungsphase bereitgestellte Information, um die geeigneten Geräte und Netzwerktechnologien für das Automatisierungssystem auszuwählen. Die Auswahl basiert auf funktionalen und nicht-funktionalen Anforderungen sowie den verfügbaren Geräten mit ihrer jeweiligen Charakteristik. Zusätzlich zur Auswahl werden im gleichen Prozessschritt die Netzwerktopologie und die hierarchische Struktur der VAN-Domänen und ihrer Sub-Domänen definiert. Die Planungsphase in einem VAN-Projekt beruht auf der strikten Trennung zwischen funktionalem Entwurf und der Geräte-Implementierung; dies erlaubt eine Top-Down-Vorgehensweise.

Die Konfiguration

Dekomposition eines VAN-Projektes in verschiedene Objekte des Instanzmodells und Aufteilung in verschiedene Sichten.

In der Konfigurationsphase werden die Netzwerkeinstellungen vervollständigt und die eingesetzten Geräte konfiguriert. Die verwendeten Engineering-Werkzeuge können die Geräte im Offline-Modus konfigurieren, basierend auf der mitgelieferten Gerätebeschreibung. Für die Parametrierung und den Download der Konfiguration und der Programme ist entweder eine direkte Verbindung zum Gerät oder eine Verbindung über das Netzwerk erforderlich. Nach erfolgreicher Konfiguration aller Geräte ist es Aufgabe des Engineering-Werkzeuges, die projektspezifischen Daten in die Projektdatenbank oder -repository zu speichern. Die Ablage dieser Daten muss nicht zwingend in einer zentralen Datenhaltung erfolgen; je nach benutztem Werkzeug lassen sie sich auch lokal speichern.

Die Inbetriebnahme

Zur Einrichtung eines vollständigen VAN-Systems werden in dieser Phase alle vorkonfigurierten und vorgruppierten Geräte und Teilsysteme schrittweise integriert. Die Nutzung der Engineering-Werkzeuge, die eine Verbindung zum entsprechenden Automatisierungssystem aufbauen müssen, geschieht nun im Online-Modus. Für jede Kombination von Geräten und Teilsystemen sind spezifische Konfigurationsparameter notwendig.

Betrieb und Instandhaltung

Der Engineering-Workflow zeigt die Beziehungen zwischen den Phasen des Engineering-Prozesses sowie den jeweils benötigten Daten.

Während des Produktionsprozesses kommen die Engineering-Werkzeuge vor allem für Diagnosezwecke zum Einsatz und im geplanten Wartungsintervall beispielsweise für Rekalibrierungszwecke. Darüber hinaus sind die bei Bedarf notwendigen Datenzugriffe auf die Geräte, die Protokollierung der Aktivitäten der Anlagenfahrer und die eventuell notwendigen Anpassungen der Konfigurationseinstellungen zu gewährleisten.

Das VAN-Informationsmodell

Ein VAN-spezifisches Engineering-Werkzeug hat die Phasen der Modellierung und Planung eines Automatisierungssystems – hierzu gehört auch die Identifizierung von VAN-Domänen – genauso zu beherrschen wie die Phasen der Konfiguration und Parametrierung vonAutomatisierungskom ponenten. Dabei müssen die Werkzeuge kommunikationsbezogene Managementfunktionen an den VAN-Geräten ausführen. Dafür gilt es vom VAN-Gerät entsprechende Managementdienste bereit zu halten. Die vom VAN-Forschungsprojekt definierte Gerätearchitektur stellt für diesen Zweck eine Anzahl im ISO/OSI-Referenzmodell standardisierte „Application Service Elements“ (ASE) zur Verfügung, deren Konfigurierungsparameter unter Benutzung von Web-Services einstellbar sind.

Web-Services sind ein vom Betriebssystem und Kommunikationssystem unabhängiges Mittel, um Engineering-Werkzeuge mit den einzelnen Geräten zu verbinden. Daten, die im Ergebnis der einzelnen Engineering-Schritte vorliegen, bilden die Projektinformationen, welche in die VANGeräte geschrieben und auch von dort gelesen werden. Planungsergebnisse und Datenstruktur der Managementfunktionen der VAN-Geräte müssen deshalb eineindeutig aufeinander abbildbar sein. Aus diesem Grund müssen die Informationen der Struktur der VAN-Architektur entsprechen.

Das UML-basierte VAN-Instanzmodell repräsentiert alle Informationen für ein einzelnes Projekt. Ein VAN-Projekt ist eine logische Instanziierung einer Auswahl von VAN-Geräten in einem VAN-System. Zusätzlich enthält es auch die Anwendungsfunktionalität. Alle definierten Klassen innerhalb des Informationsmodells korrespondieren entweder mit einer definierten Funktionalität der Systemarchitektur oder mit den spezifizierten Definitionen des VAN-Kommunikationsprotokolls.

Die wichtigsten Klassen der einzelnen Sichten des Instanzmodells.

Die Entscheidung UML zu nutzen, gründet auf der weltweiten Akzeptanz der „Unified Modeling Language“ als standardisierte und formalisierte Sprache, die dadurch auch von vielen Herstellern von Engineering-Werkzeugen unterstützt wird. Der Datenaustausch zwischen UML-Werkzeugen verschiedener Hersteller basiert auf dem standardisierten XMI-Format. XMI ist eine XML-basierte Schema-Definition, die von den wichtigsten am Markt befindlichen Werkzeugen unterstützt wird.

Die oberste Schicht des Informationsmodells teilt das Gesamtmodell in die verschiedenen Sichten, die bereits bei der Beschreibung der Modellierungsphase des Engineering-Prozesses eingeführt wurden. Diese Sichten ermöglichen es Nutzern, dem Projekt in verschiedenen Phasen des Engineerings gezielt Information hinzuzufügen oder abzufragen. Alle Klassen des Modells sind von der VAN-Object-Klasse abgeleitet, die die grundlegenden Attribute eines Projektes bereitstellt wie einen UUID (Universal Unique Identifier) für die Identifizierung der einzelnen Objekte. Die VAN-Project-Klasse aggregiert den kompletten Informationssatz aller Sichten zu einem zentralen Projekt. Dazu hat diese Klasse Beziehungen zu den „Eltern“-Klassen aller drei Sichten (FunctionComponent, VAN-DeviceBase und VAN-Domain). Diese Sichten strukturieren das Informationsmodell in Rollen, die dem Nutzer durch das Engineering-Werkzeug bereitgestellt werden.

Die Beziehungen zwischen den Eltern-Klassen und den verschiedenen Sichten sind in UML als Assoziationen definiert, die während des Engineering-Prozesses instanziiert werden. Dadurch wird definiert:

  • welche Funktionalitäten in welchem VAN-Gerät implementiert werden,
  • welches VAN-Gerät welchem Segment zugeordnet wird,
  • welches Segment welcher Domäne oder Sub-Domäne zugeteilt wird.

Die Lösungsansätze

Um dem Anwender später größtmögliche Freiheitsgrade bei der Auswahl der Werkzeuge zu lassen, verfolgt das VAN-Forschungsprojekt zwei parallel verlaufende Ansätze.

Der erste Ansatz sieht ein autonomes, speziell für das VAN-Engineering erstelltes Werkzeug vor, das die Durchgängigkeit der Engineering-Informationen garantiert und unabhängig von am Markt befindlichen Werkzeugen ist. Der zweite Ansatz gilt der Erweiterung vorhandener Werkzeuge um VAN-Funktionalitäten und ist darauf ausgerichtet, bereits standardisierte Technologien und Schnittstellen wie FDT/DTM und TCI zu nutzen.

Das „Tool Calling Interface“ (TCI) erlaubt dem Benutzer aus einem geöffneten Werkzeug heraus ein anderes Werkzeug zu starten und dabei die benötigten Parameter zu übergeben. Diese Methode ermöglicht die Kopplung jedes beliebigen, herstellerspezifischen Werkzeuges – vorausgesetzt das TCI-Interface wird unterstützt – mit einem VAN-spezifischen Engineering-Werkzeug, um die für VAN nötigen Gerätekonfigurationen vorzunehmen.

Entwickelt werden zudem ein VAN-Device-DTM und ein VAN-Communication-DTM, die der FDT/DTM-Spezifikation entsprechen, und sich somit problemlos in alle Herstellerwerkzeuge einbinden lassen, die diesen Standard unterstützen. Diese DTMs werden vom FDT-konformen Werkzeug verwendet, um die Kommunikation zum VAN-Gerät zu gewährleisten und die nötigen Gerätekonfigurationen vorzunehmen.

Ein mit dem Engineering eng verbundener Schwerpunkt des Forschungsprojektes war zudem die Spezifikation einer VAN-Gerätebeschreibung. Die sogenannte VAN-DD enthält nur die neuen Fähigkeiten der VAN-Geräte und referenziert für existierende Automatisierungsfunktionen und Kommunikationscharakteristika auf bereits formulierte und im Feld eingesetzte Gerätebeschreibungen, zum Beispiel auf die GSD-Datei für ein Profinet-Gerät.

Nicht zuletzt berücksichtigt das VAN-Engineering den Aspekt der Spezifaktion gerätespezifischer Merkmale. Hierzu werden die im ISO/OSI-Referenzmodell definierten ASEs genutzt. In den ASEs sind die VAN-spezifischen Dienstprimitiven und Attribute etwa für Echtzeit, Routing, Safety oder Security festgelegt. Für die Zuordnungen von ASEs zu Geräten sind Geräte- und dazu erweiternd Konformitätsklassen definiert. Die VANDD spezifische Implementierung der ASEs erfolgt auf Basis von XML.

Autoren

Dr. Harry Hengster arbeitet bei Schneider Electric in Seligenstadt.

 

Martin Hoffmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

 

Mathias Mühhause ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

 

Matthias Riedl leitet am Institut für Automation und Kommunikation (ifak) den Bereich Informationsmanagement für Umwelt & Automation.

 

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