E-Mechanik & Interfaces (News)
Auf dem Sprung
Bislang stieß Power over Ethernet (PoE) in der Industrie aufgrund der geringen Ausgangsleistung von 15W auf wenig Interesse. Dies könnte sich mit der für Ende 2008 geplanten Verabschiedung des Standards IEEE802.3at (PoE+) ändern.
Von Diarmuid Cullinan, Stephan Steinke
Der neue PoE-Standard verspricht eine Verdoppelung der Ausgangsleistung auf 30 W je PoE-Port. Dies eröffnet im Gefolge der kontinuierlichen Ausbreitung von Industrial Ethernet in den Werkshallen neue Anwendungsmöglichkeiten, wobei vor allem solche Anwendungen erfolgreich sein werden, die die Vorteile von Gigabit Ethernet (1000Base-T) und Power over Ethernet kombinieren können. Hierbei werden alle vier Kabelpaare eines Ethernet-Kabels zur Datenübertragung genutzt, zwei davon zusätzlich für die Energieversorgung mit bis zu 30 W. Und für die Zukunft ist aus technischer Sicht nicht auszuschließen, das PoE+ optional von einer derzeitigen Zwei-Paar-30-Wauf eine Vier-Paar-60-W-Lösung erweitert werden kann.
Das Pover-over-Ethernet-Prinzip eines 1000Base-T-Systems: Die PoE-Control-Schaltung des energieversorgenden Gerätes (PSE) kontrolliert über zwei der vier Datenpaare das Ethernet-Kabel und das angeschlossene Endgerät. Bei Bedarf und Zulässigkeit speist es den PoE-Strom direkt über die netzwerkseitigen Mittelanzapfungen der Ethernet-Übertrager ein. Das PoE-fähige Endgerät (PD) gibt sich durch eine typische Signatur-Impedanz zwischen den PoE-Leitungspaaren zu erkennen.
Der PoE-Standard IEEE802.3af unterscheidet zwischen energieversorgenden Geräten (Power Sourcing Equipment, PSE) sowie PoE-fähigen Endgeräten (Powered Devices, PD). Das PSE wird typischerweise in Form eines Ethernet- Switches mit integrierter PoE-Funktionalität realisiert. Die PoE-Funktionalität umfasst zunächst standardisierte Funktionen wie das Erkennen der PoE-fähigen Endgeräte anhand ihres Signatur-Widerstandes, das Klassifizieren der Geräte nach Leistungsbedarf, das Zuschalten der Energieversorgung nach erfolgreicher Klassifizierung und das permanente Überwachen der Ausgänge, um bei Bedarf die Spannung schnell abschalten zu können. Idealerweise wird ein PSE mit einer zentralen, unterbrechungsfreien Stromversorgung kombiniert. Noch sicherer wird die Energieversorgung durch PoE mit einem erweiterten Power-Management, das beispielsweise eine priorisierte Versorgung von sicherheitskritischen Endgeräten ermöglicht und eine effiziente Nutzung der zur Verfügung stehenden Leistung garantiert.
Was ändert sich mit PoE+?
Der künftige PoE+-Standard IEEE802.3at wird grundsätzlich rückwärtskompatibel zum aktuellen Standard 802.3af sein. Dies erfordert, dass ein 802.3at-PSE erkennt, ob ein Endgerät nach 802.3at oder nach 802.3af angeschlossen ist. Umgekehrt muss auch ein Endgerät nach 802.3at in der Lage sein, zu erkennen, ob es von einem PSE nach dem neuen Standard nahezu 30 W erwarten kann oder nur knapp 13W (am Leitungsende). Dafür dient im neuen Standard ein zweiter Klassifizierungspuls: Endgeräte der zukünftigen Generation können darauf mit der bisher reservierten Klassifizierung Class-4 reagieren.
Mit dem neuen Standard einher geht eine Erhöhung der minimalen Ausgangsspannung: Für 802.3at-PSEs steigt sie auf 50 V; bisher waren 48 V typisch. Die Obergrenze liegt weiterhin bei 57 V. Der maximale Strom ist auf 600 mA festgelegt.
Da jedoch die begrenzte Stromtragfähigkeit der Ethernet-Kabel die Leistungserhöhung limitiert und auch die Erwärmung gebündelter Kabel unter Umständen kritische Werte erreichen kann, erfordert der neue Standard mindestens CAT5e-Kabel. Sie weisen einen geringeren Leitungswiderstand auf als die bisher ebenfalls zugelassenen CAT3- Kabel.
Die PoE-Integration
Auf den ersten Blick sieht die Erweiterung eines bewährten Ethernet-Switch- Designs um die PoE-Funktionalität unkompliziert aus: Diverse Hersteller bieten Controller-Bauelemente, die die Basisfunktionen bereitstellen, und auch Beispielschaltungen sind bekannt. Die Herausforderungen liegen im Detail: So verwendet ein Ethernet-Switch typischerweise Übertrager, die in geschirmte RJ45- Steckverbinder integriert sind, um sich vor Störungen aus dem äußeren Netzwerk zu schützen und um die hohen EMV-Anforderungen zu erfüllen. Die Übertrager realisieren die galvanische Entkopplung und die Hochspannungsisolierung, sie schützen vor ESD- und EFT-Ereignissen und sorgen für eine Gleichtakt-Störunterdrückung.
Blockdiagramm eines vollständig geschirmten Steckverbindermoduls mit PoE-PSE Funktionalität: Die gesamte PoE-Control-Schaltung ist im Modul von der externen Schaltung des Ethernet-Switches geschirmt und hochspannungsisoliert. Die Kommunikation zwischen PoE-Schaltung und dem externen Host erfolgt über einen isolierten I
Power over Ethernet für Gigabit- Ethernet erfordert es aber, dass der Strom über die Mittelanzapfung der Übertrager symmetrisch in die beiden Leiter eines Datenpaares eingespeist wird. Damit ist die gesamte PoE-Steuerungsschaltung direkt mit dem äußeren Netzwerk verbunden. Die PoE-Schaltung ist folglich besonders anfällig und muss durch geeignete Maßnahmen geschützt werden. Zudem besteht das Risiko, dass so – an den Übertragern und Filtern vorbei – Störimpulse aus dem Netzwerk auf das System koppeln.
Auch an die Übertrager selbst werden durch PoE+ deutlich höhere Anforderungen gestellt. Somit ist eine sorgfältige Auswahl nötig: Unsymmetrien der Verkabelung können durch die bei PoE+ deutlich höheren Ströme auch kritisch hohe Sättigungsströme in den Übertragern verursachen. Speziell für Industrial Ethernet kommt noch der Einfluss der höheren zulässigen Umgebungstemperaturen hinzu, mit in der Folge deutlich eingeschränkter Übertragungseigenschaften.
Bauform eines vollständig geschirmten Steckverbindermoduls mit PoE-PSE Funktionalität: Die gesamte PoE-Control-Schaltung ist im Modul von der externen Schaltung des Ethernet-Switches geschirmt und hochspannungsisoliert. Die Kommunikation zwischen PoE-Schaltung und dem externen Host erfolgt über einen isolierten I
Grundsätzlich gibt es drei unterschiedliche Strategien, PoE-Funktionalität in einen Ethernet-Switch zu integrieren:
- Die Schaltung der PoE-Steuerung, die komplett aus diskreten Bauteilen besteht, befindet sich auf der Leiterplatte des Ethernet-Switches. Als Steckverbinder kommen RJ45-Buchsen mit vorzugsweise integrierten, PoE-fähigen Ethernet-Übertragern („PoE-Enabled“) zum Einsatz.
- Die Schaltung der PoE-Steuerung befindet sich auf einer Steckkarte mit DIMM-ähnlicher Bauform, ebenfalls kombiniert mit PoE-fähigen RJ45-Steckverbindern.
- Die gesamte PoE-Schaltung ist gemeinsam mit den Ethernet-Übertragern in einem komplett geschirmten RJ45-Steckverbinder- Modul integriert (PoE-ICM).
Die erste Variante sieht zunächst kostengünstig aus, erfordert aber einen recht hohen Entwicklungsaufwand. Die bereits beschriebene Problematik der fehlenden Isolation zwischen Netzwerk und PoE-Schaltung macht sich bei dieser Variante besonders stark bemerkbar und birgt ein hohes Risiko. Die wegen fehlender Hochspannungstrennung erforderlichen höheren Isolationsabstände erschweren zudem ein sauberes Routen der Datenleitungen von den PHYs zu den einzelnen Ethernet- Ports.
Die Steckkarten-Variante bietet den Vorteil, eine fertig entwickelte Schaltung einsetzen zu können. Auch hier besteht aber das Risiko, durch die fehlende Isolation und Schirmung der PoE-Schaltung vom äußeren Netzwerk Störungen einzukoppeln. Zudem erschwert diese Variante das gerade Routen der Datenleitungen. Darüber hinaus schränken Patentansprüche die Auswahl an PoE-Controllern in Kombination mit dieser Variante stark ein.
Am vorteilhaftesten stellt sich die dritte Variante dar, das vollständig geschirmte Steckverbindermodul mit integrierter PoE-Funktionalität: Die integrierten Ethernet- Übertrager mit ihren Filtereigenschaften sind auf Anwendung und Design abgestimmt. Aufgrund der dreidimensionalen, kompakten Bauform und hohen Integrationsdichte ist der Platzbedarf deutlich geringer als bei den beiden anderen Varianten. Und da weniger Pins als bei einem „PoE-Enabled“-RJ45-Steckverbinder vorhanden sind, vereinfacht sich das Routen der Datenleitungen. Zudem ermöglicht diese Variante eine klare Abschirmung und Isolation der PoE-Schaltung sowie der Netzwerk-Verkabelung vom Switch-System. Die Kommunikation des Systems mit den integrierten PoE-Controller-Bauelementen erfolgt beispielsweise über einen intern optoisolierten I²C-Bus. Auch ein Schutz der PoE-Schaltung ist bereits integriert.
Ein Anbieter solcher PoE-ICMs ist Molex. Als eines der Gründungsmitglieder des „PoE Technology Consortium“ (PoETec, www.0baset.org) treibt das Unternehmen die Standardisierung von PoE-ICMs, Kommunikationsprotokollen, den mechanischen Abmessungen sowie von thermischer Leistungsfähigkeit und Integrationsleveln aktiv voran. Bislang gibt es PoE-Lösungen, die 2×4- und 2×6-Port-Konfigurationen bieten und IEEE802.3af und PoETec V1.0. konform sind. Parallel zur Freigabe von PoE+ (IEEE802.3at) wird Molex ein vollintegriertes, 1000Base-T PoE+-ICM nach den Anforderungen von POETec. V2.0 auf den Markt bringen. Dieses PoE+- ICM wird zunächst mit einer 2×6-Port-Konfiguration angeboten und kann 30 W an allen zwölf RJ45-Ports gleichzeitig zur Verfügung stellen.
Autor
Diarmuid Cullinan ist Product-Manager in der Molex Automation & Electrical Products Division, Irland.
Stephan Steinke ist Principal-Engineer bei der Molex Automation & Electrical Products Division in Bretten, Deutschland.













