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Artikel und Hintergründe zum Thema

Smart Mobility

Nader Halmuschi | Lukas Dehling,

Smartphones & Co. in Ex-Zonen

Gerade in explosionsgefährdeten Bereichen sind mobile Endgeräte bis dato wenig ­verbreitet – aufgrund fehlender Hardware. Dank neuer ATEX-zertifizierter Lösungen ziehen Smartphone und Co. jetzt auch in den Ex-Bereich ein.

© Bartec

Der Blick durch den Zaun des Firmengeländes erinnert an Science-Fiction: Der Mann im blauen Overall blickt auf ein flaches Display auf seinem Arm, am Helm trägt er eine Helmkamera. Mit der folgenden Kopfbewegung wandert ein roter Lichtpunkt über das komplexe System aus Leitungen und Ventilen bis zu einem bestimmten Punkt der Anlage. Über sein Bluetooth-Headset bespricht sich der mobile Arbeiter mit einem Kollegen. Er betätigt einen Knopf an der Helmkamera, blickt auf das Display am Arm und geht weiter. Zum nächsten Prüfpunkt.

Was heute noch futuristisch anmutet, könnte schon bald zur Standardausrüstung in der Prozessindustrie gehören, meint Dr. Soenke Moehr, Director Global Sales, Marketing & Communication bei Puralube Germany – zumindest in der Spezialchemie oder der Mineralöl-Industrie mit ihren High-Tech-Produkten, wie etwa den hochwertigen und nachhaltigen Basisöl­spezialitäten, die hier im Industriepark Zeitz nach dem hoch innovativen und exklusiven UOP-Hylube-Verfahren aus Gebraucht-Öl entstehen. Dass die Marktanforderungen immer höher, die Spezifikationen aber immer enger werden, erklärt Soenke Moehr an einem Beispiel: „Leichtlauföle für PKWs werden immer dünnflüssiger, dürfen aber unter keinen Umständen die für den Motor lebenswichtige Schmierfunktion verlieren. Um Versprechen wie diese gegenüber dem Endkunden einzulösen, müssen die Produktionsprozesse nicht nur lückenlos dokumentiert, sondern auch noch engmaschiger kontrolliert werden.“

Auch die Prüf- und Inspektionsin­tervalle verkürzen sich in Folge dieser ­Entwicklung – am Ende davon steht ein CpK-Wert (Prozessfähigkeitsindex) von nahezu 100 %. Realistisch ist dies aber nur, wenn die Mitarbeiter vor Ort jederzeit online mit den Prozessen verbunden sind und Abweichungen sofort erkennen können. Ausgehend von einem extrem hohen Automatisierungsgrad möchte das Unternehmen mit Hilfe moderner Mobility-Lösungen bald auch noch die letzte Lücke in Richtung Echtzeit-Zugriff auf die Prozessdaten schließen.

Will künftig ein Operator in der Raffinerie die aktuelle Situation eines Glockenbodens abfragen – das ist eine Stufe innerhalb eines Destillationsturms zur Trennung eines flüssigen Gemisches –, muss er nicht erst telefonieren. Er kann das direkt von der betreffenden Kolonne (verfahrenstechnischer Apparat in Form von hohen, schlanken Säulen) aus tun. Ein Blick aufs Display genügt. Zeigt die Ampel grün, ist alles in Ordnung.

 

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Mobile Enterprise

Um Prozessinformationen mobil verfügbar zu machen, und damit auch die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens nachhaltig weiter zu steigern, beschreitet Puralube im Rahmen einer Modernisierung den Weg zur ‚Mobile Enter­prise‘ – einem Unternehmen, das Geschäftsprozesse ergänzend oder ausschließlich über mobile Endgeräte abbildet. Zur Umsetzung des Projektes entschied sich das Unternehmen für das Unternehmen Bartec – aufgrund der Erfahrung in Sachen Enterprise Mobility und im Explosionsschutz. Dessen Ex-geschütztes Lösungsportfolio reicht vom Tablet-PC-System über das Smartphone und die WLAN-Helmkamera bis hin zum Geräte-übergreifenden Mobile-Device-Management (MDM) mit passenden Cloud-Services.

Eigensichere Smartphones

Alle Teillösungen der ‚Bartec goes mobile‘-Strategie wurden direkt aus der Praxis heraus entwickelt. So ging beispielsweise das nach ATEX und IECEx (Zonen 1 und 2) zertifizierte Smartphone ‚Impact X‘ aus einer engen Zusammenarbeit mit Shell hervor. Für den Einsatz in der Mineralöl-Industrie besitzt das Gerät ein durch ein 2 mm starkes Gorilla-Glas geschütztes Touchdisplay, das sich sowohl bei starkem Regen, als auch bei direkter Sonneneinstrahlung und selbst mit dicken Sicherheitshandschuhen bedienen lässt. Darüber hinaus bringt das Smartphone drei Kameras für Aufnahmen aus unterschiedlichen Per­spektiven und eine im Vergleich zu Consumer-Geräten doppelte Akkukapazität (2800 mAh) mit. Für Arbeiten in ex­plosionsgefährdeten Bereichen werden häufig beide Hände benötigt. Deshalb haben die Entwickler Zubehör entwickelt, mit dem sich das Smartphone am Handgelenk befestigen lässt.

Im Unterschied zu klassischen Mo­bile Computern eröffnen die Android-basierten Smartphones ein erweitertes Anwendungsspektrum durch Zusatzdienste, die von Mobilitäts-, Inspektions- und Wartungs-Apps bis hin zu ERP-Lösungen, Sicherheitssystemen oder Kommunikationstools reichen.

 

Mobiles Büro im Ex-Bereich

Spezielle Tablet-PCs wie der Agile X von Bartec bringen das Büro in den Ex-Bereich. Zur mobilen ­Datenerfassung stehen ein integrierter Barcode-Scanner und optionale Sensoren zur Auswahl, beispiels­weise RFID-Reader.

© Bartec

Wollen Techniker und Ingenieure ihr Büro sicher in den Ex-Bereich ­bringen, gelingt das – wahlweise per WLAN oder mobilem Datenfunk – mit dem für ATEX Zone 2 und UL Class 1 Div 2 zertifizierten Tablet-PC-System ‚Agile X‘. Zudem eignet sich das 10,1-Zoll-LED zur Visualisierung von Anlagenplänen. Für die mobile Datenerfassung ist das Agile X mit einem integrierten Barcode-Scanner ­ausgerüstet, um beispielsweise eine Anlage zu identifizieren und damit auch herauszufinden, wo genau sich aktuell ein Mitarbeiter befindet. Optional stehen weitere Sensoren zur Auswahl, beispielsweise ein RFID-Reader, der über eine rückseitige Schnittstelle anzuschließen ist.

Im Rahmen seiner Enterprise-Mobility-Strategie beabsichtigt Puralube auf diese Weise, auch den letzten papierbehafteten Prozess in der Raffinerie – und zwar die Wareneingangs- und -ausgangskontrolle – digital abzubilden. Von der durchgängigen Konsistenz ohne Medienbrüche erhofft sich das Unternehmen einen zusätzlichen Produktivitätsgewinn, während Fehlerquellen eliminiert werden.

 

Das dritte Auge im Feld

Die für Zone 1 nach CSA, IECEx und ATEX zertifizierte WLAN-Helmkamera ‚Orbit X‘ schließlich zielt auf ein ­flexibleres und effizientes Arbeiten, bessere Workflows und akkurate Vor-Ort-Entscheidungen ab. Mittels zweier integrierter LED-Leuchten, einem eingebauten Laserpointer sowie optionalem Zubehör wie Headsets, Wandhalterungen und Teleskop-Stangen kann Pura-lube die ebenfalls gemeinsam mit Shell entwickelte Lösung selbst in dunklen und schwer zugänglichen Bereichen einsetzen. Die 8-Megapixel-Bilder und 1080p-Videos lassen sich wahlweise lokal auf dem Gerät speichern oder drahtlos in hoher Qualität streamen.

Dazu unterstützt die im Lieferumfang enthaltene Android-App ‚Sipido Mo­bile Telepresence‘ nicht nur sämtliche SIP-fähigen Videokonferenz-Systeme und -Anwendungen (Session Initiation Protocol), sondern auch die browserbasierte Echtzeit-Kommunikation via webRTC (Web Real-Time Communication). Durch die breite Protokollunterstützung eröffnen sich in der Praxis vielfältige Möglichkeiten – einerseits für Video-Aufnahmen im Feld zur späteren Analyse oder Dokumentation, andererseits für Video-Konferenzen bei dringenden Entscheidungen. Die Empfänger der Konferenzanfrage können diese zudem auf beliebigen Endgeräten annehmen. Das kann etwa der PC im Leitstand mit Webbrowser sein, aber auch ein Smartphone oder Tablet mit einer entsprechenden App.

 

Mobile Device Management

Zur Implementierung und Verwaltung bietet Bartec die skalierbare Mobile-Device-Management-Lösung ‚Collaboration X‘. Mit ihr können Anwender alle Mobilgeräte einheitlich ausrollen und fernadministrieren – inklusive Videokonferenz- und Kamera-Einstellungen. Mittels eines ergänzenden Cloud-Storage-Dienstes lassen sich auch Foto- und Videodaten online speichern und verwalten. Darüber hinaus beinhaltet das Portfolio das passende Wireless-Equipment für die Mobile-Enterprise-Strategie, insbesondere Ex-geschützte Access-Points und Antennen zur flächendeckenden Drahtlos-Anbindung der Mobilgeräte im Feld.

Umsetzung in drei Stufen

Da sich die angestrebte lückenlose Prozessüberwachung nicht von heute auf morgen realisieren lässt, empfiehlt Bartec in seiner Beratungsfunktion die folgende schrittweise Einführung: In einem ersten Optimierungsschritt sorgen die Helmkameras im Ex-Bereich für Bild- und Videoaufnahmen in HD-Qualität – entweder online über das Netzwerk oder offline über den lokalen Gerätespeicher. Typische Arbeiten im explosionsgefährdeten Bereich wie Routine- und Ad-hoc-Inspektionen, Wartungs- und Reparaturarbeiten oder Schulungen werden so effizienter und sicherer. In der zweiten Stufe bringen Ex-geschützte Smart­phones oder Tablet-PCs ERP-, Office- oder Visualisierungsanwendungen in den Ex-Bereich, um mobile Workflows und die Kommunikation zu verbessern. Die dritte Ausbaustufe gestattet schließlich die Kollaboration in Echtzeit. Per Videokonferenz lassen sich so beispielsweise der Leitstand oder externe Experten hinzuziehen, um schnell und präzise entscheiden und eingreifen zu können.

Fernziel: Die ISO/TS-16949-Zertifizierung

Viel Zeit wird sich Puralube mit der Umsetzung nicht lassen, denn schon in drei Jahren soll die Raffinerie nach der aktuellen Standardnorm ISO/TS 16949 zertifiziert sein. Diese Norm vereint die allgemeinen Forderungen an Qualitäts-Management-Systeme der Automobilindustrie und wurde als ‚Technische Spezifikation‘ (kurz TS) basierend auf der EN ISO 9001 veröffentlicht. „Um diese derzeit strengsten Qualitätsanforderungen der Automobilindustrie erfüllen zu können, ist die lückenlose Kontrolle unserer Produktionsabläufe unerlässlich“, sagt Soenke Moehr. „Bereits zur Vorbereitung der diesbezüglichen Audits soll die Mobile-Enterprise-Lösung von Bartec in Betrieb sein.“

Autor:
Nader Halmuschi ist Head of Automation & Communication Systems bei Bartec.

 

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