Nachgehakt bei Prof. Claus Oetter
Mobile Geräte in der Fertigung
Wie können Mobile Geräte in die Prozesse der Industrie integriert werden? Der VDMA Arbeitskreis 'Mobiles, Tablets, Apps und Co.' arbeitet seit über einem Jahr an dieser Frage. Claus Oetter leitet den Arbeitskreis und erläutert den Status quo der Arbeiten.
Herr Prof. Oetter, die Produktlebenszyklen in der Fertigungs- und Prozessindustrie sind ja doch etwas länger als in der Consumer-Welt der Handys und Tablets. Wie realistisch ist es, dass in der Fertigungsumgebung mobile Geräte Einzug halten, die alle paar Monate durch neue Modelle, Apps und Betriebssysteme glänzen?
Dies ist in der Tat eine große Herausforderung und auch eine der Kernfragen im Arbeitskreis. Nun, die Funktionalität und damit die Apps selber brauchen nicht ständig erneuert zu werden. Hier genügt sicher der bekannte Software-Update-Zyklus der Investitionsgüterindustrie. Allerdings können gerade neue Hardware und Updates der Betriebssysteme dazu führen, dass eben frühzeitig auch die Software – die Apps – angepasst werden muss. Dies bedeutet natürlich eine andere Herangehensweise an die Software-Entwicklung.
Eine Lösung können Cross-Plattform-Tools sein, die sowohl mit unterschiedlichen Betriebssystemen als auch mit den diversen Screen-Skalierungen umgehen können, und damit auf Knopfdruck die passende Software liefern. Leider ist der Markt noch sehr dünn, ich erwarte aber gerade hier in Zukunft noch einige innovative Produkte.
Halten mit den mobilen Geräten auch die Mini-Programme, kurz Apps, unwillkürlich Einzug in die Fertigung? Braucht es Apps in der Fertigung?
Es wird sicher nicht überall die Consumer-Hardware Einzug halten. Es gibt genügend Bereiche in denen nur spezielle sehr widerstandsfähige Hardware zum Einsatz kommt. Aber auch hier werden sich die Vorteile einer nutzerzentrierten Bedienung und damit eine deutlich verbesserte Usability in Anlehnung an die Apps durchsetzen. Der Trend geht von den großen undurchschaubaren und gewachsenen monolithischen Anwendungen hin zu kleineren sehr spezialisierten Applikationen. Der Anwender wird in Zukunft immer weniger Medienbrüche und unterschiedliche Bedienphilosophien vorfinden. Ob nun direkt an der Maschine oder per Ferndiagnose, das Erscheinungsbild einer Funktionalität wird sich immer im selben Gewand präsentieren.
Wird die Benutzerfreundlichkeit der Maschinen und Anlagen durch die Apps und mobilen Geräte per se besser?
Per se sicher nicht! Die Nutzung der modernen Smart Devices mit all ihren Möglichkeiten der nutzerzentrierten Bedienung ist noch lange kein Garant dafür, dass ein nach ergonomischen Gesichtspunkten vernünftiges Produkt herauskommt. Ein gutes Klavier benötigt einen guten Musiker. So ist es auch hier. Die Industrie muss sich intensiv mit den Möglichkeiten der neuen Technologien befassen und saubere Bedienkonzepte erarbeiten. Das bedeutet auch eine Integration des Themas Usability und User Experience in die Software-Entwicklungsprozesse. Usability Experten gehören von Anfang an in das Entwicklungsteam integriert, um die Projekte vom Requirement-Engineering bis hin zum Rollout zu begleiten!
Apps werden heute ja generell über öffentliche Internet-Stores bezogen. Ist dies wirklich ein brauchbares Vertriebsmodell für Software der Investitionsgüterbranche?
Leider ist dies in den meisten Fällen kein brauchbares Modell, ausgenommen sind da sicher Katalog- oder Marketing-Apps. Ansonsten liegt das Problem in dem dritten Player im Vertriebsweg. In der Industrie ist es notwendig, sehr schnell auf Hinweise zu fehlerhafter Software oder auch Funktionserweiterungen zu reagieren. Das bedeutet eine zeitnahe Lieferung eines Updates an den Kunden, um dessen Produktionsprozesse nicht zu beeinträchtigen. Durch den dazwischen geschalteten Store und die notwendigen Qualitäts- sowie Kompatibilitäts-Checks der Storebetreiber werden die Auslieferungszeiten zwangsläufig länger und die Marge geringer. Der klassische Store wird sich hier nicht durchsetzen. Die Zukunft gehört den industrieeigenen Stores beziehungsweise den direkt einspielbaren Apps ohne Store.
Ihr Arbeitskreis arbeiten seit einem Jahr an einem Leitfaden zum Einsatz der Smart Devices in der Industrie. Wie weit ist der Leitfaden gediehen? Wie geht es mit dem Thema weiter?
Der Leitfaden ist inhaltlich fertiggestellt. Wir behandeln dort Themen wie Anwendungs-Szenarien, Geschäftsmodelle und Wirtschaftlichkeit, Anforderungen aus der Industrie, Plattformen sowie das Thema Software-Engineering inklusive Usability. Auch Beispiele gelungener Apps werden präsentiert. Der Leitfaden kommt Ende Mai, Anfang Juni auf den Markt. Das Thema bleibt auch nach Fertigstellung des Leitfadens weiter bei dem Arbeitskreis angesiedelt, da das Interesse der Firmen extrem hoch ist. Es folgen Erfahrungsaustausch-Veranstaltungen sowie eine Infoveranstaltung beim VDMA in Frankfurt am 10. November 2014. Dort gehen wir noch mal ganz gezielt auf den Leitfaden ein und sammeln weitere Themen für die zukünftigen Arbeiten.










