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Artikel und Hintergründe zum Thema

Siemens

Günter Herkommer | Tiffany Dinges,

Das Projekt Glass@Service

Ein Konsortium aus sechs Unternehmen und Institutionen unter Leitung von Siemens hat in den letzten drei Jahren zu Augmented Reality (AR) in der Industrie geforscht. – Die Ergebnisse des Projektes Glass@Service.

© Siemens

Die Digitalisierung durchdringt die Fertigung immer stärker. In einigen Bereichen – vor allem beim Umrüsten von Maschinen und Kommissionieren von Aufträgen – arbeiten Mitarbeiter jedoch häufig noch mit ausgedruckten Listen, drucken Etiketten auf Vorrat für die Kennzeichnung von Material und erfassen am Ende aufwendig alle Daten im Warenwirtschaftssystem. Deshalb wird bereits seit mehreren Jahren untersucht, inwiefern AR in diesen Bereichen zum Einsatz kommen könnte. Aber erst jetzt sind die dafür erforderlichen technologischen Komponenten wie Micro-Displays, Controller-Elektronik, 3D-Kameras und Sensoren so ausgereift, dass sie zu einer neuartigen Mensch-Maschinen-Interaktion kombiniert und in die IT-Landschaft einer Fabrik integriert werden können.

Geöffneter Glass@Service-Demonstrator mit Interface-Elektronik und Prozessor-Board.

© Siemens

Vor diesem Hintergrund haben sich die Partner des Projektes Glass@Service ein gemeinsames Ziel gesetzt: Intelligente Datenbrillen durch die Verbindung mit neuartigen Interaktionsmöglichkeiten wie etwa Augen- und Gestensteuerung sowie innovativen IT-Dienstleistungen als personalisierte Informationssysteme einzusetzen. Im Rahmen der dreijährigen Projektlaufzeit gab es zwei wesentliche Work-Streams – zum einen die softwareseitige Integration in die Unternehmens-IT-Systeme und zum anderen die Entwicklung eines entsprechenden Prototypen-Demonstrators.

Für den Einsatz im industriellen Umfeld galt es, die Datenbrille für spezielle Anforderungen zu entwerfen. Hierfür wurde zunächst eine umfangreiche Anforderungsanalyse zu den Szenarien erstellt. Beispielhaft seien hier Aspekte wie Robustheit, die Nutzung durch geschulte Techniker (aber keine Experten) und der zuverlässige Betrieb über einen Zeitraum von mehr als acht Stunden innerhalb einer Schicht genannt. Weiterhin spielten Faktoren wie Gewicht, Temperaturentwicklung, Balance, Sichtfeldabschottung, Eye-Tracking etc. in diesem Kontext eine Rolle. Zwar gab und gibt es am Markt bereits Datenbrillen, vor allem aus dem Consumer-Bereich; diese waren jedoch für industrielle Anwendungen nicht geeignet. Die Gründe erstrecken sich – wie bereits erwähnt – von unpassender Ergonomie, geringer Laufzeit, ungenügendem Betrachtungswinkel bis hin zu Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit.

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Glass@Service-Demonstrator (geöffnete Vorderseite) mit sichtbarer ToF- und Szenen-Kamera.

© Siemens

Stichwort IT-Sicherheit: Innerhalb des Projektes wurde hierfür ein Konzept zur Einbindung der Datenbrille und ihrer Sensoren in die lokale Prozess-IT unter Berücksichtigung der lokalen Informationssicherheitsrichtlinien erarbeitet. In diesem Zusammenhang sind nicht zuletzt die Schlagworte Nutzerakzeptanz und Persönlichkeitsrechte zu berücksichtigen. Denn AR und Wear-ables dürfen nicht dazu dienen, die Arbeitsleistung zu dokumentieren. Daher wurde das gesamte Projekt aktiv von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz- und Arbeitsmedizin begleitet, die dafür auch ein Gutachten zum Datenschutz erstellte. Auch war beispielsweise der Betriebsrat von Siemens von Anfang an über das Projekt informiert und ist in die Auswertung der ersten Ergebnisse eng eingebunden.

Die verschiedenen Use Cases

Zur Umsetzung des Projektes wurden schließlich drei konkrete ‚Use Cases‘ ausgewählt:

1. Kommissionierung im Zentrallager des Siemens Manufacturing-Standorts Fürth

Besonders in der Lagerverwaltung kann der Einsatz von Datenbrillen eine Effizienzsteigerung bedeuten. Im konkreten Anwendungsfall ging es um die erweiterte Unterstützung bei der Materialauslagerung. Hierbei wurden die Beschäftigten, unterstützt durch Informationen, die direkt in die AR-Brille oder auf anderen mobilen Geräten eingeblendet wurden, durch die Kommissionierungsabfolge geführt. Dazu gehören unter anderem das Anlaufen des korrekten Lagerplatzes, das Entnehmen der Materialien, die Übergaben/Quittierungen an nachfolgende Prozesse und das Drucken von Beschriftungsetiketten sowie Tracer-Labels über einen mobilen Drucker. Durch die Nutzung von AR-Brillen in Kombina-tion mit weiteren mobilen Geräten (Smart Watches, mobile Handscanner und mobile Drucker) verkürzen sich die Durchlaufzeiten für die unterschiedlichsten Kommissionierungen signifikant, bei gleichzeitiger Steigerung von Effektivität und Qualität.

Use Cases ‚Logistik‘: Die Mitarbeiterin scannt den Lieferschein, druckt einen Barcode auf die Bauteilrolle und ‚verlinkt‘ diesen mit den Lieferscheindaten; durch das Rüsten der Bauteilrolle am Bestücker werden dann alle relevanten Traceability-Daten erfasst.

© Siemens

2. Rüsten von SMD-Bestückungsautomaten im Siemens Elektronikwerk Amberg

Der Mitarbeiter, der an einer SMD-Linie für den kontinuierlichen Arbeitsprozess verantwortlich ist, wird derzeit auf einem Monitor über anfallende Tätigkeiten informiert. Dies bedeutet, dass der Mitarbeiter ständig den entsprechenden Monitor im Blick haben muss. Dies ist allerdings nicht möglich in Zeiten, zu denen er zum Beispiel neues Material in der Linie rüstet oder beschafft. Hier kann eine Datenbrille, die neueste Informationen stets im Blickfeld des Mitarbeiters einblendet, eine deutliche Arbeitserleichterung und erhebliche Reduzierung des Risikos eines Linienstillstandes darstellen.

Im Rahmen der Detaillierung der Lösungsanforderungen für den Use Case ‚Rüsten‘ wurde erkannt, dass es aus ergonomischen Aspekten heraus nicht sinnvoll ist, den kompletten Rüstprozess mit einer Datenbrille zu realisieren. Ergo wurde der Use Case mit einem geeigneten Wearable-Mix umgesetzt: eine Smartwatch zur Benachrichtigung von Werkern über anstehende Nachfüllaufträge sowie eine AR-Brille zur Unterstützung des eigentlichen Rüstvorganges.

Use Cases ‚Prüfen‘: Die Mitarbeiterin erhält die Montage- und Prüfanweisung in die Datenbrille und kann quasi den Montage- und Prüfprozesse freihändig bedienen.

© Siemens

3. Teachmode Gerätesichtprüfung

Dies ist der wohl anspruchsvollste der drei untersuchten Use-Cases. Dabei ist die Erkennung der Lage des Prüfteils sehr anspruchsvoll und rechenintensiv. Bei der Sichtprüfung muss der Mitarbeiter ein vor ihm liegendes Bauteil mit einer Soll-Vorgabe vergleichen. Bisher wird der Mitarbeiter vor der Prüfung entweder persönlich oder interaktiv durch Computerprogramme geschult. Bei der Prüfung müssen der Blick und die Aufmerksamkeit des Anwenders ständig zwischen dem vor ihm liegenden Bauteil und dem Sichtprüfplan wechseln. Dies ist ermüdend und fehleranfällig. Die Idee bei der Unterstützung durch eine Datenbrille ist, einerseits die zeitaufwendige Schulung durch interaktives Arbeiten mit der Datenbrille zu ersetzen und andererseits die Qualitätsprüfung durch gezielte Einblendungen im Sichtfeld des Mitarbeiters zu erleichtern.

Die Steuerung kann per Lidschlag oder durch eine Verfolgung der Blickrichtung des Users durch ein in die Brille integriertes Eye-Tracking System erfolgen. Der Anwender kann dann zum Beispiel nach Prüfung ‚Positiv‘ oder ‚Negativ‘ den Prüfschritt durch eine Geste oder Lidschlag quittieren. Ebenfalls könnte durch bewusste Steuerung der Blickrichtung zum Beispiel ein Datenblatt gescrollt oder virtuelle Buttons aktiviert werden.                                      

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