Antriebstechnik
'Smart Motor' reduziert Variantenvielfalt um bis zu 70 %
Die Fördertechnik stellt sehr spezielle Anforderungen an die Antriebe. Sowohl bei netzbetriebenen als auch bei geregelten Motoren muss der Anwender daher bis dato zwangsläufig Kompromisse eingehen. Nicht so bei einem 'Smart Motor'.
Smart Motoren helfen die Variantenvielfalt zu reduzieren – etwa aufgrund der frei einstellbaren Drehzahl, der integrierten Softstartfunktionalität sowie der reduzierten Verdrahtung als Resultat der elektronischen Schütz- und Motorschutz-Funktion.
© LenzeFörder-Applikationen halten für die Antriebstechnik einige Herausforderungen bereit. Diese resultieren aus drei unterschiedlichen Phasen bei der Bewegung des Fördergutes, die sehr verschiedenartige Anforderungen an den Motor stellen. Zum Anlaufen muss ein hohes Losbrechmoment erzeugt werden, um die Lasten zu beschleunigen. Bei einem Rollenförderer in der Palettentechnik können schnell mehrere Tonnen Masse zusammenkommen, die es in Bewegung zu setzen gilt. Ist die Soll-Fördergeschwindigkeit erreicht, ist lediglich noch die Reibung der mechanischen Konstruktion zu überwinden. Für diese Konstantfahrten reichen wesentlich geringere Drehmomentwerte. Dies ändert sich wieder beim Abbremsen oder beim Ausrichten der Paletten, wenn diese auf Anschlag gefahren werden und die Rollen oder Ketten kurzzeitig mit hohem Reibungswiderstand unter der Palette durchrutschen müssen.
Rund zwei Drittel der Antriebe in der Fördertechnik sind Getriebemotoren, die mittels Schützen beziehungsweise Motor-Starterkombinationen direkt am 50-Hz-Netz betrieben werden. Ihre Leistung ist auf das Anlaufmoment auszulegen. Das bedeutet wiederum mindestens eine Baugröße mehr als für den stationären Betrieb notwendig wäre. Als direkte Folge steigen die Anschaffungskosten unnötigerweise.
Da 97 % der Kosten eines Antriebs auf den Energiebedarf entfallen, ist das Thema Energie-Effizienz in diesem Kontext noch wesentlich wichtiger. Und hier rächt es sich, wenn der Antrieb eigentlich überdimensioniert ist. Selbst die mit viel Eisen und Kupfer ausgestatteten und deshalb teureren IE3-Motoren sind nicht effizient, wenn sie nicht im Bemessungspunkt (Nenn-Drehzahl / Nenn-Drehmoment), sondern im Teillastbereich gefahren werden. Der Bemessungspunkt wird in der Fördertechnik jedoch nie erreicht – weder bei der Beschleunigung, noch bei der Konstantfahrt und auch nicht beim Ausrichten. Bei Anwendungen mit häufigen Start-/Stopp-Zyklen kehrt sich der vermeintliche Energieeffizienz-Vorteil dann sogar in einen Nachteil um: Aufgrund der höheren Massenträgheit benötigen diese Motoren mehr Energie, um wieder auf die Betriebsdrehzahl zu beschleunigen.
Der Smart Motor beim Schweizer Schokoladenhersteller Camille Bloch: Aufgrund der vierfachen Überlastfähigkeit bewältigt er die hohen Losbrechmomente im Palettentransport problemlos.
© LenzeRund jeder dritte Antrieb in der Fördertechnik wird mit einfachen Frequenzumrichtern angesteuert. Diese bringen bereits eine teilweise Entlastung bei der Wahl der richtigen Motorendimension, können die Differenz der benötigten Drehmomente zwischen Beschleunigung und konstantem Lauf allerdings nicht vollständig überbrücken. Der Grund: Beim Anlaufvorgang stellt der Frequenzumrichter typischerweise nur etwa die zweifache Überlast für bis zu 5 s zur Verfügung (180 bis 200 %). Benötigt würden aber deutlich höhere Werte, wenn auch nur für eine Sekunde. Hinzu kommt: Mit einem einfachen Frequenzumrichter wird zwar die Investition in den Förderantrieb – respektive in den Getriebemotor – günstiger; dafür kommen aber die Kosten für den Umrichter hinzu. Und hier muss der Anwender häufig für Eigenschaften und Funktionen zahlen, die er gar nicht benötigt. Dazu gehören beispielsweise Standard-Antriebsfunktionen im Umrichter wie Prozessregelung, Sperrfrequenzen oder auch unterschiedliche Motorregelungsmodi. Unter Umständen steigt auch die Komplexität der Lösung. Auf den Punkt gebracht: Keine der aufgezeigten Lösungen passt optimal zu den Anforderungen der Fördertechnik.
Sparsamer als IE3
Umgehen lassen sich die beschriebenen Probleme mit modernen Antriebskonzepten wie etwa dem ‚Smart Motor‘ von Lenze. Bei diesem Ansatz sind Elektronik und Software speziell auf den Motor zugeschnitten – anders als bei herkömmliche Lösungen, die in der Regel auf einem Baukastenprinzip basieren und bei denen eine Elektronik für verschiedene Motoren zum Einsatz kommt. Somit fehlt die optimale Anpassung von Elektronik, Software und Motor; insbesondere die Software-Einstellungen sind nur mäßig optimal.
Als vollintegrierte Lösung mit eigener elektronischer Steuerung unterliegt der Smart Motor nicht den Anforderungen der europäischen Energierichtlinien – ist aber im Ergebnis dennoch sparsamer als IE3-Motoren, da er sich anhand der benötigten Leistung im Konstantlauf dimensionieren lässt. Durch die geringere Masse und die Dimensionierung eines kleineren Motors wird zudem teures Material eingespart. Darüber hinaus verringern sich auch die Betriebskosten, denn der Motor läuft den größten Teil der Zeit im Bereich des Leistungsoptimums. Das zur Beschleunigung oder dem Ausrichten kurzzeitig benötigte höhere Momentum – bis zum Vierfachen des Nenn-Drehmoments – liefert der Motor trotzdem; dafür sorgt die integrierte elektronische Ansteuerung.
Die elektromechanischen Eigenschaften unterscheiden sich also erheblich von direkt gesteuerten Antrieben, wie auch von solchen, die per Frequenzumrichter betrieben werden – und zwar zu Gunsten des Anlagenbetreibers, der aufgrund des besseren Wirkungsgrades weniger Energie aufwenden muss. Neben dem Aspekt der Energieeinsparung verspricht die beschriebene Lösung aber auch deutliche Vorteile in puncto Projektierung und Entwicklung auf Seiten des OEM.
Bis zu 70 % weniger Varianten
In einer Förder- und Hubeinheit im Logistikzentrum von Camille Bloch am Standort Courtelary sind zwei Smart Motoren mit angepasster Anschlusstechnik versetzt eingebaut.
© LenzeJeder Getriebemotor, der per Schütz am Netz betrieben wird, ist mithilfe der Getriebeübersetzung an die erforderliche Fördergeschwindigkeit anzupassen. Die Folge sind Anlagen mit einer hohen Anzahl unterschiedlicher Getriebemotor-Varianten. Die Entwicklungsingenieure müssen darüber hinaus die verschiedenen Netzfrequenzen (50/60 Hz) und unterschiedliche Energieeffizienz-Regelungen in den belieferten Marktregionen berücksichtigen – ein hoher administrativer Aufwand, der sich durch den gesamten Produkt-Lebenszyklus zieht: vom Engineering (Stücklisten, Konstruktion) über Materialwirtschaft (Bestellungen, Lagerhaltung) und Logistik (weltweite (Service-)Verfügbarkeit) bis hin zu Betrieb und Wartung (Schulung, Ersatzteilbevorratung). Mit der Zahl der Varianten steigt letztlich auch das Risiko von Fehlern, weil es leichter zu Verwechslungen kommen kann.
Hier zahlt sich die elektronische Ansteuerung des Smart Motors gleich mehrfach aus. Diese erlaubt die Anpassung der Antriebsdrehzahl bei gleicher Getriebeübersetzung. Die konsequente, durchgängige Auslegung der Antriebe für alle Standard-Förderelemente führt zu einer Reduzierung der Variantenvielfalt um bis zu 70 %, was auch die Modularisierung im Engineering erleichtert. Dazu trägt ebenfalls bei, dass die Elektronik mit Netzspannungen von 400 bis 480 V zurechtkommt und damit für unterschiedliche Regionen (z. B. Nordamerika und Europa) die gleichen Konstruktionsbausteine und sogar die gleichen Fördermodule verwendbar sind.
Einfach zu bedienen und anzuschließen mit einem NFC-fähigen Smartphone und einer entsprechenden App.
© LenzeSollte sich bei der Inbetriebnahme oder bei späteren Optimierungen der Förderstrecke herausstellen, dass die Transportgeschwindigkeit anzupassen ist, dann ist auch das kein Problem. Die Einstellung kann sogar vom Smartphone per NFC erfolgen. Zudem hat der Smart Motor größere Spielräume beim einzustellenden Drehzahlbereich als beispielsweise ein Getriebemotor, der unter Umständen komplett ausgetauscht werden muss, wenn die zu erzielende Geschwindigkeit zu stark vom geplanten Wert abweicht.
Schaltschrank nur noch halb so groß
Ein Vergleich des Smart Motors mit Getriebe- oder FU-Antrieben allein nach technischen Merkmalen greift jedoch zu kurz. Die Unterschiede in der Konstruktion haben nämlich massive Konsequenzen für das Maschinen- und Anlagen-Engineering, da aufgrund der integrierten Funktionen zahlreiche Komponenten entfallen können. Zu nennen sind hier unter anderem parallele Verkabelungen, Wendeschütz- sowie Motorschutz-Schaltungen von Netzmotoren. Bei diesen braucht jeder Motor eine eigene Zuleitung vom Schütz. Vorwärts-/Rückwärtslauf und unterschiedliche Geschwindigkeitsstufen (Normalbetrieb, Annäherung an Stopps) müssen mit polumschaltbaren Motoren und Wendeschützschaltungen realisiert werden, die entweder selbst noch Motorschutz-Funktionen übernehmen oder andernfalls mit entsprechenden Schaltungen zu kombinieren sind. Diese Funktionen stellt zwar auch ein Frequenzumrichter bereit; dieser verursacht allerdings zusätzliche Investitionskosten, benötigt speziell geschirmte Motorkabel und belegt zudem Platz im Schaltschrank.
Der Smart Motor ist dagegen mit einer integrierten Elektronik versehen, die vier Geschwindigkeitsstufen in unterschiedlichen Drehrichtung und den Motorschutz zur Verfügung stellt. Die Umschaltung erfolgt über 24-V-Signale – und damit ‚Feldbus-neutral‘. Hinzu kommt, dass sich die 400-V-Leitung zu weiteren Antrieben weiterschleifen lässt, was den Verkabelungsaufwand deutlich reduziert. Dadurch kann der Schaltschrank wesentlich kleiner ausfallen – in der Praxis um bis zu 50 %. Damit nicht genug: Mit Hilfe der steckbaren Anschlusstechnik, die ein Öffnen des Klemmkastens überflüssig macht, ist der Motor in Minutenschnelle fehlerfrei anzuschließen. Die Übertragung von vordefinierten Drehzahlen und Beschleunigungsrampen kann drahtlos per Smartphone erfolgen – ohne Expertenwissen oder aufwendige Schulungen der Mitarbeiter.
Drehmoment- und Stromstöße werden vermieden
Bei netzgeführten IE3-Motoren macht sich ein signifikant höheres Anlaufmoment bemerkbar, das diese Motoren im Vergleich zu bisherigen IE1- oder IE2-Motoren bauartbedingt aufweisen. Dieses hohe Anlaufmoment wirkt sowohl auf die Mechanik als auch auf das Getriebe ein und führt zu mehr Verschleiß und damit höheren Wartungsaufwänden bis hin zu mechanischen Überlastungen. Mit einstellbaren Beschleunigungs- und Verzögerungsrampen vermeidet der Smart Motor solche Drehmoment- und Stromstöße beim Anlauf. Damit wird sowohl die Mechanik des Förderbandes als auch das Fördergut geschont.
Auch das Bremsen ist elektronisch geregelt. So wird immer ein konstanter Bremsweg eingehalten, unabhängig von der Last. Die Lichtschranke für das Stopp-Signal ist daher immer an der gleichen Stelle montiert. Nicht zuletzt ist eine (optionale) Haltebremse integriert. Anders als bei Netzmotoren, bei denen beim Abfallen des Schützes die Bremse bei voller Fördergeschwindigkeit aktiviert wird und der Bremsweg lastabhängig ist, zeigt der Smart Motor eine hohe Anhaltegenauigkeit von wenigen Zentimetern und muss keine mechanische Reibarbeit verrichten. Demensprechend gibt es an dieser Stelle keinen Verschleiß und Wartungsaufwand zum Nachstellen der Bremse oder zum Nachjustieren der Lichtschranken. Auch um die Bremsenspannung, Bremsgleichrichter und Bremsenlogik muss sich der Anwender nicht kümmern – das macht der Smart Motor selbst.
Autor:
Tim-Oliver Ricke ist Global Segment Manager Intralogistik bei Lenze.
















