ZVEI
Trotz Megatrends Produktionsrückgang erwartet
Digitalisierung, Elektrifizierung, Automatisierung sind Megatrends und die Elektroindustrie profitiert davon. Dennoch erwartet der ZVEI eine Produktionsdelle. Anlässlich der Pressekonferenz warnte der Verband vor zu viel EU-Bürokratie und positionierte sich klar gegen rechts.
Dr. Gunther Kegel, CEO Pepperl+Fuchs und Präsident des ZVEI.
© Pepperl+Fuchs»Elektrifizierung, Automatisierung, Digitalisierung werden für die Elektro- und Digitalindustrie einen langfristigen und stabilen Megatrend darstellen«, so der Präsident des Branchenverbandes ZVEI, Dr. Gunther Kegel, anlässlich der Pressekonferenz am Montag (29. Januar) in Frankfurt. Auf die lange Sicht profitiert die Branche also. Dennoch befindet sich die Elektro- und Digitalindustrie in herausfordernden Zeiten. »2023 ist für die deutsche Elektro- und Digitalindustrie insgesamt recht ordentlich gewesen«, so Kegel. »Zum dritten Mal in Folge konnte die reale, preisbereinigte Produktion gesteigert werden – auf Basis der Zahlen bis einschließlich November um 1,4 Prozent.« Damit habe sich die Branche in einem schwierigen Umfeld als robust erwiesen. »Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Unternehmen noch historisch hohe Auftragsbestände abarbeiten konnten, als die Neubestellungen spätestens ab dem zweiten Quartal bereits zurückgingen.« Die nominalen Erlöse der Branche erreichten im vergangenen Jahr mit 242 Milliarden Euro erneut eine Rekordmarke; das entspricht einem Plus von 8 Prozent.
2023: Je nach Sparte unterschiedliches Wachstum
Das Wachstum betrifft die Sparten jedoch unterschiedlich. So verzeichneten Batterien im Jahr 2023 mit einem Plus von 7 % den höchsten Produktionszuwachs, gefolgt von elektronischen Bauelementen mit einem Plus von 6 % und Energietechnik (+ 4 %). Die Produktion von Gebrauchsgütern dagegen weist einen Rückgang von -13 % auf.
Die Automation war mit real +3,2 % noch im Wachstum – die Branche profitierte 2023 noch von einem hohen Auftragsbestand –, doch ist ein deutlicher Rückgang im Auftragseingang zu erkennen. Für die kommenden sechs Monate erwartet der ZVEI einen Negativtrend.
Angesichts des aktuell schwierigen konjunkturellen Umfelds mit Inflation, vergleichsweise noch hohen Zinsen und hohen Energiepreisen zeigt sich der ZVEI für 2024 zurückhaltend. Dr. Kegel: »Die Branche steht vor einer Wachstumsdelle. Auf Jahressicht erwarten wir, dass die reale Produktion um zwei Prozent nachgeben wird.«
»Erfreulich ist, dass bei der Beschäftigung nochmals zugelegt werden konnte«, so Kegel. Allein in Deutschland beschäftigte die Branche zuletzt 910.000 Menschen (+ 12.000 gegenüber 2022). Das sich abflauende Geschäftsklima sorgt jedoch dafür, dass im Moment rund 17.000 Mitarbeitende in Kurzarbeit sind. Weitere Unternehmen haben Kurzarbeit angemeldet oder sind in Vorbereitung darauf.
Kegel warnt vor »Regulierungstsunami«
Die Elektro- und Digitalindustrie ist so global aufgestellt wie kaum eine andere Branche. Auch 2023 konnten die Ausfuhren (einschließlich der Re-Exporte) nochmals gesteigert werden, und zwar um vier Prozent auf 256 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte – 133 Milliarden Euro – verblieb in der Europäischen Union.
»Angesichts wachsender geopolitscher Spannungen wird der europäische Binnenmarkt immer wichtiger«, erklärt der ZVEI-Präsident. »Will die EU zwischen den USA und China weiterhin eine eigenständige Rolle einnehmen, muss sie den Binnenmarkt konsequenter auf Wachstum ausrichten und von industriefremder Regulierung wie dem EU-Lieferkettengesetz ablassen.« Die nächste EU-Kommission müsse den Regulierungstsunami und eine in Teilen nahezu entfesselte Bürokratie stoppen, die die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen schwäche. Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen entstehe eine Regulierungsbelastung, die nicht mehr zu stemmen sei, so Kegel.
In einer immer stärker von geopolitischen Erwägungen geprägten Welt müssten sich Europa und Deutschland auf ein raueres wirtschaftspolitisches Klima einstellen. Von der EU fordert der ZVEI mehr Mut und eine insgesamt deutlich innovationsoffenere Haltung. »Unser Eindruck ist, dass die EU aktuell beim Einsatz von künstlicher Intelligenz vor allem regulatorisch vorprescht und dabei viel zu wenig präzise ist. Die vorliegende KI-Verordnung droht so zu einer massiven Innovationsbremse zu werden, die mit unnötigen bürokratischen Kosten und einem hohen Maß an Rechtsunsicherheit für die Industrie einhergeht«, so Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung. Positiv bewertet der Verband, dass die EU zur Stärkung ihrer technologischen Souveränität die strategische Bedeutung von Schlüsseltechnologien herausstellt. Es sei wichtig, stärker in Ökosystemen zu handeln. »Eine leistungsstarke Chipindustrie etwa braucht Verbindungstechnik und Elektronikfertigung“, so Weber. Der Weltmarktanteil dieser Technologien ist seit 2000 stark zurückgegangen und beträgt bei der Verbindungstechnik nur noch drei Prozent. »Es bestehen mittlerweile zu große Abhängigkeiten. Die Produktion solcher Komponenten muss als förderfähig unter dem Net-Zero Industry Act‘ eingestuft werden.«
»Wir brauchen jetzt eine Europäische Union, die industrielle Wertschöpfung in den Fokus stellt«, fordert Kegel. Einem »Dexit« erteilt der ZVEI-Präsident eine klare Absage: »Wer meint, dass Deutschland auf sich allein gestellt besser fahren könnte, offenbart gefährliche wirtschaftspolitische Ahnungslosigkeit.«
Klare Position gegen rechts
Gesellschaftspolitisch fand ZVEI-Präsident klare Worte: »Rassismus, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, jede Facette rechter Ideologie lehnen wir entschieden ab! Rechtsextremistische Parteien schaden dem Wirtschaftsstandort und damit dem Wohlstand. Dies gilt auch für die AFD.«
Es ist gut, dass sich die gesellschaftliche Mitte gegen den Rechtsextremismus stellt. Die politischen Parteien müssen daran anschließen und schnell überzeugende politische Lösungen für jene Herausforderungen vorlegen, die zum Erstarken des Rechtsextremismus geführt haben. An die Bürgerinnen und Bürger appelliert der ZVEI, dem Rechtsextremismus durch die Stimmabgabe bei Wahlen entgegenzutreten. Der ZVEI wird mit einer eigenen Kampagne zur Teilnahme an der Europawahl motivieren.














