zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Bildverarbeitung

Christian Ott | Inka Krischke,

Die Vorteile frei programmierbarer Vision-Systeme

Als einfach zu integrierende Lösung haben Vision-Sensoren ihren festen Platz in der Industrieautomation erobert – klassische, PC-basierende BV-Systeme behaupten sich vor allem noch in besonders anspruchsvollen Nischenanwendungen. Doch auch hier wächst die Konkurrenz durch frei programmierbare Vision-Systeme.

© SensoPart Industrielektronik

Vision-Sensoren sind ein Hybrid aus Sensor und Bildverarbeitung: Alle benötigten Komponenten – Objektiv, LED-Beleuchtung, Auswerte-Einheit, Ausgänge und Schnittstellen – sind wie bei einem schaltenden Sensor in einem kompakten, industrietauglichen Gehäuse untergebracht, so dass auf externe Komponenten zumeist verzichtet werden kann. Das Innenleben eines Vision-Sensors enthält die bildverarbeitungstypische Intelligenz: Ein CMOS-Bildchip nimmt ein flächiges Bild des zu detektierenden Objektes auf, ein schneller Signalprozessor verarbeitet die Daten und liefert die Ergebnisse an die Ausgänge beziehungsweise an die Schnittstellen. Da die Auswerte-Einheit integriert ist, ist ein PC nur noch für die Konfiguration nötig; im laufenden Betrieb arbeitet der Vision-Sensor autark.

Der Verzicht auf die ständige PC-Anbindung bietet mehrere Vorteile – von niedrigeren System- und Wartungskosten über kompakte Bauweise und damit geringeren Platzbedarf bis hin zu einem deutlich re­duzierten Stromverbrauch. Zudem müssen Anwender für die Einrichtung keine Bildverarbeitungskenntnisse aufweisen, da jeder Vision-Sensor für einen bestimmten Anwendungsbereich vorkonfiguriert ist – beispielsweise für die Objekt- oder Farb­erkennung oder das Lesen von Datamatrix-Codes. Kurz: Wer einen klassischen Sensor einrichten beziehungsweise teachen kann, kommt auch mit einem Vision-Sensor schnell zurecht.

Anzeige

Das Vision-System als Alternative

Für sehr komplexe Automatisierungs­aufgaben gibt es neben den applikations-spezifisch vorprogrammierten Vision-Sensoren frei programmierbare Vision-Systeme. Diese basieren auf der kompakten Hardware eines Vision-Sensors, bieten jedoch erweiterte Parametrier- und Programmiermöglichkeiten. Damit bilden sie gleichsam eine Brücke zwischen Vision-Sensoren und PC-basierten Bildverarbeitungssystemen.

In fünf Bedienschritten nimmt der Anwender alle notwendigen Einstellungen im Konfigurationsprogramm des Vision-Sensors „Visor“ vor. Im abgebildeten Beispiel werden nach einer Lage-Nachführung relevante Merkmale für die Gut-/Schlecht-Entscheidung abgefragt: Handelt es sich um das korrekte Bauteil? Sind die Inlays an den definierten Stellen exakt eingelegt?

© SensoPart Industrielektronik

Da Vision-Systeme dem Anwender mehr Möglichkeiten einräumen, sind sie etwas anspruchsvoller hinsichtlich der Einrichtung – jedoch immer noch weit entfernt von der Komplexität einer klassischen BV-Lösung. Das frei programmierbare Vision-System „Eyesight“ von Sensopart beispielsweise stellt Anwendern eine Funktionsbibliothek zur Verfügung, aus der sie in einem grafischen Programm-Editor die spezifische Anwendung zusammenstellen. Die Programmierung erfolgt überwiegend in der Begrifflichkeit des Anwenders, so dass auch Anwender ohne Bildverarbeitungsvorkenntnisse nach einer einführenden Schulung selbstständig mit dem System arbeiten können.

Zwei Beispiele sollen die Unterschiede zwischen einem Vision-Sensor und einem Vision-System verdeutlichen:

Um etwa verschiedene Details eines Bauteils zu prüfen, wählt der Anwender auf der Bedienoberfläche eines Vision-Sensors zum Beispiel die vorprogrammierte Funktion – den sogenannten De­tektor – „Kontrast“ oder „Graustufe“. Anschließend definiert er mit einigen wenigen Einstellungen die Kriterien für die Gut-/Schlecht-Entscheidung. Lage-Änderungen des Bauteils korrigiert der Vision-Sensor mit Hilfe einer einstellbaren Lage-Nachführung. Zum Abschluss werden die digitalen Ausgänge gesetzt. Auf Wunsch können die Daten in Form eines Protokolls zusammengestellt und über die Schnittstellen ausgegeben werden. Beim Vision-Sensor „Visor“ von Sensopart kann der Anwender bis zu 255 solcher Konfigura­tionen in der Software anlegen und in den Sensorspeicher übertragen. Hier sind sie dann nach Bedarf abrufbar.

Die Funktionsbibliothek des „Eyesight“-Konfigurationsprogramms bietet dem Anwender umfangreiche Programmier- und Einstellmöglichkeiten. Im Beispiel wird ein Bauteil auf Maßhaltigkeit vermessen, eine Hintergrundbeleuchtung sorgt für eine prozesssichere Auswertung. Anhand der einzelnen Ergebnisse wird entschieden, ob das Bauteil noch innerhalb der Toleranz ist oder nicht.

© SensoPart Industrielektronik

Mit dem Vision-System „Eyesight“ lassen sich komplexere Abläufe abbilden. Für die unterschiedlichen Aufgaben stehen differenzierte Werkzeuge bereit – bei­spielsweise messtechnische Funktionen wie Kreis- und Querschnittsberechnung oder eine Krümmungspunktbestimmung,  die der Anwender per Drag & Drop in der gewünschten Reihenfolge in den Pro­grammablauf einfügt. Mit Hilfe eines Skript-Interpreters kann der fortgeschrit­tene Anwender darüber hinaus eigene Funktionen programmieren.

Im Unterschied zu einem Vision-Sensor lassen sich einzelne Ergebnisse nicht nur ausgeben, sondern beliebig miteinander verknüpfen und so für den weiteren Programmablauf nutzen. Ergebnis-Texte können an gewünschter Stelle in der entsprechenden Ergebnis-Farbe für den Bediener visualisiert werden.

Mit einem modernen Vision-System können Anwender vielschichtige und anspruchsvolle Aufgaben lösen, ohne sich detailliert mit dem Thema Bildverarbeitung auseinandersetzen zu müssen oder in entsprechendes Fachpersonal zu investieren. BV-Anwendungen, für die früher zwingend ein PC-basiertes System nötig war, lassen sich heute mit den einfacher bedienbaren und zudem in Anschaffung und Betrieb kostengünstigeren Vision-Systemen lösen. Daher werden PC-basierte BV-Systeme zunehmend in Nischenanwendungen zurückgedrängt, in denen besonders hohe Bildraten oder Kamera-Auflösungen benötigt werden. Und mit jeder neuen Produktgeneration verschiebt sich die Leistungsgrenze der Vision-Systeme ein Stück weiter nach oben.

Autor: Christian Ott ist Leiter Produktmanagement Vision bei Sensopart Industriesensorik in Gottenheim.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Feldbustechnik

Die Zukunft von CANopen

Ähnlich wie die Automobilindustrie benötigt auch die Industrieautomation immer mehr Busbandbreite. Zudem gewinnt in puncto Kommunikation das Thema Cloud mehr und mehr an Bedeutung. Wie trägt das in beiden Branchen seit Langem etablierte...

mehr...

Safety

Unbefugter Zutritt abgewehrt

Anlagenmodernisierungen bedingen oft neue sicherheitstechnische Vorkehrungen. So auch bei einem Hersteller von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, der unter anderem den Materialfluss im Bereich eines Rolltors abzusichern hatte.

mehr...
Anzeige
Anzeige

Kommunikation

WLAN in der Fabrik - die Auswahlkriterien

WLAN bietet sich für diverse Anwendungen in der Fabrik an. Aufgrund der vielen Einflussfaktoren ist jedoch nicht immer offensichtlich, wie sich ein Netzwerk nach dem Standard IEEE 802.11 auf die Anforderungen des industriellen Einsatzes optimieren...

mehr...
Anzeige

Werkstückträger-Transport

Flexibel puffern per Software

Die vollständige Automatisierung manueller oder halbautomatischer Prozesse ist bei sehr kurzen Taktzeiten eine große Herausforderung. Der Maschinenbauer Goldfuß setzt in puncto Werkstückträger-Transport auf ein System, welches die Bildung flexibler...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Gateways

Individuelle IoT-Systeme

Wie groß? Wie viel Leistung? Wie robust? Welches Gehäuse? Die Anforderungen an IoT-Systeme sind extrem unterschiedlich. Mit der Gestaltung individueller Embedded-Applikationen können perfekt auf die Anwendung gemünzte Geräte entstehen.

mehr...

Produktionssoftware

Ein digitales Abbild

Der digitale Zwilling begleitet Maschinen und Anlagen ihr Leben lang – von der ersten Idee über den laufenden Betrieb bis hin zum Blick in die Zukunft. Das Ziel dabei: Fehler vermeiden, Anlagen optimieren und Ausfällen vorbeugen.

mehr...

Schalten und Schützen

Stolpersteine beim Gleichstrom

Die Frage "Gleichstrom oder Wechselstrom?" gewinnt an Wichtigkeit – nicht zuletzt durch den zunehmenden Einsatz regenerativer Energiequellen, die Gleichspannung erzeugen. Beim Schalten und Schützen mit Gleichstrom gilt es allerdings, einige...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren