Sicherheitsgerichtete Automatisierung
Die Normensituation in China
Die Diskussionen um die Umstellung von der alten Safety-Norm EN 954-1 auf die EN ISO 13849-1 haben hierzulande das Bewusstsein um die Bedeutung der sicherheitsgerichteten Automation geschärft. Wie sieht die aktuelle Situation in China aus – einer Region, die sich sowohl zu einem wichtigen Export- als auch Importland von Maschinen entwickelt hat. Rachel Wang, Geschäftsführerin von Pilz China, und Matthias Brinkmann, Area Manager Asien bei Pilz, beziehen Stellung.
Rachel Wang, Geschäftsführerin von Pilz in China: „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die sichere Automatisierungstechnik in China anerkannt und weit verbreitet genutzt wird.
© PilzFrau Wang, welche Rolle spielt das Thema Maschinensicherheit aktuell in China?
In China haben Unfälle an Maschinen in der Vergangenheit enormen Schaden verursacht, und die Schäden wachsen Jahr für Jahr. Dies mag unter anderem darin begründet sein, dass die Menschen früher versucht haben, maschinensicherheitsrelevante Probleme durch Sicherheitsschulungen und -vorschriften zu lösen. Darin wurden die Menschen als der Hauptfaktor herausgestellt, wenn es um die Sicherheit der Produktion ging. Gleichzeitig wurde außer Acht gelassen, ob die Maschine selbst sicher ist beziehungsweise ob genügend Schutzeinrichtungen vorhanden sind.
Mit der wirtschaftlichen Entwicklung in China und dem vermehrten Einsatz von Automatisierungstechnik findet hier jedoch ein Umdenken statt und die Menschen fangen an zu realisieren, dass das Problem der Maschinensicherheit jede Phase des Maschinenlebenszyklus betrifft. Auch wurden bereits eine Reihe von Normen zur Maschinensicherheit sowie technische Spezifikationen als Leitfäden veröffentlicht. Kurzum: China hat in den letzten Jahren große Fortschritte bei den Normen zur Maschinensicherheit gemacht. Dennoch ist die aktuelle Situation nicht besonders zufriedenstellend.
Können Sie das näher erläutern?
Auf der einen Seite streben die Unternehmen nach Gewinnen und halten sich noch zurück, in die Sicherheit zu investieren, da dies einen Anstieg der Produktionskosten zur Folge hat. Auf der anderen Seite ist die Aufsicht der Regierung noch nicht stark genug und die meisten veröffentlichten Normen sind Empfehlungen – sprich sie haben keinen bindenden Charakter. Die Einhaltung der verschiedenen Normen ist somit ungenügend.
Welche Arten von Normen gibt es in China überhaupt und welche Organisationen geben diese heraus?
Es gibt grundsätzlich drei Arten von Normen – Sicherheitsgrundnormen, produktübergreifende Normen und produktspezifische Normen. Das Problem dabei: Die Koordinierung der drei Normenkategorien ist mit vielen verschiedenen Normungsausschüssen verknüpft, und es gibt keinen effektiven Koordinierungsmechanismus, der zurzeit anwendbar ist.
Eine wichtige Rolle beim Normungsprozess zur Maschinensicherheit spielt das National Machinery Safety Standardization Technical Committee TC208 der Standards Organisation von China. Diese Organisation wurde 1994 gegründet und ist eine halbstaatliche Fachorganisation. Sie hat bis zum heutigen Tag 47 Grundnormen zur Maschinensicherheit veröffentlicht. Daneben ist das SAC/T208 zuständig für allgemeine Normen sowie für Koordinierungsaufgaben im Hinblick auf spezifische Anwendungsfelder von Normen.
Neben dem National Machinery Safety Standardization Technical Committee gibt es weitere Organisationen betreffend Maschinensicherheit und Sicherheitsmanagement – etwa die State Administration of Work Safety oder das National Standardization Management Committee. Doch wie bereits erwähnt, haben sämtliche der von diesen Organisationen erstellten Normen noch keinen Gesetzes-Charakter. Allerdings bin ich der Überzeugung, dass die Regierung bei diesem Thema bald mehr Initiative zeigen wird und sich somit die Situation definitiv bessert.
Es gibt also bis dato keinerlei rechtsverbindliche Vorschriften zur Gestaltung sicherer Maschinen?
Nicht ganz! Im Jahr 2008 wurde mit der GB 22530-2008 – Sicherheitsanforderungen für Kunststoff- und Spritzgussmaschinen – die erste rechtsverbindliche Norm veröffentlicht. Sie leitet sich aus der EN 201*) und hatte eine Übergangsphase von zwei Jahren. Allerdings haben bislang nur wenige führende Hersteller die Norm vollständig umgesetzt; noch unbefriedigender sieht es bei kleineren Unternehmen aus. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Zum Beispiel fürchten Unternehmen, dass der Mehrwert an Produktivität und Sicherheit die Mehrkosten für Sicherheitstechnik nicht kompensieren. Zudem ist der Automatisierungsgrad in der Kunststoff-Weiterverarbeitung noch niedrig und manche Unternehmen sind technisch gar nicht in der Lage, die Norm umzusetzen. Und schließlich sind die staatlichen Aufsichtsbehörden heute noch nicht so stark wie in anderen Ländern, was eine Nachverfolgung der Einhaltung der Normen erschwert. Trotzdem ist sie besser als andere Normen und die Zukunft sieht sehr vielversprechend aus.

Safety Network International e.V.
Jochen Streib neuer Vorstandsvorsitzender
Der Verein Safety Network International e.V. hat auf seiner Mitgliederversammlung am 18. September einen neuen Vorstandsvorsitzenden gewählt. Nachfolger von Yannick Le Héno im Amt des ersten Vorstands ist Jochen Streib.
Matthias Brinkmann, Area Manager Asien bei Pilz: „Der deutsche Maschinenbau kann sich keineswegs entspannt zurücklehnen und darauf hoffen, dass die chinesische Konkurrenz die hohen Anforderungen an die Maschinensicherheit hierzulande nicht erfüllen kann.“
© PilzHerr Brinkmann, inwiefern spielen europäische Normen wie die EN 61508 und die EN ISO 13849-1 in China eine Rolle?
Die meisten der in China veröffentlichten Normen zur Maschinensicherheit leiten sich in der Tat von europäischen und internationalen Normen ab; es erfolgen nur geringfügige Anpassungen abhängig von der lokalen Marktsituation. Grundsätzlich können die Normen mit kleinen Abweichungen in vier Typen kategorisiert werden: identisch, modifiziert, entsprechend und nicht entsprechend.
Letzteres ist sehr selten. Ein Beispiel dafür ist die genannte Norm GB 22530-2008, die die Sicherheit für die verschiedenen Gefahrenquellen bei Spritzgießmaschinen regelt. Die wichtigsten Unterschiede zwischen GB 22530-2008 und der entsprechenden EN 201:(2005) liegen weniger in inhaltlichen als mehr in Abweichungen bei Format oder Terminologie. Das macht deutlich, dass selbst bei Normen, die als ‚nicht entsprechend‘ eingestuft werden, im Vergleich zum europäischen Pendant inhaltlich nur wenig anders ist.
Wenn es in China keine rechtsverbindlichen Richtlinien für sichere Maschinen gibt – wonach sollen sich europäische Hersteller dann richten, die mit ihren Maschinen auf dem chinesischen Markt erfolgreich sein wollen?
Ungeachtet der unbefriedigenden Normungssituation gibt es in China genaue Zertifizierungsvorschriften. Wir nennen sie ‚CCC‘ beziehungsweise ‚3C‘. Diese Abkürzungen stehen für das Zertifizierungssystem China Compulsory Certification. Es beinhaltet eine genaue Liste mit Produkten, die beim Import nach China zertifizierungspflichtig gemäß CCC sind. Die Maschinen, die eine CCC-Zertifizierung haben müssen, um auf den chinesischen Markt zu kommen, sind ebenfalls in einem Katalog aufgelistet. CCC ist vergleichbar dem europäischen CE-Kennzeichen als Kriterium für in den Wirtschaftsraum China zu importierende Produkte. Die Zertifizierung wurde im Jahr 2002 eingeführt und gilt für importierte Waren aber auch für chinesische Produkte. Sie ist kein alleiniges Qualitätskennzeichen, sondern Kennzeichen, dass die Produkte den grundlegenden Sicherheitsanforderungen genügen.
Wie stellt sich die Situation für die Komponentenanbieter dar – sind chinesische Kunden überhaupt bereit, für ‚Sicherheit made in Germany‘ zu bezahlen?
Ehrlich gesagt, glaube ich, dass chinesische Kunden beim Einsatz von Sicherheitstechnik wenig Alternativen haben. Die meisten hier erhältlichen Produkte stammen aus Deutschland. ‚Made in Germany‘ steht für Qualität, Zuverlässigkeit aber auch hohe Preise. Für Kunden im oberen und mittleren Marktsegment ist das in Ordnung. Speziell im unteren Segment werden entweder gar keine Sicherheitsprodukte verbaut oder der Preis ist das ausschlaggebende Kaufargument. Dann kommen die hiesigen Produkte zum Einsatz. Insgesamt betrachtet ist es natürlich so, dass die meisten Maschinen für den Export in Wirtschaftsregionen wie Europa oder USA bestimmt sind.
Der Großteil der chinesischen Maschinenbauer, die bereits heute ihre Maschinen in den Geltungsbereich der Maschinenrichtlinie liefern, haben die damit einhergehenden Anforderungen an die Maschinensicherheit erkannt. Ob die technische Umsetzung den Vergleich mit der Lösung eines lokalen Maschinenbauers standhält, ist jedoch zu hinterfragen. Genauer hinschauen sollte ein Endkunde insbesondere dann, wenn die Maschine zusätzlich mit Sicherheitsbauteilen chinesischer Hersteller ausgerüstet ist. Da kann es schon mal eine Überraschung geben.











