Wertschöpfung mit Sicherheitstechnik

Günter Herkommer,

An einem Strang

Der zu Recht hohe Stellenwert des Themas Safety hat in der Vergangenheit zu einer weitgehend isolierten Betrachtung der Sicherheitstechnik geführt. Mit den heute zur Verfügung stehenden Technologien lässt sich die existierende Trennlinie hin zur Standardautomatisierung aufheben und es entstehen integrierte Lösungen, die neben der Verhütung von Unfällen zusätzliche Wertschöpfung versprechen.

Von Herbert Heßlinger

Das größte Risiko für den Bediener einer Maschine oder Anlage, einen körperlichen Schaden zu erleiden, besteht erfahrungsgemäß nicht während des eigentlichen Produktionsprozesses: Die meisten Unfälle ereignen sich während des Einrichtens sowie bei der Beseitigung von Fehlern oder Störfällen. Um solche Unfälle zu vermeiden und dem Bedienpersonal den sicheren Zugang zur Maschine zu ermöglichen, sind im Falle von plötzlich auftretenden Fehlfunktionen alle beweglichen Teile unverzüglich in den sicheren Betrieb zu versetzen. Um hier den entsprechenden Normen Rechnung zu tragen, sind die Hersteller gefordert, entsprechende Sicherheitslösungen in ihre Maschinen und Anlagen zu integrieren. Demgegenüber steht heute mehr denn je die Forderung nach immer effizienteren Automatisierungskonzepten. Ergo drängt sich die Frage auf, wie sich der scheinbare Widerspruch zwischen Sicherheitstechnik und dem damit verbundenen Mehraufwand auf der einen Seite und der Forderung nach Wirtschaftlichkeit auf der anderen Seite lösen lässt?

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Safety-Programmiersystem und Laufzeitumgebung ”“ beide entwickelt nach der Norm IEC 61508 ”“ greifen auf dieselbe Projekt-Datenbasis zu wie das Engineering-Framework. Auf diese Weise lässt sich eine komplett sichere Projektierung gewährleisten.

Die Antwort hierauf kann lauten: Reduktion der Komplexität und Integration der Sicherheitstechnik in die Standard-Automatisierung. Voraussetzung dafür sind Automatisierungs-Komponenten, die sich skalierbar mit entsprechenden Sicherheitsfunktionen ausstatten lassen. Diese Funktionen werden dabei unter Nutzung der bereits zur Verfügung stehenden Infrastruktur und Ressourcen in die Standard-Automatisierungstechnik eingegliedert. So entsteht ein durchgängiges Sicherheitskonzept, das sich gleichermaßen für zentrale, dezentrale und hybride Automatisierungsstrukturen eignet.

Ein solches Konzept trägt maßgeblich dazu bei, den Mehraufwand einer getrennten Maschinen- und Sicherheitssteuerung zu reduzieren. Was heißt das im Detail? Durch Integration der SIL-3-Sicherheitsprogrammierung in ein Standard-Engineering-Framework wie „ProMaster“ von Baumüller lassen sich beispielsweise umfassende Sicherheitsapplikationen auf dem Komplexitätsniveau einer Standardautomatisierung realisieren. Die nach der Norm IEC 61508 entwickelte, sichere IEC-Programmierumgebung – genannt ProSafety – ist hierbei elementarer Bestandteil des Engineering-Framework und greift auf dieselbe Projektdatenbasis zu. Somit sind die Standard-Programmierung nach IEC 61131-3 und die Safety-Programmierung bis SIL3 vollständig und rückwirkungsfrei auf einer Steuerung kombinierbar, und im Ergebnis der sichere Betrieb einer Maschine mit geringerem Aufwand möglich als bei der klassischen Lösung. Einmal erstellte Applikationen stehen als hersteller- oder anwenderspezifische Bibliotheken zur Verfügung und sind nach Belieben multiplizierbar.

Innerhalb des Engineering-Framework sind alle benötigten Daten und Informationen uneingeschränkt verfügbar. Durch einfache Auswahl der Geräte aus Katalogen ist der Anwender in der Lage, per Drag&Drop die Automatisierungstopologie zu erstellen. Die Details der eigentlichen Datenübertragung zwischen den Komponenten – sprich die Konfiguration der Kommunikation – erledigt das System dann automatisch. Die Entscheidung, ob und in welchem Umfang er die Sicherheitsfunktionen realisiert, obliegt dabei dem Maschinenbauer selbst.

Safety-over-Ethercat ist ein TÜV-zertifiziertes Sicherheitsprotokoll für Geräte-Implementierungen bis SIL 3 und erfordert praktisch keine Einschränkungen bezüglich des Kommunikationsmediums, der Übertragungsrate oder der Länge der sicheren Prozessdaten.

Die Anbindung der Sicherheitssteuerung an die weiteren maschinenspezifischen Komponenten, wie beispielsweise Antriebssysteme, erfolgt heute in der Regel über sichere und hochperformante Feldbusse. Für die meisten dieser Feldbus-Systeme gibt es genau definierte Sicherheitsprotokolle. Baumüller setzt in diesem Punkt auf die ethernet-basierte Ethercat-Technologie, welche die Übertragung fehlersicherer und nicht fehlersicherer Signale auf demselben Bussystem ermöglicht. Der fehlersichere Signalaustausch wird dabei mittels des zertifizierten Safety-over-Ethercat-Protokolls (FSoE) umgesetzt.

Diese Einbindung der Echtzeit-Kommunikation und des Tunnelings aller Funktionalitäten in ein durchgängiges Echtzeit-Ethernet-Netzwerk erlaubt die Parametrierung und Optimierung der Automatisierungskomponenten – wie zum Beispiel der Antriebe während des Betriebs, ohne dadurch die Echtzeit-Kommunikation zu stören. Gleichzeitig resultiert daraus eine Vielzahl an technischen Möglichkeiten, die von Fernwartung bis zu Online-Updates reichen. Kurzum: Über das angesprochene Framework lässt sich der gesamte Engineering- und Inbetriebnahmeprozess sowohl für sichere als auch für Standard-Systemkomponenten effizient aus einem einzigen Software-Werkzeug heraus bewerkstelligen.

Eine Steuerung für Standard und Safety

Voraussetzung für eine solche „Single-Plattform-Strategie“ anstelle einer Addon-Sicherheitslösung sind, wie bereits angedeutet, modulare, skalierbare und flexibel mit Sicherheitsfunktionalitäten ausrüstbare Automatisierungskomponenten. Innerhalb des Baumüller-Konzeptes steht beispielsweise eine Kombination aus Standard- und SIL-3-Sicherheitssteuerung zur Verfügung, die mit einem Antriebssystem mit integrierter funktionaler Sicherheit gemäß der Norm IEC 61800-5-2 kooperiert und dadurch den sicheren Betrieb von Maschinen und Anlagen gewährleistet. In die Steuerung ist eine Funktionsbaustein-Bibliothek integriert, die Motion-Control- und Sicherheitsbausteine sowie SPS-Funktionen nach PLCopen Motion und PLCopen Safety enthält. Diese Bibliothek ermöglicht die Projektierung von Single- und Multi-Axis-Motion-Funktionalitäten aus rein technologischer Sicht sowie die Realisierung von aktuell 18 Sicherheitsfunktionen, darunter Not-Aus, Schutztürverriegelung oder Zweihandschaltung.

Über fertige Safety-Funktionsbausteine lassen sich Basis-Sicherheitsfunktionen einfach realisieren.

In der sicheren Programmierumgebung ist wiederum Zugriff auf alle notwendigen Daten möglich. Die Parameter der vorgefertigten und geprüften Sicherheits-Funktionsbausteine werden hier einfach, übersichtlich und sicher mit der Funktionsanwendung verknüpft. Eine einmal erstellte und geprüfte Sicherheitsapplikation lässt sich auf diese Weise kapseln und steht für weitere Anwendungen zur Verfügung.

Der Einsatz einer integrierten Standard/ Safety-SPS resultiert also nicht nur in einer erhöhten Sicherheit für Bedienpersonal und Produktionsprozess, sondern reduziert gleichzeitig die Komplexität beträchtlich, da sowohl der bei Add-on-Lösungen notwendige Verkabelungsaufwand als auch der Prüfaufwand spürbar sinken. Außerdem können Fehler und Störfälle im Betriebsablauf leichter beseitigt werden, da Maschinen und Anlagen im Falle eines Zugriffs durch den Bediener zuverlässig in den sicheren Betrieb versetzt werden können und somit keine Verletzungsgefahr mehr besteht. Weitere Vorteile sind stark verkürzte Reaktionszeiten – besonders bei Einsatz dynamischer Antriebe – und damit einhergehend eine deutliche Verringerung des Risikos von Unfällen. Störungen lassen sich mittels umfangreicher Diagnosetools schneller lokalisieren und helfen dem Betreiber, den Maschinenstillstand zu verkürzen. Last but not least kann das Rüsten schneller, einfacher und effizienter ablaufen, da nach Beseitigung der Störung kein erneutes Einrichten erforderlich ist, weil die Maschine nicht vom Netz getrennt werden muss oder aber gekoppelte Achsen kein erneutes Synchronisieren erfordern.

Auf den Punkt gebracht: Ein integriertes Sicherheitskonzepte auf der Grundlage moderner Safety-Technologien schafft die Voraussetzung dafür, dass Maschinen- und Anlagenbauer die neuen gesetzlichen Anforderungen und die Bedürfnisse der Betreiber nach einem Optimum an Wirtschaftlichkeit auf einen gemeinsamen Nenner bringen können. Umfangreiche Sicherheitsfunktionen lassen sich per vorgefertigter und geprüfter Funktionsbausteine realisieren und der Anwender kann sein Augenmerk auf seine eigentliche Aufgabe – die Realisierung der Maschinenfunktion – legen.

Autor

Herbert Heßlinger ist Geschäftsführer von Baumüller Anlagen-Systemtechnik, Nürnberg.

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