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Artikel und Hintergründe zum Thema

Servicerobotik

Dr. Björn Kahl, Yevgen Kogan, Jörn Steffen Menzefricke | Günter Herkommer,

Was hinter dem Projekt SeRoNet steckt

Roboterlösungen und insbesondere Serviceroboter effizienter entwickeln und in den Markt bringen – dieses Ziel steht hinter der Online-Vermittlungsplattform robot.one, die im Rahmen des Verbundprojektes SeRoNet entwickelt wird.

© HS Ulm / Dennis Stampfer

Aus der Großserienfertigung sind Roboter kaum mehr wegzudenken. Anders verhält es sich bei geringeren Stückzahlen in kleinen und mittleren Unternehmen oder im Handwerk, wo auf robotisch unterstützte Automatisierung bis dato meist verzichtet wird. Zwar gilt es, auch hier die Vision von Industrie 4.0 – eine individualisierte, vernetzte und kundenspezifische Fertigung kleiner Losgrößen – erfolgreich umzusetzen; dazu bedarf es allerdings Lösungen mit überschaubaren Kosten, Programmier- und Einbettungsaufwänden. Klassische Industrieroboter sind für den Mittelstand deshalb bisher zu selten wirtschaftlich einsetzbar.

Unter dem Wirtschaftlichkeits- beziehungsweise Kostenaspekt grundsätzlich besser geeignet sind Serviceroboter, also Roboter außerhalb vollautomatisierter Umgebungen. Für diese wird im privaten wie professionellen Bereich zwar großes Potenzial gesehen, die Einsatzzahlen bleiben aber in vielen Branchen hinter den Erwartungen zurück. Warum ist das so?

Die größte Herausforderung stellt momentan die Konfiguration und Programmierung von Servicerobotern dar. Insbesondere gilt es, Softwarekomponenten innerhalb einer spezifischen Roboterlösung einfach wiederverwendbar zu machen und so Kosten bei der Systemintegration zu sparen. Diese macht heute mit meist 60 bis 80 % den größten Anteil bei der Investition in Serviceroboter aus. An dieser Stelle kommen IT-Plattformen ins Spiel: Sie sollen künftig eine stärker arbeitsteilige Entwicklung der Systeme ermöglichen. So könnten in nächster Zeit Ideen auf Basis bereits bestehender und wiederverwendbarer Lösungen, verfügbarer Standardkomponenten und Dienstleistungsangebote schneller und kostengünstiger realisiert und damit auch für den Mittelstand verfügbar werden.

Vor diesem Hintergrund haben sich fünf Forschungseinrichtungen, ein Systemintegrator, drei Endanwender und ein Roboterhersteller im Projekt SeRoNet zusammengeschlossen und gemeinsam die ‚robot one‘-Plattform entwickelt.

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Funktionalitäten der Plattform robot one

Deren wichtigster Aspekt und gleichzeitig ihr Alleinstellungsmerkmal ist die Vermittlungsfunktionalität. Die Plattform soll letztlich dazu dienen, Komponentenhersteller, Systemintegratoren sowie Endkunden miteinander zu vernetzen. Basierend auf zu formulierenden Problembeschreibungen unterstützt sie Endanwender dabei, erfahrene Systemintegratoren und passende Hardware- und Softwarekomponenten zu finden. Gleichermaßen können Systemintegratoren potenziellen Kunden passende Angebote unterbreiten und geeignete Komponenten auswählen. Komponentenanbieter schließlich können die Plattform nutzen, um ihre Produkte bedarfsgerecht zu positionieren. 

Vorteile der Plattform robot one für die jeweiligen Rollen.

© HNI Universität Paderborn

Robot one steuert den diesbezüglichen Informationsfluss, was die Plattform selbst zu einem Teil des Wertschöpfungsnetzwerks macht. Ein wichtiges Kriterium für die Beschreibung der Anforderungen und Lösungen ist, diese Daten angemessen gegen den unautorisierten Zugriff zu schützen, sodass der Dateneigentümer steuern kann, was mit seinen Informationen passiert. In vielen Fällen sind zudem abstrakte Rahmenbedingungen als Problem- beziehungsweise Lösungsbeschreibung ausreichend. Diese können zum Beispiel Einzelheiten enthalten wie die Einsatzbranche, Umweltbedingungen für den Betrieb (Helligkeit, Temperatur etc.), Werkstückeigenschaften (Werkstoff, bewegte Massen etc.) oder Genauigkeitsanforderungen. Darüber hinaus können Lösungsbeschreibungen die verwendeten Komponenten sowie die dazugehörige Problemstellung referenzieren. Alle Daten werden innerhalb der Plattform eingesetzt, um bei neu eingegebenen Problembeschreibungen die Suche nach Anbietern beziehungsweise Partnern zu unterstützen.

Letztendlich verspricht dieser Ansatz diverse Vorteile für die verschiedenen Akteure: Komponentenhersteller können ihre Produkte und Technologien wirksamer vermarkten. Durch die Möglichkeit, Produkte im SeRoNet-Katalog zu platzieren, könnten bisher unerreichte Märkte erschlossen werden. Systemintegratoren verhilft die Plattform zu einer transparenten Sicht auf bestehende Komponenten – ob als Open-Source- oder proprietäre Softwarekomponenten oder als ‚intelligente‘ Hardwaremodule. Dadurch steigt die Auswahl der möglichen Systembausteine und ermöglicht so, bisher unbekannte Komponenten zu integrieren. Zusätzlich lassen sich passende Komponenten für ein bestelltes Serviceroboter-System schneller finden. Endanwender profitieren schließlich von den Kosteneinsparungen, die durch die effizientere Systemintegration beziehungsweise wiederverwendbare Bausteine entstehen. Obendrein erhalten auch die Anwender über den Komponentenkatalog von robot one einen schnellen Überblick über mögliche Teillösungen und technische Entwicklungen auf Anbieterseite.

Modellierung mit Mitteln der Industrie 4.0

Technische Grundlage dieser kollaborativen Arbeit ist eine einheitliche Modellierung der Komponenten, die zur Realisierung von Robotersystemen zum Einsatz kommen. Dadurch sind diese einfach miteinander kombinierbar und auffindbar. Teil der Modelle ist beispielsweise die Beschreibung des Kommunikationsverhaltens, unter anderem ob eine Komponente zyklisch Daten publiziert (Pub/Sub-Modell) oder Serviceaufrufe (RPC) zur Kommunikation nutzt.

Jedoch reichen diese technischen Modelle nicht, um die Komponenten aufgrund ihrer (fachlichen) Eigenschaften durch robot one auffindbar zu machen. Die Betrachtung eines üblichen Lebenszyklus einer Industrieanlage ergibt, dass insbesondere in der Planungsphase die anwendungsrelevanten, funktionalen Eigenschaften von Komponenten die übergeordnete Rolle spielen. Bei der Auswahl eines Abstandssensors beispielsweise sind maßgebliche Eigenschaften der Messbereich oder die Messgenauigkeit. Erst wenn zu diesen Parametern passende Sensoren gefunden sind, lässt sich die Auswahl durch weitere Kriterien wie etwa Kaufpreis, Standzeit oder eben Schnittstellen einschränken. 

In SeRoNet entstehen drei Pilotdemonstratoren, darunter eine Kommissionierungsanlage.

© SeRoNet

SeRoNet-Demonstrator: Die Kommissionierungs­anlage wird die sensorgesteuerte, adaptive Warenentnahme ermöglichen.

© FZI Karlsruhe

Neben den technischen Informationen gehören zu praktisch jeder Komponente noch weitere allgemeingültige oder domänenspezifische Informationen wie bestehende Serviceverträge, Bezahlmodelle oder Garantiefristen. Deren Gesamtmenge kann umfangreich und heterogen sein. Die einheitliche Darstellung solcher Informationen in einer maschinenverarbeitbaren Form ist eine wichtige Aufgabe im Zuge der Industrie 4.0 und in SeRoNet. Sie wird durch die sogenannte ‚Verwaltungsschale‘ der Initiative ‚Plattform Industrie 4.0‘ ermöglicht. 

Ein zentrales Ergebnis dieser Initiative ist die Ende 2018 veröffentlichte Spezifikation ‚Verwaltungsschale im Detail‘ (VWSiD). Dort sind ein Metamodell der Verwaltungsschale, der digitalen Repräsentanz jedes Industrie-4.0-kompatiblen Assets – zum Beispiel Komponenten einer Anlage, ganze Fertigungssysteme, aber auch Werkstücke – sowie einige Abbildungen dieses Modells auf konkrete Technologien (aktuell XML und JSON) definiert. Weitere Abbildungen – etwa RDF oder auch OPC UA – sind angedacht beziehungsweise in Vorbereitung. Es ist jedoch nicht die Aufgabe der VWSiD-Spezifikation, die konkreten Inhalte von Verwaltungsschalen zu definieren. Dies ist, bedingt durch deren Vielfältigkeit, die Aufgabe dedizierter Organisationen/Gremien.

 

Modellierung und Standardisierung

In der Modellierung greift SeRoNet die Konzepte der Verwaltungsschale auf und leistet damit Vorarbeit für weitere Standardisierungsarbeiten, validiert die bisherigen Standardisierungsergebnisse in der Praxis und stellt damit die Zukunftsfähigkeit und Anwendbarkeit der Projekt-Ergebnisse in der Industrie sicher. So kann die einheitliche Komponentenmodellierung – insbesondere das technische Datenblatt – in die VWSiD-Form gebracht werden. Gleichzeitig sind weitere Beschreibungsmodelle für in der Servicerobotik oft verwendete Hardware- oder Softwarekomponenten definierbar. 

Das zentrale Ziel der Plattform robot one, und zwar das Auffinden möglichst geeigneter Komponenten zu einer Aufgabenstellung beziehungsweise das Zusammenführen passender Akteure, führt mittelfristig zu einer umfangreichen Datenbank, in der die Beschreibungen der Komponenten vorzugsweise in Form der Verwaltungsschalen vorgehalten werden. Innerhalb der Vermittlungsplattform wird dazu RDF, das ‚Resource Description Framework‘ des WorldWideWeb Consortium, verwendet. Eine Methode für die Abbildung des VWSiD-Metamodells auf RDF wird aktuell in SeRoNet in enger Abstimmung mit den Industrie-4.0-Gremien entwickelt und soll im Projekt evaluiert werden. 

Dadurch, dass OPC UA als anerkannter Industriestandard ein mächtiges Informations-Metamodell definiert, ist zu erwarten, dass zukünftig die Verwaltungsschalen oder zumindest Teilmodelle vieler Assets in OPC UA beschrieben werden. Dies betrifft insbesondere solche Assets, die gleichzeitig OPC-UA-Komponenten sind, also den Anforderungen der OPC UA Foundation an Schnittstellen und Informationsmodellen genügen. Mit SeRoNet entwickelte Komponenten sind automatisch solche OPC-UA-Kompo­nenten. Durch die Verwendung des ­standardisierten VWSiD-Metamodells wird es für robot one mit geringem Aufwand möglich sein, die im OPC-UA-­Format vorgehaltenen Komponenten­beschreibungen zu importieren. 

Um die Heterogenität aller potenziellen Assets abbilden zu können, bietet das VWSiD-Metamodell viele Freiheitsgrade in der Modellierung. Auch wenn diese Flexibilität notwendig ist, um alle denkbaren Szenarien abzubilden, lassen sich für spezifische Problemstellungen Einschränkungen definieren, um die Interoperabilität zu erhöhen. Für besonders wichtige und allgemeingültige Anwendungsfälle sind solche Einschränkungen in Form weiterer Standards oder Profile formalisierbar. In SeRoNet werden beispielsweise Vorschläge zur Abbildung von Hierarchien von Komponentenklassen erarbeitet und implementiert.

Semantisches Backend

Die robot-one-Plattform nutzt ein semantisches Backend zur strukturierten und erweiterbaren Datenhaltung. Diese Datenbank auf Basis des RDF organisiert die durch die Industrie-4.0-Verwaltungsschale und weitere technische Modelle beschriebenen Assets in nutzerorientierte Klassen und rollenspezifische Sichten für die Plattform. Vorhandene Software- und Hardwarekomponenten, für robot one zentrale Rollen (Kunde, Systemintegrator und Komponentenhersteller) sowie die entstehenden Verbindungen (zum Beispiel Erfahrungen bezüglich Komponenten von Systemintegratoren) werden in einem strukturierten Graph abgelegt.

Um zu gewährleisten, dass die modellierten Instanzen alle nötigen Informationen beinhalten und vorhandene Bedingungen einhalten (zum Beispiel einen Link zu einer Komponentendokumentation), werden neu eingefügte oder geänderte Komponenten automatisiert gegen ein Modellschema geprüft. Bei Nichterfüllung der Schemata können die genauen Fehlerquellen gefunden und dem Ersteller der Komponente gezeigt werden. Um den Zugriff durch die Plattformnutzer zu ermöglichen, erfolgt eine Aufbereitung des Datenbestandes für eine Facetten- und eine Volltextsuche. Des Weiteren stellt robot one Formulare zur Bearbeitung der Daten durch ihre jeweiligen Eigentümer bereit. 

Um einen initialen Datensatz für robot one zu generieren, bietet das Projekt mehrere Möglichkeiten, um eine Förderung zur Integration von existierenden Software- und Hardwarekomponenten zu beantragen. Teilnehmer erhalten frühen Zugriff auf die Werkzeuge aus SeRoNet und können als erste mit ihren Produkten auf der Plattform vertreten sein.

Aufruf zu einer geförderten Teilnahme

Darüber hinaus sind die Teilnehmer eingeladen, die Ausprägung der Modelle und die Plattform selbst weiter mitzugestalten. Der erste Aufruf wird voraussichtlich am 2. September 2019 veröffentlicht und richtet sich an Anbieter von Mechatronik oder reinen Software-Roboterkomponenten. Die einzubringenden Komponenten sollten wiederverwendbar sein, ein SeRoNet-konformes Informationsmodell erhalten und über das spezifizierte Backend – sprich OPC UA – kommunizieren. Die Förderung im Umfang von 20.000 bis 40.000 Euro soll den zusätzlichen Aufwand für die Anpassung der Komponenten an die SeRoNet-Modelle und OPC-UA-Schnittstellen finanzieren. Für alle Beteiligungsaufrufe zusammen stehen Mittel von 1 Mio. Euro zur Verfügung.

Es sind drei Ausschreibungsrunden geplant, die jeweils einige Wochen auseinanderliegen und einen breiten Bereich von Roboterkomponenten für robot one liefern sollen. Beispiele für Komponenten sind sowohl Sensoren und Aktoren zur Erfassung der Umgebung oder Interaktion als auch Softwarekomponenten, die beispielsweise unter Zuhilfenahme der Sensordaten eine kollisionsfreie Navigation ermöglichen. Auch abseits der Fördermöglichkeiten wird das Projekt Komponenten interessierter Anbieter nach einer Qualitätssicherung in die Plattform integrieren.

Autoren:
Dr. Björn Kahl ist Projektleiter am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA;
Yevgen Kogan ist Teamleiter bei Kuka Deutschland;
Jörn Steffen  Menzefricke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Heinz-Nixdorf Institut, ­Universität Paderborn.

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