zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Mensch-Roboter-Kollaboration

Günter Herkommer,

Cobots - feinfühlig und trotzdem kraftvoll

Für die direkte Zusammenarbeit mit dem Menschen ausgelegt, lassen sich sogenannte 'Cobots' in unterschiedlichsten Anwendungen und Branchen zur Optimierung der Fertigungsabläufe einsetzen – zwei Beispiele.

© Kuka

Der Automobilzulieferer Yanfeng Automotive Interiors (YFAI) ist ein weltweit agierender Anbieter von Lösungen automobiler Innenausstattung. Das Unternehmen mit Sitz seiner Zentrale in Shanghai verfügt global über 110 Standorte, darunter auch eine Fertigung im niedersächsischen Lüneburg. Dort werden zahlreiche Komponenten wie Instrumententafeln, Türverkleidungen oder Armauflagen gefertigt. Werkleiter Michael Oji: „Die Automobilbranche befindet sich in einer tiefgreifenden Transformation. Vor diesem Hintergrund möchten wir unsere Produktionsprozesse als Teil der zukunftsfähigen Ausrichtung unserer Standorte Schritt für Schritt in Richtung Industrie 4.0 umstellen.“

Im ersten Schritt entschied sich das Unternehmen für die Integration eines Cobots in die Produktionslinie, der die Mitarbeiter beim Verschrauben von Armauflagen unterstützt. Konkret handelt es sich dabei um einen LBR iiwa von Kuka, der gemeinsam mit dem Systemintegrator Schulz Systemtechnik in Betrieb genommen wurde. Im Gegensatz zu klassischen Industrierobotern, die für gewöhnlich nicht sensitiv sind und daher aus Sicherheitsgründen hinter Schutzzäunen stehen, fallen bei Cobots aufwendige bauliche Maßnahmen weg. Für die Sicherheit der Mitarbeiter sorgen Gelenkmomentsensoren, die in jeder der sieben Achsen des Roboters integriert sind. Fühlt auch nur einer dieser Sensoren eine Erschütterung, so stoppt der Cobot unverzüglich seine Bewegung. Zudem verfügt der Roboter ausschließlich über glatte Formen und verringert so Gefahrenpotenziale für den Menschen.

Durch die Sicherheitsvorrichtungen entfällt die starre Trennung zwischen der Vollautomatisierung und der manuellen Arbeit – beide Bereiche verschmelzen. Die daraus resultierende direkte Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter bietet zahlreiche Vorteile: Während der Mensch sehr flexibel ist und sich auf neue Situa-tionen schnell einstellen kann, arbeitet der Roboter gleichbleibend präzise. „Damit ist es uns möglich, Produktionsprozesse noch effizienter zu gestalten“, so Michael Oji. Da Sicherheitsvorrichtungen wie Zäune wegfallen, wird entsprechend der Bauraum kleiner und es entstehen flexible Fertigungsinseln, die auch unterschiedliche Produkte fertigen können. Nicht zuletzt entlastet der Cobot den Menschen sowohl von anstrengenden als auch monotonen, sich häufig wiederholenden Tätigkeiten.

Konkret besteht die Aufgabe des MRK-Roboters bei Yanfeng darin, die Armauflagen aller vier Türen des Opel Insigna zu verschrauben. Dazu teilt er sich mit zwei Mitarbeitern den Arbeitsraum. Im ersten Schritt bereitet der Werker das Bauteil vor. Dazu legt er ein Spritzgussbauteil zusammen mit der Lederauflage in eine Werkzeugmaschine ein, die die beiden Komponenten kaschiert. Anschließend nimmt der Werker das kaschierte Bauteil und verklipst es mit einem weiteren Spritzgussbauteil, um die Armauflagen fertigzustellen. Den folgenden Schritt führt der Cobot aus. Dazu legt der Werker das Bauteil in eine Halterung ein. Per Tastendruck wird dem Roboter mitgeteilt, dass der Bearbeitungsvorgang gestartet werden kann. Daraufhin verfährt der Roboter zur Halterung und verschraubt die beiden Bauteile. Die Zuführung der Schrauben erfolgt automatisch über einen Schlauch, der an der Schutzhülse angebracht ist. Anschließend nimmt der Werker die fertigen Armauflagen und stapelt sie zum Abtransport.

In der Anlage arbeiten zwei Werker an jeweils einer Werkzeugmaschine. Den Cobot ‚teilen‘ sie sich. Zum Verschrauben gibt es insgesamt vier Halterungen. Wartezeiten werden somit ausgeschlossen.

Anzeige

Hohe Traglast ausschlaggebend

Der Roboter bei Yanfeng ist so programmiert, dass er immer den effizientesten Weg wählt, wie die Bauteile am schnellsten verschraubt werden können.

© Kuka

Ausschlaggebend für die Wahl des Leichtbauroboters LBR iiwa durch Yanfeng war unter anderem, dass er Traglasten von bis zu 14 Kilogramm bewegen kann. Dennis Rittmann hierzu: „Der Roboter muss in der Lage sein, einen 13 Kilogramm schweren Schraubkopf zu führen. Außerdem bietet der Roboter die in Europa notwendige CE-Kennzeichnung.“ Eine wichtige Herausforderung bei der Inbetriebnahme war, die Sicherheit der Werker jederzeit zu gewährleisten. Neben den Sicherheitsvorrichtungen, die der Roboter bereits mitbringt, sorgt ein speziell auf MRK-Systeme ausgelegter Schraubautomat von Stöger Automation für die sichere Kollaboration. Der Schraubkopf ist dabei hinter einer Schutzhülse angebracht. Trifft die Hülse auf ein Hindernis, schaltet der Roboter unverzüglich ab.

Die Anlage mit dem Cobot ist mittlerweile seit Dezember 2017 in Betrieb. Die ersten Erfahrungen sind durchweg positiv, wie Michael Oji bestätigt: „Der Roboter hat sich mittlerweile amortisiert. Dazu kommt, dass sich unsere Kolleginnen und Kollegen schnell mit ihm vertraut gemacht haben. Sie sind in der Lage, den Roboter bei einer Fehlermeldung selbst zu bedienen und den Fehler zu beheben. Für die Bedienung des Roboters war keine gesonderte Schulung der Mitarbeiter erforderlich.“ Die zwei Werker und der Roboter bewerkstelligen in einer Stunde 45 Fahrzeugsätze. Das entspricht 180 verschraubten Armauflagen. Mittelfristig plant das Unternehmen, weitere Cobots in seinen Werken einzusetzen.
 

Der feinfühlige Cobot

Ein weiteres Beispiel für den Einsatz sensitiver Cobots ist die Automatisierung des Kalibriervorgangs von unterschiedlich großen Messmitteln bei Perschmann Calibration. Der Kalibrierdienstleister aus Braunschweig ist auf die Kalibrierung von Handmessmitteln spezialisiert, unter anderem werden Lehren wie Dorne und Einstellringe hochpräzise geprüft. Nach der Norm ISO 9001 sind Messmittel in regelmäßigen Abständen zu kalibrieren. Der Kundenstamm des Unternehmens besteht vor allem aus Kunden aus dem klassischen Maschinenbau, der Automobilbranche oder aus dem Flugzeugbau.

Der Cobot von Perschmann Calibration greift feinfühlig verschiedene Messmittel aus einem Materialbereitstellwagen und führt diese dem Koordinatenmessgerät zum Kalibrieren zu. Nachdem das System erkannt hat, um welches Messmittel es sich handelt …

© Kuka

„Ein menschliches Haar ist in etwa 50 µm dick, die Fäden einer Spinne etwa 5 µm. Die Genauigkeit, mit der wir Messmittel kalibrieren, beträgt rund 0,5 µm“, erklärt Dr. Detlef Rübesame, Geschäftsleiter Technik bei Perschmann Calibration. Mit anderen Worten: In der Messtechnik zählt einzig und allein höchste Präzision. An sich ideale Voraussetzungen für den Einsatz von Robotern. Für die effiziente Auslastung müssen sie allerdings verschieden große Gegenstände greifen können, ohne diese zu beschädigen.

Seit 2017 übernimmt bei Perschmann Calibration ebenfalls ein sensitiver Roboter vom Typ LBR iiwa, der auf einer ortsflexiblen mobilen Plattform installiert ist, im Drei-Schicht-Betrieb die Bestückung eines Koordinatenmessgerätes (KMG) von Hexagon mit den entsprechenden Messmitteln und automatisiert damit den Kalibrierungsprozess. Eine wichtige Frage in der Planung zur Produktionsumstellung war zunächst, wie das KMG und der Cobot die vielen unterschiedlichen Geometrien der Messmittel erkennen und zuordnen können.

… spannt es der Roboter in die entsprechende Vorrichtung.

© Kuka

Diese Herausforderung löst das Messmittel selbst, indem es den Messvorgang steuert. Mit einem Data-Matrix-Code ausgestattet, leitet es alle wichtigen Informationen, wie Messmittelart oder Durchmesser, an das KMG weiter. Über diesen speziellen Data-Matrix-Code kann das KMG die Messung selbstständig einleiten, der Eingriff eines Mitarbeiters ist nicht mehr notwendig.

Im ersten Arbeitsschritt bewegt sich der LBR iiwa zur ersten von zwei vorhandenen Transporteinheiten und prüft, ob sich in den einzelnen Rutschen Messmittel befinden. Anschließend entnimmt er diese und führt sie in der richtigen Position dem Lesegerät zu. Neben dem Scannen wird das Messmittel mit Luft abgeblasen, um eventuell vorhandenen Staub zu beseitigen und die Messung nicht zu verfälschen. Nachdem das System erkannt hat, um welches Messmittel es sich handelt, spannt es der Cobot in die Aufspannvorrichtung. Anschließend beginnt das KMG den Kalibriervorgang. Sobald dieser Prozess abgeschlossen ist, greift der Roboter das Messmittel wieder auf und platziert es in der zweiten Transporteinheit. Währenddessen werden die Informationen über den Kalibriervorgang an einen Computer übermittelt, wo das Zertifikat für jedes Bauteil erstellt wird.

Ein großer Vorteil der Anlage ist, dass der Roboter erkennt, wenn ein Fach leer ist und daraufhin eigenständig das nächste volle ansteuert. Ein echter Mehrwert, denn somit kann der Roboter die Nachtschicht autonom durcharbeiten. Die Mitarbeiter finden am nächsten Morgen ein fertig ka-libriertes Abladesystem vor. Somit eröffnet der Cobot-Einsatz dem Unternehmen nun die Möglichkeit, rund um die Uhr zu kalibrieren – und das sogar in zwei unterschiedlichen Modi. Während tagsüber die Produktion im sicheren, langsameren MRK-Modus läuft, kann über Nacht, wenn sich keine Menschen im Arbeitsbereich des Roboters aufhalten, in den vollautomatischen Modus umgestellt werden. Der Roboter arbeitet dann mit der zehnfachen Geschwindigkeit. Das ist möglich, weil im mannlosen Betrieb andere Sicherheitsbestimmungen gelten.

Kurzum: Durch die zusätzliche, vollautomatische Kalibrierung in der Nachtschicht konnte Perschmann Calibration weitere Prüfkapazitäten erschließen.

 

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Kuka

Finalisten des Innovation Award 2025 stehen fest

Der Kuka Innovation Award 2025 steht unter dem Motto ‚Medical Robotics Challenge 2.0‘. Mit ihren Robotik-Ideen für die Zukunft der Medizin haben es fünf internationale Teams in das Finale geschafft. Dem Sieger winken 20.000 Euro Preisgeld.

mehr...

IFR

Große Karrierechancen für Frauen in der Robotik

Die IFR unterstützt die Karriereförderung von Frauen in der Robotikbranche, denn laut einer Prognose der Weltbank stiege das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um knapp 20 Prozent weltweit, wenn die Beschäftigung von Frauen das gleiche Niveau wie das von...

mehr...
Anzeige
Anzeige

Kuka

Cobot-Assistent für den Mittelstand

Eine nutzerfreundliche Cobot-Applikation für kleine und mittlere Unternehmen, einsetzbar ohne Programmierung – für dieses Konzept erhielt ein Forscherteam aus Belgien den Kuka Innovation Award 2024.

mehr...
Anzeige

Meistgelesen

Die Top-Artikel im März 2024

Neue technologische Entwicklungen führen die meistgelesenen Beiträge im März an. Motoren, die das Energiesparen neu definieren, ein Kunststoffrad, das die Straße entdeckt, ein neues Ecolabel und nicht zuletzt der Einzug von ChatGPT in die Industrie....

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Kuka

Cobot in der Qualitätssicherung

Mit der bisher Gastro-Kaffeeautomaten vorbehaltenen Funktion, Kaffee grammgenau zu mahlen, erobert die Marke ‚Ligre‘ den Consumer-Bereich. Zur Qualitätssicherung des Mahlwerks setzte Gronbach im Testaufbau auf Cobot-Unterstützung.

mehr...

Bosch Rexroth zu App Stores

Die Partnerwelt wächst

Bosch Rexroth ging 2019 mit der Automatisierungsplattform ctrlX und dem dazugehörigen App Store an den Markt. 90 Partner mit über 60 Apps umfasst der App Store inzwischen. Aktuell decken die Partnerunternehmen mehr als 150 Use Cases ab.

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren