Energieeffizient produzieren
Kosten sparen durch optimierte Belegungsplanung
Energie zu sparen, muss nicht zwangsläufig hohe Investitionen in energieeffiziente Produktionstechnik bedeuten. Sehr viel erreichen lässt sich bereits durch eine energiekostenoptimierte Belegungsplanung.
Die Energiepreise sind im letzten Jahrzehnt signifikant gestiegen. Die Auswirkungen bekommen gerade energieintensive Industrieunternehmen besonders zu spüren. Industrie und Forschung versuchen daher, Fertigungsprozesse effizienter zu gestalten und Wirkungsgrade von Anlagen zu erhöhen. Auch von staatlicher Seite werden Anreize gesetzt. Beispielsweise sollen eine ISO-Zertifizierung (ISO 50001) und in Aussicht gestellte Steuererleichterungen Unternehmen dazu anhalten, mittels Investitionen die Energie-Effizienz ihrer Anlagen und Gebäude zu verbessern. Dabei steht der Gedanke im Vordergrund, den Energieverbrauch durch einen Kapitaleinsatz zu reduzieren, indem beispielsweise in eine aktuelle Technische Gebäudeausrüstung (TGA) investiert wird. Mit anderen Worten: Mit solchen Ansätzen wird versucht, Energiekosten durch einen geringeren Energieverbrauch zu senken.
Ein alternativer, bislang allerdings kaum betrachteter Ansatz besteht darin, die Kosten für die bezogene Menge an Energie zu senken, wobei der Energieverbrauch konstant bleibt. Dies hat für Unternehmen den Vorteil, dass zumindest kurzfristig keine größeren Investitionen erforderlich sind und dennoch Kosten eingespart werden können.
Ausgangspunkt zur Senkung der Energiekosten bei konstantem Energieverbrauch ist die Produktionsplanung und -steuerung (PPS). Ein Bereich der PPS, welcher einen unmittelbaren Effekt auf die Energiekosten eines Unternehmens hat, ist die Belegungsplanung. Die Belegungsplanung legt fest, zu welcher Zeit und in welcher Reihenfolge Aufträge auf einer Maschine bearbeitet werden. Dabei wird die Maschinenbelegung im Hinblick auf eine bestimmte logistische Zielgröße optimiert – zum Beispiel auf kurze Durchlaufzeiten. Keines der heute existierenden Verfahren zur Belegungsplanung ist jedoch in der Lage, eine Optimierung hinsichtlich der Energiekosten durchzuführen.
Die beeinflussbaren Bestandteile
Durch die Belegungsplanung lassen sich zwei wesentliche Bestandteile der Energiekosten beeinflussen. Dies ist zum einen der Arbeitspreis, der für die bezogene elektrische Arbeit anfällt und mengenbezogen pro verbrauchte Kilowattstunde abgerechnet wird. Interessant beim Arbeitspreis ist die Unterscheidung zwischen Hoch- und Niedertarif. Im Niedertarif – meist zwischen 22 und 6 Uhr – ist der Arbeitspreis geringer. Da diese Unterscheidung jedoch nicht mehr in allen Stromtarifen vorgesehen ist, ist das Potenzial zur Senkung der Energiekosten insgesamt eher gering einzuschätzen.
Exemplarischer Belegungsplan mit resultierendem Verlauf des Energieverbrauchs: Der Verlauf des Energieverbrauchs der gesamten Fertigung ergibt sich durch die Addition der Energieverbräuche aller zu einem Zeitpunkt laufenden Maschinen.
© IPHDer andere Bestandteil ist der Leistungspreis, welcher für die Bereitstellung der elektrischen Arbeit anfällt. Dieser wird mit dem höchsten im Laufe eines Jahres gemessenen Energieverbrauch (in Kilowatt) errechnet. Bestandteil einiger Energietarife ist weiterhin eine vereinbarte Leistungsobergrenze. Insbesondere ist dies bei energieintensiven Unternehmen der Fall, die über einen individuell mit dem Energieversorger ausgehandelten Sondervertrag verfügen. Die Obergrenze legt einen bestimmten Energieverbrauch (in Kilowatt) fest, den das Unternehmen nicht überschreiten soll. Wird diese Grenze auch nur einmal im Jahr überschritten, erhöht sich der Multiplikator zur Berechnung des Leistungspreises.
Die Messung des absoluten Energieverbrauches eines Unternehmens erfolgt viertelstündlich in der Einheit Kilowatt durch den Hauptzähler des Energieversorgers. Der höchste Wert stellt dabei die Lastspitze dar. Durch die zeitliche Überlagerung einzelner Fertigungsaufträge treten bei produzierenden Unternehmen große Schwankungen in der Energie-Nachfrage auf. Ergo lassen sich Kostensenkungspotenziale dadurch erschließen, dass die Lastspitzen reduziert und der Energieverbrauch besser über die Zeit verteilt wird. Dies gilt insbesondere für Unternehmen, deren Energietarif eine vereinbarte Leistungsobergrenze beinhaltet.
Der bekannteste Ansatz zur Reduzierung solcher Lastspitzen ist ein Lastmanagementsystem. Lastmanagementsysteme messen den absoluten Energieverbrauch eines Unternehmens über die Zeit und sitzen zumeist vor dem Hauptzähler des Energieversorgers. Erreicht der aktuelle Energieverbrauch eine definierte Obergrenze, schaltet das Lastmanagementsystem in einer festgelegten Reihenfolge Verbraucher ab, sodass die Obergrenze nicht überschritten wird. Hierdurch wird allerdings in nicht vorauszusehender Weise in den Produktionsablauf eingegriffen. Kommt es beispielsweise zur Abschaltung von Maschinen, die einen zeitkritischen Auftrag bearbeiten, entstehen dem Unternehmen unter Umständen Mehrkosten aufgrund nicht eingehaltener Liefertermine. Lastmanagementsysteme optimieren also einseitig hinsichtlich der Energiekosten und können für das Unternehmen wichtige logistische Zielgrößen negativ beeinflussen.
Fertigungsaufträge gezielt einplanen
Ausgehend von diesem Defizit hat sich das IPH – Institut für Integrierte Produktion Hannover – zur Aufgabe gemacht, eine Methode zur energiekostenorientierten Belegungsplanung zu entwickeln. Diese erlaubt erstmals durch das gezielte Einplanen von Fertigungsaufträgen an Maschinen simultan sowohl die Nivellierung des Energieverbrauchs über der Zeit als auch die Einhaltung der logistischen Zielgrößen Termintreue, Durchlaufzeit und Bestand.
Exemplarischer Energieverbrauch mit Tarifbestandteilen: Bei einer vertraglich festgelegten Leistungsobergrenze muss die bezogene Höchstleistung unterhalb dieser Grenze liegen, sonst entstehen erhebliche Zusatzkosten.
© IPHDie Methode fokussiert auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU), deren Produktion in einer Werkstattfertigung organisiert ist. Dabei wird davon ausgegangen, dass ein Produkt mehrere Arbeitsgänge benötigt, die an verschiedenen Maschinen durchgeführt werden. Darüber hinaus lassen sich Freiheitsgrade hinsichtlich alternativ zu wählender Maschinen innerhalb eines Bereichs (beispielweise zwei von vier Drehmaschinen in der Dreherei) in der Methode abbilden. Für stark verkettete Organisationsformen, wie eine Fließlinie, ist die Methode jedoch aufgrund der schwierigen Verschiebbarkeit von Aufträgen und Arbeitsgängen tendenziell ungeeignet. Eine weitere Anwendungsvoraussetzung besteht darin, dass Produkte mit unterschiedlichen Energieverbräuchen je Maschine gefertigt werden. Das heißt, der Energieverbrauch der Maschine muss produktabhängig sein, sonst ist durch das Vertauschen von Aufträgen keine Beeinflussung des Verlaufs des Energieverbrauchs erreichbar.
Nicht zuletzt müssen die notwendigen Energieverbrauchsdaten im Unternehmen vorhanden sein. Für jeden Produktionsauftrag muss dabei der Energieverbrauch über der Zeit, üblicherweise in Viertelstundenwerten, bekannt sein. Dazu ist im Idealfall jede Maschine mit einem Messzähler ausgerüstet. In der Praxis ist eine derart detaillierte Messung des Energieverbrauchs jedoch selten anzutreffen. Oft gibt es lediglich den Hauptzähler des Energieversorgers. Die Einzelverbräuche der Maschinen sind damit nicht ermittelbar. Diese lassen sich jedoch mittels mobiler Messzangen für relevante Produktionsaufträge erfassen. Die hierfür notwendigen Investitionen liegen im niedrigen vierstelligen Euro-Bereich.
Die vom IPH entwickelte Methode geht ferner davon aus, dass Aufträge, die alternativ auf mehreren Maschinen bearbeitet werden können, an diesen Maschinen zu ähnlichen Energieverbräuchen führen. Das heißt, der Energieverbrauch wird als weitestgehend maschinenunabhängig angenommen. Sinnvoll ist eine Erfassung der Energieverbräuche dabei nur für wiederkehrende Produkte, da die Verbräuche bei der Durchführung der Belegungsplanung bereits bekannt sein müssen.
Ein Beispiel für energieintensive Produktionstechniken ist das Herstellen von Schmiedeteilen: Schafft es ein Schmiedeunternehmen beispielsweise, seine Lastspitze mit Hilfe der am IPH entwickelten Methode von 9000 kW auf 8000 kW zu reduzieren, so sind die Energiekosten – bei einem angenommenen Multiplikator zur Berechnung des Leistungspreises von 60 €/kW – pro Jahr um 60.000 € reduzierbar.
© IPHDie entwickelte Methode zur energiekostenorientierten Belegungsplanung ergibt am Ende einen Belegungsplan, in dem alle Aufträge an den entsprechenden Maschinen so terminiert sind, dass die entstehenden Gesamtkosten minimiert werden. Zur Errechnung der Energiekosten muss dazu die neue, geringere Lastspitze identifiziert werden. Hierzu erfolgt die Aufsummierung der Energieverbräuche aller zu einem bestimmten Zeitpunkt laufenden Maschinen. Als Zeiteinheit werden die bereits erwähnten Viertelstundenwerte verwendet. Für die Minimierung der Lastspitze und somit der Energiekosten wird zunächst der Mittelwert des Gesamt-Energieverbrauchs errechnet. Die Differenz der für jeden Viertelstundenwert aufsummierten Energieverbräuche von dem ermittelten Mittelwert stellt das Minimierungskriterium dar.
Die Minimierung der sich in der Produktion befindlichen Bestände und der Durchlaufzeit eines Auftrags ergibt sich durch die Minimierung der zeitlichen Abstände zwischen den Arbeitsgängen eines Auftrags sowie der Minimierung der Liegezeit im Rohteil- und Fertigwarenlager. Diese Regeln werden als mathematische Gleichungen formuliert und in einem linearen Optimierungsproblem modelliert. Das entstehende Problem ist aber so komplex, dass es für große Problem-Instanzen nicht optimal zu lösen ist oder eine unwirtschaftliche Rechenzeit in Anspruch nimmt. Abhilfe schaffen kann hier die Verwendung einer Heuristik in Form eines genetischen Algorithmus. Eine Heuristik löst ein mathematisches Problem durch sinnvolle Vorgehensregeln, garantiert aber nicht das Finden der optimalen Lösung. Dafür findet eine Heuristik in einem Bruchteil der sonst benötigten Rechenzeit eine sich nahe am Optimum befindende Lösung. Der genetische Algorithmus als eine Form der Heuristik sucht nach Lösungen am Vorbild der biologischen Evolution.
Ergebnis der Methode ist schlussendlich ein kostenoptimaler Belegungsplan. Zusätzlich erfolgt die Abbildung des Belegungsplans, der die Ausgangssituation eines produzierenden Unternehmens vor der Anwendung der Methode darstellt. Mittels eines anschließenden Vorher-Nachher-Vergleichs werden die sich einstellenden Einsparpotenziale sichtbar und der Anwender kann den Nutzen der Methode quantifizieren.
Nach vollständiger Fertigstellung der Methode ist anvisiert, dass Softwarehersteller das mathematisch formulierte Problem in ihre ERP- und MES-Systeme integrieren und die Methode dann innerhalb dieser Systeme automatisiert bei der Belegungsplanung Verwendung findet. Unternehmen, die an einem solchen Vorhaben oder an einer Pilotanwendung der Methode interessiert sind, können sich an das Institut für Integrierte Produktion Hannover (IPH) wenden.
Autoren: Christian Böning arbeitet am IPH, Institut für Integrierte Produktion Hannover, als Projektingenieur im Bereich Logistik, Prof. Dr. Peter Nyhuis ist Leiter des Instituts für Fabrikanlagen und Logistik (IFA) der Leibniz Universität Hannover und geschäftsführender Gesellschafter des IPH, Georg Ullmann ist koordinierender Geschäftsführer des IPH – Institut für Integrierte Produktion Hannover.













