Prozessleitsysteme

Klaus-Peter Betz | Lukas Dehling,

IT-System für schlanke und durchgänginge Prozesse

Das Unternehmen Ginzinger stand vor der Aufgabe, ein IT-System zur Prozessoptimierung einzuführen. Maßgabe der Geschäftsführung war: Weniger auf Standard-Technologie denn auf konsequente Prozessorientierung zu setzen.

© Ginzinger

Bei der Einführung von Technologien zur Prozessoptimierung und der damit verbundenen System-Frage zögern viele Unternehmer. Zugegeben: Die Problematik ist vielschichtig und die vermeintlich schnelle Lösung gibt es nicht. Wenn sich heute Unternehmen mit dem Thema beschäftigen, wie sie ihre Prozesse nicht nur beschleunigen, sondern auch transparenter und intelligenter machen können, kreisen die Entscheider oft um traditionelle Standard-ERP-Systeme und erhalten von ihrer eigenen IT die Warnung: 'never change a running system'. Doch wie soll im Klima dieser IT-geprägten Veränderungsangst Innovation überhaupt möglich werden?

Transparenz – ein entscheidender Vorteil

Die Prozessmodellierung eines unvollständigen Prozesses des Reparatur­ablaufs: Die großen grünen Rechtecke stellen Prozessschritte dar – hier tut jemand etwas. Blau zeigt den Materialfluss und die kleineren grünen Rechtecken den Informationsfluss.

© Eagle Peak

Ein Treiber ist sicherlich der Wettbewerb: Der Kostendruck nimmt zu und das lückenlose Wissen über das Produkt, seine Herstellung und seiner Komponenten wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. "Wir sind in den letzten Jahren sehr schnell gewachsen und mussten unsere Prozesse neu definieren", sagt Herbert Ginzinger heute rückblickend. Sein Unternehmen Ginzinger mit Sitz in Weng im Innkreis beliefert den gesamten europäischen Raum mit Produkten aus dem Bereich Embedded Solutions. Die Sicherheits- und Medizintechnik sowie grüne Technologien sind dabei die wichtigsten Branchen.

Für Ginzinger war klar, dass mit der Einführung eines neuen Systems zur Prozessführung "sämtliche Prozesse über den Haufen geworfen" werden müssen. Der Unternehmer erkannte selbstkritisch, dass in seinem gesamten Unternehmensprozess die gewünschte Transparenz und datentechnische Verzahnung aller Unternehmensbereiche noch nicht realisiert waren. "Für mich waren die offenen Effizienzflanken in meinem Unternehmen die fehlende Maschinenintegration und die nicht vorhandene stückbezogene Qualitätssicherung", so Ginzinger.

Diese Flanken wurden nun über eine horizontale und vertikale Integration geschlossen, was die omnifunktionale und im Unternehmen omnipräsente Plattform Global Eagle von Eagle Peak ermöglichte. Doch wie ist so was möglich? Indem man die 40 Jahre alten funktionalen Strukturen der weltweit vorhanden Standard-SW-Pakete grundlegend in Frage stellt.

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Ziel: Schlanke und durchgängige Prozesse

Ein Projekt mit Global Eagle sieht wie folgt aus: Im ersten Schritt werden die Unternehmensprozesse konzipiert und bezüglich Userinterface (Maske) und der benötigten Logik und Funktion detailliert. Angestrebt werden schlanke und durchgängige Unternehmensprozesse.

Im zweiten Schritt gilt es, die so definierten Prozesse, Masken und Funktionen per Konfiguration – ohne Programm- beziehungsweise Scriptcode – auf der Plattform Global Eagle operativ zu realisieren. Gegenüber der klassischen codebasierten Anwendungs- und Anpassungsprogrammierung ergibt sich über diese Plattform eine Produktivitätssteigerung um 500 bis 1.000 %. Dabei wird das Rad nicht neu erfunden und auch keine kostenintensive Individualentwicklung praktiziert. Das System greift auf mittlerweile circa 70 fertige Bausteine zurück und hat eine Busarchitektur, die beliebige Wiederverwendung ermöglicht. Alle Module entstanden dabei durch die bereits erwähnte "Konfigurationstechnologie".

Abbildung der Prozesse

Doch wie erfolgt nun tatsächlich die Abbildung der Prozesse auf die Plattform? Zunächst ist die Maxime: Den Kunden nicht in das Korsett von etwas Vorhandenem zu pressen, was typischerweise Standard beziehungsweise „best practice“ genannt wird. Denn es gilt, seine spezifischen, passgenauen Prozess umzusetzen.

Dafür bieten sich zwei Alternativen an: Ein Baustein aus der Bibliothek wird so angepasst, dass er für den Kunden passt oder er wird neu konfiguriert, was durch die Produktivitätssteigerung ‚leistbar‘ bleibt. Trotz der Passgenauigkeit, wird dem Kunden die Release-Fähigkeit zugesichert. Die beschriebene Offenheit und Flexibilität besteht auch gegenüber der „Umwelt“. Diverse Konzepte und Tools ermöglichen zum Beispiel die Einbindung von Maschinen.

Per Prozessmodellierung soll das Unternehmen auf ein geschlossenes Netzwerk mit Knoten und Kanten abgebildet werden. Die Notation zur Abbildung ist einfach: Verschiedene Werkzeuge wie Prozessschritt, Materialfluss oder Informationsfluss ermöglichen eine durchgängige Modellierung. Das Tool ist Teil von Global Eagle und kann alternativ zum Menü zur Navigation im System verwendet werden. Ferner wird sichergestellt, dass die spätere Anwendung auch tatsächlich diesen Prozess zu 100 % unterstützt. Damit vereint Global Eagle über die Prozessmodellierung und die Busarchitektur diverse in vielen Unternehmen über Schnittstellen verknüpfte oder getrennt voneinander laufenden Systeme des Business Planning Managements, MES, ERP, DMS und ERP-System.

Während die marktüblichen Systeme mit hohen Anschaffungs- und Release-Kosten verbunden sind, fallen hier nur einmalige Kosten für die Implementierung an. Und mit dieser geht zusätzlich eine klare Prozess-Neudefinition einher.

Open-Source-Modell

Das Unternehmen berechnet keine ­Lizenzkosten und keine pauschalen Wartungsgebühren. Die Motivation: Web-Technologie ist eine integrative Technologie, und Web-Anwendungen sind weltweit verfügbar. Userbezogene Lizenzgebühren torpedieren exakt diesen Kernvorteil der Web-Technologie. Global Eagle ist eine offene Plattform, die den Grundsätzen der Open-Source-Idee folgt. Die Projektrealisierung erfolgt typischerweise auf Basis von Werksverträgen. Grundlage hierfür bildet eine detaillierte Prozesskonzeption – die nach den geschilderten Prinzipien erstellt wird. Release-Wechsel werden ebenfalls auf Basis eines Projektangebots durchgeführt.

Transparenz und Materialrückführung

"Wir sind heute deutlich softwarelastiger als noch vor fünf Jahren, aber auch deutlich transparenter", resümiert Ginzinger. Er könne nun auf eine hundertprozentige Transparenz und Materialrückverfolgung in seinem Unternehmen verweisen. Als Komponentenlieferant für einen Kunden, der die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) beliefert, war diese stückbezogene Rückverfolgbarkeit seitens der ÖBB eine Forderung und für ihn zugleich Motivation: „Heute erkennen wir Fehler sofort, weil an jedem Arbeitsplatz das System installiert ist.“

Transparenz wird zum treibenden Wirtschaftsfaktor, "denn ich weiß heute, welche Baugruppen mit welchen Fehleranteilen wie häufig nachgearbeitet werden müssen. Nur mit diesem Wissen kann ich an der Rentabilität von meinen Produkten arbeiten", sagt Ginzinger. Ein Jahr nach der System-Implementierung ist er mit der Rentabilität nicht unzufrieden: "Wir konnten bereits im Einführungsjahr mit der gleichen Mannschaft unseren Output um 10 % steigern", sagt der Firmeninhaber und fügt hinzu, dass sich im zweiten Jahr höhere Steigerungen abzeichnen und seiner Meinung nach der Effizienzpeak durch das neue System noch nicht erreicht sei.

Autor: Klaus-Peter Betz ist Journalist und Kommunikationsberater.

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