Auftragsterminierung im ERP

Stefan Kuppinger,

Feinplanung ganz ohne Zusatztools

Schnelle und zuverlässige Terminzusagen bei Aufträgen von Losgröße 1 bis mehrere Tausend – das realisiert die Firma ODU mit Hilfe einer Auftragsnetzterminierung. Im ERP-System integriert, kommt der Steckverbinder-Spezialist ohne zusätzliches Planungstool aus.

Zwischen 500 und 600 Kundenaufträge pro Woche gehen bei der Firma ODU Steckverbindungssysteme ein. Entsprechend dem breiten Kundenkreis aus Branchen wie Medizintechnik, Militärtechnik und Telekommunikation bis hin zu Automatisierungstechnik, Maschinenbau sowie Automobilindustrie sind auch die Variantenvielfalt und die Losgrößen. Für die Fertigungsplanung bedeutet das eine große Herausforderung, zumal das auf Qualität bedachte Unternehmen eine extrem hohe Fertigungstiefe hat. Daher ziehen die wöchentlich eingehenden Bestellungen etwa 1200 bis 1500 Fertigungsaufträge nach sich: Teile müssen gedreht oder gestanzt und beschichtet werden sowie Kunststoffgehäuse und Isolierkörper produziert werden, bevor die einzelnen Komponenten zum fertigen Stecker konfektioniert werden können.

 

Dabei verfolgt ODU die Strategie, auf niedriger Stufe zu bevorraten: Ziel ist, möglichst nur Rohmaterial und Halbfabrikate zu lagern. Die Fertigung der Steckverbinder erfolgt dann mit diesen Materialien. Dabei weisen die Endprodukte durchschnittlich sieben Dispositionsstufen auf. Aus betriebswirtschaftlichen Gründen bestellen die Kunden immer so spät wie möglich, erwarten aber trotzdem kurzfristige Zusagen. Und sie gehen davon aus, dass ODU die genannten Termine einhält. Die Durchlaufzeiten der Aufträge sind aufgrund der großen Vielfalt der Steckverbindungen sehr unterschiedlich. So gibt es Steckverbinder mit einer Lieferzeit von zwei Wochen, wie auch spezielle Typen, für die bis zu zehn Wochen einzuplanen sind. Enorme Unterschiede gibt es auch bei den Losgrößen, die von einigen tausend Mini-Steckern im Wert von jeweils wenigen Euro reichen bis hin zu High- Tech-Verbindungen für U-Boote mit einem Stückpreis von zigtausend Euro.

 

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Simulation aller Dispo-Stufen

Die zuverlässige Planung dieses Mengengerüsts realisiert der Steckverbinderhersteller mit der so genannten Auftragsnetz-Terminierung des ERP-Systems „oxaion business solution“. Das Werkzeug errechnet exakt, wann ein Auftrag fertig gestellt werden kann. Weicht der ermittelte Termin vom Wunschdatum des Kunden ab, können die Disponenten im Prozessmanagement (PM) gezielt gegensteuern. Möglich ist das nur, weil das Tool sämtliche Aufträge mit allen Abhängigkeiten terminiert, das heißt mit allen dafür notwendigen Komponenten und Arbeitsschritten. Konkret erzeugt die Software mit Hilfe der hinterlegten Stücklisten und Arbeitsplänen ein Auftragsnetz für die jeweilige Bestellung. Dieses Netz (Strukturstückliste) visualisiert die logistische Verflechtung der einzelnen Fertigungsaufträge bis hin zum Endprodukt.

 

Ausgehend vom Wunschtermin des Auftraggebers nimmt das Tool eine Rückwärtsterminierung über die gesamte Struktur vor. Für jede Position prüft und reserviert die Software – zunächst als Simulation – die benötigten Ressourcen. Dabei berücksichtigt das ERP-System nicht nur das Material, sondern auch Betriebsmittel und Kapazitäten wie Arbeitsplätze und -zeiten. Dieses Simulationsergebnis vergleicht das Planungstool auf jeder Stufe mit den aktuellen Echt-Daten aus der Disposition, Fertigungsplanung und Materialverwaltung. Beispielsweise wird geprüft, ob das passende Material vorhanden ist oder eine Bestellung generiert werden muss. Wie lange dauert dessen Beschaffung? Wann sind die für den Auftrag benötigten Arbeitsplätze frei und auch ausreichend lange? Natürlich kann der errechnete Termin bei einzelnen Positionen im Netz durchaus später als der Bedarfstermin sein. Ist das der Fall, wird diese Differenz über Verzugstage ausgewiesen. Für alle Fertigungsstufen mit solchen „notleidenden“ Positionen terminiert die Software dann vorwärts und ermittelt den nächstmöglichen Liefertermin des Steckverbinders.

 

Aufträge terminieren

Das Software-Werkzeug kommt im Vertrieb und im Prozessmanagement zum Einsatz: Wird im Vertrieb ein Auftrag mit dem Wunschtermin des Kunden erfasst, prüft das ERP-System den Bestand im rund 30 000 Artikel umfassenden Vorratslager. Für dieses aktiv chaotisch geführte Lager nutzt ODU eine Fremdsoftware, die online an das ERP-System angebunden ist. Lagerbewegungen werden damit immer zeitnah an das ERP-System zurückgemeldet und fließen in die Netzplanung ein. Sind die bestellten Produkte nicht oder in zu geringer Menge vorhanden, generiert das Oxaion-ERP einen Bestell- oder Fertigungsvorschlag (Planauftrag) für den die Software automatisch eine Netzterminierung durchführt.

 

Das Ergebnis wird zusammen mit dem Wunschtermin in einer Übersicht dem Prozessmanagement zur Kontrolle angezeigt. Weicht das errechnete Datum vom Wunschtermin ab, haben die Planer verschiedene Optionen: Im ersten Schritt werden die „machbaren Mengen“ ermittelt. Dazu errechnet das ERP-System über die Netzterminierung, welche Teillieferung termingerecht möglich wäre. Wurden beispielsweise 1000 Stecker bestellt, kann es durchaus sein, dass die Fertigungskapazitäten zwar nicht für die gesamte Bestellung ausreichen, wohl aber, um 700 Stecker rechtzeitig zu liefern. Diese „machbare Menge“ zeigt die Software als Infotext bei jedem im Netz terminierten Vorschlag an. Akzeptiert der Kunde die Teil-Lieferung, splittet das ERP-System die Bestellung in zwei Aufträge mit den entsprechenden Mengen und Terminen.

Rechtzeitig gegensteuern: Ausgehend vom Wunschtermin und den komplett hinterlegten Arbeitsschritten simuliert die im ERP-System Oxaion integrierte Terminnetzplanung sämtliche Aufträge und deckt so die zu erwartenden Produktionsengpässe und Lieferverspätungen auf.

Weiterhin ist es dem PM-Mitarbeiter möglich, gezielt von Hand einzugreifen. Da jeder Auftrag über sämtliche Positionen aufgeschlüsselt ist, können die Prozessplaner exakt erkennen, wo der Engpass in der Fertigungskette liegt, der letztlich den Verzug verursacht. Ist beispielsweise die Beschaffungszeit eines Zukaufteils zu lang, kann der Einkauf eine schnelle Bestellung prüfen. Geht die Abweichung auf einen Kapazitätsengpass zurück, kann das Prozessmanagement eventuell auf andere Arbeitsplätze ausweichen, interne Vorrats-Aufträge verschieben oder Überstunden einplanen. Den auf Basis dieser Änderungen errechneten Termin stellt das ERP-System in eine „Infobox“ für die Vertriebsabteilung, aus der sich jeder Mitarbeiter die Aufträge seines Zuständigkeitsbereichs herausfiltert und den Liefertermin dem Kunden per Mail oder Post bestätigt. Parallel dazu wird der Auftrag von oxaion automatisch für die Fertigung freigegeben; aus den im Auftragsnetz enthaltenen Fertigungsvorschlägen werden dann automatisch Aufträge erzeugt. Sind zwischen Terminierung und Terminbestätigung Rücksprachen nötig – beispielsweise mit dem Vertrieb oder dem Kunden – bleiben alle im Netz enthaltenen Materialien und Kapazitäten reserviert. Dies verhindert, dass sich die Rahmenbedingungen in der Zwischenzeit verändern und der errechnete Termin hinfällig ist.

 

Art der Integration sichert aktuelle Version der Daten

Die Möglichkeit zur schnellen und exakten Terminierung der Aufträge war einer der Hauptgründe für ODU, die oxaion business solution einzuführen. Mit Hilfe der Software hat sich die Anzahl der bearbeiteten Fertigungsaufträge pro Mitarbeiter inzwischen verfünffacht. Technische Zeichnungen bilden die Grundlage für jeden Vorgang, sei es im Einkauf, in der Fertigung oder im Vertrieb. Aufgrund der großen Bedeutung der CAD-Pläne sind die Zeichnungen als Pdf-Datei im ERP-System abrufbar. Von dort aus werden sie einerseits auf die Laufkarten für die Fertigung gedruckt.

 

Andererseits können die Mitarbeiter im Einkauf oder im Vertrieb die Zeichnungen direkt aus den Teilestammdaten heraus aufrufen. Die spezielle Art der Integration stellt dabei sicher, dass alle Mitarbeiter immer nur auf die aktuelle Version zugreifen können: Erstellt die Konstruktionsabteilung eine neue Zeichnung im CAD-System, wird diese in einem automatischen Workflow in eine Pdf-Datei umgewandelt und im ERPSystem als Vorlage hinterlegt. Dazu braucht der Konstrukteur die Pdf-Datei lediglich in ein vordefiniertes Verzeichnis auf einem separaten Server zu kopieren, der in die ERP-Software integriert ist. Die Zuordnung der Zeichnung zum richtigen Bauteil erfolgt dort automatisch über einen Algorithmus. Dabei kommt ein spezielles, selbst entwickeltes Programm zum Einsatz, das auf der ODU-internen Nummernsystematik basiert.

 

CAD-Zeichnungen stets up to date

Für den Zugriff aus oxaion steht dabei immer nur die jüngste Zeichnung zur Verfügung, deren Änderungshistorie allerdings protokolliert wird. Dieses Verfahren verhindert zuverlässig, dass Mitarbeiter im Vertrieb oder in der Produktion mit veralteten und damit falschen Versionen arbeiten. Vor Einführung dieses Systems waren vor allem in der Fertigung zahlreiche Zeichnungen im Umlauf, die naturgemäß nicht immer auf dem neuesten Stand waren.

Autor: Gerd Lehnert ist Senior Consultant bei Oxaion in Ettlingen bei Karlsruhe.

 

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