Embedded Systeme
Wer bestimmt die Embedded-Zukunft?
Grundlage der Embedded-Technologien sind Mikroprozessoren, Software und die IT. Alles Disziplinen, in denen heimische Unternehmen keine große Rolle spielen. Begibt sich die deutsche Industrie damit in eine fatale Abhängigkeit? Im Rahmen einer ZVEI- Podiumsdiskussion auf der Embedded World gingen Volker Bibelhausen, Dr. Peter Adolphs und Prof. Dr. Peter Liggesmeyer dieser Frage nach.
Embedded Systeme und deren Vernetzung hin zu Cyber-Physical Systems werden die Welt verändert: Diese Systeme werden Teil einer global vernetzten Welt sein, in der Produkte, Geräte und Objekte mit eingebetteter Hard- und Software über Anwendungsgrenzen hinweg interagieren. Aber wer wird die hierzu verwendeten Technologien und das Innovationstempo bestimmen? Welche Rolle spielen heimische Anbieter und wie groß ist die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von anderen Taktgebern?
Volker Bibelhausen, Mitglied der Geschäftsleitung bei Phoenix Contact, fürchtet eine Abhängigkeit insbesondere was die IT-Technologie betrifft, „einer Technologie, die die nächsten 50 bis 100 Jahre unser gesellschaftliches Dasein prägt.“
© Computer&AUTOMATIONVolker Bibelhausen steigt zu Beginn der Diskussion mit einem Blick auf die Embedded Messe ein: „Nichts von dem was hier auf der Messe zu sehen ist, gehört uns: Wir orientieren uns an der Intel-Roadmap, an den ARM-Architekturen und lassen uns was die Bedienkonzepte betrifft, von Firmen wie Apple inspirieren. Wir sind vielleicht in der Lage, alles miteinander zu kombinieren – erdacht worden ist dies alles aber an anderer Stelle.“ Bibelhausen, der die Civision Control und Industry Solutions bei Phoenix Contact leitet, sieht dabei nicht nur kritisch, dass ein großer Anteil der Wertschöpfung nicht in Europa angesiedelt ist, er bemängelt auch die Abhängigkeit, was das Innovationstempo betrifft. „Wir betreiben ein nachhaltiges Industriegeschäft und sind jetzt schon in der Situation hoher Kostenblöcke im Redesign, weil wir das Tempo nicht selbst bestimmen können. Die Welt wird zusehends vernetzt, aber das Tempo bestimmen nicht wir, es wird uns aufdiktiert!“ Bibelhausen wünscht sich deshalb im Hardware-Bereich Cluster nach dem Muster von ARM, beziehungsweise im Softwarebereich Aktivitäten á la Linux.
Dr. Peter Adolphs relativiert die Abhängigkeit etwas: „Das Problem, dass wir auf Dinge aufsetzen müssen, die andere Firmen ausgedacht haben, ist nicht neu für unsere Branche, sondern genau unsere Stärke.“ Der Chef des Sensorherstellers Pepper+Fuchs nimmt dabei auch in Kauf, dass die Konzepte nicht aus Deutschland kommen: „Ob die Technologie von Intel oder von Siemens kommt ist für mich als mittelständisches Unternehmen ziemlich egal.“ Er sieht es eher skeptisch, auf abgefahrene Züge aufzuspringen und etwa Intel Konkurrenz machen zu wollen: „Die Anstrengungen wären extrem groß, wollte man hier wieder Anschluss bekommen.“ Dr. Adolphs appelliert viel mehr, in die Stärken der heimischen Industrie zu investieren, aus „allgemeiner Technologie was spezielles zu machen.“
Professor Peter Liggesmeyer wirft ein, dass sich „Abhängigkeiten grundsätzlich nur vermeiden lassen, indem man alles selber macht. Und das geht heute nicht mehr!“ Die Frage sei heute vielmehr, wie man das Kunststück hinbekomme, die zentrale Expertise bei sich zu behalten -- „und da sind wir im Embedded-Bereich in Europa nicht so schlecht aufgestellt, weil unsere Industrien aus dem klassischen Ingenieur-wissenschaftlichen Bereich kommen.“ Was die Entwicklung hin zu Cyber-Physical Systems betreffe, sind seiner Meinung nach gewisse Abhängigkeiten da, aber die Regeln für die neue Technologie seien noch nicht gesetzt. „Europa ist hier in einer Situation, wo es sich hinter den USA und Asien nicht verstecken muss. Wir sind was Forschung und Umsetzung innovativer Produkte angeht nicht schlecht positioniert.“
Volker Bibelhausen will sich mit den Abhängigkeiten noch nicht abfinden. Es gehe ihm nicht darum, eine Abhängigkeit im Sinne einer Arbeitsteilung zu eliminieren. Es gehe ihm um ein Stück Innovationsfähigkeit. Mittels der Embedded Systeme wanderten immer mehr Funktionen auf Boardlevel. Und bei all den hiermit realisierten Themen wie Safety und Energieeffizienz stehe die Datentechnik als Schlüsseltechnologie im Mittelpunkt. „Wir beherrschen aber am unteren Ende dieses Datenhaushaltes die Technik nicht, auch nicht auf Betriebssystem- oder Softwareebene.“
Prof. Dr. Peter Liggesmeyer, unter anderem wissenschaftlicher Direktor des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering, sieht die heimische Embedded-Szene gut aufgestellt: „Wir müssen uns hinter den USA und Asien nicht verstecken.“
© Computer&AUTOMATIONProfessor Liggesmeyer hält dagegen, dass es Dinge gäbe, wo der Zug überhaupt noch nicht abgefahren sei: Gerade bei Cyber Physical Systems würden die Karten neu gemischt. Insbesondere Themen wie Safety und Security böten ein großes Potenzial. „Wir bauen heute zwar schon solche Systeme, beherrschen diese aber noch nicht wirklich.“ Liggesmeyer erwähnt als Beispiel Autos, die sich in Datennetze einwählen. „Bei diesen Fahrzeugen ist nicht mehr klar, wo das Auto als solches zu Ende ist.“ Die Themen Security und damit verbunden auch Safety rückten enorm in den Vordergrund. Insbesondere, weil die Wichtigkeit dieser Themen mit ganz neuen technologischen Entwicklungen zusammenfalle. So „gibt es in zehn Jahren keine Singlecore-Prozessoren mehr“, ist sich Liggesmeyer sicher: „Die Zukunft gehört den Multicore-Prozessoren. Und wie man auf diesen Plattformen nachweislich sichere Systeme baut, weiß heute niemand so recht!“
Bei all den offenen Fragen, sieht der Professor die deutsche Embedded-Szene aber durchaus gut aufgestellt: „Es gibt massive Bestrebungen, die entsprechende Forschungslandschaft zu sortieren.“ So gebe es etwa eine nationale Roadmap Embedded Systems, in der der Forschungsbedarf der nächsten 15 Jahre sauber skizziert sei. Und damit Forschungsthemen und –projekte mit Relevanz und nicht mit „esoterischem Charakter“ angegangen würden, dafür sorge inzwischen die substanzielle Beteiligung der Industrie an den Forschungen. „Heute ist gefordert, dass die Industrie mit involviert ist, sonst kommen sie gar nicht an die Fördergelder ran!“












