Nachgehakt bei Dr. Jan Regtmeier
"Von der Studie zum Produkt"
Zur Hannover Messe 2015 stellte Harting den Prototypen einer modularen embedded Plattform auf offener Hard-und Softwarebasis vor. Was seither an Weiterentwicklung passiert ist und was mit dieser offenen Plattform MICA noch alles geplant ist, erläutert Dr. Jan Regtmeier.
Herr Regtmeier, was ist seit Hannover an Entwicklung passiert?
Regtmeier: Sehr viel! Auf der Hannover Messe zeigten wir zunächst eine Studie der MICA und sammelten erste Eindrücke möglicher Kunden. Seit April arbeiteten wir intensiv an der Überführung der Studie in ein fertiges Produkt; Wir haben das Gerät inzwischen auf Herz und Nieren getestet – auf Schock, Vibration und EMV und darüber hinaus haben wir die Software-Basis fertig gestellt.
Was ist das Besondere an der Plattform?
Wir legen besonderen Wert auf den neuartigen Ansatz des Virtual Industrial Computing. Das heißt: Mit unserem Ansatz lassen sich komplette virtuelle Maschinen so einfach wie eine Datei kopieren. Eine Anwendung muss also nicht mehr installiert werden und kann einfach per Maus-Click gestartet werden. Um unseren Kunden den Einstieg in diesen neuen Ansatz möglichst leicht zu machen, werden wir zum Produktstart bereits verschiedene startbereite Apps – Linux-Container – anbieten. Bei den Entwicklungsumgebungen unterstützen wir bereits Python und Java. Bei den Open-Source-Anwendungen stellen wir zum Beispiel einen MySQL Container bereit.
Welches sind die nächsten Schritte, mit welchen Deadlines?
Für uns gibt es aktuell zwei wichtige Deadlines: die erste wird nach der SPS IPC Drives die ‚embedded world‘ Ende Februar sein. Zu diesem Zeitpunkt wollen wir eine weitere Entwicklungsumgebung unterstützen und ein USB-Modul zeigen. Und dann steht im April die Hannover Messe an: Bis dahin wollen wir weitere Open-Source-Werkzeuge bereitstellen wie Hadoop, R – eine tolle Statistik-Sprache – und einen OPC-UA-Container.
Und wann genau ist der Produktstart?
Die offizielle Produktvorstellung erfolgte jetzt auf der Messe. Der Verkaufsstart ist dann im 1.Quartal 2016. Jetzt bemustern wir bereits erste Kunden und arbeiten mit ihnen an Projekten. Gleichzeitig nutzen wir die MICA bei uns in der eigenen Produktion.
Im Frühjahr 2015 betonten Sie, in puncto Kommunikation exklusiv auf OPC UA zu setzen; jetzt verwenden Sie auch MQTT. Warum?
Regtmeier: Unser interner Favorit ist ganz klar weiterhin OPC UA. Es ist das einzige Protokoll, das in allen Industrial Internet und Industrie 4.0 Publikationen als ‚der‘ Standard gesetzt ist. OPC UA bietet als einziger Standard Interoperabilität zwischen Shop Floor und Top Floor, wird zudem von vielen SPS-Herstellern unterstützt und bietet Security. Nichtsdestotrotz beobachten wir natürlich genau, wonach unsere Kunden fragen, und deshalb beschäftigen wir uns auch mit MQTT.
Sie verfolgen mit dem Gerät einen offenen Ansatz. Sprich: Ihre Kunden sollen die MICA sowohl per Soft- als auch per Hardware modifizieren und ergänzen können. Wie wird dieses Angebot angenommen? Was planen Ihre Kunden mit den Geräten?
Das ist für uns aktuell selbst sehr spannend und überraschend. Insbesondere die Offenheit der Software kommt sehr gut an. Und die kundengetriebenen Ideen sind sehr vielfältig: vom Bluetooth Low Energy Gateway für die Kommunikation mit Ibeacons an Staplern, über die MICA als Integrations-Box um SPSen und Peripherie wie Drucker an ein SAP-System anzubinden, Predictive-Maintenance-Anwendungen an Spritzgussmaschinen, die Identifikation von Werkzeugen in Maschinen per RFID bis hin zu der MICA als Feldgerät an der Maschine mit einem dezentralen MES-System auf Pay-per-Use-Basis. Wir selbst haben gerade das Concept Car Etos der Automobilschmiede Rinspeed mit dem MICA ausgestattet. Rinspeed setzt damit eine unabhängige Emissions- und Zustandüberwachung um, indem die Antriebs- und Motordaten kontinuierlich erfasst und an eine neutrale Stelle – etwa die Dekra – übermittelt wird.










