Fernwartung
Entlegen und doch überwacht
Schade um all die Energie, die bei industriellen Prozessen anfällt und verpufft! Dabei lässt sich beispielsweise die Abwärme zur Stromerzeugung nutzen – und via Fernwartung sogar an entlegenen Standorten überwachen.
Bei der norwegischen Firma Viking Heat Engines entstand die Idee, das Thema Abwärmeverstromung neu zu beleuchten. Bislang in diesem Segment verwendete Anlagen arbeiten vornehmlich auf Turbinen- oder Scrollbasis, was in der Praxis oft wenig praktikabel ist, da der hier optimale Arbeitsbereich sehr schmal ist und eine zufriedenstellende Effizienz nur unter ganz speziellen Umgebungsbedingungen erlaubt.
Viking Heat Engines verfolgt daher einen anderen Ansatz: Zusammen mit der Firma AVL Schrick wurde der Kolbenexpander ‚CraftEngine‘ entwickelt. Er nutzt die Eigenschaften eines Kältemittels, um über dessen Phasenwechsel bei unterschiedlichem Druck einen Kolben anzutreiben. AVL Schrick entwickelt seit den 60er-Jahren Verbrennungsmotoren und widmet sich seit über zehn Jahren alternativen Konzepten wie Hybridantrieben; auch Blockheizkraftwerke gehören zum Portfolio des Unternehmens.
Prototypen der CraftEngine sind derzeit weltweit im Einsatz. Eine kompakte 10-kW-Einzylinderversion sorgt dafür, dass Abwärme ab 80 °C aufwärts verstromt werden kann. Da die Lösung im Vergleich zu sonst üblichen Turbinenlösungen flexibel ist, lässt sich die Abwärme flüssiger und gasförmiger Medien gleichermaßen nutzen. Der Betrieb kann auch in Teillast erfolgen, ohne dass der Wirkungsgrad leidet. Drehzahlen zwischen 500 und 1500 Umdrehungen werden toleriert, wobei ein Umrichtersystem die benötigte Netzfrequenz herstellt.
Entlegene Standorte
Bei den aktuell niedrigen Energiepreisen in Deutschland wirken die Amortisationszeiten der Kolbenmaschine zwar eher hemmend, doch für abgelegene Standorte ist die Technologie eine gute Lösung. Denn: In wenig erschlossenen Regionen gibt es kein Stromnetz; üblicherweise werden hier Dieselgeneratoren genutzt, um Energie zu erzeugen – doch auch dieser Diesel muss angeliefert werden. Die CraftEngine hingegen ist autark – sie nutzt beispielsweise die Abwärme eines Holzofens, um den benötigten Strom gleich mit zu erzeugen.
Ein Beispiel: Bei der Reisernte in Kolumbien werden die Pflanzenabfälle verbrannt und der Reis mit der so entstehenden Wärme getrocknet. Für die Regelung dieses Prozesses ist aber aber auch elektrische Energie nötig – bisher wurde diese über Dieselgeneratoren erzeugt. Doch der Transport des Diesels zu den abgelegenen Reisfeldern ist teuer und riskant. Durch den Einsatz der CraftEngine lässt sich nun die Wärme nicht nur für die Reistrocknung nutzen, sondern zusätzlich auch zur Stromerzeugung – das Ergebnis ist Unabhängigkeit.
Ähnlich ist die Situation bei der Reststoffverbrennung von Früchten auf Plantagen in Afrika oder bei mobilen Müllverbrennungsanlagen, wie sie beispielsweise nach Naturkatastrophen in Zeltstädten aufgestellt werden. Hier kann der gewonnene Strom dann umgehend für die Trinkwasseraufbereitung verwendet werden.
Gesicherte Verfügbarkeit
Dr. Tim Hamacher hat die 'CraftEngine' mit entwickelt und ist heute Prokurist von Viking Heat Engines.
© Viking HeatAn entlegenen Standorten ist es besonders wichtig, den Service und die Analysefähigkeit der Maschinen zu automatisieren. So ist zum einen die Verfügbarkeit bedeutsam, zum anderen könnte ein Techniker nur unter erheblichem finanziellem und zeitlichem Aufwand an den Einsatzort gelangen. Daher setzt Viking Heat Engines auf Fernwartung sowie eine anlageninterne Datenverbindung und -kommunikation durch einen Industrial Ethernet Switch. Ohne diese liefert das Unternehmen gar nicht aus, erklärt Dr. Tim Hamacher, Prokurist der neu gegründeten Viking Heat Engines Germany in Remscheid, die nach der Entwicklung der CraftEngine gegründet wurde.
Zur Steuerung der 'CraftEngine' gehören stets ‚eWON‘-Fernwartungsrouter und Switches von Wachendorff Prozesstechnik.
© Wachendorff ProzesstechnikAls Partner kam dafür die Firma Wachendorff Prozesstechnik mit ihrem Fernwartungsrouter ‚eWON‘ dazu. „Die Fernwartungslösungen von Wachendorff stellen eine ausgehende Verbindung über SSL her, die in allen getesteten Fällen auf Anhieb funktionierte – und das, ohne Änderungen in der IT des Kunden vorzunehmen. Andere Fabrikate nutzen andere Methoden und können dann auch mal mit der Firewall bei der IT des Kunden kollidieren“ vermutet Dr. Hamacher. Ausschlaggebend für die Entscheidung für diesen Partner waren zudem die weltweite Verfügbarkeit der Komponenten sowie die stabile Verbindung. „Wir können nicht riskieren, den Zugriff auf eine Anlage und deren ethernetfähige Kommunikationskomponenten, die irgendwo im Regenwald stehen, zu verlieren“ erklärt Dr. Hamacher.
Software-Updates können aus der Ferne aufgespielt werden, um die Maschinen auch im laufenden Betrieb zu optimieren. Service-Intervalle werden überwacht, um die Wartung vorausschauend effizient zu gestalten und Komponenten auszutauschen, bevor ein Schaden an der Anlage entsteht. Für all diese Anwendungen wird der modular aufgebaute Routertyp ‚eWON Flexy‘ verwendet, der in Verbindung mit dem unmanaged Switch ‚ETHSW500‘ die Erweiterung der verfügbaren Ports, die Verbindung zum internen LAN und auch WAN via Mobilfunk ermöglicht.
Verbunden via VPN
Der Router baut auf Anforderung eine sichere VPN-Verbindung zum Talk2M-Serviceportal auf und passiert so Firewall und Proxyserver. Am anderen Ende stellt der authentifizierte Benutzer eine sichere VPN-Verbindung zum Talk2M-Portal her, das quasi als Vermittlungsstelle zwischen den zwei Endpunkten fungiert.
Der Kolbenexpansionsmotor arbeitet nach dem ORC-Prinzip (Organic Rankine Cycle), bei dem als Arbeitsmedium organische Flüssigkeiten mit einer niedrigen Verdampfungstemperatur verwendet werden, und kann thermische in elektrische Energie umwandeln.
© Wachendorff ProzesstechnikEntscheidend bei diesem Online-Serviceportal sind die vollständige Integration von IT-Sicherheitsstandards und Verschlüsselungstechniken in Form von VPN- und HTTPS-Technologie (SSL, TLS) sowie umfangreiche Möglichkeiten für ein zentrales Benutzer- und Gerätemanagement. Dabei sind keine Änderungen der Sicherheitseinstellungen des IT-Netzwerks erforderlich, da die Kommunikation bei ausgehenden Verbindungen über normalerweise sowieso freigegebene Standard-Ports erfolgt.
Mit Hilfe des Routers von Wachendorff und des WebHMI-Dienstes ‚M2Web‘ von Talk2M ist Viking Heat Engines nun in der Lage, auf die Visualisierung der Steuerung und die Daten der angeschlossenen internen Netzwerk-Teilnehmer mit jedem beliebigem Endgerät via Web-Browser zuzugreifen. So können sich Servicetechniker schnell einen Überblick verschaffen und helfen – auch dann, wenn sie selbst gerade am anderen Ende der Welt unterwegs sind. Mit Hilfe der Software ‚eCatcher‘ kann sich der Servicetechniker direkt mit der Steuerung verbinden und das Programm anpassen.
Die Umrichter werden über eine CAN-Schnittstelle angesprochen. Zur Kontrolle und Sicherheit ist jeder Umrichter zusätzlich über einen Industrial Ethernet Switch von Wachendorff an das Anlagen-interne lokale Netzwerk (LAN) angebunden. Die robusten Industrial Ethernet Switches wurden speziell für industrielle Umgebungen entwickelt. Unterschiedliche Varianten und Ausführungen von Ethernet Media Convertern mit zwei Ports bis hin zu Switches mit neun Anschlussmöglichkeiten – wahlweise als Kombination aus RJ45- und Fiber-Ports – stehen im Bereich der unmanaged Switches zur Verfügung. In diesem Fall bieten die DIN-Hutschienen-Switches mit IP30 und Fast Ethernet die Basis für eine Kommunikation über Industrial-Ethernet.
Für die Zukunft steht für die CraftEngine sowohl eine Aufzeichnung der Anlagendaten als auch ein umfassendes Alarm-Management auf der Agenda, um damit weitere Anlagenoptimierungen und vorausschauende Wartungen zur Routine werden zu lassen.
In der Werkstatt für die CraftEngine stehen derzeit neben kompakten 10-kW-Maschinen neue Powerpacks, die bis zu 40 kW liefern können. Mit weiteren industriellen Partnern sollen künftig große Mehrzylindermotoren entstehen, um später auch Leistungen im dreistelligen Kilowattbereich zu erzielen.
Autor:
Helmut Halmburger ist Produktmanager Industrielle Kommunikation bei Wachendorff Prozesstechnik in Geisenheim.











