ZVEI
»Ein harter Lockdown muss vermieden werden«
Die Elektroindustrie musste 2020 wie viele Branchen Verluste hinnehmen. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet der ZVEI ein Wachstum von 5 %. ZVEI-Präsident Kegel appellierte an die Politik.
Die Elektroindustrie wurde durch die Corona-Pandemie hart getroffen, so der Tenor der ZVEI Jahrespressekonferenz Ende Januar. Die Produktion ging im Krisenjahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 7 %, der Umsatz um 5,6 % zurück, so die Hochrechnung des Branchenverbands. Bereits im Jahr 2019 verzeichnete die Elektroindustrie einen Umsatzrückgang von 1,8 % im Vergleich zu 2018. Mit dem Vorkrisenniveau rechnet die Interessenvereinigung frühestens im Jahr 2022.
Die Elektroindustrie im Überblick
Mit 180 Mrd. Euro erreichten die Erlöse nur das Niveau von 2016. Die Zahl der Beschäftigten ging aufgrund der Stellschraube Kurzarbeit nur moderat von 885.403 auf 873.000 zurück. Zuletzt war noch jeder Achte in Kurzarbeit. Die Branchenexporte der Elektroindustrie nach Europa sind im Zeitraum von Januar bis November 2020 um 6,5 % auf rund 118 Mrd. Euro gesunken. In die Eurozone gingen die Exporte sogar um 8,4 % auf knapp 58 Mrd. Euro.
Für das Jahr 2021 erwartet der ZVEI bei der Produktion ein Plus von 5 %. Damit würden etwa zwei Drittel der Verluste aus dem vergangenen Jahr aufgeholt. Allerdings unterliegen diese Prognosen hohen Unsicherheiten, betont der Verband. Dazu zähle auch die Frage, wie lange der aktuelle Lockdown andauern wird, ob er verschärft oder gelockert wird. ZVEI-Präsident Dr. Gunther Kegel appellierte daher an die Politik: »Ein harter Lockdown der Industrie muss vermieden werden. Nicht Härte, sondern differenzierte Schutzmaßnahmen entscheiden über die erfolgreiche Pandemie-Bekämpfung.«
Elektroindustrie als Schlüssel zur All-Electric-Society
Einen Grund für die vergleichsweise gute Position der Branche sieht Kegel in der immer stärkeren Elektrifizierung und Digitalisierung. Der Trend hin zu einer All-Electric-Society ist eng verbunden mit der Bewältigung des Klimawandels – einer Herausforderung, der man aus seiner Sicht nicht durch Verbote und Verzicht begegnen kann, sondern nur durch den breiten Einsatz von technologischen Innovationen.
Die Elektroindustrie sei hier in einer Schlüsselposition, so Kegel: »Die All-Electric-Society wird geprägt sein durch die intelligente Kopplung aller klimarelevanten Sektoren. In der durchgängigen Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung der Bereiche Energie, Industrie, Gebäude und Mobilität liegt großes Potenzial, um die gesteckten Klimaziele zu erreichen. Das geht nur mit den Innovationen der Elektroindustrie.« Nur so ließen sich nachhaltiges, ressourcenschonendes Wirtschaftswachstum und gesellschaftlicher Wohlstand vereinbaren.
Appell an die Politik
Um die Chancen der All-Electric-Society besser nutzen zu können, sollte die Politik dringend nachjustieren. »Wenn grüner Strom der primäre Energieträger wird, muss er entlastet werden. Daher halten wir an unserer Forderung fest: Die EEG-Umlage muss jetzt rasch gesenkt und perspektivisch abgeschafft werden, der CO2-Preis dagegen steigen. Gleichzeitig müssen klimafreundliche Technologien in der Breite eingesetzt werden, um die nötigen Skalierungseffekte zu erzielen. Hierzu muss auch die Infrastruktur dringend ausgebaut werden – sei es im Gebäudebestand, der aufgrund veralteter Elektroinstallationen Großteils nicht energiewendefähig ist, oder beim Laden von Elektroautos«, so Kegel.
Warnung vor Grenzschließungen in Europa
Europas Wirtschaft ist hochgradig vernetzt. Corona hat auch hier deutliche Spuren in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Kontinents hinterlassen. »Die Verwundbarkeit Europas hat sich im vergangenen Jahr deutlich gezeigt. Wir warnen davor, die Diskussion über Grenzschließungen in Europa fortzuführen. Der grenzüberschreitende Warenverkehr ist kein wesentlicher Faktor im Pandemiegeschehen und muss aufrechterhalten bleiben. Anderenfalls droht Europa erneut ein massiver wirtschaftlicher Einbruch«, erklärte Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung.
Offene Grenzen und weltweite Wertschöpfungsnetzwerke sind elementar. Gleichzeitig muss Europa bei Schlüsseltechnologien, wie etwa der Mikroelektronik, »technologisch souverän« bleiben und »darf nicht als Abschottung oder Autarkie missverstanden werden«, betont Weber. »Im Gegenteil, technologisch souverän heißt, die Chancen der globalen Wertschöpfung selbstbestimmt nutzen zu können. Das geht umso besser, je stärker die eigene technologische Stellung ist«, so der Vorsitzende weiter. Ein starker Binnenmarkt sei hierfür entscheidend. Die EU müsse ihn zu ihrem zentralen Wachstumsprojekt machen und kontinuierlich weiterentwickeln.













