Steckverbinder
Stecken im Gleichstromnetz
Ob Photovoltaik, Elektromobilität oder Industrieautomatisierung – Gleichstromnetze gewinnen zunehmend an Popularität. Sowohl bei den Netzen selbst als auch bei den eingesetzten Steckverbindern sind einige Besonderheiten zu beachten – wie etwa der Schutz vor einem Lichtbogen.
Seit vielen Jahren ist die Beziehung zwischen elektrischer Energieversorgung und Verbrauchern ‚harmonisch‘. Generatoren erzeugen Drehstrom, die Verteilung über lange Strecken und den daraus resultierenden Spannungsebenen erfolgt ebenfalls als Drehstrom, und Verbraucher vom Motor bis zur Glühbirne benötigen Dreh- oder Wechselstrom – eine perfekte Symbiose also. Mit der Energiewende und der zunehmenden Elektronik ändert sich das Bild allerdings – jetzt geraten Erzeugung, Verteilung und Konsum elektrischer Energie in Form von Gleichstrom (DC) immer mehr in den Fokus.
Über lange Jahre erfolgte die Anpassung an verschiedene Spannungsniveaus nur durch Transformatoren. Mit der Entstehung der Leistungselektronik und ihren schnell schaltenden Leistungsschaltern auf Halbleiterbasis wurde in den letzten Jahren daneben die Wandlung mit Wirkungsgraden bis zu 99 % bei kleinerer Bauform kostengünstig möglich. In Summe sind somit Lösungen von der Hochspannungs- bis zur Kleinstspannungsebene am Markt breit verfügbar.
Beispiel Gebäude: Die zeitgemäße Energieversorgung sowie Speicherung und Verbrauch von Energie basieren immer häufiger auf Gleichspannung.
© Phoenix ContactGeneratoren in Windenergie-Anlagen erzeugen wegen der stetigen Anpassung an die Windgeschwindigkeit ebenso Gleichspannung, wie PV-Anlagen. Mit Hilfe von verlustbehafteten Wechselrichtern erfolgt dann die Einspeisung in das Wechselstromnetz (AC). Zur Anpassung an Angebot und Nachfrage sind Batteriespeicher erforderlich, die ebenfalls auf DC-Basis arbeiten und dann eine Anpassung mit Wechselrichtern erforderlich machen. Damit nicht genug: Auch moderne halbleiterbasierte elektrische Verbraucher – von der Steuerung über LED-Beleuchtungen und Notebooks bis zum E-Mobil – benötigen Gleichstrom, der aus dem Wechselstromnetz mittels Transformator und Gleichrichtung erst erzeugt werden muss. Ein extremes Beispiel für die typischerweise mit 10 % Verlusten behaftetete Wandlung von AC zu DC ist die Batterie-gepufferte Energieversorgung in Rechenzentren – wo inzwischen neue Konzepte die DC-Spannung verteilen und so Wandlungsverluste vermeiden.
In Fachkreisen wird daher immer häufiger diskutiert, ob das jetzige Dreh- und Wechselstromnetz nicht durch ein Gleichstromnetz ganz oder teilweise ersetzbar ist. Statt die Spannungshöhe und Spannungsform anzupassen, wäre nur noch die Spannungshöhe zu ändern. Auch unerwünschte Effekte wie etwa die Blindleistung ließen sich so eliminieren. Mittels Übertrager und Halbleiter ergeben sich erhebliche Potenziale zur Einsparung von Energie, Material, Platz und Kosten. Zwar ist es unrealistisch, dass DC unsere Netze revolutionsartig umkrempeln wird – die getätigten Investitionen in die vorhandene Infrastruktur sowie die mangelnde Kompatibilität stehen dem entgegen; eine schrittweise Etablierung von DC in immer mehr ökonomisch sinnvollen Bereichen ist aber abzusehen.
Das Problem Lichtbogen
Allerdings bietet DC nicht nur Vorteile. Zwischen zwei Leitern mit unterschiedlichem Potenzial erzeugt das elektrische Feld eine Kraft. Ist diese Kraft größer als die Bindungskraft eines Elektrons zu seinem Atomkern, entstehen freie Elektronen, die zu einer sich selbst erhaltenden Gasentladung zwischen den Elektroden führt – dem Lichtbogen. Dessen Auftreten hängt von Parametern wie Spannung, Strom, Material, Luftfeuchte etc. ab – präzise Vorhersagen sind daher nicht möglich. Bei AC ist dies im Niederspannungsbereich kein Problem, da der Nulldurchgang der Spannung für ein Abreißen des Lichtbogens sorgt.
Wandlungsverluste durch eine Gleichspannungsverteilung (Bild oben) werden bei modernen Rechenzentren mit batteriegepufferter Energieversorgung (Bild unten) vermieden.
© Phoenix ContactBei DC fehlt dieser Nulldurchgang, weshalb der Lichtbogen dauerhaft stehen bleiben kann. Die hohe freigesetzte Energie kann somit zu schweren Gesundheitsschäden bei Personen in der Nähe sowie zu Brandgefahr und Materialbeschädigungen führen. Diese Gefahr besteht immer dann, wenn zwei Leiter geschlossen oder getrennt werden. Schaltgeräte und Steckverbinder sind hierfür die häufigste Anwendung.
Während sich beim Schaltgerät innerhalb eines Gehäuses Maßnahmen zur Beherrschung dieses Umstandes treffen lassen und die Gefahr nicht nach außen dringen kann, ist dies bei Steckverbindern nicht gegeben.
Normativ unterscheidet man bei Steckverbindern gemäß IEC 61984 nach Ausführungen mit Schaltleistung (connector with breaking capacity, CBC) und ohne Schaltleistung (connector without breaking capacity, COC). Bei Ersteren kann gesteckt oder gezogen werden, während die Kontakte unter Spannung stehen. Bei den Letzteren darf das Stecken oder Ziehen nur spannungsfrei erfolgen.
Gefährdungspotenzial durch Lichtbogen – abhängig von den elektrischen Kennwerten unterscheidet man freie Bereiche (1), Bereiche mit instabilen Lichtbögen (2) sowie ab einer Leistung von 5 W voll ausgebildete Bereiche (3).
© Phoenix ContactBereits heute ist in der Automatisierungstechnik eine Versorgungsspannung von 24 V(DC) weit verbreitet. Die hierfür eingesetzten Steckverbinder sind auch als COC klassifiziert, so dass bei bestimmungsgemäßem Gebrauch die Betätigung nur spannungsfrei erfolgt und demzufolge keinerlei Probleme auftreten können.
Mit dem Industrial Ethernet gelangt hingegen immer häufiger das ‚Power over Ethernet‘ (PoE) zur Versorgung der Automatisierungskomponenten in die Fabrikhalle. Hierbei wird über den Kommunikations-Steckverbinder auch eine Spannungsversorgung mit 48 V geführt, die während des Steckens noch nicht anliegt, jedoch beim Ziehen vorhanden ist. Für die im Ethernet üblichen RJ45-Steckverbinder gibt es daher die Prüfnorm IEC 60512-99-001, die es erlaubt, dass nach dieser Norm zusätzlich geprüfte RJ45-Steckverbinder 25 Steckzyklen ohne Einschränkung der Leistungsfähigkeit bestehen.
Ob PoE oder andere DC-Spannungsversorgungssysteme – in der Praxis ist immer mit einer gelegentlichen Fehlbedienung unter Spannung durch Laien aus Unwissenheit oder anderen Gründen zu rechnen. Bei Spannungen über 48 V ist die Gefahr eines Lichtbogens, der so energiereich ist, dass er eine Gesundheits- oder Brandgefahr darstellt, durchaus gegeben. Gegen eine Fehlbedienung hilft in diesem Fall nur ein sogenannter Interlock, der ein Stecken und Ziehen unter Last verhindert oder für Spannungslosigkeit im umgesteckten Zustand sorgt. Der Markt stellt derartige Produkte heute bereit.
Ein gutes Beispiel hierfür sind die Ladesteckverbinder für die Elektromobilität. In nur für Fachleute zugänglichen Bereichen – wie etwa die Verschaltung von Photovoltaik-Modulen auf dem Dach – genügt hingegen eine warnende Kennzeichnung auf dem Steckverbinder. Zusätzlich ist für das Öffnen der Verbindung ein Werkzeug erforderlich. Fortschritte in der Batterietechnik sorgen nicht zuletzt für immer mehr mobile Werkzeuge und Energiespeicher. Steckverbinder und das elektrische System mit dem Schutzkonzept bilden hier eine Gesamtlösung.
Edelmetall gegen Korrosion
In der Automatisierungstechnik wird mit den gängigen 24 V(DC) und mit PoE, aber auch mit neueren Systemen mit leistungsfähiger Spannungsversorgung wie USB und HDMI gearbeitet. Bei all diesen Systemen besteht aufgrund der geringeren Spannung die Gefahr einer Materialschädigung. Denn bei einem noch so kleinen Lichtbogen erfolgt immer ein mikroskopisch kleiner Abtrag des Materials. Kommt es häufiger zu einem Lichtbogen, so kann der Abtrag so groß werden, dass die schützende Oberfläche entfernt wird und das Basismaterial ungeschützt frei liegt. Schadgase aus der Umwelt können nun zu einer Korrosion führen und den Kontaktwiderstand bis zum Ausfall erhöhen. Diese Gefahr besteht auch dann, wenn die Schadstelle außerhalb des Kontaktbereiches liegt und die Korrosion in den Kontaktbereich hineinwandert.
Beispiel RJ45-Stecker: Liegt die Trennzone (Bild unten) getrennt von der Kontaktzone (Bild oben), wird bei einem Mikro-Lichtbogen der Kontakt nicht in der Kontaktzone (rot eingekreist) beschädigt und die Funktionalität bleibt erhalten.
© Phoenix ContactDie in professionellen Anwendungen am meisten verbreitete Gestaltung von Steckverbinderkontakten besteht aus einem Buchsen- und Stiftkontakt. Diese Ausführung sorgt dafür, dass mehrere Berührflächen vorhanden sind und auch unter ungünstigen Umständen stets mindestens eine Berührfläche die elektrische Verbindung herstellt. Bei diversen Produkten besteht die Oberfläche allerdings nicht aus einem Edelmetall – sie sind dadurch preisgünstiger, korrodieren aber leichter durch Umwelteinflüsse. Bei hochwertigeren Systemen besteht die Kontaktoberfläche hingegen aus einer dünnen Schicht eines Edelmetalls wie Silber oder Gold. Vorteilhaft bei diesen Oberflächen ist die hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber korrosiven Einflüssen und gegen Abrieb durch Vibrationen.
Auf den Punkt gebracht: Ob innerhalb des Schaltschrankes oder im rauen Feld – Schadgase können überall auftreten. Produkte aus dem Büro-, Heim- oder Freizeit-Bereich mit ihren unedlen Oberflächen eignen sich daher nicht für die zuverlässige Übertragung einer Gleichspannungsversorgung im industriellen Umfeld.
Autor: Bernd Horrmeyer ist Fachreferent für Standardisierung bei Phoenix Contact, Blomberg.















