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Artikel und Hintergründe zum Thema

Schaltschränke

Thorsten Arnhold | Inka Krischke,

Druckfeste Kapselung modernisiert

Statt schwerer Guss- und Stahlkonstruktionen lassen sich durch moderne Materialkombinationen und Technologien Schaltschränke realisieren, die sich von ihren Verwandten im sicheren Industriebereich kaum unterscheiden – und ohne Einschränkungen in Zone 1 einsetzbar sind!

© R. Stahl Schaltgeräte

Ab einer gewissen Gehäusegröße werden druckfest gekapselte Betriebsmittel sehr schwer und klobig. Grund dafür ist der hohe Explosionsdruck, den die druckfesten Kapselungen im Fall der Zündung einer eingedrungenen explosionsfähigen Atmosphäre auffangen müssen. Je nach der Größe und Geometrie des inneren Volumens der druckfesten Kapselung, der Zusammensetzung der entzündeten explosionsfähigen Atmosphäre und der Lage der Zündquelle können dabei Explosionsdruckspitzen im Bereich von 8 bis 15 bar auftreten. Die Folge davon sind häufig sehr hohe Installations- und Betriebskosten, weil die tragenden Anlagen und Gebäudeteile entsprechend stabil und großzügig gestaltet werden müssen.

Ein weiterer Nachteil der herkömmlichen Technik wird bei umfangreicheren Steuerungen und Verteilungen sichtbar: Während sie sich in sicheren Industriebereichen ohne besonderen Aufwand in ausreichend große Schaltschränke einbauen lassen, bedingt die erforderliche Druckfestigkeit der Gehäuse im Ex-d-Bereich Wandstärken von 10 bis 20 mm. Dadurch wird eine wirtschaftlich und technisch sinnvolle Baugröße auf Gehäusevolumen von maximal etwa 500 l beschränkt. Große und komplexe elektrische Steuerungen und Verteilungen müssen somit auf verschiedene kleinere druckfest gekapselte Gehäuse aufgeteilt werden, die miteinander zu kombinieren sind. Die Projektierung und Herstellung solcher Gehäusekombinationen ist wesentlich komplizierter und zeitaufwendiger als die herkömmlicher Industrie-Schaltschränke. Die notwendigen elektrischen Verbindungen zwischen den verschiedenen Ex-d-Gehäusen erfolgen durch zünddurchschlagsichere Leitungsdurchführungen, die wegen der Explosionsschutzanforderungen in der Herstellung und Installation relativ aufwendig sind. Zudem muss die gesamte Gehäusekombination auf spezielle Traggestelle montiert werden. In Summe sind dabei nicht nur die Projektierung und Herstellung solcher für explosionsgefährdete Bereiche geeigneter Steuerungen und Verteilung zeit- und kostenintensiv, sondern auch Betrieb, Wartung und Instandsetzung. Nachträgliche Änderungen an der inneren elektrischen Verdrahtung führen zwangsläufig zu umfangreichen und teuren Umbaumaßnahmen, die in der Regel vor Wiederinbetriebnahme durch Sachverständige abgenommen werden müssen.

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Im Falle einer Explosion im Gehäuse öffnen sich die Berstscheiben; die Gitter-Elemente darunter lassen den Druck dann sicher nach außen entweichen.

© R. Stahl Schaltgeräte

Druckentlastung als Lösung

Dieses Dilemmas hat sich die Firma R. Stahl angenommen, die schon in den 1960er-Jahren Gehäuse aus Kunststoff für die Zündschutzart ‚Druckfeste Kapselung‘ entwickelte und produzierte.

Ex-d-Gehäuse mit massiven Wänden (links) versus Expressure-Konstruktion mit in Blau markierten Druckentlastungselementen (rechts). Bei gleichen Abmessungen sorgt Expressure für mehr Installationsraum bei geringerem Gehäusegewicht.

© R. Stahl Schaltgeräte

Zur Beseitigung der beschriebenen Nachteile und Einschränkungen der bisherigen Technik beschäftigte sich das Unternehmen mit modernen Leichtbauprinzipien. Unter anderem wurden Versuche mit verschiedenen porösen Materialien durchgeführt. Ziel dieser Versuche war es, effiziente und sichere Möglichkeiten zu finden, mit denen die Wirkung der zünddurchschlagsicheren Spalte verbessert werden konnte und sich dadurch ein deutlich erhöhter und schnellerer Druckabbau nach einer erfolgten inneren Explosion ergab. So wurde zum Beispiel ein Druckentlastungselement aus porösem gesintertem Material entwickelt, mit dem eine Druckreduzierung von bis zu 30 % gegenüber herkömmlichen druckfesten Gehäusen erzielt werden konnte. Das Element erhielt 2015 eine ATEX-Zertifizierung. 

In enger Zusammenarbeit mit deutschen Hochschulen sowie den beiden Prüfstellen PTB und Dekra Exam führte R. Stahl die Suche nach noch besser geeigneten Materialien fort. Das Ergebnis ist ein spezielles Drahtgittergewebe, das speziell für den Zweck einer zünddurchschlagsicheren, effizienten Druckentlastung entwickelt wurde.

Ein Gittergewebe aus Draht

Die 'Expressure'-Technik von R. Stahl basiert auf einem mehrschichtigen Edelstahlgewebe mit Strömungskanälen, in denen Explosionsenergie sicher abgebaut wird.

© R. Stahl Schaltgeräte

Das aus feinen Edelstahldrähten gewebte Metallgitter wird in mehreren übereinanderliegenden Schichten aufgebaut. Jede dieser Schichten wurde im Zuge zahlreicher Versuche hinsichtlich ihrer geometrischen und technischen Parameter wie Drahtstärke, Maschenweite und Web-Art optimiert. Die verschiedenen Schichten werden zu einem stabilen Verbund versintert. So weist das fertige Drahtgittergewebe neben der Zünddurchschlagfestigkeit eine hohe Gasdurchlässigkeit, mechanische Festigkeit und Wärmekapazität bei einer relativ geringen Wärmeleitfähigkeit auf und eignet sich somit für die Integration in druckfest gekapselte Gehäuse. Mittels spezieller Verfahren lässt es sich sowohl in Aluminiumgussgehäuse eingießen als auch in Edelstahlgehäuse einschweißen. Dabei hat sich ein Verhältnis zwischen gasdurchlässigen Flächen und geschlossenen Seitenwänden von 10 bis 15 % als ideal herausgestellt. 

Die Seitenwände mit durchlässigen Druckentlastungselementen sind auf der Außenseite durch Berstscheiben verschlossen und gemäß IP66 geschützt.

© R. Stahl Schaltgeräte

Kommt es zur Zündung einer explosionsfähigen Atmosphäre im Inneren eines so präparierten Gehäuses, wird die freigesetzte Energie schnell und effizient abgebaut. Dabei werden unterschiedliche physikalische Effekte wirksam (nachfolgend sehr vereinfacht dargestellt). Das gasdurchlässige Gewebe ermöglicht einen raschen Druckabbau nach außen. Dabei wird, je nach Lage der Zündquelle im Druckraum, auch ein gewisser Teil des unverbrannten Gas-Luft-Gemisches herausgedrückt und kann so nicht explosionswirksam werden. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der entstehenden Reaktionswärme wird von der Gitter-Luft-Struktur des Drahtgewebes aufgenommen und steht somit zum inneren Druckaufbau nicht zur Verfügung. Das Ergebnis: Während in einem gleich großen herkömmlichen Ex-d-Gehäuse Spitzendrücke von circa 10 bar gemessen werden, liegt der gemessene Spitzendruck in den neuen Gehäusen bei Werten weit unter 1 bar. Durch eine geeignete Anordnung konnte zudem sicher verhindert werden, dass die äußere Oberfläche der Gitterschichten auf Temperaturen über den für die Temperaturklasse T4 zulässigen Wert erhöht wird. 

Zur Funktions-Sicherstellung der Lösung unter den unterschiedlichsten harten Umgebungsbedingungen wie Verschmutzung oder Vereisung ist allerdings ein guter Schutz der außenliegenden Gitteroberflächen notwendig. Dies wird durch die Montage herkömmlicher Berstscheiben ermöglicht, die im Normalbetrieb Schutzart IP66 gewährleisten, sich aber im Explosionsfall bei einem Solldruckwert von 0,1 bar öffnen und so dem ausströmenden Gas den Weg ins Freie ebnen.

3 mm Wandstärke

Die geschilderte Druckreduzierung macht neue Gestaltungen für druckfest gekapselte Gehäuse möglich. Die unter dem Markennamen ‚Expressure‘ von R. Stahl entwickelten Gehäuse kommen mit Wandstärken von circa 3 mm aus und sind damit nicht weit von den entsprechenden Maßen der Industrieschaltschränke entfernt. Dies wirkt sich deutlich auf Gewicht und Kompaktheit der Bauweise aus. Vergleichende Beispielberechnungen ergaben Einsparungen von 30 bis 50 % beim Gewicht und 25 % bei den äußeren Abmessungen gegenüber herkömmlichen Schaltgerätekombinationen. Dies ist insbesondere relevant, wenn es um eng gepackte Installationen im Offshore-Bereich geht.

Ein großformatiges Gehäuse genügt

Ebenso ist es möglich, druckfest gekapselte Schaltschränke mit sehr großen Abmaßen zu bauen. Der größte derzeit verfügbare Expressure-Schrank hat eine Höhe von 1400 mm bei einer Breite von 100 mm und einer Tiefe von 700 mm; noch größere Schrankabmaße sind geplant. Dies erleichtert die Projektierung deutlich. War mit der herkömmlichen Technik noch die Kombination mehrerer Gehäuse zur Aufnahme komplexer Steuerungen und Verteilungen nötig, genügt nun in der Regel ein einziges Expressure-Gehäuse. Große Betriebsmittel wie zum Beispiel Transformatoren oder Frequenzumformer, die bisher entweder gar nicht oder nur mit sehr viel Aufwand für den Ex-Bereich ertüchtigt werden konnten, lassen sich nun sicher in die großvolumigen Gehäuse einbauen. 

Die ATEX- und IECEx-Zertifizierung wurden parallel bei den beiden deutschen Prüfstellen durchgeführt, für die ersten vier Gehäusegrößen liegen die notwendigen Zertifikate bereits vor. Für den ATEX-Bereich konnten unter Inanspruchnahme des Anhangs II der Richtlinie 2014/34/EU reine Ex-d-Zertifikate ausgestellt werden (dieser Anhang ermöglicht bewusst innovative Lösungen, die noch nicht 100 % in den relevanten harmonisierten Normen enthalten sind). Für die IECEx-Zertifikate wurden sowohl die Norm IEC 60079-1 als auch die Norm IEC 60079-33: Sonderschutz verwendet. Beide genannten Prüfstellen wirkten dabei als die zwei von der 60079-33 geforderten ‚Unabhängigen Gutachter‘ (Independent verifier).

Autor: 
Prof. Dr. Thorsten Arnhold ist Vice President Strategy & Technology bei R. Stahl Schaltgeräte und Chairman des IECEx-Systems in Waldenburg.

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