Selbstorganisation / autonome Systeme
Wie mobile Maschinen miteinander kooperieren
Die Intralogistik und die Landwirtschaft sind ideale Anwendungsfelder für autonom agierende, mobile Maschinen. Noch sind diese vielfach im Entwicklungsstadium. Sie zur Praxisreife zu bringen, erfordert eine neue Generation von intelligenten Werkzeugen und Systemen, die eigenständig in der Lage sind, sich zu vernetzen, Situationen zu erkennen, sich wechselnden Einsatzbedingungen anzupassen und mit Nutzern zu interagieren.
Die Automation von mobilen Maschinen schreitet in vielen Bereichen schnell voran. Aus der Automobilindustrie kennt man Beispiele verschiedener Automatisierungsgrade von Assistenzsystemen – wie etwa den Abstandswarner – bis hin zur Vollautomatisierung – wie die Einparkautomatik. Gerade letztere ist ein Paradebeispiel dafür, dass Sensorik und Algorithmen der Robotik nach und nach in alltägliche Produkte einfließen. Denn Roboter, die einen Zielort anfahren, ohne mit Hindernissen zu kollidieren, gibt es schon seit längerer Zeit. Das macht ein Auto nicht zu einem Roboter, aber die technologische Grundlage von Assistenzsystemen und deren robotischen Vorbildern ist dieselbe.
In industriellen und landwirtschaftlichen Anwendungen findet diese technologische Entwicklung ebenfalls statt. Hier führen mobile Maschinen Teilprozesse in verschiedenen Autonomiegraden aus, die oft zu komplexeren Wertschöpfungsketten gehören. Meistens können dabei die einzelnen Maschinen den jeweiligen Teilprozess schon sehr effizient ausführen. Dies ist bei Erntefahrzeugen zum Beispiel durch den Bau besonders durchsatzstarker, großer Maschinen geschehen. Nun lassen sich die Erntefahrzeuge nicht weiter vergrößern, ohne die Straßenzulassung zu verlieren oder den Ackerboden durch das hohe Gewicht zu zerstören. Was also tun, um die Prozesse trotzdem weiter zu optimieren?
Im Projekt marion werden Landmaschinen der Firma Claas automatisiert. Ein vom DFKI entwickeltes Planungssystem koordiniert alle beteiligten Maschinen, so dass diese kooperativ das Feld optimal abernten.
© DFKIImmer dann, wenn einzelne Teilprozesse nur schwer weiter zu optimieren sind, lohnt es sich, den gesamten Prozess anzuschauen. Denn beim Betrachten der gesamten Wertschöpfungskette und insbesondere bei der Kooperation mobiler Maschinen bietet sich oft Potenzial zur Effizienzsteigerung. Genau an diesem Punkt setzt das Projekt marion (mobile autonome kooperative Roboter in komplexen Wertschöpfungsketten) an. An dem Projekt sind die Unternehmen Claas, Still, Atos und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) beteiligt. In zwei Anwendungen aus den Bereichen Industrie und Landwirtschaft haben sich die Beteiligten zum Ziel gesetzt, die Automation von mobilen Maschinen zu steigern und den Gesamtprozess, in dem die Maschinen zum Einsatz kommen, durch deren Kooperation zu optimieren.
Das DFKI entwickelt im Rahmen des Projekts Algorithmen zur sensorgestützten Interpretation der Umgebung der autonomen Maschinen sowie ein dynamisches Planungssystem, das ein kooperatives Arbeiten der Maschinen ermöglicht. Als Forschungszentrum im Bereich der Künstlichen Intelligenz verfügt das DFKI über das nötige Know-how im Bereich der Robotik. Doch was haben Roboter auf dem Mars oder unter Wasser und automatisierte Mähdrescher oder Gabelstapler gemeinsam? Eine Menge! Zumindest, wenn es um grundlegende Aufgaben geht, die von mobilen autonomen Maschinen zu erfüllen sind. Denn viele Algorithmen aus dem Bereich der Robotik, die zum Beispiel zur Lokalisierung, zur sensorgestützten Umgebungsanalyse oder zur Bewegungsplanung eingesetzt werden, sind oft sehr generisch. So können sie mit gewissen Anpassungen sowohl für Unterwasser-Roboter oder krabbelnde Roboter auf anderen Planeten aber auch für selbstfahrende Fahrzeuge auf einem Feld oder in einer Lagerhalle verwendet werden. Dies ermöglicht der Industrie in vielen Bereichen, von einem Technologietransfer der grundlagenorientierten Robotikforschung in aktuelle industrielle Anwendungen hinein direkt zu profitieren.
Anwendungs-Szenario Getreide-Ernte
In dem Anwendungs-Szenario aus dem Bereich der Landwirtschaft steht der Getreide-Ernte-Prozess im Fokus. Auf einem Feld kommen dabei zwei Mähdrescher und ein Überladefahrzeug zum Einsatz. Die zu optimierende Logistikkette des Ernteguts wird bis zum Feldrand betrachtet, wo ein Straßentransporter bereitsteht. Die Mähdrescher ernten das Feld ab, während das Überladefahrzeug zwischen Mähdreschern und Feldrand pendelt, um das Erntegut von den Mähdreschern aufzunehmen und an den Straßentransporter zu übergeben. Im Vordergrund steht also die Kooperation von Mähdreschern und Überladefahrzeug auf dem Feld. Die verschiedenen Fahrzeugtypen haben dabei unterschiedliche, teilweise konkurrierende Prozessziele. Für die Mähdrescher gilt es, das Feld in möglichst kurzer Zeit oder mit an die Ernteleistung und den Ertrag angepasster Geschwindigkeit zu bearbeiten. Das Überladefahrzeug hingegen soll beispielsweise unnötige Wege minimieren, um den Feldboden zu schonen. Gleichzeitig hat es aber dafür zu sorgen, dass der Korntank der Mähdrescher sich nie vollständig füllt. Denn dann müssten diese auf dem Feld stehen bleiben und auf das Überladefahrzeug warten, was aus Kostengründen zu vermeiden ist.
Schematische Zeichnung eines typischen Szenarios bei der Getreide-Ernte. Ein Überladewagen pendelt zwischen einem Mähdrescher und einem am Feldrand positionierten LKW und transportiert das Erntegut des Mähdreschers zum LKW.
© DFKIAus demselben Grund sollte auch das Entleeren des Korntanks möglichst in Parallelfahrt zum Überladefahrzeug geschehen. Da das Überladefahrzeug nur in bereits abgeernteten Bereichen fahren darf, muss die Fahrspur auf der Seite des Korntankrohrs des Mähdreschers bereits abgeerntet worden sein. Für diesen kooperativen Vorgang des Abtankens müssen sich die beteiligten Maschinen an einem berechneten Punkt mit derselben Ausrichtung und Geschwindigkeit zur selben Zeit treffen.
Dieses komplexe Problem ist vom Menschen nur schwer überschaubar und führt trotz vieler Assistenzsysteme im Bereich des „Precision Farmings“ zu Stresssituationen der beteiligten Personen und einem suboptimalen Gesamternte-Prozess. Ziel des vom DFKI entwickelten Planungssystems ist folglich die Optimierung der Zielkriterien im Kontext des Gesamtprozesses bei Einhaltung der beschriebenen Rahmenbedingungen.
Hierzu werden Optimierungsmethoden aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz sowie State-of-the-Art-Verfahren zur Bewegungsplanung mehrerer Fahrzeuge verwendet, die die Planung von Fahrwegen hinsichtlich Fahrzeugposition und -orientierung als Funktion der Zeit ermöglichen.
Für diese Verfahren bildet man zunächst die kinematischen Eigenschaften der Fahrzeuge in so genannten „motion primitives“ ab, so dass diese alle erlaubten Geschwindigkeitsänderungen und Lenkbefehle des Fahrzeugs für einen bestimmten kinematischen Zustand beinhalten. Aus den motion primitives wird anschließend ein Suchgraph für den Bereich erstellt, in dem sich das Fahrzeug bewegen soll. Mit einem Suchalgorithmus wird in dem Graphen nach Pfaden gesucht, die die Fahrzeugpositionen mit den Zielpositionen verbinden. Die Kostenfunktion des Algorithmus, mit dem alle gefundenen möglichen Pfade bewertet werden, kann die Optimierungskriterien wie zum Beispiel Strecke, Geschwindigkeitsänderungen und Positionen anderer Fahrzeuge berücksichtigen.
Zwei Mähdrescher und ein Überladefahrzeug kooperieren auf dem Feld, um das Erntegut zu Straßentransportern zu befördern. Die Fahrwege stimmt das Planungssystem aufeinander ab, damit an Treffpunkten Erntegut überladen und ständig gefahren werden kann.
© DFKIDa der Ertrag eines Feldes durch verschiedene Umwelteinflüsse lokalen Schwankungen unterliegt, muss das Planungssystem zusätzlich auf unvorhergesehene Geschwindigkeitsänderungen und Abweichungen von prognostizierten Korntank-Füllständen reagieren. Diese können dazu führen, dass sich die Treffpunkte für das Überladen von Erntegut räumlich und zeitlich verschieben. Es lässt sich also nicht sicher sagen, zu welchem Zeitpunkt und auf welcher Fahrspur ein Mähdrescher spätestens abgetankt werden muss. In der Praxis wird deshalb momentan oft die Fahrspur-Reihenfolge der Mähdrescher nach strikten Strategien festgelegt. Diese sorgen durch bestimmte Fahrmuster dafür, dass so oft wie möglich die vom Überladefahrzeug benötigte Fahrspur bereits abgeerntet ist, damit die Mähdrescher fast jederzeit abgetankt werden können.
Diese Strategien führen allerdings zu weiteren Wegen beim Wechsel von einer Fahrspur in die nächste. In „marion“ sollen diese fixen Strategien daher mit nach den Prozesszielen optimierten Fahrzeugpfaden ersetzt werden. Das Planungssystem gliedert sich in eine übergeordnete fahrzeugübergreifende Planung, die den Gesamtprozess und damit auch die Kooperation der Maschinen betrachtet. Die Ergebnisse dieser Planung werden dann von fahrzeugspezifischen untergeordneten Planungssystemen weiter für die jeweilige Maschine verfeinert. Hier kommen vor allem Algorithmen der Bewegungsplanung zur Anwendung, die abfahrbare Sollstrecken erzeugen. Diese Sollstrecken können dann mit Hilfe von hoch genauem GPS und Lenksystemen automatisch von den Maschinen abgefahren werden. Lässt sich bei der Ausführung der Plan nicht einhalten, wird zunächst versucht, durch Anpassung der Sollstrecke wieder den übergeordneten Plan einzuhalten. Ist dies nicht möglich, muss das übergeordnete Planungssystem die Pfade aller Maschinen anpassen, um für den aktuellen Zustand auf dem Feld wiederum eine optimale Gesamtlösung zu erzeugen. Diese kontinuierliche Adaption des Planungssystems während des Ernte-Prozesses erlaubt nicht zuletzt die Integration der Umwelteinflüsse.
Anwendungs-Szenario Intralogistik
Das zweite im Rahmen von marion behandelte Anwendungsszenario ist die innerbetriebliche Transportlogistik. In der intralogistischen Prozesskette kommen ein autonomer Schleppzug mit mehreren Anhängern und ein autonomer Gabelstapler zum Einsatz. Schleppzug und Gabelstapler erhalten ihre Aufträge von einem übergeordneten Lagerverwaltungssystem. Der Gabelstapler hat dabei die Aufgabe, den Schleppzug am Ausgangsort zu beladen und an entfernten Zielorten wieder zu entladen.
Im Intralogistik-Szenario sollen Gabelstapler und Schlepper derart automatisiert werden, dass diese in der Lage sind, ohne Leitdrähte und Landmarken frei zu navigieren und dabei Be- und Entladeaufgaben kooperativ zu erfüllen.
© DFKIZur Bestimmung der durch den Gabelstapler abzufahrenden Fahrwege bei Annäherung an den Schleppzug im Belade- und Entladebereich entwickeln die Projektpartner ein dynamisches Planungssystem, mit dem unter Beachtung der aktuellen Umgebungsverhältnisse die Wege kostenoptimal ausgelegt werden können. Eine besondere Herausforderung in diesen Bereichen stellt der gemischte Betrieb von autonomen und manuell gesteuerten Fahrzeugen dar. Die autonomen Fahrzeuge müssen folglich statische und dynamische Hindernisse wie Paletten, Personen oder andere Fahrzeuge erkennen und ihre Fahrwege dynamisch entsprechend anpassen können.
Für diese Bewegungsplanung der Fahrzeuge kommen ähnliche Algorithmen zur Anwendung, wie sie auch im beschriebenen Anwendungs-Szenario aus dem Bereich der Landwirtschaft eingesetzt werden. Der Unterschied in der Bewegungsplanung liegt vor allem in den kinematischen und physikalischen Modellen der Fahrzeuge.
Eine Herausforderung im Anwendungsfall Intralogistik im Vergleich zur Landwirtschaft ist die Lokalisierung der Fahrzeuge. Die Landmaschinen können ihren Standort mit Hilfe von differentiellem GPS sehr genau bestimmen. Das ist in einer Lagerhalle nicht möglich, da hier kein GPS-Empfang vorhanden ist. Aus diesem Grund sind sowohl Gabelstapler als auch Schlepper mit einem rotierenden Laserscanner ausgerüstet, der die Umgebung dreidimensional vermisst. Diese Messdaten dienen dann zusammen mit einer auf dem Fahrzeug abgelegten Karte der Lokalisierung des Fahrzeugs. Diese Art der Lokalisierung ist immer mit einem gewissen Restfehler behaftet, so dass zum einen die Positionen der beteiligten Fahrzeuge nur begrenzt genau bekannt sind, zum anderen aber auch die Positionen der Schleppzuganhänger nur schätzbar sind, da diese der Spur des Schleppers nicht exakt folgen.
Eine genaue Kenntnis der Position der Anhänger und deren Ladung ist jedoch für eine sichere Be- und Entladung unbedingt erforderlich. Ergo stellt die Lokalisierung der Anhänger des Schleppzugs ein weiteres herausforderndes Problem dar. Ein den Schleppzug be- oder entladender Gabelstapler muss folglich erkennen können, an welcher Stelle sich der Anhänger und die gewünschte Palette auf dem Anhänger genau befindet. Dabei kommen ebenfalls die 3D-Laserscanner von Gabelstapler und Schlepper zum Einsatz, so dass basierend auf fusionierten Daten der beiden Laserscanner Szenen-Analysen durchführbar sind. Hierzu dienen Verfahren der Robotik, die dazu entwickelt wurden, es Robotern zu ermöglichen, eine semantische Repräsentation ihrer Umgebung zu erhalten und somit logische Schlussfolgerungen über ihre Umgebung durchführen zu können. Im Intralogistik-Szenario werden mit diesen Verfahren die Position der Anhänger, die Position der zu manipulierenden Paletten sowie die Position der kooperierenden Fahrzeuge in der dreidimensionalen Punktwolke bestimmt.
Das Projekt marion
Das Projekt marion ist eines von 13 Projekten aus dem Technologieprogramm „Autonomik: Autonome und simulationsbasierte Systeme für den Mittelstand“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (www.autonomik.de; Förderkennzeichen 01MA10027). Kern des Projektes ist die Bewegungs- und Verfahrensplanung mobiler Maschinen und Maschinengruppen, die eine Grundlage für den kooperativen, autonomen Maschinenbetrieb darstellt. Die Realisierung erfolgt in intelligenten Assistenzsystemen, die Prozesse autonom durchführen und die am Prozess beteiligten Menschen unterstützen. Im April 2012 wurde marion mit dem Preis „356 Orte im Land der Ideen“ der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ prämiert.
Autoren: Dr. Ronny Hartanto ist Senior Researcher am DFKI – Robotics Innovation Center in Bremen und Leiter des Projektes marion, Stephan Scheuren ist Junior Researcher am DFKI – Robotics Innovation Center und Dr. Stefan Stiene ist Senior Researcher am DFKI – Robotics Innovation Center.














