Festo
Von der Natur inspiriert
Automatisierungstechnik übernimmt im Fabrikalltag Aufgaben wie das Greifen, Bewegen und Positionieren von Gütern sowie das Steuern und Regeln von Prozessen. Die Natur löst solche Aufgaben ‚wie nebenbei‘. Warum also nicht ihre Phänomene betrachten und von ihnen lernen?
Seit Beginn der 90er-Jahre befasst sich Festo intensiv mit dem Thema Bionik – dem Übertrag natürlicher Mechanismen und Wirkprinzipien auf die Technik. Im Jahr 2006 hat das Unternehmen einen internationalen Forschungsverbund mit Hochschulen und Instituten, Entwicklungsfirmen und privaten Erfindern ins Leben gerufen: das Bionic Learning Network. Die ‚Future Concepts‘ dieses Netzwerks dienen dem Hersteller pneumatischer und elektrischer Automatisierungstechnik als Entwicklungsplattformen, die unterschiedlichste Technologien und Komponenten kombinieren – von Fertigungskonzepten über Serienprodukte bis zu Software sowie Steuer- und Regelungstechnik. So sind innerhalb des Bionic Learning Network bis heute nahezu 60 Projekte entstanden – beispielsweise der adaptive Greiffinger ‚DHAS‘.
Am Anfang war die Fischflosse
Der adaptive Greiffinger war das erste Objekt, das als Katalogprodukt in Serie ging. Es beruht auf dem verblüffenden Verhalten der Fischschwanzflosse: Drückt man seitlich gegen die Flosse, knickt sie nicht weg, sondern wölbt sich um den Druckpunkt herum. Diesen so genannten ‚FinRay Effect‘ haben die Entwickler mithilfe von zwei flexiblen Polyurethan-Bändern, die über Zwischenstege miteinander verbunden sind, technisch umgesetzt. So passen sich die stabilen, aber gleichzeitig nachgiebigen Greiffinger beim Greifen der Kontur eines Werkstückes problemlos an. Dies ermöglicht ein sanftes und sicheres Greifen von empfindlichen Objekten mit unregelmäßiger Oberfläche. Der Greiffinger findet Anwendung in der Lebensmittelindustrie, beispielsweise beim Sortieren von Obst und Gemüse. Der adaptive Greifer handhabt auch Tomaten oder rohe Eier, ohne sie zu zerdrücken.
Basis für das Wirkprinzip des adaptiven Greifers war der ‚Airacuda‘, einer der ersten Stars des Bionic Learning Networks im Jahr 2006. Diesen ließ Festo in einem riesigen Wassertank auf dem Stand bei der Hannover Messe schwimmen. Der Airacuda wird pneumatisch angetrieben und folgt in Konstruktion, Design und Kinematik seinem biologischen Vorbild. Dabei sorgen vier Fluidic Muscles für die S-förmige Bewegung und den geschmeidigen Lenkausschlag der Schwanzflosse.
Anpassungsfähig wie eine Chamäleon-Zunge
Ein weiteres Serienprodukt, das aus der Entwicklung des Bionic Learning Network hervorging, ist der adaptive Formgreifer ‚DHEF‘. Sein Wirkprinzip ist von der Zunge des Chamäleons abgeleitet: Um Beute zu fangen, lässt das Tier seine Zunge wie ein Gummiband herausschnellen. Kurz bevor seine Zungenspitze das Insekt erreicht, zieht sie sich in der Mitte zurück, während sich die Ränder weiter vorwärtsbewegen. Dadurch passt sich die Zunge der Form und Größe des jeweiligen Beutetieres an und kann es fest umschließen.
Zentrales Element des Greifers ist eine mit leichtem Überdruck gefüllte Silikonkappe, die der Chamäleon-Zunge nachempfunden ist und sich flexibel und formschlüssig über das jeweilige Greifgut stülpt. Dadurch kann ein Greifobjekt eingeschlossen und gehalten werden. Auch die Aufnahme mehrerer Gegenstände, wie etwa Schrauben aus einer Schale, lässt sich über eine entsprechende Ansteuerung mit Proportionalventilen realisieren.
Helfer für die Mensch-Roboter-Kollaboration
Für die Entwicklung einer neuen Blumenzwiebel-Sortiermaschine kam der adaptive Greifer gerade rechtzeitig. Mit dem Greifer sortiert ein niederländisches Unternehmen Blumenzwiebeln nach Größe und Qualität. Was vorher mühsam und wenig effizient menschliche Hände sortieren mussten, erledigt jetzt ein Greifer mit den adaptiven Greiffingern DHAS.
© FestoDamit wir Menschen eine Bewegung ausführen können, ist immer das Zusammenspiel gegensätzlich wirkender Muskeln notwendig. Dieses Prinzip von Agonist (Spieler) und Antagonist (Gegenspieler) haben die Entwickler von Festo beim ‚BionicCobot‘ in allen sieben Gelenken technisch umgesetzt. In seinem Schulterbereich befinden sich drei Achsen, in Ellbogen und Unterarm jeweils eine sowie zwei Achsen im Handgelenk. In jeder Achse sitzt ein Schwenkflügel mit jeweils zwei Luftkammern. Diese bilden ein Antriebspaar, das sich durch Befüllen mit komprimierter Luft wie eine mechanische Feder stufenlos einstellen lässt. Durch dieses Antriebskonzept lassen sich das Kraftpotenzial und damit auch der Versteifungsgrad des Roboterarms exakt bestimmen. Im Falle einer Kollision gibt der pneumatische Arm automatisch nach und stellt keine Gefahr für den Menschen dar.
Die Bedienung des BionicCobots erfolgt intuitiv über ein eigens entwickeltes grafisches User Interface. Mittels Tablet kann der Anwender die durchzuführenden Aktionen teachen und beliebig aneinanderreihen. Über die Open-Source-Plattform ROS (Robot Operating System) gelangen die programmierten Bewegungsabläufe an das integrierte ‚Festo Motion Terminal‘, das die Steuerung und Regelung der Kinematik übernimmt. Controlled Pneumatics, also geregelte Pneumatik mit Piezotechnologie, ist die Basis der Steuerungs- und Regelungstechnik.
Vogelflug entschlüsselt
Dem Forscherteam des Familienunternehmens Festo ist es bereits im Jahr 2011 gelungen, das Rätsel um den Vogelflug zu lüften. Der Schlüssel ist dabei eine ganz besondere Bewegung, die den SmartBird von den bisherigen Schlagflügel-apparaten unterscheidet und die es dem ultraleichten und leistungsstarken Flugmodell ermöglicht, eigenständig zu starten, zu fliegen und zu landen.
© FestoMit dem ‚SmartBird‘ gelang dem Bionic Learning Network 2011 die Entschlüsselung des Vogelflugs. Als Inspiration diente die Silbermöwe.
Wie sein natürliches Vorbild fliegt der Smart Bird allein durch seinen Flügelschlag. Der ultraleichte Ornithopter kann – im Gegensatz zu vergleichbaren Flugmodellen – ohne zusätzlichen Antrieb von selbst starten, fliegen und landen. Hergestellt aus Kohlefaser, Glasfaser und Polyurethanschaum ist der SmartBird mit 450 g ein absolutes Leichtgewicht mit maximaler Agilität.
Für die Automatisierungstechnik liefert der SmartBird wichtige Erkenntnisse – vor allem im Bereich der Aerodynamik. Sie können helfen, neue Komponenten zu entwickeln, die wenig Bauraum benötigen, strömungsoptimiert sind und dadurch ressourcen- und energieeffizienter werden. Die Funktions- integration von gekoppelten Antrieben gibt den Entwicklern Informationen für die Konstruktion und Optimierung von hybriden Antriebstechnologien. Mögliche Einsatzgebiete reichen von Hubflügelgeneratoren zur Energiegewinnung aus Wasser bis zu neuen Stellantrieben in der Prozessautomation.
Algen als Klimaretter
Alles, was die Menschheit gegenwärtig unter immensem CO2-Ausstoß aus Erdöl herstellt, könnte in Zukunft auch nachhaltig aus Algen gewonnen werden. Mit der ‚BionicCellFactory‘ zeigt Festo den ganzheitlichen Bioprozess – von der optimierten Kultivierung der Algen mit dauerhafter Überwachung und Analyse über die Ernte bis zur Weiterverarbeitung und Veredelung verschiedener Bestandteile.
Übertragung von Know-how der Automatisierungstechnik auf biologische Prozesse: Auch hier ist die Natur das große Vorbild für Festo. Die Natur lehrt Ressourceneffizienz, da sie keine Verschwendung und keinen Abfall kennt. Im Zusammenspiel biologischer und technischer Prozesse skaliert und beschleunigt Festo mit der BionicCellFactory Lösungs-ansätze aus dem Labor-format und bringt diese zur industriellen Anwendung.
© FestoLebende Zellen sind die kleinsten Fabriken der Welt. Mittels Photosynthese wandeln Algenzellen in ihren Chloroplasten Sonnenlicht, Kohlendioxid und Wasser in Sauerstoff und chemische Energieträger beziehungsweise organische Wertstoffe um. Algen binden zehn Mal mehr CO2 als Landpflanzen. Durch ihre automatisierte Kultivierung in Bioreaktoren lässt sich dieser Wert auf den Faktor 100 steigern. Die gewonnene Biomasse kann in der Chemie-, Lebensmittel- oder Pharmaindustrie eingesetzt werden. Damit avanciert die BionicCellFactory zur Modellfabrik für die biologische Transformation hin zur umweltgerechten Kreislaufwirtschaft.
Der modulare Aufbau der BionicCellFactory spiegelt sich auch in der Steuerungsarchitektur wider: Jedes Modul wird durch eine CPX-E Steuerung von Festo gesteuert. Über Dashboards auf dem jeweiligen Bedienpanel können einzelne Parameter der Prozessschritte überwacht und geregelt werden. Der Datenaustausch zwischen den Modulen erfolgt über OPC UA.
Produktionssysteme der Zukunft
Festo sieht die BionicCellFactory als universelle Blaupause für ganzheitliche Produktionssysteme mit organischer Materie der Zukunft. Mithilfe der Automatisierungstechnik des Unternehmens lässt sie sich beliebig groß skalieren. Um den künftigen Bedarf an nachwachsenden Rohstoffen zu decken, braucht es Bioreaktoren mit einem Fassungsvermögen von mehreren tausend Litern. Damit die Anlagen zuverlässig die gewünschten Größenordnungen von Biomasse produzieren können, ist Expertise in Prozessautomation gefragt. Daher entwickelt Festo mit Kunden intelligente Schaltschrank- lösungen für Bioreaktoren. Die Prozesssteuerung ermöglicht optimierte Begasungs- und Fütterungsstrategien, Regelalgorithmen, Softsensoren zur Biomassebestimmung in Echtzeit sowie Systemkonzepte für biobasierte Produktionsprozesse. So ist auch hier das Bionic Learning Network ein Impulsgeber für die Automatisierungstechnik der Zukunft.


















