Antriebstechnik
Frequenzumrichter übernimmt Servoaufgaben
Der Preisdruck im Maschinenbau zwingt die Hersteller, nach immer neuen Einsparpotenzialen bei der Automatisierungstechnik zu suchen. An einem Beispiel aus dem Umfeld der Verpackungstechnik wird deutlich, wie dies im Bereich der Antriebstechnik gelingen kann: Anstelle von Servoantrieben setzt ein Hersteller von Feedern bei einem neuen Maschinentyp vergleichsweise kostengünstigere Umrichter mit integrierter Positioniersteuerung ein.
RMF heißt der Maschinentyp der Roda Converting, der in der Verpackungsindustrie den Hunger von Druck- oder Stanzmaschinen nach Wellpappe stillt. Die Abkürzung RMF steht für Roda Modular Feeder. „Das M in der Mitte ist wichtig. Der Buchstabe steht für Modularität - der Clou bei der neuen Anlage", unterstreicht Achim Helgert, der bei der Roda-Muttergesellschaft BHS Corrugated für die Antriebstechnik verantwortlich ist.
Der RMF ist mit einer Vielzahl von Optionen individuell auf die speziellen Anforderungen der Anwender hin kombinierbar und lässt sich auch in bereits bestehende Produktionen integrieren. „In der Verpackungsindustrie sprechen wir von einer Anlagenlebensdauer von bis zu 25 Jahren.
Bis zu 20 000 Bögen in der Stunde – oder sechs in der Sekunde: Der Roda Modular Feeder (RMF) sorgt in der Verpackungsindustrie für den Nachschub an Wellpappe.
© Lenze, RodaNiemand tauscht eine komplette Produktionsstraße aus, nur weil der Feeder nicht mehr dem Tempo folgen kann", ergänzt Stephan Gradl, verantwortlich für die Elektrik des RMF. In der Tat: Der kurz vor der Auslieferung stehende RMF, vor dem Helgert in der Roda-Fertigungshalle im tschechischen Tachov steht, wird eine Anlage ersetzen, die Roda Converting in 1982 mit der Typennummer 2 ausgeliefert hat.
Die neue Lösung soll dort „Tempo machen": 14 000 Bögen in der Stunde schafft sie serienmäßig, eine Steigerung auf 20 000 ist möglich. „Das ist die momentane Obergrenze im High-End-Druckbereich", betont Helgert.
Im Fertigungsprozess sind Feeder der Weiterverarbeitung vorgelagert und sorgen für den kontinuierlichen Materialnachschub für Druck- und Stanzmaschinen. Der typischerweise rund 1,5 Meter hohe Stapel mit Wellpappe-Bögen wird auf dem Belade-Lift der Anlage abgesetzt und zentriert. Ein Abschieber mit Greifer streift dann einen etwa 10 cm hohen Stapel auf einen Entlade-Lift, von dem aus ein so genanntes Schuppband die Bögen vereinzelt und zu den nachgelagerten Prozessen transportiert.
Sämtliche Bewegungen der beiden Lifte und der Greifereinheit sind positions- beziehungsweise momentengesteuert - in der Vergangenheit eine Aufgabe für die Servotechnik, denn die Spitzengeschwindigkeiten der Hubantriebe bewegen sich zwischen 0,75 und 1,5 m/s, bei Beschleunigungen bis 1,5 m/s2. Gleichzeitig ist eine Positioniergenauigkeit von ±0,5 bis ±1 mm erforderlich.
Umrichter entlastet SPS
In Zusammenarbeit mit Lenze hat Roda stattdessen eine Antriebslösung entwickelt, die auf die Frequenzumrichtertechnik setzt. Die konkret eingesetzten „Inverter Drives 8400" sind deshalb eine gute Alternative, weil sie laut Achim Helgert „in der skalierbaren Gerätetopologie die vergleichsweise einfache FU-Technik mit einer leistungsstarken Tabellenpositionierung vereinen". Der Vorteil: Die Maschinensteuerung muss nur noch die Positioniervorgänge koordinieren, da sie von der aufwendigen Verwaltung der Positionstabellen und Umrechnung der Absolutwerte auf Encoderpositionen befreit wird.
Zwei Motoren an einem Umrichter für die Lifte: Die Drehzahlsynchronität hat Roda mechanisch mit einer schlanken Welle zwischen den beiden motorseitigen B-Lagern auf der Motoreingangsseite hergestellt.
© Lenze, RodaFür die eingesetzten Frequenzumrichter sind fertige Technologie-Applikationen verfügbar, die mit ihrer Grundfunktionalität bereits die häufigsten Aufgabenstellungen abdecken. Die Parametrierung lässt sich über die Engineering-Software „Lforce Engineer" komfortabel vornehmen. Ferner verfügt die Reihe über eine frei editierbare Verschaltung zur Implementierung von Logikprogrammen, Arithmetik und mathematischen Operationen durch grafische Programmierung. Beliebige Signalverknüpfungen - initiiert durch Steuerworte oder Steuerklemmen - sind auf einfache Art realisierbar.
Hoch komplexe Antriebsanforderungen werden so durch übersichtliche und klar dokumentierte Funktionsblöcke abgebildet. Zur zeiteinsparenden Geräte-Integration steht dem Entwickler zudem ein Profibus-DP/S7- Anschaltbaustein für Positionieraufgaben zur Verfügung. Auf dem steckbaren Memory-Modul des Umrichters lassen sich bis zu 15 separate Fahrprofile speichern. Die Positionierung selbst erfolgt absolut oder relativ in Form linearer oder ruckfreier Fahrprofile.
Hinzu kommt die 100-kHz-Rückführung, die in Kombination mit hoch auflösenden Encodern (128 bis 1024 Imp/U) die Grundlage für Produktivitäts- und Qualitätssteigerungen als Folge schnellerer Taktzyklen mit höherer Dynamik und Genauigkeit schafft. Alle Parameter des Gerätes sind vor der Inbetriebnahme definierbar.
Vor Ort wird nur noch das Modul in den Umrichter gesteckt - und die Antriebsachse ist betriebsbereit. Achim Helgert streicht noch einen weiteren Vorteil im Service heraus: „Statt bei einem Gerätetausch erst die aufwendige Neuprogrammierung zu starten, wird einfach das Memory- Modul eingesteckt - fertig. Diese Arbeit kann auch das Wartungspersonal in einem Fertigungsbetrieb weit weg von Roda selbst übernehmen - ohne Gefahr zu laufen, dabei wichtige Einstellungen oder das passende Kabel für den Laptop zu vergessen. „Die Mitarbeiter vor Ort tauschen einfach nur ein Kärtchen", fasst Helgert zusammen.
Viel Technik mit wenigen Komponenten
„Wir wollten mit der neuen Maschinengeneration bei der Antriebstechnik viel Technik mit möglichst wenig Komponenten in der Anlage haben", resümiert der Antriebstechnik-Experte bei BHS und verweist in diesem Zusammenhang auf den hohen Integrationsgrad der umgesetzten Lösung. Das senkt über die reduzierte Teile-Anzahl die Logistikkosten sowie die Service- und Lagerkosten über den Lebenszyklus der Maschine. Eingespart werden zum Beispiel die SPS-Zählerkarte und der dafür notwendige Steckplatz sowie die Eingabe/Ausgabe- Module in der SPS für die Ansteuerung der Regler. Auch die Kraftmess-Sensoren und deren Auswertung in der SPS entfallen.
Die „HighLine“-Variante der eingesetzten Frequenzumrichter verfügt über eine integrierte Tabellenpositionierung.
© Roda, LenzeGleiches gilt für die Endschalter- beziehungsweise Schnittstellen-Kabel mit dem dazugehörigen Montage- und Prüfungsaufwand. Je weniger Komponenten zu verdrahten sind, desto höher ist zudem die Betriebssicherheit. Mit Blick auf die Logistik müssen mit der neuen Lösung außerdem nicht mehr zwei verschiedene Reglertypen (Frequenz- und Servoumrichter) im Teilestamm und im Lager geführt werden. Hinzu kommen die Vorteile durch das identische Bedienkonzept und Zubehör durch die Verwendung nur einer statt bislang zweier unterschiedlicher Gerätereihen.
Die Funktionen Drehmomentregelung sowie Drehzahl- und Positionierregelung erfolgen nun in nur einem Gerät. Die Betriebsart- Umschaltung im Regler erfolgt über Profibus/CAN-Gateway. Damit liegt die antriebsnahe Signalverarbeitung genau dort, wo die Bewegungsfunktionen erzeugt werden, und zwar im Antriebsregler.
Der Umweg, Prozessdaten über die SPS zu leiten, und die damit verbundene Verzögerung fallen somit weg. Die Geräte selbst erreichen laut Helgert die Eigenschaften von Servos. Die nicht so hohe Dynamik der Drehstrommotoren gegenüber Servomotoren ist in seinen Augen unbedeutend, „weil wir sie beim Feeder schlicht nicht brauchen."
Gegenüber der früheren Lösung konnten die Hardware-Kosten letztendlich um 20 bis 30 % gesenkt werden. Hinzu kommt eine deutliche Reduzierung der Prozesskosten. Ein weiterer Kostenvorteil resultiert aus der Kommunikationsfähigkeit der verwendeten Frequenzumrichter.
Wird zwischen dem Touchpanel mit Soft- SPS und dem Umrichter für den Belade- Lift per Profibus kommuniziert, spart Roda die dazu notwendigen Module für den zweiten und dritten Umrichter ein. „Den Antrieb für den Belade-Lift nutzen wir als Gateway, um die Daten dann per CAN-Systembus weiterzuleiten - und der ist bei Lenze serienmäßig", so Stephan Gradl. Folglich sparen die Wellpappe-Profis zwei Module ein.
75% Energieersparnis
Verpackungen sind Massenartikel, die mit hohen Stückzahlen zu geringen Kosten hergestellt werden. „Die Verfügbarkeit muss im Wellpappe-Bereich hoch sein. Wir sprechen hier von etwa 98 %", erläutert Gradl und verweist darauf, dass auch Format-Umstellungen bei Produktwechseln automatisch im Verbund erfolgen. Angesichts der langen Betriebszeiten wird außerdem die Energie- Effizienz zu einem Wirtschaftlichkeitsfaktor.
Was dies betrifft, benötigt der neue RMF nur noch ein Viertel des Energiebedarfs der Vorgängergeneration. Die Einsparung von rund 75 % führt Helgert im Wesentlichen auf den Wegfall der Hydraulik zurück: „Die Motoren mit ihrer Gesamtleistung von etwas mehr als 4 kW wandeln nur dann Strom in Bewegung um, wenn sie gebraucht werden. Ein Hydraulik-Aggregat wird dagegen ständig auf Druck gehalten. Immerhin eine Leistung von 7,5 kW bei der Vorgängermaschine."
Zwei weitere Vorteile der elektrischen Antriebstechnik: Schnell verlegte Kabel statt aufwendiger Druckleitungen und kein Öl mehr im Prozess. Viele Verpackungsmaschinen stehen schließlich in der Lebensmittelindustrie. „Das ist eine saubere Sache", sind sich Helgert und Gradl einig.














