Verbände auf der Hannover Messe 2024
Die Politik ist gefordert
Anlässlich ihrer gemeinsamen Pressekonferenz auf der Hannover Messe forderten die drei großen Verbände BDI, ZVEI und VDMA die Politik in Berlin und Brüssel zu „mutigen Reformen“ auf, um den Industriestandort Deutschland und Europa zu stärken.
»Deutschland hat Federn gelassen«, fasst BDI-Präsident Siegfried Russwurm die Lage der deutschen Industrie anlässlich der Pressekonferenz auf der Hannover Messe zusammen. »Trotz moderater Erholungsaussichten dürfen wir uns nichts vormachen: Insgesamt zeigen die Produktionszahlen schon seit Jahren einen besorgniserregenden Abwärtstrend«, so der BDI-Präsident. Nach einem Minus in der Industrieproduktion von 1,5 % im letzten Jahr erwartet der Industrieverband im Jahresverlauf mit einer schwarzen Null. Allerding sei vom Außenhandeln, einem der wichtigsten Wachstumstreiber der deutschen Wirtschaft, in diesem Jahr nicht mit einem positiven Impuls zu rechnen.
»Wir sind eher Nachläufer als Treiber«, beschreibt Russwurm die Rolle Deutschlands am internationalen Markt. Während die Weltwirtschaft im laufenden Jahr voraussichtlich um rund 3 % zulegen wird, wird Deutschland mit einem Plus von 0,3 % wohl nur einen schwachen Wachstumsimpuls erreichen. Man solle sich von der guten Entwicklung des DAX nicht über die Lage in Deutschland hinwegtäuschen lassen: »Stärkeres Wachstum und erfreulich guten Profit erzielen deutsche Unternehmen derzeit vor allem an ihren Produktionsstandorten im Ausland«, so Russwurm. Das sei ein Zeichen, dass deutsche Unternehmen international wettbewerbsfähig sind, nur eben nicht in Deutschland – ein klares Indiz dafür, dass die Rahmenbedingungen hierzulande nicht stimmten. Er fordert die Politik in Deutschland und Europa auf, dringend benötigte Reformen weiter voranzutreiben. Dabei nannte der BDI-Präsident drei konkrete Punkte: langfristig planbare Energiepreise, ein Bürokratieentlastung sowie ein wettbewerbsfähiges Unternehmenssteuerkonzept.
ZVEI: Positive Stimmung in der Elektro- und Digitalindustrie
Ein herausforderndes Jahr sieht auch der ZVEI. »Wir haben die konjunkturelle Schwächephase aus der 2. Jahreshälfte 2023 ins neue Jahr mitgenommen, der Auftragseingang ist auch zum Jahresanfang weiter schwach«, so der ZVEI-Präsident Dr. Gunther Kegel anlässlich der Verbands-Pressekonferenz. Einen ersten Lichtblick sieht er aber im Geschäft mit China, dem größten Abnehmerland der deutschen Elektro- und Digitalindustrie. »In den ersten beiden Monaten haben die Ausfuhren um über 14 % zugelegt. Das stimmt optimistisch für die vor uns liegende Zeit.« Insgesamt gaben die Branchenausfuhren in den ersten beiden Monaten des Jahres leicht um –0,8 % nach.
Kegel betonte die Innovationsbereitschaft der Elektro- und Digitalindustrie. Noch nie sei so viel in F&E geflossen wie heute: »Während diese zwischen den Jahren 1990 und 2021 um 150 % auf gut 22 Mrd. Euro gestiegen sind, lag der kumulierte Zuwachs bei den restlichen Investitionsausgaben hier nur bei 10 %. Diese sehr unterschiedliche Entwicklung verdeutlicht einmal mehr, wo die Elektro- und Digitalindustrie ihre Investitionsschwerpunkte setzt – nämlich dort, wo es um Innovationen und technologischen Fortschritt und damit um die Zukunft geht«, so Kegel.
Der ZVEI-Präsident nutzte die Pressekonferenz auch, um den eMonitor vorzustellen, der den Grad der Elektrifizierung über die einzelnen Sektoren in Deutschland misst. Im Zuge dessen betonte Kegel das Potenzial der Elektrifizierung als Hebel auf den Weg hin zu einer klimaneutralen Zukunft. Drei Schritte seien dazu aber notwendig: 1. Elektrifizierung, 2. Automatisierung, 3. Digitalisierung. Die in Deutschland entwickelten und auf der Hannover Messe zu sehenden Technologien zeigen, dass eine Energiewende möglich sei.
VDMA: Kein Grund für Untergangsdebatten
»Untergangsdebatten sind fehl am Platz!« So startete VDMA-Präsident Karl Haeusgen in die Verbands-Pressekonferenz. Insgesamt seien die zumeist mittelständischen Betriebe des Maschinen- und Anlagenbaus sehr robust aufgestellt und zudem fest mit ihren heimischen Standorten verbunden. »In der aktuellen Wirtschaftspolitik fehlt jedoch die Leidenschaft zur Freiheit. Und was uns zudem wirklich Sorgen macht, ist der wachsende Rechtspopulismus in Deutschland und Europa, der nach Abschottung ruft, statt nach offenen Grenzen und freiem Handel«, warnte Haeusgen. »Damit wird das gesamte Erfolgsmodell Europas und damit auch der Industrie in Frage gestellt.«
Dennoch mahnte auch der VDMA-Präsident Reformen anstatt Untergangsdebatten an, um die Industriestandorte Deutschland und Europa zu stärken: »Das wirtschaftliche und politische Umfeld ist – unter anderem durch die vielen geoökonomischen Unwägbarkeiten – aktuell herausfordernd wie selten zuvor. Aber der Maschinen- und Anlagenbau hat das Selbstvertrauen und die Innovationskraft, diese Herausforderungen zu meistern.«
In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres sank die Produktion von Maschinen und Anlagen in Deutschland zwar um 4,2 %. Ein deutlicherer Rückgang wurde jedoch vermieden. In vielen Unternehmen wird die Produktion weiterhin durch hohe, wenngleich abnehmende Auftragsbestände gepuffert. Der Auftragseingang lag in den ersten beiden Monaten des Jahres kumuliert um real 10 % unter dem Vorjahreswert. »Die Belastungsfaktoren sind unverändert spürbar. Insbesondere die große Verunsicherung unserer Kunden verhindert mehr Investitionen und damit mehr Aufträge für den Maschinen- und Anlagenbau. Allerdings scheint die Talsohle zumindest bei den Auslandsbestellungen erreicht zu sein«, sagte Haeusgen. Aus diesem Grund hält der VDMA an seiner Produktionsprognose fest: 2024 wird die Produktion im Maschinen- und Anlagenbau um real 4 % zum Vorjahr sinken.












