Digitalisierung: Wie steht es um den Mittelstand?

Mit rasantem Tempo schreitet die Digitalisierung voran. Können dabei auch kleine und mittlere Unternehmen mithalten? Andreas Hoberg, Vertriebsvorstand bei Ingenics über den Status quo sowie die Chancen und Risiken bei der Umsetzung.

Status quo bei Digitalisierung und Industrie 4.0 Bildquelle: © Fotolia/ake1150

Herr Hoberg, wie steht es um den Mittelstand in Deutschland in Sachen Digitalisierung?

Andreas Hoberg: Während sich in den großen Unternehmen tatsächlich viel getan hat und wir zahlreiche Lösungen und Anwendungen in ersten Umsetzungen sehen, hat sich in vielen mittelständischen Unternehmen wenig verändert. Natürlich erleben wir KMU, die unbedingt etwas umsetzen wollen, die innovativ mit der Digitalisierung umgehen und bereits tolle Sachen machen – etwa in Form einer Erweiterung ihrer Geschäftsmodelle oder bei der Digitalisierung eigener Abläufe. Es gibt aber nach wie vor viele, die einfach mal abwarten wollen, was passiert, und nur punktuell etwas verändern. Und ein erheblicher Anteil von Unternehmen beruft sich darauf, sich erst einmal auf andere Themen wie beispielsweise die Personalbeschaffung fokussieren zu müssen. 

Unter dem Strich ist das Ergebnis der vielen Gespräche, die wir führen: Das Thema Digitalisierung ist in allen Firmen präsent, viele haben auch schon etwas gemacht, aber an der systematischen, konsequenten Umsetzung fehlt es zumeist noch.

Wo hapert es am meisten – bei den technischen oder den personellen Voraussetzungen?

Andreas Hoberg: Sowohl als auch. Jüngst hat beispielsweise ein Kunde berichtet, in seinem mittelständischen Zulieferbetrieb habe man zwei Anlagen vernetzen wollen, diese hätten aber so eng gestanden, dass es aufgrund der vielen Sensoren zu Interferenzen gekommen sei, was die ganze Steuerung beeinträchtigt habe. 

In Sachen Personal fehlt es häufig am Mut zum Ausprobieren – gerade dort wo man glaubt, man müsse das Thema Digitalisierung einem bestimmten Personenkreis, meist der IT-Abteilung, überlassen. Dabei kann es die bessere Lösung sein, auf engagierte Freiwillige aus allen möglichen Abteilungen zu setzen, die interdisziplinär zusammenarbeiten und sich nach Bedarf externe Experten zur Unterstützung bei der digitalen Transformation ins Boot zu holen.

Wo sehen Sie den meisten Nachholbedarf?

Andreas Hoberg von Ingenics Bildquelle: © Ingenics

Andreas Hoberg: „Auch in Bestandsanlagen lässt sich die Effizienz durch die Digitalisierung in der Regel um mehr als 30 Prozent steigern.“

Andreas Hoberg: Der Bedarf an Orientierung ist und bleibt groß. Ja, viele Unternehmen investieren momentan in Fabrikneubauten auf der ‚grünen Wiese‘, wobei auf Grundlage eines Masterplans die Industrie-4.0-Idee durchgängig realisiert wird. Während man bei einem solchen Neubau im Idealfall alles sofort bekommt, kann man bei der Transformation in bestehenden Strukturen schon mal den Überblick verlieren, sodass man keine Durchgängigkeit hinbekommt und es eben nicht gelingt, die Potenziale der Smart Factory mit zu heben. 

Und genau hier sollten die Verantwortlichen mehr Mut aufbringen, um auch in bestehenden Strukturen auf Basis eines Masterplans den Transformationsprozess zu strukturieren, wobei Effizienzsteigerung ein Leitmotiv sein muss, das letztlich die Investition rechtfertigt. Wir sind der Meinung, dass sich die gewünschte Effizienzsteigerung – in der Regel in einem Bereich größer 30 Prozent – auch im Bestand realisieren lässt. 

Welche Risiken sehen die KMU? Warum zögern sie? 

Andreas Hoberg: Das Top-Risiko, das sie sehen, ist nach wie vor die Datensicherheit. Was passiert mit welchen Daten? Wer greift worauf zu? Das zweite Risiko ist, dass Mitarbeiter, die diese Themen steuern können, fehlen und kaum zu bekommen sind. Das dritte ist die Sinnfrage: Was bringt’s denn? 

Faktisch gibt es aber gar keine relevanten Risiken, weil durch eine Umsetzung in aller Regel positive Erfahrungen gemacht werden.

Können Sie ein konkretes Umsetzungsbeispiel nennen?

Produktions-Cockpit 4.0 Bildquelle: © Ingenics

Das Produktions-Cockpit 4.0 von Ingenics vernetzt und verarbeitet die relevanten Daten und Kennzahlen aus den unterschiedlichsten Quellen automatisiert und bereitet sie übersichtlich auf.

Andreas Hoberg: Ja, ich denke da spontan an das Ingenics-Projekt bei Medic im schweizerischen Bülach zur Generierung von Business Intelligence durch Nutzung und Verknüpfung vorhandener Daten. Wir haben ein Shop-floor-Management der Zukunft entwickelt, das wir ‚Produktions-Cockpit 4.0‘ nennen. Wie bei vielen Unternehmen standen auch bei Medic große Mengen von Daten zur Verfügung, die ungenutzt blieben, obwohl ihre Erschließung zur Generierung von unmittelbar wirksamer Business Intelligence und damit zur Optimierung von Produktion und Logistik hätte beitragen können. Die Wirkung ihrer Nutzung über ein Produktions- oder Logistik-Cockpit 4.0 ist durchschlagend. Die angestrebten Ergebnisse – Grundlagen, Datenverfügbarkeit und Nutzung, systematisches Arbeiten mit Kennzahlen – wurden in einem ‚Zielbild Business Intelligence‘ beschrieben. Die Zurverfügungstellung von echtzeitrelevanten Informationen über Kennzahlen, die auf Tablets direkt an der Maschine bereitgestellt werden, bringt dort eine Produktivitätssteigerung von bis zu 15 %. Dank der neuen Transparenz stehen erkannte Schwachstellen im Fokus und können ohne Verzug bearbeitet werden. 

Welche Chancen bietet Ihnen die Digitalisierung?

Andreas Hoberg:
Uns bietet sie zunächst die Chance, mit den Unternehmen auch mal über strategische Themen zu diskutieren, weil wir bis dato zu wenig dazu gekommen sind. Zum zweiten kommen wir in dieser Situation auch dazu, konkrete Lösungen anzubieten, etwa in Form von Dashboards oder Big-Data-Modellen, um noch mehr Nutzen herauszuarbeiten. 

Als eine wichtige künftige Aufgabe sehe ich für uns die Funktion einer ‚Transformation Bridge‘, die dem industriellen Anwender hilft, das für ihn optimale wertschöpfende System zu finden, selbst Systemkompetenz aufzubauen, aber auch zu entscheiden, wann, wo und unter welchen Bedingungen die Integration externer Lösungen sinnvoll ist. 

Was sind die großen Themen, die Unternehmen in nächster Zeit angehen sollten?

Andreas Hoberg:
Eine große Frage wird zukünftig sein: Bekommen die Unternehmen auch Entscheidungspunkte automatisiert? Einen Prozess zu digitalisieren und in einen Workflow zu bringen, ist das Eine; eine Entscheidung dazu zu automatisieren, ist noch einmal etwas anderes. Das ist der nächste große Wurf, der kommt. 

Das geht in Richtung Künstliche Intelligenz?

Andreas Hoberg:
Ja, ein einfaches Beispiel ist der Urlaubsantrag. Wenn ich frage, ob der Urlaubsantrag schon digital sei, sagen die meisten Kunden von uns: Der ist im Intranet, da kann ihn jeder direkt ausfüllen. Fakt ist aber, dass das zwar ein erster Schritt ist, aber das System nicht erkennt und abgleicht, wer beziehungsweise wie viele Kollegen bereits Urlaub genommen haben. Intelligent wäre das erst, wenn der Urlaub automatisch genehmigt würde und Führungskräfte nur im Konfliktfall involviert würden. 

Mit der Prozessdigitalisierung ist das Ende eben noch nicht erreicht. An diesem einfachen Beispiel sehen wir, dass – beziehungsweise wie – man durch die Automatisierung von Entscheidungen Potenzial heben kann. 

Ein weiterer wichtiger Aspekt, um Digitalisierung durchgängig zu implementieren ist, dass sich die Kunden mit End-Usern beschäftigen und ihre Erkenntnisse in ihre Strategie integrieren müssen. Wer klug ist, passt sein Geschäftsmodell digital so an, dass er sowohl Prozesse als auch Produkte digitalisiert.