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Interview mit Hartmut Rauen, VDMA

»Deutschland bleibt wichtigster Innovations- und Handlungsraum«

02. Juni 2020, 11:15 Uhr   |  Andrea Gillhuber

»Deutschland bleibt wichtigster Innovations- und Handlungsraum«
© VDMA

Hartmut Rauen, stellvertretender Geschäftsführer des VDMA.

Der Maschinen- und Anlagenbau ist Deutschlands Job- und Innovationsmotor. Hartmut Rauen spricht im Interview über die Aufgaben des VDMA in Zeiten der Digitalisierung und welche Trends und Technologien für einen Schub in der Industrie sorgen werden.

Der Maschinen- und Anlagenbau steckt mitten in der digitalen Transformation. Wie weit sind deutsche Unternehmen?

Mit rund 1,3 Millionen Erwerbstätigen im Inland ist der Maschinen- und Anlagenbau der größte industrielle Arbeitgeber Deutschlands und Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Viele Maschinenbauer sind Familienunternehmen und tief verwurzelt in leistungsfähigen Netzwerken von Industrie und Wissenschaft. Diese Struktur macht den Maschinenbau schlagkräftig und gibt den Unternehmen das Rüstzeug, im globalen Wettbewerb Maßstäbe zu setzen.

Das Konzept „Industrie 4.0“ ist seit der Hannover Messe 2011 in der Welt. Seitdem beobachten wir eine kontinuierliche Entwicklung der Unternehmen des Maschinenbaus in Richtung digital gestützter Produktion und interner sowie externer digitaler Vernetzung. Wir sehen aber auch unterschiedliche Geschwindigkeiten der Transformation in den verschiedenen Branchen des Maschinenbaus und natürlich auch in Abhängigkeit von der Firmengröße. Die größeren Unternehmen sind sehr weit gekommen, das hängt natürlich auch mit verfügbaren Budgets und Kapazitäten zusammen. Kleinere und mittlere Unternehmen haben es da grundsätzlich etwas schwerer, wobei gerade im industriellen Mittelstand viele agile und innovative Unternehmen unterwegs sind.  Insgesamt steht Industrie 4.0 bei allen Firmen auf der Agenda und die aktuelle Krise wird nochmal einen Schub geben, Effizienzpotentiale durch digital gestützte Produktion zu heben.

Der VDMA unterstützt und begleitet dabei die Unternehmen auf dem Weg der Digitalisierung. Beispielsweise hat der Verband die Lizenzkostenfestlegung zu 5G maßgeblich positiv beeinflusst und die Überarbeitung der IT-Berufsbilder auch vor dem Hintergrund der Industrie 4.0-Perspektiven maßgeblich voran-getrieben. Deutschland muss sich als Leitmarkt und -anbieter positionieren.

Die Automatisierungstechnik ist mit ein Grundbaustein in der Digitalisierung der Produktion. Welche Trends zeichnen sich hier ab?

Die Automatisierungstechnik ist quasi das sensorische und neuronale Netz einer Maschine. Zum einen revolutioniert sich die Sensorik in Richtung Smarte Sensorik, bei der nicht nur Rohdaten generiert werden, sondern in sich bereits eine Signalverarbeitung stattfindet, um höherwertige Informationen zu gewinnen. Zum anderen spielt das Thema standardisierte Schnittstellen eine immer größere Rolle. Insbesondere die Idee des Plug & Play, also der interoperable Zusammenschluss von Komponenten, Maschinen und Anlagen im Ecosystem der intelligent-vernetzten Produktion, ist von großer Bedeutung. Ein weiterer Trend umfasst die dezentrale Verarbeitung der Daten in Form von Edge- und Cloud-Computing sowie die Art der Verarbeitung mittels KI-basierten Lösungen. Letztendlich muss die Digitalisierung der Produktion nutzenstiftend sein - wir sprechen hierbei auch von Wertschöpfung aus Maschinendaten. Denn durch die Auswertung der Maschinendaten werden Informationen gewonnen, um ressourceneffizienter, voraussauender und nachhaltiger zu produzieren. Dadurch entsteht eine Win-Win-Situation für Komponentenhersteller, Maschinenbauer und Anlagenbetreiber. Der Maschinenbau hat hierbei mit seinen Komponenten eine Schlüsselrolle, er ist die Datenquelle.

Wie wird die Künstliche Intelligenz den Maschinenbau verändern?

Künstliche Intelligenz bietet Unternehmen vielfältige neue Möglichkeiten, ihre Produktion zu automatisieren oder ganz neue Geschäftsmodelle zu etablieren. Sie verändert aber auch die Aufgaben, welche dem Menschen künftig zufallen. Sein manueller Anteil sinkt, sein kreativer steigt. Der Maschinenbau nimmt diese Herausforderung und die damit einhergehende Verantwortung ernst. Aber gerade für den Maschinenbau und seine Beschäftigten in Deutschland und Europa birgt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz vor allem Chancen auf neue Geschäfte. Diese gilt es, zu nutzen! Künstliche Intelligenz nimmt eine Schlüsselrolle ein, um die weltweite Produktführerschaft des Maschinen- und Anlagenbaus auch künftig zu behaupten. 

Eine sichere und transparente Kommunikation ist das A und O der Smart Factory. Welche Standards werden sich durchsetzen und welche Rolle spielt dabei der VDMA?

Auf dem Gebiet der drahtlosen Kommunikation wird der neue Mobilfunk-standard 5G eine bedeutende Rolle spielen, da in Folge von Industrie 4.0 und der damit einhergehenden Flexibilisierung der Produktion mobile Anwen-dungen zunehmen werden. Bei Anforderungen an Echtzeitkommunikation in heterogenen, industriellen Netzwerkumgebungen gewinnt Ethernet TSN (Time sensitive Network) an Bedeutung. TSN entwickelt sich als wesentlicher Schritt hin zu standardisierten Kommunikationsprotokollen in der Auto-matisierungstechnik, bis hinunter auf die Feldebene und für anspruchsvolle Applikationen, auch im Maschinenbau.

Mittelweile schon etabliert, verbreitet sich OPC UA kontinuierlich weiter im Maschinenbau – und das weltweit. Wir wollen im VDMA die Weltsprache der Produktion entwickeln. Dazu haben wir Orientierung gegeben, sind voran-geschritten, markieren globalen Gestaltungsanspruch. Seit 2016 leistet der VDMA Pionierarbeit auf dem Gebiet der Erstellung von branchenspezifischen OPC UA Companion Specifications. Somit erlangt auch die Informationsebene in der Kommunikation eine Standardisierung, welche die bis dato immensen Kosten zur Entwicklung von kundenspezifischen Schnittstellen auf ein Minimum reduziert. Durch die Marke ‚umati‘ wird, bspw. durch Implemen-tierungsempfehlungen, der nächste Schritt zum Leistungsversprechen des Plug & Play beschritten.

Letzte Frage: Inwiefern hat sich die Rolle und das Aufgabenspektrum des VDMA im Zuge der digitalen Transformation verändert?

Der VDMA ist beim Thema Industrie 4.0 von Beginn an führend dabei. Über das interdisziplinär aufgestellte VDMA-Forum Industrie 4.0 haben wir ab 2014 eine breite interne Vernetzung über alle Branchen und Querschnittsbereich aufgebaut: Experten aus den unterschiedlichen Fachabteilungen des VDMA kommen zusammen und vernetzen sich branchenübergreifend mit Industrie und Wissenschaft in Arbeits- und Fachgruppen. Unsere Themenfelder sind: Forschung, Standardisierung, IT-Sicherheit, Arbeit 4.0, neue Geschäftsmodelle und natürlich auch die Interessenvertretung in Berlin und Brüssel.

Themen wie OPC-UA oder KI zeigen, das übergreifende Zusammenarbeit der Schlüssel zum Erfolg in der Digitalisierung ist. Hier bietet der VDMA den Mitgliedsunternehmen interdisziplinäre Unterstützung und Vernetzung an. Voneinander lernen und intelligente Lösungen auf die eigenen Bedürfnisse übertragen sind die Schlüssel zum Erfolg in Industrie 4.0.

Der VDMA möchten dem Maschinen- und Anlagenbau sowie dem gesamten Verarbeitenden Gewerbe Orientierung geben. Dazu zählt auch ‚umati‘, als Marke für eine sichergestellte Interoperabilität zwischen den Maschinen und Anlagen.

‚umati‘ wird nun für den gesamten Maschinenbau umgesetzt. Damit wird der nächste Schritt zum Leistungsversprechen des Plug & Play beschritten. Wir schaffen gerade für die intelligent-vernetzte Produktion eine höhere Sichtbarkeit und internationale Akzeptanz der entwickelten Lösungen. Und damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Sicherstellung der inter-nationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie für die kommenden Jahre. Denn Deutschland bleibt wichtigster Innovations- und Handlungsraum einer intelligenten Produktion.

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