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Nachgehakt bei Rainer Glatz: Die IT im Maschinenbau

Wie stark ist der Einfluss der IT auf den Maschinenbau? Und wie gut schlagen sich die deutschen Maschinenbauer in puncto IT im internationalen Vergleich? Rainer Glatz lässt zwei Jahrzehnte Revue passieren.

Rainer Glatz Bildquelle: © VDMA

Rainer Glatz ist ehemaliger Geschäftsführer des Fachverbandes Elektrische Automation.

Herr Glatz, bevor Sie am 1. Januar in den ‚aktiven‘ Ruhestand ­gingen, waren Sie 18 Jahre lang Geschäftsführer des Fachverbandes Elektrische Automation und riefen auch den Fachverband Software ins Leben. Welches waren die prägnantesten Trends, die Sie in den letzten 18 Jahren beim VDMA miterleben durften?

Rainer Glatz: Die prägenden Trends kamen überwiegend aus der IT. Es ging darum, neueste Technologien aus der IT an die speziellen Bedürfnisse der Automation anzupassen, also quasi ‚IT zu industrialisieren‘. Typische Beispiele sind das Industrial Ethernet, grafische HMIs, die Objektorientierung und agile Software-Entwicklung, offene Datenschnittstellen und Cloud-Services.

Ein Kind dieser Trends ist die Digital Factory in den Hallen 6 bis 8 der Hannover Messe, die Sie ins Leben gerufen haben. Wie hat sich die Messe entwickelt und vor allem: Wie wird sie sich weiterentwickeln, jetzt wo die Cebit der Vergangenheit angehört?

Rainer Glatz: Nach dem Weggang der Robotik und der Logistik von der Hannover Messe in 2004 haben wir vorgeschlagenen, IT und Software eigenständig unter dem Label ‚Digital Factory‘ zu positionieren. Es dauerte schon einige Jahre, um in der Nähe zur Cebit eine ganze Halle mit Herstellern von Unternehmenssoftware wie PLM, ERP oder MES zu füllen. Der entscheidende Wachstumsimpuls kam mit dem Thema Industrie 4.0. Bemerkenswert ist, dass die Digital Factory heute die weltgrößte Messe für digitale Plattformen im B2B-Umfeld ist. Sowohl der Wegfall der Cebit als auch die wachsende Bedeutung der Digitalisierung in der Industrie werden das Wachstum weiter beschleunigen. Digitalisierung wird zum zentralen Querschnitts-Thema der Hannover Messe und in fast allen Hallen thematisiert. 

Sie haben ja auch den Fachverband Software – heute: Software und Digitalisierung – ins Leben gerufen. Wie hat er sich entwickelt und welche Rolle spielt er im VDMA?

Rainer Glatz: Der Fachverband Software wurde eigentlich auch erst durch einen Weggang möglich – die Fachgemeinschaft Informationstechnik des VDMA ging 1999 im Bitkom auf. Dadurch entstand im VDMA ein technologisches Vakuum im Softwarebereich, das es zu füllen galt. Inzwischen ist der Fachverband mit über 400 Mitgliedern zum mitgliedsstärksten Fachverband im VDMA gewachsen. 

Welchen Stellenwert bekommt die Digitalisierung für den Maschinenbau? Was sind die Zukunfts-Themen?

Rainer Glatz: Digitalisierung ist für den Maschinenbau eigentlich kein neues Thema. Der Maschinenbau nutzt schon lange IT und Software, um einerseits unternehmensinterne Prozesse durch Standardsoftware wie ERP, PLM oder MES zu optimieren, andererseits eigene Produkte durch industrielle IT und embedded Software zu verbessern. Mit Industrie 4.0 hat sich allerdings der Stellenwert ­massiv verändert: Digitalisierung wird mehr und mehr zum ent­scheidenden Wettbewerbsfaktor und bietet Potenzial für neue Geschäftsfelder. Nach den Vernetzungs- und Integrationslösungen in der Fabrik gewinnen aktuell digitale B2B-Plattformen und KI beziehungsweise Machine Learning an Bedeutung. Danach ­werden sicherlich Themen wie Autonome Systeme, adaptive Bedienerführung und selbst Quantencomputing für die Industrie diskutiert. 

Wie gut sehen Sie den deutschen Maschinenbau in der Digitalisierung aufgestellt? 

Rainer Glatz: Zunächst kann man stolz darauf sein, dass der deutsche Maschinenbau im Schulterschluss mit der Automations- und IT-Branche mit Industrie 4.0 eine weltweite Führungsrolle übernommen hat. Viele andere Branchen haben die neuen Digitalisierungsthemen verschlafen und erfolgreiche Geschäftsfelder primär US-Unternehmen überlassen. Momentan sehe ich allerdings das Problem, dass der Maschinenbau in der konkreten Umsetzung von Digitalisierungsprojekten schwächelt. Dies mag an der extrem guten Wirtschaftslage oder am Fehlen geeigneter IT-Fachkräfte liegen. Doch der Wettbewerb schläft nicht. Insbesondere China versucht mit staatlicher Unterstützung im Bereich des ‚Intelligent Manufacturing‘ eine weltweite Führungsrolle zu übernehmen. Auch die USA sehen die Industrie zunehmend als interessanten Absatzmarkt.