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Automatisierungssoftware: Schneider Electric - die Hintergründe zur Aveva-Übernahme

Im September 2017 hat sich Schneider Electric mehrheitlich an Aveva beteiligt und brachte zugleich sein eigenes Softwaregeschäft in die britische Firma ein. Jürgen Siefert, Vice President Industry DACH, erläutert die Strategie dahinter.

Jürgen Seifert von Schneider Electric Bildquelle: © Schneider Electric

Jürgen Siefert: „Durch Aveva sind wir künftig in der Lage, dem Kunden eine komplett umfängliche Software-Lösung zu bieten, wie wir es bis dahin nicht konnten.“

Herr Siefert, was hat Schneider konkret dazu bewogen, das britische Software-Unternehmen Aveva zu übernehmen?

Jürgen Siefert: Schneider Electric ist schon immer bestrebt, mit Akquisitionen ganz gezielt noch existierende Lücken in unserem digitalen Technologie-Backbone EcoStruxure zu schließen. Mit dieser Maßgabe haben wir zum Beispiel bereits 2005 mit Elau ein Unternehmen im Bereich Edge-Control integriert.

Schemazeichnung zu EcoStruxure Bildquelle: © Schneider Electric

EcoStruxure ist die Bezeichnung für die offene und IoT-fähige Lösungsarchitektur von Schneider Elecric über alle Zielbranchen, bestehend aus drei Ebenen: Connected Products, Edge Control sowie Apps, Analytics und Services.

Daneben investieren wir massiv in den Bereich Apps, Analytics und Services – ein erster wichtiger Schritt diesbezüglich war der Zukauf von Invensys im Januar 2014. Eine der wichtigsten Marken, die wir in diesem Zuge für den Bereich Maschinenbau dazubekommen haben, ist die Marke Wonderware. Deren Software hat unser Portfolio optimal abgerundet in den Segmenten ‚Operate‘ und ‚Maintain‘ – sprich was den Betrieb und die Wartung von Anlagen beziehungsweise ganzen Fabriken betrifft.

Wo wir uns in der Vergangenheit nicht oder nur marginal betätigt hatten, ist das Thema Design und Simulation einer Fertigung. Genau hier liegt die Stärke von Aveva und daher ist die Übernahme des britischen Software-Unternehmens für uns nun die perfekte Ergänzung im oberen Bereich der Apps, Analytics & Services.

Welche Größenordnung hat die Beteiligung?

Schneider Electric hat 60 % von Aveva übernommen, was einem Investitionsvolumen von umgerechnet knapp 1,5 Mrd. Euro entspricht. Das in Cambridge ansässige Unternehmen beschäftigt derzeit rund 4.400 Mitarbeiter.

In der offiziellen Übernahme-Erklärung hieß es: Schneider Electric gibt im Zuge des ‚Reverse Takeover‘ sein industrielles Software-Geschäft an Aveva ab. Ist das die richtige Strategie im Zeitalter von Industrie 4.0 – wo das Thema Software und Digitalisierung doch über allem steht?!

Die entscheidende Antwort auf diese Frage ist: Auch wenn Aveva und Schneider Electric weiterhin zwei rechtliche Gesellschaften sind, ist Aveva jetzt auch zu 60 % Schneider Electric! Im Übrigen hat die rechtliche Konstellation nichts mit der praktischen Arbeit zu tun. Mit anderen Worten: Wenn der Kunde künftig seine Lösung weiterhin zu 100 % von Schneider Electric kaufen will – inklusive dem kompletten Software-Teil –, dann bekommt er das auch. Hierzu bilden wir Teams innerhalb von Aveva und Schneider Electric, die jeweils die Zusammenarbeit ­zwischen beiden Gesellschaften organisieren, um letztlich gemeinsam und in enger Abstimmung die für den Anwender beste Lösung zu erarbeiten.

Übergibt Schneider Electric seine komplette Software an Aveva oder nur Teilbereiche?

Auch hier ist es wieder hilfreich, sich das Bild von EcoStruxure mit seinen drei Ebenen vor Augen zu halten. Auf jeder Ebene gibt es spezifische Software-Lösungen – auf der unteren Ebene bei den ‚Connected Products‘ beispielsweise die jeweilige Parametriersoftware, auf dem mittleren Layer im Bereich Edge-Control die ganzen Programmier-Tools und schließlich auf der obersten Ebene die entsprechenden Analyse- und Service-Apps, um das ganze Thema ‚mit Leben‘ zu füllen.
Vieles was Schneider Electric bis dato auf diesem obersten Layer an Software-Tools im Portfolio hatte – also beispielsweise die Wonderware-Softwarelösungen – wandert zu Aveva, alle anderen Software-Bestandteile verbleiben genau dort, wo sie auch bis dahin innerhalb von Schneider Electric angesiedelt waren.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber: Aveva wird als künftiges Competence-Center für Industriesoftware innerhalb des Schneider-Konzerns von Cambridge aus das ‚Big Picture‘ – sprich das große Gesamtbild - im Auge haben und definieren. Entscheidend dabei ist, dass wir zunächst die Menschen beziehungsweise Teams innerhalb der beiden Gesellschaften zusammenbringen. Im zweiten Schritt wird es dann darum gehen, die Schnittstellen dahingehend zu harmonisieren, dass sich beide Software-Welten verstehen.

Wie sieht dabei die zeitliche Roadmap aus?

Was das angesprochene ‚Big Picture‘ betrifft, wissen wir bereits sehr genau, wo wir hinwollen; die Meilensteine im Detail auszuarbeiten, wird aber erfahrungsgemäß sicher noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. 

Was man dabei wissen muss: Bei der Software gibt es – anders als im Bereich Hardware, wo Schneider Electric ja ursprünglich herkommt – kein finales Bild, wie das perfekte Produkt irgendwann einmal aussehen wird. Zum einen ist eine Software, die perfekt ist, eh veraltet. Zum anderen bewegen wir uns hier in einem sehr dynamischen Markt, dem es sich immer wieder neu anzupassen gilt.

Die SPS IPC Drives steht kurz bevor. Schneider Electric wird in zwei unterschiedlichen Hallen vertreten sein – mit welchen Themen jeweils?

In Halle 6, die dem Thema ‚Software & IT in der Fertigung‘ gewidmet ist, wird Aveva als eigenständige Company vertreten sein und dort mit seinem kompletten ‚Software-Warenkorb’ unter anderem auch sein bisheriges Kunden-Klientel ansprechen.

Am angestammten Platz in Halle 1 hingegen fokussieren wir als Schneider Electric im Sinne unserer Channel-Betrachtung wie bisher auf die OEMs beziehungsweise industriellen Endkunden aus dem Maschinen- und Anlagenbau. Alles, was an Software von Aveva speziell für diese Klientel relevant ist, wird der Messebesucher auch dort sehen können.   

Mit welchen Neuheiten fährt Schneider Electric konkret nach Nürnberg?

Auf der Messe gibt es neue Digitalisierungswerkzeuge im Bereich ‚Consumer Packaging Goods‘ zu sehen, welche die gesamte Wertschöpfungskette vom Erzeuger bis zum Verbraucher optimieren. Zentraler Eyecatcher des Messe-Auftritts ist die Präsentation einer modellhaften Darstellung der digitalen Molkerei. Dabei wird nicht nur die digitalisierte Produktion transparent gemacht, die zugehörigen Software-Lösungen mit Apps, Analytics und Services werden ebenfalls visualisiert. 

Ebenfalls zur SPS IPC Drives kündigte Schneider Electric vor zwei Jahren Prometheus an – ein universelles Konfigurationstool, welches zugleich den Steuerungscode für die gesamte Leittechnik beziehungsweise beliebige Controller generieren können soll. Was ist daraus geworden?

Der Prometheus-Ansatz ist als Ergänzung unseres Portfolios zu sehen und kommt aus dem Wonderware-Umfeld. SCADA-Systeme sind ja immer schon dazu geeignet gewesen, heterogene Automatisierungsarchitekturen zu bedienen. Für den Betreiber einer solchen Lösung wäre es natürlich ideal, die verschiedenen eingesetzten Steuerungssysteme unterschiedlicher Hersteller mit einem einzigen Tool bedienen zu können. Tatsächlich wird der ‚Control Configuration Manager‘ von Wonderware für solche Anwendungsfälle weiterentwickelt und gepflegt, um auch Anwendungsgebiete außerhalb der Schneider-Landschaft bedienen zu können, die nicht mit den etablierten Tools von Schneider Electric erreicht werden können.

Für Lösungen in der Maschinen- und Anlagenautomatisierung stehen unsere EcoStruxure-Architekturen eindeutig im Fokus, da sie ein Maximum an Per­formance garantieren, wie zum Beispiel bei High-Performance-Systemen für die Verpackungstechnik mit integrierter Robotik.