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Industrie 4.0: Großes Chaos um Industrie 4.0 (1. Teil)

Derzeit herrscht helle Aufregung um Deutschlands Vorzeige-Projekt Industrie 4.0. Was ist geschehen? Warum wird ausgerechnet jetzt der Plattform Industrie 4.0 Versagen und der gesamten deutschen Initiative Orientierungslosigkeit vorgeworfen? Eine Einschätzung.

Industrieroboter bei der Automobilproduktion, Industrie 4.0 Bildquelle: © Fotolia / Hainichfoto, Rainer Plendl

In den letzten Wochen gab es einige Veranstaltungen und Ereignisse, die insbesondere drei Initiativen ins Scheinwerferlicht rückten, die zum Teil unglücklich miteinander verquickt wurden und für Irritationen sorgte. Um welche Initiativen handelt es sich? Es sind die Plattform Industrie 4.0, die Initiative 'Industrial Data Space' und das amerikanische Industrial Internet Consortium (IIC).

Die Plattform Industrie 4.0

Beginnen wir mit der Plattform Industrie 4.0: Ja, die Plattform Industrie 4.0 wird sich verändern. Aber wie? Seit Mitte letzten Jahres ist in Fachkreisen bekannt, dass die Plattform zukünftig nicht mehr bei den drei Verbänden Bitkom, ZVEI und VDMA aufgehängt sein soll [1]. Vielmehr wird ein neuer Projektträger gesucht, der – so die bisherige Planung – bis Ende Februar feststehen soll. Weiter sind innerhalb Deutschlands fünf Kompetenzzentren geplant, insbesondere um auch kleine und mittelständische Firmen besser ins Industrie-4.0-Boot zu hieven. Und nicht zuletzt soll die Plattform selbst einen anderen Namen erhalten. Ursprünglich war wohl der Begriff "Dialogplattform Industrie 4.0" vorgesehen. Inzwischen wird frei nach dem Motto "nicht reden, sondern machen!" über den Begriff "Umsetzungsplattform Industrie 4.0" spekuliert. Die Bibel der Industrie 4.0 heißt ja schließlich auch "Umsetzungsempfehlung".

Wie die neue Organisation letztlich heißt und wie die Struktur dann letztlich aussieht, will Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel am 14. April 2015 auf der Hannover Messe vor rund 250 geladenen Gästen aus Deutschland, Europa, den USA und Asien präsentieren.

Aber warum geben Bitkom, ZVEI und VDMA die Projekt-Trägerschaft ab? Immerhin haben sie in den letzten zwei Jahren ein Zusammenrücken der Disziplinen IT, Automation und Maschinenbau bewirkt!

Aktuelle Referenzarchitektur der Plattform industrie 4.0 Bildquelle: © Computer&AUTOMATION / Meinrad Happacher

Die aktuelle Referenzarchitektur der Plattform industrie 4.0. Diese gilt es nun mit Leben zu füllen!

Die Verbände stehen einfach zu stark in der Kritik, zu wenig bewegt zu haben. Insbesondere in puncto Normung und Standardisierung gehe es zu schleppend voran. Kompetenz-Querelen zwischen den Verbänden waren sicher ein Bremsfaktor innerhalb der Plattform; ein ganz wesentlicher Punkt der geringen Erfolgsquote sind allerdings die den Verbänden eigenen Statuten. Demnach dürfen die Verbände keine Produkte beziehungsweise Hersteller favorisieren. – Ein Punkt, der den Normungs- und Standardisierungsbemühungen vehement im Wege stand. Denn: Im Endeffekt muss für ein Referenzmodell der Industrie 4.0 das meiste nicht neu erfunden, sondern lediglich konkret benannt werden. "Wie soll ich aber standardisieren, wenn ich Protokolle wie OPC-UA nicht konkret empfehlen, benennen und festlegen darf", klagt ein Insider. Zu hoffen bleibt also, dass die in der Plattform AG2 generierte Referenzarchitektur, die am 17. Februar auf dem Bosch "Connected World Congress" erstmals in der Öffentlichkeit gezeigt wurde, mit "Leben" gefüllt wird, sobald die Verbände hierfür keine Verantwortung mehr tragen.

Als Quintessenz bleibt: Den Verbänden sind bei der Festlegung von Normen und Standards die Hände gebunden. So gesehen war es sicherlich ein Geburtsfehler der Plattform Industrie 4.0, diese Aktivitäten überhaupt bei den Verbänden aufzuhängen.