Hardware- und Softwareberatung T. Braun

Der Mann an der virtuellen Front

Thorsten Braun, Gründer und Inhaber der Hardware- und Softwareberatung Thorsten Braun.
Thorsten Braun, Gründer und Inhaber der Hardware- und Softwareberatung Thorsten Braun.
© Thorsten Braun

Inbetriebnahme, Fehlersuche oder Steuerungen neu programmieren – alles Aufgaben, die Thorsten Braun bisher mit seinem Team vor Ort beim Kunden durchführte. Bis der Corona-Virus weltweit alles schlagartig veränderte. Thorsten Braun erläutert die ‚neue‘ Welt im Interview.

Herr Braun, seit wie vielen Jahren sind Sie mit welchen Tätigkeiten in der Automatisierungstechnik unterwegs?

Thorsten Braun: Die Firmengründung meines Service-Unternehmens war am 1. Januar 1990. Mein Team – zum Teil fest angestellte Mitarbeiter, zum Teil Freelancer – ist auf der ganzen Welt verteilt und steht somit in allen Zeitzonen zur Verfügung.

Auf welche Tätigkeit haben Sie sich konzentriert?

Braun: Wir sehen uns als Dienstleister in der Automatisierungstechnik und nehmen Elektrische Anlagen in Betrieb; wir beheben Störungen und Probleme bei Anlagenstillständen und programmieren Speicherprogrammierbare Steuerungen nach IEC 1131.3. Wir leiten aber auch ganze Montage-Projekte im In- und Ausland speziell im Bereich der Montage und Verdrahtung deutscher Anlagen durch den Endkunden im Ausland. Last but not least bieten wir unseren Kunden auch eine 24-Stunden-Hotline.

Traditionell sind wir der Mitsubishi Elektrik Europa verbunden. Wir haben dementsprechend tiefgehende Kenntnisse von deren Produktpalette – von den Steuerungen über die Frequenzumrichter bis hin zu den Touchpanels und den Visualisierungen.

Wie sah Ihre Tätigkeit bis vor gut einem Jahr aus?

Braun: Vor der Corona-Zeit sind wir von Ort zu Ort gereist und haben überwiegend vor Ort beim Kunden agiert. Dabei ging natürlich sehr viel Zeit mit der Anreise zum Kunden in Auto oder Flugzeug drauf. Häufig sind beim Kunden zudem Sicherheits-Trainings und Eingangs-Test notwendig um die Produktionshallen überhaupt betreten zu dürfen. Im Ausland fielen Laufzeiten für Visa-Erstellungen an, die als Arbeitszeit zudem verloren gehen. – All das kostet Zeit und blockiert Ressourcen. Diese Zeit können wir jetzt besser nutzen.

Wie hat sich durch Corona die Situation vor Ort beim Kunden verändert?

Braun: Durch Corona war und ist es bis heute häufig nicht möglich, das Firmengelände des Kunden zu betreten. Reisen wurden erschwert oder sind zum Teil gar nicht möglich. Beim Kunden dann geht viel Zeit für Quarantäne und Corona-Tests verloren.

Wie gehen Sie mit der Situation um?

Braun: Wir verschicken inzwischen hauptsächlich nur noch einen Fernwartungs-Koffer, der es uns erlaubt, mit der Anlage beim Kunden eine sichere Verbindung aufzubauen, so als würden wir persönlich vor der Anlage sitzen. Bei Neuanlagen setzen wir uns dafür ein, dass die Remote Hardware gleich direkt mit im Schaltschrank verbaut wird.

Wie sieht so ein Koffer-Einsatz konkret aus?

Der Remote-Koffer
Der Remote-Koffer: Er beinhaltet die notwendigen Kabel und als Herzstück der Fernwartungslösung die hardware-basierte Lösung Tosibox. Mit den Tosibox-Geräten lässt sich eine sichere Tunnelverbindung zwischen den Automatisierungs-Experten und den Endgeräten des Kunden herstellen.
© Thorsten Braun

Braun: Der Kunde ruft an und hat beispielsweise ein Problem mit einer stehenden Anlage. Das bedeutet, seine Produktion steht und er verliert jede Minute Geld!

Bis dato vereinbarten wir einen Termin vor Ort und mussten dabei Parameter wie die Verfügbarkeit der Monteure vor Ort, das Beantragen von Visas oder das Ausstellen von Carnets berücksichtigen.

Heute verschicken wir den Fernwartungs-Koffer mit einem Paketdienst, einem Taxi oder wenn notwendig, mit einem reitenden Boten. Der Koffer kommt also beim Kunden an, muss keinen Safety-Test absolvieren, sondern kann direkt zur stehenden Anlage gebracht und angeschlossen werden.

Der Kunde hat vor Ort lediglich drei Kabel anzuschließen: Die 230-V-Spannungsversorgung, das Ethernet-Kabel zum Internet – funktioniert auch per WiFi oder Mobilfunk-Netz – und letztlich muss er noch die Mitsubishi-Komponente anschließen. Der Koffer enthält dabei alle notwendigen Kabel für alle Mitsubishi-Komponenten.

Und das funktioniert dann reibungslos?

Beispielhafte Zeit- und Aufwandskalkulation für einen Reparatur-Einsatz
Beispielhafte Zeit- und Aufwandskalkulation für einen Reparatur-Einsatz: einmal per Einsatz vor Ort beim Kunden, einmal per Remote-Koffer.
© Thorsten Braun / WFM

Braun: In den letzten zwei Jahren haben wir schon viele Projekte – auch komplette Neuprogrammierungen über den Fernwartungs-Koffer abgewickelt und beim Endkunden auch in Betrieb genommen.

Ein ganz charmanter Vorteil dieser Lösung ist, dass auch mehrere Kollegen gleichzeitig über den Koffer auf alle Anlagenteile zugreifen können. Bei einem Kunden hat ein Kollege die Programme für die Touchpanel erstellt, ein weiterer hat die SPS-Programme generiert und der dritte ist auf die Frequenzumrichter und Servo-Antriebe spezialisiert und hat die Motion-Steuerung programmiert. Bei der Inbetriebnahme in Japan standen dann gleichzeitig alle drei Spezialisten vom Home-Office aus mit Rat und Tat zur Verfügung.

Schöner Nebeneffekt: Wir haben die Reise- und die Hotelkosten für drei Kollegen eingespart.

Glauben Sie, dass die ‚alten‘ Zeiten und damit die Einsätze vor Ort zurückkehren?

Braun: Nein, das glaube ich nicht. Die Verantwortlichen beim Kunden werden die Vorteile des Remote-Einsatzes erkennen und schätzen lernen. Der Kosten-Nutzen-Faktor liegt einfach zu klar auf der Hand.

Wie hoch schätzen Sie den zukünftigen Remote-Anteil?

Braun: Ich persönlich schätze den Anteil auf 80 bis 90 % ein.


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