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Bedienen via Sprache

14. Juli 2020, 14:24 Uhr   |  Inka Krischke

Bedienen via Sprache
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Lorenz Arnold, Geschäftsführer von MGA Ingenieurdienstleistungen in Würzburg.

In der bedienerfreundlichen Steuerung von Industriemaschinen mittels Sprache sieht die Würzburger Firma MGA Ingenieurdienstleistungen eine Marktlücke. Geschäftsführer Lorenz Arnold erläutert die Beweg- und Hintergründe seines Projektes.

Herr Arnold, Sie entwickeln mit Ihrem Team ein Spracheingabesystem für Maschinen. Warum?

Lorenz Arnold: Zum einen sehen wir die konkreten sachlichen Argumente für eine Sprachbedienung: Überall dort, wo der Bediener entweder mit verschmutzten Händen arbeitet oder – im Gegenteil – besondere Anforderungen an Hygiene und Reinlichkeit nötig sind, ist es ein unschlagbarer Vorteil, nichts berühren zu müssen.
Ich glaube aber noch an eine ganz andere Entwicklung: Jeder von uns ist schon heute von seinem Handy oder Auto gewohnt, es per Sprache bedienen zu können. Ich bin ganz sicher, dass es seitens der Bediener die Forderung an ihre Arbeitgeber geben wird, auch die vergleichsweise teure Maschine am Arbeitsplatz via Sprache bedienen zu können. Wenn Arbeitgeber dieses Bedürfnis erfüllen, glänzen sie als innovativer Arbeitgeber, der seinen Mitarbeitern ein modernstes technisches Arbeitsumfeld bietet.
Diese Überlegung war für mich entscheidend, das Entwicklungsprojekt bei MGA zu starten.

Wie habe ich mir das System konkret vorzustellen?

Stellen Sie sich zum Beispiel eine Verpackungsmaschine vor, die Zahnpastatuben in Faltschachteln verpackt. Bislang haben Sie für die Bedienung ein Touchpanel im Schaltschrank. Künftig finden Sie direkt daneben ein in den Schaltschrank integriertes Mikrofon und einen Lautsprecher. Darüber können Sie der Steuerung Befehle geben und sich Informationen wie zum Beispiel Fehlermeldungen verbal ausgeben lassen. Dies wird immer im Zusammenspiel mit dem Touchpanel erfolgen, auf dem das gesprochene Wort parallel angezeigt wird. Sie können auch jederzeit zwischen der Bedienung per Touchpanel und Sprache wechseln. Wir glauben, dass gerade das sehr wichtig ist, um Bedienern anfänglich womöglich vorhandene Vorbehalte zu nehmen.

Welche Vorteile hat einsolches Spracheingabesystem?

Es gibt eine ganze Reihe davon: Zum einen wird das Verschleppen von Verunreinigungen vermieden. Dies kann sowohl wichtig sein für die Qualität des Produktes, das auf der Maschine hergestellt wird, als auch für die Hygiene! In Zeiten von Covid-19 sicher ein interessantes Argument!
Zum anderen kann es einen Produktivitätsfortschritt auslösen, weil der Mitarbeiter gleichzeitig mit den Händen etwas tun und die Maschine bedienen kann. Und schlussendlich ist es natürlich ein Komfortmerkmal.

Welche Branchen haben Sie primär im Visier?

Die Lösung, die wir entwickeln, soll branchenunabhängig nutzbar sein und bezüglich der Kosten auf dem Niveau eines Touchpanels liegen. Wir wollen es gerade in der Breite ermöglichen, eine Spracheingabe zu ermöglich. Denn Hand aufs Herz: Nischenlösungen gibt es ja bereits, so zum Beispiel Pick-by-Voice-Systeme im Kommissionierbereich. Diese sind aber sehr aufwändig, in der Regel erfordern sie zum Beispiel einen zusätzlichen PC. Davon wollen wir weg. Alles soll in die Maschinensteuerung integriert werden.

Wie handhaben Sie das Thema Sicherheit in Ihrer Lösung?

Kurz und knapp: Sicherheit geht vor Komfort! Das heißt, dass es bei der Bedienung bei den bisherigen Lösungen bleibt, also bei der physischen Betätigung von Tastern und Schaltern. Möglich und vorgesehen sind aber ergänzende akustische Hinweise und Warnungen.

Und was ist mit Dialekten, Akzenten und Sprachfärbungen oder auch dem Thema einer Mund-Nasen-Bedeckung?

Unser Konzept sieht vor, verschiedene Sprachbibliotheken für das System anzubieten. Die Verständlichkeit der Sprache lässt sich über die Mikrofontechnik, also mit Hilfe von Funktionen wie zum Beispiel der Ausblendung von Hintergrundgeräuschen bewerkstelligen. Dies ist dann eine Anpass-Entwicklung für den einzelnen Anwendungsfall. Doch natürlich lässt sich so ein System immer auch austricksen, wenn jemand das will. Wir gehen ja aber davon aus, dass es dem Bediener willkommen sein wird.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in der Entwicklung?

Funktional müssen wir vor allem sicherstellen, dass Hintergrundgeräusche keinen störenden Einfluss ausüben. Dieser Punkt ist nebenbei der einzige echte Vorbehalt, den die von uns befragten potenziellen Kunden geäußert haben.
Bezüglich der Ausführung streben wir eine Lösung an, die ohne zusätzliche Steuerungshardware auskommt, also eine reine Softwarelösung. Das lässt sich bei IPCs deutlich einfacher verwirklichen als bei der klassischen SPS.

Und wie sieht Ihre Roadmap aus?

Unser Prototyp steht insofern bereits im Labor, dass alle Grundfunktionen gegeben sind.
In den kommenden Monaten wird es nun darum gehen, den funktionalen Feinschliff zu bewerkstelligen. Danach, also im vierten Quartal, wollen wir daran gehen, die Lösung serienfähig zu machen. Dabei werden wir mit einer Applikation für einen IPC eines der namhaften Hersteller beginnen. Am Ende wollen wir für 80 % der am Markt verbauten SPSen und IPCs eine Lösung ‚out oft the box‘ anbieten können. Dies ist ein Ziel, das wir 2021 erreichen wollen.

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