Prozessautomation: Jenseits des Polarkreises

Als die Planungen für die Gasverflüssigungsanlage Snøhvit (deutsch: Schneewittchen) vor gut zehn Jahren begannen, betraten der norwegische Öl- und Gasproduzent Statoil zusammen mit Lieferanten wie ABB und Linde Neuland: Jenseits des 66. Breitengrades sollten auf einer kleinen Insel vor dem nord-norwegischen Hammerfest erstmals die in der Barentssee schlummernden Gasvorkommen erschlossen werden.

Statoil LNG-Anlage Hammerfest Bildquelle: © ABB

Gasverflüssigungsanlage jenseits des Polarkreises auf der Insel Melkøya

Eine große Flamme an der Fackel einer Raffinerie bereitet den Betreibern eigentlich Sorgen. Bei der Snøhvit-Anlage auf der kleine Insel Melkøya signalisiert die gewaltige Flamme die umfangreichen Kontroll- und Servicearbeiten an der 143 km langen Pipeline zum Gasfeld und der Gasverflüssigungsanlage, die Ende Juni vorgenommen wurden. Die Flüssigerdgas-Anlage Snøhvit erstreckt sich über die komplette Insel Melkøya, die über einen 2,3 km langen Tunnel mit der Stadt Hammerfest auf dem Festland verbunden ist. Zum Zeitpunkt des Anlagenbaus war das Feld die größte Baustelle Nordeuropas und Norwegens.

Das gleichnamige Gasfeld, umfasst zusammen mit angrenzenden Gasfeldern über 300 Milliarden Normkubikmeter Erdgas. Das Gemisch aus Gas, Schlamm und verschiedenen Kondensaten wird 300 Meter unter der Meeresoberfläche mittels ferngesteuerter 'Zapfstellen' auf dem Meeresboden gefördert und unbehandelt über Pipelines in die 140 Kilometer entfernte Anlage transportiert.

Mit ihren Produkten und Systemen hat ABB einen großen Anteil an der hochmodernen Verflüssigungsanlage geleistet, die von manchen sogar als energieeffizienteste Anlage der Welt betrachtet wird: Sie liefert über 100 Prozent der versprochenen Produktionsmenge, die für rund 4,3 Millionen Tonnen LNG (Liquefied Natural Gas) pro Jahr ausgelegt ist. "Zudem wird 5 Prozent weniger Energie zur Produktion des Erdgas benötigt und das im Gas enthaltene CO2 aufgefangen und in das Reservoir zurückgeleitet", erklärte Øivind Nilsen, Vize President Statoil Snøhvit. Mit verantwortlich für den geringeren Energieverbrauch von 243 kWh je einer Tonne LNG ist das von der Linde AG für das Statoil-Projekt entwickelte MFC (Mixed-Fluid-Cascade)-Verflüssigungsverfahren, bei dem nach der Trennung des komplexen Gemischs das extrahierte Erdgas in der ersten Stufe über Wärmetauscher mittels Meerwasser gekühlt wird. Über zwei weitere Stufen kühlt sich das Gas auf über -160 °C herunter. Dadurch reduziert sich dessen Volumen auf ein Sechshundertstel und kann mit speziellen Tankern zu den drei großen LNG-Märkten - USA, Japan und Europa - transportiert werden. Dort erfolgt die Umwandlung in Gas und Einleitung in Pipelinenetze.