Nachgehakt bei Mathias Bohge: 5G in der Fabrik

Die Bedürfnisse der Industrie einbringen – das ist den Automatisierern bei der europäischen Norm für Wireless-Kommunikation nicht gelungen. Ein Dilemma, das bei der fünften Mobilfunkgeneration 5G nicht wieder passieren soll. Eine große Aufgabe für die Arbeitsgemeinschaft 5G-ACIA.

Mathias Bohge, R3 Bildquelle: © R3 Communications

"Die Industrie muss sich jetzt intensiv mit dem Thema 5G auseinandersetzen", so Mathias Bohge, Mitglied des Board der 5G-ACIA und Geschäftsführender Gesellschafter von R3 Communications.

Der ZVEI rief in 2017 die ‚Task Force 5G‘ ins Leben. Im April folgte die ZVEI-Arbeitsgemeinschaft ‚5G Alliance for Connected Industries and Automation‘ – kurz 5G-ACIA – verkündet. Was hat es damit auf sich?

Mathias Bohge: Die 5G-ACIA löst die ‚ZVEI 5G-Task Force‘ ab. Sie ist nun das zentrale Austauschgremium innerhalb der deutschen, aber auch zunehmend der internationalen Elektroindustrie für die Interessen der industriellen Automation bezüglich 5G. Besonderer Charme der 5G-ACIA: Die Mitgliedschaft in der 5G-ACIA ist – anders als noch bei der Task-Force – nicht nur ZVEI-Mitgliedern möglich.

Wie ist die 5G-ACIA organisiert?

Die konkrete Zusammenarbeit findet in fünf Arbeitsgruppen statt, in denen sich jeweils Vertreter von OT- und IKT-Unternehmen gemeinsam Gedanken über Anwendungsfälle, Systemarchitekturen oder Betreibermodelle machen. Dabei können neue Aufgaben innerhalb der Arbeitsgruppen von jedem Mitglied vorgeschlagen werden. Über deren Durchführung entscheiden dann alle Mitglieder bei den regelmäßigen Plenary-Meetings.

Die Arbeitsgemeinschaft will sich aktiv in die Standardisierung von 5G einbringen. Welche Durchschlagkraft können die ACIA-Eingaben erreichen?

Das von der europäischen Standardisierungsorganisation ETSI für den Mobilfunkstandard UMTS initiierte ‚3rd Generation Partnership Program‘ – kurz 3GPP – hat sich als weltweites Konsortium für die Mobilfunkstandardisierung etabliert. Die in der 5G-ACIA vertretenen 3GPP-Mitglieder reichen die hier erarbeiteten Ergebnisse direkt in die 3GPP-Gremien ein. Dort werden sie dann in den Standardisierungsprozess eingebracht. Zudem werden Beiträge zur Frequenzregulierung über die Bundesnetzagentur zu deutschen Positionen abgestimmt und dann vom Regulierer in die weitweiten Arbeitsgruppen eingebracht. Generell gilt: Je mehr Mitglieder eine Position in diesen Gremien und Organisationen vertreten, desto größer die Durchschlagkraft für diese Positionen.

Warum ist die Beschäftigung mit 5G jetzt schon so wichtig?

Der neue Funkstandard 5G wird viele Anwendungen insbesondere aus dem Industrie-4.0-Umfeld ermöglichen. Aktuell können in der Standardisierung die Anforderungen für verschiedene in- dus­trielle Use-Cases noch eingebracht werden. Daher ist es wichtig, dass die Hersteller von Fabrikautomatisierungsanlagen – also der Operational Techno-logy1) – zusammen mit Firmen aus der IKT-Industrie frühzeitig Anwendungsfälle für den Einsatz von 5G in der Fabrik beschreiben und analysieren. Nur so lässt sich ein gemeinsames Gefühl dafür entwickeln, für welche Anwendungsfälle die 5G-gestützte Drahtloskommunika-tion Möglichkeiten bietet. Ganz wichtig hierbei: Durch einen rechtzeitigen Gedanken- und Informationsaustausch lassen sich aus den Anwendungsfällen Schlüsse für das Systemdesign ziehen und dadurch wiederum komplett neue Systemansätze und Lösungen für die Fabrik der Zukunft schaffen. 

Welche Fähigkeiten muss 5G für die Fabrik mitbringen? 

Wichtig für Industrie-4.0-Anwendungen ist insbesondere eine hohe Zuverlässigkeit, eine ständige Verfügbarkeit, niedrige Latenz und Sicherheit der hier übertragenen Daten. Es braucht also neue Funktechnologien, die explizit für diesen Zweck entwickelt werden, wie etwa eben 5G, dessen Ultra-Reliable-Low-Latency-Communications2)-Service in ein paar Jahren insbesondere auf Anwendungsfälle in der Fabrikautomation abzielt.

In ein paar Jahren! Kommt 5G nicht schon dieses oder spätestens im nächsten Jahr auf den Markt? 

Ja, das ist korrekt! Nur kommen vor dem URLLC zunächst andere Services auf den Markt. Etwa die 5G Enhanced-Mobile-Broadband3)-Services. Quasi die konsequente Weiterentwicklung von LTE mit immer höheren Datenraten, zum Beispiel für Videostreaming am Handy. Oder die Massive-Machine-Type-Communications4)-Anwendungen mit geringer Datenrate und sehr hohen Batterielaufzeiten. Das für die Industrie so wichtige URLLC wird als letzter Service angeboten werden, da der ­Paradigmenwechsel gegenüber 4G/LTE hier am größten ist und sowohl technologisch als auch Business-seitig neue Ansätze ­gefunden werden müssen.