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Arbeitsmarkt für embedded-Spezialisten: Ein Traum für die einen, ein Albtraum für die anderen

Die embedded world steht vor der Tür und verspricht neue Rekorde. Thomas Hegger leitet den VDE-Ausschuss Beruf, Gesellschaft und Technik. Wir fragten ihn, wie sich der Arbeitsmarkt für embedded-Spezialisten aktuell darstellt.

Studentenandrang beim embedded world Student Day 2017 Bildquelle: © NürnbergMesse/Frank Boxler

Beim embedded world Student Day 2017

Herr Hegger, Sie haben soeben mit Ihren Ausschuss-Kollegen Michael Schanz und Prof. Michael Berger vom Studiengang Elektrotechnik und Informtionstechnik der FH Westküste einen aktuellen Überblick über die Fachkräftesituation bei Elektronik-Ingenieuren gegeben und warnen davor, die Situation zu unterschätzen. Gerade Entwicklungen wie IoT und Embedded Systems sollen den Fachkräfteengpass  noch mal verschärfen. Wie sieht es aktuell auf dem Arbeitsmarkt für embedded-Spezialisten aus?

Wir weisen im VDE Ausschuss Beruf Gesellschaft Technik seit geraumer Zeit auf die sich zuspitzende Situation am Arbeitsmarkt für Elektroingenieure hin. Ich verweise hier nochmal auf unsere Studie in Zusammenarbeit mit dem IW Köln vom Sommer 2016, die auf dem Mikrozensus beruht und in der wir eine Lücke von 100.000 fehlenden Ingenieuren der Elektro- und Informationstechnik in den kommenden 10 Jahren erwarten.

VDE Bildquelle: © Markt&Technik

Thomas Hegger, Personalberater aus Berlin und Leiter des VDE-Ausschusses 'Beruf Gesellschaft und Technik'.

Die Absolventenzahlen reichen schon heute nicht aus, um die Lücken durch in den Ruhestand gehende Elektroingenieuren auszugleichen.

Gerade die Digitalisierung, die unser Leben in fast allen Bereichen durchdringt – Industrie 4.0, IoT, Smart X, eMobility, autonomes Fahren, etc. – ist nicht ohne embedded Systeme möglich. Embedded Systeme sind ein ganz wesentlicher Bestandteil der Digitalisierung! 

In den letzten Jahren ist entsprechend der Bedarf an Entwicklungsingenieuren (Hardware und Software) für embedded Systeme aber auch für Vertriebsingenieure, deutlich gestiegen. Aus Sicht der Ingenieure sieht der Arbeitsmarkt sehr gut aus, aus Sicht der Unternehmen geht die Tendenz in Richtung ‘katastrophal’. 
Die Unternehmen müssen immer mehr Zeit und Aufwand investieren, um Stellen für Embedded Experten zu besetzen. Parallel müssen die Unternehmen ein (Arbeits-)Umfeld schaffen, in dem sich die Mitarbeiter wohlfühlen und über dem eine enge Bindung zum Unternehmen entsteht und gehalten wird.

Welche Profile und welche Kenntnisse sind aktuell besonders gesucht?

Die Unternehmen haben den Bedarf sowohl in der Entwicklung als auch im Vertrieb. Aus unserer Sicht ist der Bedarf an embedded Software-Entwicklern am deutlichsten ausgeprägt. Dies kann daran festgemacht werden, dass die Software-Entwicklungsabteilungen immer größer werden, da mittels der Software die Wertschöpfung am größten ist.

Der Bedarf an HW-Entwicklern fällt geringer aus, darf aber nicht unterschätzt werden. Die Hardware liefert die Basis auf die die Software läuft. Sowohl die Hochschulen aus auch die Unternehmen dürfen die Hardware-Entwickler nicht unter den Tisch fallen lassen, sondern müssen diese genauso wie die Software-Entwickler weiter ausbilden. 

Neben der Entwicklung ist der Bedarf im technischen Vertrieb ebenfalls gewachsen. Es wird immer mehr nach applikationsspezifischen Lösungen gefragt. Der Vertriebsingenieur wird immer mehr zum „Übersetzer“ zwischen Kunde und Entwickler. Es wird ein sehr ausgeprägtes Systemverständnis von den Vertriebsingenieuren erwartet, dies gilt genauso für andere Bereiche in den E-Ings. im Vertrieb tätig sind, wie beispielsweise in der Automation. Unterstützung erhält der Vertrieb durch die FAEs, die bei den Design Ins unterstützen und Kunden bei der Suche nach applikationsspezifischen Lösungen zur Seite stehen. Dadurch, dass die Applikationen immer individueller und die Systeme immer komplexer werden, steigt ebenfalls der Bedarf an FAEs.

Können Sie das anhand eines ‘Wunschkandidaten’ skizzieren?

Der Wunschkandidat/-In kann eigentlich nicht skizziert werden, da die Anforderungen an die Hard- und Software zwischenzeitlich so komplex geworden sind, dass sich die Entwickler auf einzelne Themen fokussieren müssen. Gerade bei komplexen oder technischen anspruchsvollen Systemen sind die Entwickler in der Hard- und Software auf einzelne Teilgebiete spezialisiert. Als Beispiel sei genannt, dass es in der Hardware Spezialisten für die Schaltungsentwicklung und für das PCB-Layout gibt. Es wird auch daran sichtbar, dass die eingesetzten Entwicklungstools immer mächtiger werden.

Es findet – was wir schon seit einigen Jahren beobachten – eine immer stärkere Spezialisierung statt. Diese Spezialisierung sollte allerdings erst im Job stattfinden. In der Ausbildung und im Studium sollte eine breite Basis gelegt werden, die hilft Systeme zu verstehen.

Wunschkandidaten/-In sollten einerseits Spezialisten sein, gleichzeitig aber über den Tellerrand ihrer Spezialisierung blicken und das System im Blick haben. Der SW-Entwickler sollte ein Grundverständnis für die Hardwareentwicklung haben, der HW-Entwickler sollte wissen was Programmierung heißt. Beide sollten die Sprache des anderen verstehen, da in Entwicklungsprojekten zusammengearbeitet wird. Die höher werdende Komplexität der Systeme erfordert in der Entwicklung eine immer intensivere Kommunikation, um Fehler frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren und um das Time-to-Market zu verkürzen.

Wie schwer ist es für Sie als Personalberater, passende Kandidaten zu finden?

Den Aufwand, den wir als Personalberater betreiben, um passende Kandidaten, nicht nur für die embedded Welt, zu finden, hat sich in den letzten Jahren merklich erhöht. Die Wechselbereitschaft von Kandidaten hat deutlich nachgelassen, insbesondere wenn ein Arbeitgeber-/Stellenwechsel mit einer räumlichen Veränderung verbunden ist. Muss ein Kandidat für einen Jobwechsel nicht umziehen, ist die Hürde, die genommen werden muß, geringer.

Die regionalen Unterschiede bewegen sich zwischen ‘schwierig’ und ‘extrem schwierig’ beim Finden von passenden Kandidaten. Mein Eindruck ist, dass der Standort für den neue Mitarbeiter gesucht werden, ein entscheidendes Kriterium wird bzw. schon ist. Selbst für namhafte Unternehmen ist es schwierig in ländlichen Räumen offene Positionen zu besetzen, Mitarbeiter zu finden, die in diese Regionen ziehen wollen.

Nach meiner Einschätzung, wird sich der Aufwand für Unternehmen embedded-Experten zu rekrutieren, in den kommenden Jahren weiter erhöhen. Die Nachfrage wird weiter steigen, der Ingenieurnachwuchs fehlt und diesen scheint es eher in die Ballungsräume zu ziehen.