TSN-Serie - Teil 14

TSN-Profile im Vergleich


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Milan – Das TSN-Profil der ProAV Industrie

Die Hersteller der Audio/Video-Branche erarbeiten auf der Basis von TSN ein Systemnetzwerk namens Milan. Zum aktuellen Status der Arbeiten bezieht Henning Kaltheuner Stellung. 
 

Henning Kaltheuner, Head of Strategic Business Development and Market Intelligence bei dbaudio.
Henning Kaltheuner, Head of Strategic Business Development and Market Intelligence bei dbaudio: »Als Netzwerk, welches besonders auch mobil genutzt wird, muss Milan Plug and Play unterstützen.«
© dbaudio

Herr Kaltheuner, welche Motivation liegt den Milan-Arbeiten zugrunde?

Henning Kaltheuner: Milan wurde auf Initiative einiger führender Hersteller der ProAudio Industrie im Herbst 2016 ins Leben gerufen. Die hauptsächliche Motivation liegt in der Notwendigkeit, bisher einzeln betrachtete und vermarktete Produkte – Lautsprecher, Verstärker, Processing/Mixing – zukünftig nur noch in einem vernetzten Systemkontext sinnvoll posi-tionieren zu können. ‚Everything will be networked‘ ist in der ganzen Breite der ProAV Industrie eine unumstrittene Perspektive, das ‚Wann‘ und ‚Wie‘ war jedoch lange Zeit offen.

Entscheidend ist dabei, wenn System und Netzwerk wesentliche Teile des Kundennutzens in der Applikation darstellen, dann müssen Hersteller diese Aspekte selbst beherrschen und in kreative Lösungen umsetzen können. Dies ist auf der Basis proprietärer Protokolle nicht möglich, sondern erfordert Zusammenarbeit an offenen Standards. TSN ist dabei zukunftsweisend.

Was wäre ein typischer Use-Case der durch das Profil abgedeckt ist? Können Sie typische KPIs benennen?

Milan wird als Systemnetzwerk Anwendung finden auf Veranstaltungen aller Art, großen Konzerten und Festivals, in Medieninstallation in Theatern, Opernhäusern, Konzertsälen, Kirchen und Konferenzzentren sowie für Medien in allgemeinen Gebäudeinstallationen für kommerzielle Anwendungen wie Shops und Unternehmen.

Als Netzwerk, welches besonders auch mobil genutzt wird, muss Milan Plug and Play unterstützen. Solche Netzwerke umfassen Komponenten von sehr verschiedener Komplexität und Bandbreite. Skalierung des Standards von kleinen Endpoints bis hin zu Einheiten mit tausenden von Audiokanälen ist ein essenzieller KPI.

Welche Standards nutzt Milan in welcher Ausprägung?

Milan basiert im Wesentlichen auf IEEE 802.1BA-2011, 802.1Q-2014, 802.1AS-2011, IEEE 1722-2016 und IEEE 1722.1-2013. Dabei spezifiziert Milan über-wiegend, welche Teile dieser Spezifikationen in welcher Weise verwendet werden, um einen tatsächliche End-to-End Interoperabilität zu erzielen.

Darüber hinaus spezifiziert Milan selbst ein optionales Redundanzschema für Endpoints, welches zwei Netzwerk-Ports als Primary und Secondary mit nahtloser Umschaltung bei Netzwerk-Ausfällen definiert.

Es ist wichtig zu beachten, dass Milan Endpoints als Switche alle Avnu-zertifizierten AVB-Switche verwenden können.

Ist Interoperabilität von auf dem Profil basierenden Anwendungen ein Ziel?

ProAV Systeme bestehen aus heterogenen Komponenten und werden je nach Use Case zusammengestellt. Nahtlose Interoperabilität auf der Netzwerk-Ebene ist unabdingbar und dies schließt grundlegende Funktionalität bezüglich Stream Connectivity, Device Enumeration & Control und Redundanz ein. Milan als Interoperability Profile deckt diese Aspekte auf Basis der IEEE-TSN-Standards ab. Die meisten Hersteller haben dennoch überwiegend eigene Applikationen, die meist keine Allgemeingültigkeit beanspruchen, sondern die Grundlage für die spezielle Value Proposition des Herstellers bilden. Dies ist jedoch kein Widerspruch, sondern verdeutlicht die Möglichkeiten einer Systemstruktur, wo ein gemeinsam vereinbarter Netzwerk-Layer Raum bietet für individuelle Innovation und Kooperationen. Netzwerk soll und darf keine Zwangsjacke einengender Regeln sein, sondern muss Raum für technische und geschäftliche Möglichkeiten bieten.

In welchem Entwicklungsstand ist das Profil? Wann ist ein Release zu erwarten?

Milan existiert in einer ersten Version bereits seit 2019. Ein erster Zertifizierungsprozess läuft seitdem an der UNH in Boston und etliche Produkte sind bereits erfolgreich zertifiziert und im praktischen Einsatz. Dazu gehört auch ein Prozess für zertifizierte Module, sodass Hersteller diese als schnellen Einstieg in Milan ohne großen Entwicklungs- und Zertifizierungsaufwand in ihren Produkten nutzen können.

Im Herbst 2021 startet die Avnu Alliance ein neues Zertifizierungsprogramm auf der Basis eines neuen vereinfachten automatisierten Testtools und mit neuen internationalen Testlaboren als Partner. Dies wird es den vielen kleinen Herstellern in der ProAV Industrie zukünftig wesentlich einfacher machen, ihre Produkte zertifizieren zu lassen.

Wo liegen noch die größten Herausforderungen?

Unternehmen in der ProAV Industrie sind meist mittelständisch und haben beschränkte Ressourcen, um komplexe Technologiestandards zu entwickeln. Milan ist strategisch betrachtet eine technische und geschäftliche Notwendigkeit und dennoch gerade in Pandemiezeiten für eine arg beeinträchtigte Industrie eine große Herausforderung. Zum Glück hat sich zwischen den Firmen ein Klima sehr konstruktiver Zusammenarbeit entwickelt, die weit über die technischen Aspekte hinaus die Bedeutung und Notwendigkeit von Netzwerken im ganz allgemeinen Sinne verdeutlicht.


  1. TSN-Profile im Vergleich
  2. Milan – Das TSN-Profil der ProAV Industrie
  3. P802.1DG – Das TSN-Profil für die Automotive In-Vehicle Ethernet Kommunikation
  4. IEEE P802.1DP/SAE AS6675 – Das TSN-Profil der Luft- und Raumfahrtindustrie
  5. Die Norm IEC/IEEE 60802 – Das TSN-Profil für die Industrie-Automation

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