Schwerpunkte

Hannover Messe 2017 / Industrie 4.0

"Die Zeit der Feldversuche ist vorbei"

12. April 2017, 13:34 Uhr   |  Meinrad Happacher

© Computer&AUTOMATION

Eric Schaeffer: "Die Unternehmen haben den grundsätzlichen Nutzen von Industrie 4.0 verstanden – doch vieles erscheint ihnen noch unwägbar und riskant."

Das wirklich spannende Thema der diesjährigen Hannover Messe sind nicht so sehr neue Technologien, meint Eric Schaeffer, Industrie-Experte bei Accenture. Im Interview erläutert er, auf was er in Hannover besonders achten wird.

Herr Schaeffer, Sie haben gerade ein Buch zum Thema digitale Fertigung und IIoT verfasst. Auf was achten Sie in Hannover?

Schaeffer: Was mich interessiert, hat weniger mit Konzepten, Technologien oder Lösungen zu tun. Ich reise nach Hannover, um von den Pionieren zu lernen. Das sind Unternehmen, die bereits Digitalisierungsstrategien entwickelt, Vorhaben umgesetzt und aus Fehlern und Fortschritten gelernt haben. Diese Firmen wissen aus der Praxis, wie sie mit der „Industrie 4.0“ Wertbeiträge erzielen können – und wie nicht. Das ist genau die Frage, die derzeit beinahe alle Unternehmen im Markt beschäftigt. Wenn Sie so wollen, besuche ich die Messe also nicht wegen der neuesten Roboter, sondern wegen bewährter Management Best-Practices.

Glauben Sie, dass das Konzept „Industrie 4.0“ bald umgesetzt sein wird?

Schaeffer: Ja und nein. Die Industrie 4.0 erreicht tatsächlich die Praxis – aber ganz sicher nicht so schnell, dass ich sagen könnte, sie sei bald umgesetzt. Die Unternehmen haben den grundsätzlichen Nutzen des Paradigmas verstanden, und einige verändern ihre Strategien und Abläufe bereits entsprechend. Doch die konkrete Umsetzung des Ganzen ist keinesfalls einfach. Vieles erscheint unwägbar und deshalb riskant, etliche Verantwortliche haben noch keine Klarheit darüber, welche Schritte ihr Unternehmen konkret unternehmen kann. Dazu kommt, dass viele der konkreten Herausforderungen im Zusammenhang mit Industrie 4.0 erst jetzt langsam klarer werden, wo die Unternehmen erste Schritte unternehmen. Ich rechne daher damit, dass wir noch eine Weile in der Umbauphase bleiben werden – wobei Umfang, Tragweite und Geschwindigkeit des Umbaus beständig zunehmen.

Sie sprechen von Unwägbarkeiten und Risiken. Wie gehen Unternehmen damit um?

Schaeffer: Bisher vor allem durch Experimentieren – Versuch und Irrtum! Einzelne Fachbereiche investieren in Proof-of-Concepts oder Erprobungsvorhaben rund um IIoT, Analytics oder sogar Künstliche Intelligenz. Was erfolgversprechend verläuft, wird dann im ganzen Unternehmen ausgerollt. Das ist per se ein kluges Vorgehen. Doch für die meisten Industrieunternehmen ist es auch ein Stück weit neu; viele Firmen tun sich mit dieser Art des iterativen Vorgehens natürlich erheblich viel schwerer als, sagen wir, ein Software-Start-up. Und das Ganze ist natürlich auch alles andere als einfach: Wer nicht genau weiß, was Erfolg eigentlich bedeutet, wer keine klaren Regeln zur Projektauswahl hat oder nicht über das notwendige Know-how verfügt, um Projektdaten zu erheben und zu bewerten, der kann für dieses Trial-and-Error schnell zu viel bezahlen. Genau das wollen die meisten Unternehmen nicht mehr. Die Vorstände wollen Resultate echte Wertbeiträge sehen; die Zeit der ungesteuerten Feldversuche ist vorbei.

Was ist also Ihre Empfehlung für diese Vorstände? Was sollten sie auf der Hannover Messe tun?

Schaeffer: In meinem Buch habe ich beschrieben, was Unternehmen grundsätzlich tun können, um in Sachen Digitalisierung voranzukommen: Erstens in den Erwerb von sechs zwingend notwendigen, digitalen Fähigkeiten investieren, die sie auf jeden Fall brauchen, um in der Industrie der Zukunft zu bestehen. Und zweitens neue Verfahren für die effektive und effiziente Innovation einführen – für neue Produkte, Dienstleistungen, oder ganze Geschäftsmodelle. Beides zusammen versetzt Firmen in die Lage, ihr Bestandsgeschäft zu vergrößern, gleichzeitig Effizienzgewinne zu erzielen und so den nötigen weiteren Umbau in Richtung digitaler Industrie zu finanzieren. Entsprechend würde ich empfehlen, dass Besucher der Messe nach Praxisbeispielen für die erwähnten Voraussetzungen Ausschau halten: Suchen Sie nach den führenden Unternehmen in Ihrem Feld, und sehen Sie, wie diese digitale Fähigkeiten entwickeln oder Innovationen managen.

Welches sind die notwendigen digitalen Fähigkeiten, von denen Sie sprechen?

Schaeffer: Zunächst müssen Sie ans Lifecyle-Management: Synchronisieren Sie die Produkt- und Software-Lifecyclen im Unternehmen. Als nächstes müssen Sie Software und Konnektivität in die Industrieprodukte integrieren. Weiter müssen Sie Data Analytics einsetzen um den notwendigen Einblick und den notwendigen Entscheidungs-Support im Unternehmen zu erhalten; stellen Sie weiters um auf Closed-Loop-Manufacturing; Legen Sie sich ins Zeug um auf as-a-Service-Geschäftsmodelle umzustellen und last but not least: Nutzen Sie Plattformen und Ökosystemen.

Eric Schaeffer ist Industrie-Experte und Geschäftsführer von Accentures weltweiter Industrial Practice. Sein neues Buch,Industry X.0: Digitale Chancen in der Industrie nutzen erscheint im Mai 2017 bei Redline.

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