Sie sind hier: HomeFeldebeneVernetzung

IoT-Hotspot: Von der Theorie in die Praxis!

Das Internet der Dinge nutzen – oft wird darunter fälschlicherweise verstanden: „Möglichst viele Daten einsammeln!“ Auf was es wirklich ankommt und wie Unternehmen das Thema angehen sollten, beantworten Klaus-Dieter Walter und Dr. Hans Egermeier.

Entwicklung Internet der Dinge, WindRiver Bildquelle: © WindRiver
Klaus-Dieter Walter Bildquelle: © Computer&AUTOMATION

Klaus-Dieter Walter, Mitglied der Geschäftsführung bei SSV Software Systems: “Wir müssen unsere Ingenieure fit machen für den Umgang mit IoT-Daten und Algorithmen.”

Herr Walter, kommt das Thema IoT in der Industrie schon ins Laufen? 

Klaus-Dieter Walter: Absolut – bis vor Kurzem waren wir in einer Phase, in der Connectivity die wichtigste Rolle spielte. Inzwischen sind wir allerdings in der Datenphase angekommen: Analog zu der vor rund 20 Jahren begonnenen Entwicklung im klassischen Internet werden wir uns nunmehr weniger mit Schnittstellen und Protokollen, dafür aber deutlich intensiver mit Daten und den darin enthaltenen Informationen beschäftigen. 

Also ist alles prima auf dem Weg?

Klaus-Dieter Walter: Leider nicht: Zwar klappt das Erzeugen großer Datenmengen – Stichwort Big Data – mit Hilfe geeigneter Sensoren im Internet der Dinge schon recht gut. Aber die wenigsten können mit diesen Daten wirklich etwas anfangen. Das erkennt man an den unzäh­ligen entstehenden Sensor-2-Cloud-Lösungen: Die Sensordaten werden einfach in die Cloud gestreamt, weil uns die Betreiber dieser Plattformen versprechen, dass in der Cloud hochent­wickelte Werkzeuge existieren, um aus diesen Daten mit Hilfe geeigneter Datenanalysen wertvolle Informa­tionen und Wissen zu extrahieren. Grundsätzlich stimmt das ja; leider ist dieser Datenanalyse-Prozess aber hochkomplex und erfordert sehr viel Spezialwissen, das im Moment nur gut ausgebildete Datenanalysten besitzen – Ingenieure für die Data-Science-Aufgaben zu rüsten,  kommt leider noch viel zu kurz.

Also müssen sich die Unternehmen nach Data-Scientisten umsehen? 

Klaus-Dieter Walter: Nicht unbedingt! Eine ähnliche Situation hatten wir in den siebziger Jahren: Computer programmieren konnten nur Experten – mit den heute verfügbaren Werkzeugen kann das jeder Oberstufenschüler! Ähnliches werden wir bei der Datenanalyse erleben. Deshalb sollten wir nicht auf Datenspezialisten warten, die sich in unsere Fachwelt einarbeiten müssen. Wir sollten vielmehr auf unsere Ingenieure setzen und diese jetzt fit machen für diese Aufgaben.  

Was müsste man den Ingenieuren beibringen?

Klaus-Dieter Walter: Primär wären es zwei Disziplinen:

  1. Der Umgang mit Machine Learning und Künstlicher Intelligenz: Hier geht es um Algorithmen, die wir zum Teil schon seit Jahrzehnten aus der Welt des statistischen Lernens und der neuronalen Netze kennen. In der IT-Welt werden sie schon sehr lange genutzt, um beispielsweise Kreditkarten-Transaktionen in Echtzeit zu überwachen oder für den automa­tischen Hochfrequenzhandel mit Ak­tien und anderen Wertgegenständen.
  2. Digitale Geschäftsmodelle: Wir Techniker konzentrieren uns in der Regel primär auf die Funktionalität und die technischen Merkmale einer Baugruppe oder eines Systems. Die ökonomischen Aspekte, die sich aus Anwendersicht ergeben, bleiben häufig außen vor. Im Internet der Dinge reicht das nicht mehr aus, um auch gegenüber den USA und China wettbewerbsfähig zu bleiben. Gerade in der B2B-Welt muss man sich vor Augen halten, dass Kunden keine Produkte kaufen wollen, sondern quantifizierbare Ergebnisse erzielen wollen. Mit dieser Grundeinstellung sollte man als Anbieter ein IoT-Projekt starten. 
Dr. Hans Egermeier Bildquelle: © Computer&AUTOMATION

Dr. Hans Egermeier, Geschäftsführer Talsen Team, rät Unternehmen: “Wir brauchen neue Strukturen in den Entwicklungsabteilungen!”

Herr Egermeier, passen denn die inner­betrieblichen Strukturen heute für die aufziehende IIoT-Welt schon? 

Dr. Hans Egermeier: Es werden Cross-funktionale und bereichsübergreifende Teams mit einem hohen Kompetenz­anteil an softwarelastigen Themen benötigt. Ob die Strukturen dafür schon passend sind, ist natürlich sehr schwer in einer pauschalen Antwort zu geben. Das Management fortschritt­licher Unternehmen wird wahrscheinlich innerlich mit den Augen rollen und sich verwundert zeigen, warum man ihnen immer noch keine Softwarekompetenz zugesteht. Unternehmen, die dagegen ganz am Anfang der IIoT-Welt stehen, erkennen vielleicht sogar noch nicht einmal, dass sich ihre heutigen Strukturen lediglich für elektromechanische Entwicklungen mit bestenfalls geringem Softwareanteil eignen.

Wie müssen denn die Entwicklungsteams organisiert sein?

Dr. Hans Egermeier: Sie müssten vor allem in Bezug auf einen hohen Informationsdurchsatz hin organisiert sein. Also keine starren Topdown-Hierarchien, ein hohes Maß an autonomer Entscheidungskompetenz und Verantwortung im Team sowie eine konsequente Ausrichtung anhand der Kundenbedürfnisse – nicht nach selbst ausgedachten Anforderungskatalogen.

Welche neue Methodiken eignen sich?

Dr. Hans Egermeier: Agile Entwicklungsmethoden, wie etwa das wohl bekannteste Vorgehensframework ‚Scrum‘‚ Bei der Umsetzung gilt es, keine Aufweichung der Regeln zuzulassen. Zur Sicherung des Qualitätsstandards ist unbedingt eine testgetriebene Entwicklung mit einem möglichst hohen automatisierten Testanteil anzustreben. 

Wie kann ein Unternehmen diese Vor­gaben umsetzen?

Dr. Hans Egermeier: Die schlichte Antwort auf diese Frage ist: Machen! Viel zu viele Unternehmen überlegen viel zu lange, wie sie ihre Prozesse optimieren könnten, ohne sich dabei auch nur ein klein wenig zu verändern. Wer etwa ‚Scrum‘ als Prozess einführt, führt damit auch gleich kontinuierliche Lern- und Verbesserungsstrategien mit ein, die – konsequent umgesetzt – über die anfäng­lichen Schwierigkeiten hinweghelfen und die Teams schnell auf ein hohes Effektivitäts- und Effizienzniveau bringen. 

 

Veranstaltungstipp: Wie lässt sich das Internet der Dinge nutzen? Was ist bei IoT-Projekten zu beachten? Wie muss eventuell die innerbetriebliche Struktur angepasst werden? - Antworten hierauf gibt ein zweitägiges Praxis-Seminar durchgeführt von Klaus-Dieter Walter und Dr. Hans Egermeier.