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Nachgehakt bei Neil Hamilton: Der Hype um 5G

Für die Digitalisierung der Industrie braucht es 5G, so eine aktuelle Stellungnahme des VDMA. Ist 5G wirklich der Dreh- und Angelpunkt für eine erfolgreiche Digitalisierung der ­Branche? Neil Hamilton, Vice President EMEA bei Thingstream, liefert Antworten auf wichtige Fragen.

Neil Hamilton von Thingstream Bildquelle: © Thingstream

Neil Hamilton ist Vice President Business Development beim IoT-Plattformanbieter Thingstream

Herr Hamilton, wie wichtig wird der 5G-Übertragungsstandard für Unternehmen in den nächsten Jahren?

Neil Hamilton: Die großen Mobilnetzbetreiber verweisen gerne auf das Potenzial von 5G für das IoT. In gängigen industriellen IoT-Szenarien werden aber keine riesigen Datenmengen übertragen, die eine derart große Bandbreite erfordern. 5G ist daher für diesen Markt nicht unbedingt besonders zielführend. Für einen hochgradig vernetzten Fertigungsbetrieb, der große Mengen an prozesskritischen Daten verschieben muss und die Kosten für physische Verbindungen senken möchte, sieht die Sache anders aus. Hier dürfte 5G vor dem Hintergrund von Industrie 4.0 künftig durchaus eine relevante Rolle spielen.

Welche Probleme müssen noch gelöst werden? Welche kritischen Aspekte sind zu berücksichtigen? 

Neil Hamilton: Wenn es verschiedene Standards gibt, wie derzeit bei der mobilen IoT-Konnektivität, kann dies die Einführung verlangsamen. Zu den führenden lizenzierten LPWA-Technologien – dem Low Power Wide Area Network– zählen die konkurrierenden Standards Narrowband-IoT und Cat-M1, die auf dem LTE/4G-Mobilfunknetz basieren. Bereits dieses ist jedoch noch nicht flächendeckend vorhanden und die grenzüberschreitende Inter-operabilität der LPWA-Standards ist eingeschränkt. Der immense Hype rund um 5G hat bislang zudem die kritischen Aspekte überdeckt: der Vergabeprozess wird mittlerweile hinterfragt, die hohen Einrichtungskosten bemängelt und der Bandbreitenbedarf für IoT-Anwendungen in Frage gestellt. Zudem wird der neue Standard wohl für sehr lange Zeit nur den Ballungszentren vorbehalten sein. 

Der VDMA fordert, dass Unternehmen in die Lage versetzt werden, ihre eigenen lokalen 5G-Netze an ihren Standorten zu betreiben. Wie wichtig und realistisch ist die Umsetzung dieser Forderung?

Neil Hamilton: 5G wird Wettbewerb schaffen – auch zwischen Netzbetreibern und großen Unternehmen, die die Sache selbst in die Hand nehmen wollen. Tatsächlich gibt es bereits Berichte, dass namhafte Unternehmen, darunter ABB, Siemens, BASF, Sennheiser, Bosch, Daimler und VW, eigene lokale oder regionale 5G-Netze bauen wollen. 

Bislang ist die Echtzeit-Fähigkeit von 5G noch nicht im Standard festgelegt. Bis wann ist damit zu rechnen?

Neil Hamilton: Der 5G-Standard wird sich sukzessive weiterentwickeln, auch was die Echtzeit-Fähigkeit betrifft. Diese ist eine Voraussetzung für die Koordination von Maschinen und Prozessen in der automatisierten Fertigung, aber auch für mobile Anwendungen wie autonome Transportsysteme. Im Frühjahr 2019 soll die Auktion für die Vergabe der Funklizenzen stattfinden. Erst danach kann der Infrastruktur-Aufbau starten, was eine Prognose schwierig macht. Erste 5G-Inseln könnte es 2020 geben, bis 2022 ist jedoch nicht mit einer halbwegs flächendeckenden Verfügbarkeit in Deutschland zu rechnen. Dann wird sich auch die Echtzeit-Fähigkeit in der Praxis bewähren müssen.

Für Szenarien rund um das IIoT gibt es bereits Konnektivitätslösungen. Werden diese bald überflüssig werden oder auch einer kommenden 5G-Landschaft standhalten können?

Neil Hamilton: Das industrielle Internet der Dinge lässt sich in zwei Segmente aufteilen: batteriebetriebene Systeme am Netzwerkrand – dem Edge – und das Rechenzentrum in der Mitte. Wir können derzeit nicht feststellen, dass sich 5G bei Edge-Lösungen in Stellung bringt. Realistisch betrachtet, wird 5G eher nützlich sein am Backhaul, zur Abwicklung großer Datenmengen von vielen Knoten, die sich über 2G, 3G und LTE/4G verbinden. Für großflächigere IIoT-Szenarien gibt es bereits heute bessere Lösungen, die flächendeckend, kostengünstig und grenzüberschreitend – sprich eben auch für wichtige mobile Anwendungsszenarien – verfügbar sind. So ist die effiziente und intelligente Nutzung der vorhandenen Mobilfunk-Infrastruktur der bessere Weg für viele IoT-Anwendungen, bei denen nur geringe Datenmengen ausgetauscht werden. Der praxisbewährte Ansatz von Thingstream sieht vor, auf das konventionelle, sehr dichte GSM-Netz in Verbindung mit MQTT/SN und USSD zurückzugreifen.